Geschlechtsunterschiede bei Covid-19: Sterblichkeit beim Coronavirus: Das Leiden der Männer

Written By: Ilona Kriesl - Apr• 03•20

Mediziner sprechen von einer "extrem auffälligen Beobachtung": Männer erkranken im Vergleich zu Frauen häufiger schwer am neuartigen Coronavirus. Die Fachwelt rätselt über die Gründe.

Ein neuartiger Erreger unterschiedet nicht nach sozialen Schichten, macht nicht Halt vor jungen oder alten Menschen - das gilt auch für das Coronavirus Sars-CoV-2. Weil es derzeit keine Impfung oder Grundimmunität in der Bevölkerung gibt, kann sich das Virus rasend schnell ausbreiten. Die gute Nachricht ist: Bei den meisten Infizierten verläuft die Infektion harmlos. Sie entwickeln keine oder nur leichte Symptome. Einer von sechs Erkrankten erleidet dagegen einen schweren Verlauf.

Wissenschaftler weltweit forschen zu den Faktoren, die das Risiko für kritische Krankheitsverläufe erhöhen. Schon jetzt ist bekannt: Das Alter der Patienten spielt eine Rolle, und auch, ob sie unter Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs leiden. Die steigenden Fallzahlen offenbaren zudem ein weiteres Phänomen: Mehr Männer als Frauen erkranken schwer an Covid-19 - und sterben auch häufiger. Ist das Geschlecht, insbesondere das männliche, ein weiterer Risikofaktor?PAID STERN 2020_15 Die unvorbereiteten Staaten von Amerika_7.10Uhr

Neu ist diese Vermutung nicht. Das "Chinese Centre for Disease and Prevention" hatte bereits Mitte Februar einen Bericht zu Covid-19 vorgelegt, der erste Hinweise lieferte. Er enthielt Daten von rund 44.600 Infizierten aus China, die zeigten: Ältere Patienten, insbesondere hochbetagte über 80 Jahre, hatten eine besonders hohe Sterblichkeitsrate von 14,8 Prozent aufzuweisen. Erhöht war das Risiko auch bei vielen chronischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes und Atemwegserkrankungen. Aber eben auch bei Männern. Mit 2,8 Prozent lag die Sterblichkeitsrate über der von Frauen mit 1,7 Prozent. Dabei waren die Geschlechter in etwa gleich häufig infiziert. 

Landesspezifische Daten liefern wertvolle Hinweise, sollten aber mit entsprechender Vorsicht interpretiert werden. Nicht zuletzt wegen gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Unterschiede können sie oft nicht eins zu eins auf andere Länder übertragen werden. Auffallend ist aber, dass sich der Trend aus China auch in anderen Ländern fortsetzt, darunter Deutschland. Und das sehr deutlich.

In Deutschland sterben mehr Männer am Coronavirus

Laut Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) mit Stand 01. April haben in Deutschland 732 Patienten eine Covid-19-Infektion nicht überlebt. Darunter sind 479 Männer (65 Prozent) und 252 Frauen (34 Prozent). Bei einer Person ist das Geschlecht unbekannt. Auch sind mehr Männer (52 Prozent) als Frauen mit dem Coronavirus infiziert. Allerdings zeichnet sich bei den Infektionszahlen keine so eindeutige Tendenz wie bei der Sterbestatistik ab.

Der Mediziner Christian Karagiannidis betreut in der Klinik Köln-Merheim Patienten mit schwerem Lungenversagen und bestätigt den Trend. Es erkrankten "deutlich mehr" Männer schwer an Covid-19, sagte der Mediziner gegenüber dem stern. Karagiannidis sprach von einer "extrem auffälligen Beobachtung", wie man sie selten bei Erkrankungen sehe. Was könnte die Ursache sein? "Darüber kann ich nur spekulieren. Aber das Phänomen dürfte in den kommenden Monaten sicher näher untersucht werden."

Konkreter wird der Virologe Alexander Kekulé gegenüber der "Bild"-Zeitung. Mit Blick auf die RKI-Zahlen sagte er, möglicherweise kämen Männer aufgrund ihres Verhaltens "häufiger mit dem Virus in Kontakt" - zum Beispiel weil sie häufiger vor die Tür gingen.

Wahrscheinlicher sei aber, dass der allgemeine Gesundheitszustand von Männern eine Rolle spiele. Dieser sei in einem fortgeschrittenen Alter oft etwas schlechter als bei Frauen, was sich auch in der Lebenserwartung niederschlage. Kekulé vermutet, dass Männer im höheren Alter deshalb auch eine höhere Sterberate aufweisen könnten, betont aber, dass es sich dabei um keine gesicherten Erkenntnisse handle. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien jedenfalls "sehr auffallend", so der Virologe.

Ähnliche Beobachtungen gab es auch bei den Ausbrüchen von Sars und Mers, die ebenfalls durch Coronaviren verursacht wurden. Als denkbare Ursache werden eine ganze Reihe von Faktoren diskutiert, darunter genetische, aber auch solche, die mit dem Lebensstil zusammenhängen. So ist bekannt, dass das Immunsystem von Frauen grundsätzlich besser mit vielen Viren - vor allem solchen, die Atemwegserkrankungen auslösen - zurechtkommt. Möglicherweise entfaltet dabei das Sexualhormon Östrogen eine schützende Wirkung.

Zahlreiche Studien legen außerdem nahe, dass Frauen gesundheitsbewusster leben, sich ausgewogener ernähren und auch früher als Männer medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, was auch zu einer geringeren Sterblichkeitsrate beitragen könnte. 

Risikofaktor Rauchen

Ein anderer Faktor, der zunächst diskutiert wurde, scheint allerdings weniger stark ins Gewicht zu fallen: In China rauchen deutlich mehr Männer als Frauen. War die höhere Sterblichkeit dadurch zu erklären? Dieser Verdacht lag zunächst nahe, da Rauchen zu vielen Folgeerkrankungen führt, die wiederum das Risiko für schwere Covid-19-Verläufe erhöhen.

Doch die Geschlechtsunterschiede bei der Raucherquote fallen in Deutschland deutlich geringer aus. Hierzulande raucht etwa jeder vierte Mann und etwa jede fünfte Frau. Und doch zeigt sich die erhöhte Sterblichkeit auch hierzulande.

Klar ist bereits jetzt: Allein mit Blick auf die Raucherquote lässt sich die statistische Auffälligkeit nicht erklären. Es ist denkbar, dass ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren dafür sorgt. Das wird und muss nun Gegenstand weiterer Forschung sein. 

Ausbreitung des Coronavirus: Warum die Verdopplungszeit so wichtig ist – und noch für Diskussionen sorgen dürfte

Written By: Daniel Wüstenberg - Apr• 02•20

Wann werden die Beschränkungen wegen der Ausbreitung des Coronavirus gelockert? Der Zeitpunkt hängt auch von der sogenannten Verdopplungszeit ab. Sie könnte noch für Diskussionen sorgen.

Wann hört das alles auf? Nicht vor dem 20. April, so viel ist mal sicher. Und dann? Kann es vielleicht Lockerungen geben. Vielleicht dürfen Friseure dann wieder Haare schneiden. Vielleicht dürfen Kinder dann wieder auf Spielplätzen toben. Vielleicht dürfen Wirte wieder ihre Biergärten öffnen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht – vielleicht aber eben auch nicht.

Wie lange gelten die Coronavirus-Regeln?

Denn vielleicht ist es dann doch noch zu früh, um Beschränkungen aufzuheben. Auch dieses Signal wollten die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder nach ihrer Schaltkonferenz am Mittwoch aussenden. "Wir können keine Aussage darüber machen, wie es nach dem 19. April weitergeht", stellte Angela Merkel fest. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder pflichtete ihr bei: "Es gibt überhaupt keinen Anlass zur Entwarnung. Wir brauchen die notwendige Geduld. Wir brauchen Zeit."

Die Zeit soll zum einen dazu genutzt werden, das deutsche Gesundheitssystem so aufzurüsten, dass es auch mit einer Vielzahl an Covid-19-Erkrankungen fertig wird. Zum anderen soll verhindert werden, dass die Zahl der ernsthaft Erkrankten die Belastungsgrenzen der Kliniken dennoch sprengt. Dazu dienen all die Maßnahmen, denen sich die Menschen nun schon seit zweieinhalb Wochen fügen. Die Ausbreitung des Coronavirus soll durch die Kontaktbeschränkungen verlangsamt werden. "Flatten the curve" ist das Motto der Stunde, die Kurve abflachen – das hat vermutlich inzwischen auch der Letzte verstanden. (Falls noch nicht: Hier zum Nachlesen.)

PAID Tracking gegen Corona 18.30

Es sei viel zu früh, um über einen – auch schrittweisen – Ausstieg aus den neuen Regeln des Miteinanders zu diskutieren. Auch dies gaben die Regierungschefs von Bund und Ländern den Bürgerinnen und Bürgern nach ihrer Schaltkonferenz mit auf den Weg. Und doch wird die Debatte natürlich geführt – und sie muss auch geführt werden. Schließlich erlebt die Bundesrepublik zurzeit die drastischsten Grundrechtseinschränkungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die demokratische und freie Gesellschaft fragt sich vollkommen zu Recht. Wann hört das alles auf? Auch wenn die Menschen wissen, dass es für einen Exit noch zu früh ist.

Den Zahlen und Statistiken kommt in dieser Debatte eine besondere Rolle zu. Sie können Hoffnung geben, wenn die Kurve nicht mehr ganz so steil ansteigt. Sie können aber auch zu Ernüchterung, gar zur Verzweiflung, führen, wenn die Zahlen explodieren.

Warum die Verdopplungszeit so wichtig ist

Die Zahl der Coronavirus-Infektionen steigt. So ist es immer wieder zu lesen und zu hören. In Deutschland wurden laut Robert-Koch-Institut (RKI) bis zu diesem Donnerstag 73.522 Covid-19-Fälle registriert, nach 67.366 am Vortag und 61.913 am Dienstag. Experten gehen davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, die tatsächlichen Fallzahlen also noch deutlich höher liegen. Dennoch muss sich die Politik an den Zahlen des RKI und anderer Institutionen halten. Es gibt schlicht keine anderen mit einer ähnlichen Verlässlichkeit.

Dass die Covid-19-Fallzahlen steigen, liegt in der Natur der Sache. Das RKI veröffentlicht täglich die kumulierte Zahl der bestätigten Fälle, addiert also alle Infektionen unabhängig von der Zahl der genesenen oder verstorbenen Patienten. Solange das Coronavirus also in Deutschland grassiert, muss die Zahl der Infektionen steigen. Für sich genommen lässt die kumulierte Zahl der Covid-19-Fälle also zunächst einmal kaum eine Aussage über die Ausbreitung des Virus zu.

Stattdessen kommt es der Bundesregierung in erster Linie auf einen anderen Wert an, der über eine Lockerung oder eine Verschärfung der geltenden Regeln entscheiden kann: Die Zahl der Tage, in denen sich die Infektionen verdoppeln, die sogenannte Verdopplungszeit. Nach Angaben von Bundeskanzlerin Angela Merkel muss diese in Deutschland bei etwa 14 Tagen liegen, was vor allem mit der intensivmedizinischen Behandlungsdauer von schwer verlaufenden Erkrankungen zusammenhänge. 

Warum die Verdopplungszeit ein so wichtiges Kriterium ist, zeigt ein fiktives Beispiel:

Unser Beispielland hat ein Krankenhaus mit einer Kapazität von 1000 Intensivbetten. Um die Rechnung zu vereinfachen nehmen wir an, dass die Behandlungsdauer schwer Erkrankter in dem Modell bei exakt 14 Tagen liegt, zudem werden neue Fälle erst zum Ablauf der Verdopplungszeit in die Klinik eingeliefert. Der Anteil der schwer Erkrankten an der Gesamtzahl der Infizierten ist dabei immer gleich.

Heute, an Tag 1, werden im Beispielland 100 schwere Covid-19-Fälle behandelt. An Tag 3, also bei einer Verdopplungszeit von zwei Tagen, kommen 100 Patienten hinzu, an Tag 5 bereits 200 usw. Bei einem solchen Verlauf ist schon am neunten Tag die Belastungsgrenze des Gesundheitssystems überschritten. Es kommen täglich immer neue Erkrankte in die Klinik hinzu, während die ersten Fälle 14 Tage lang weiterhin die Intensivbetten beanspruchen. Bereits an Tag 9 müssten bei einer Verdopplungszeit von zwei Tagen insgesamt 1600 Menschen intensivmedizinisch versorgt werden, an Tag 13 bereits 6400. Das Gesundheitssystem im Beispielland kollabiert in kürzester Zeit.

Verdopplung von Covid-19-Fällen bei zehn Tagen

Liegt die Verdopplungszeit dagegen bei 14 Tagen, werden die ersten 100 Patienten aus dem Krankenhaus entlassen, wenn die nächsten 100 eintreffen: an Tag 15. An Tag 29 werden diese wiederum entlassen und 200 Fälle kommen neu in die Klinik. Am 43. Tag befinden sich demnach 400 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Die Kapazitätsgrenze des Krankenhauses im Beispielland ist bei einem solch modellhaften Verlauf nicht nach wenigen Tagen überschritten, sondern erst zu Beginn der zwölften Woche. Das sind rund drei Monate, in denen die Zahl der Beatmungsplätze erhöht oder medizinisches Personal geschult werden kann, und die auch der Forschung nach Medikamenten oder einem Impfstoff Luft verschaffen. Schafft man es im Beispielland durch Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, die Verdopplungszeit der Infektionen über die Behandlungsdauer zu bringen, entspannt sich die Lage nochmals.

Zusammengefasst: Je höher die Verdopplungszeit der Infektionen, desto besser kann das Gesundheitssystem mit den Erkrankungen umgehen. Dieser Grundsatz gilt für unser Beispielland genauso wie für die reale Bundesrepublik, in der das Covid-19-Geschehen natürlich ungleich komplexer ist und sich in vollkommen anderen Maßstäben abspielt. Zum Beispiel spielt es für schwere Verläufe auch eine Rolle, ob besonders viele alte oder vorerkrankte Menschen infiziert werden. Auch die Anzahl der durchgeführten Coronavirus-Tests ist maßgeblich für Fallzahlen.

Doch wo steht Deutschland derzeit? Eine von mehreren Medien (u.a. "Der Spiegel", "Süddeutsche Zeitung") vorgenommene Auswertung von Zahlen der Johns-Hopkins-Universität, des RKI und von weiteren Behörden zeigt: Unter Berücksichtigung des Verlaufs der vergangenen fünf Tage liegt die Verdopplungszeit hierzulande zurzeit bei etwa zehn Tagen – also noch weit entfernt von den ins Auge gefassten 14 Tagen der Politik. Aber – und das ist ein kleiner Lichtblick – die Verdopplungszeit ist inzwischen deutlich höher als noch zu Beginn der Epidemie in Deutschland (damals etwa zwei Tage).

Greifen also die Kontaktbeschränkungen? Für eine endgültige Bewertung sei es noch zu früh, erklärte zuletzt unter anderem RKI-Präsident Lothar Wieler mit Blick auf die Zeit von bis zu 14 Tagen, die zwischen einer Infektion mit dem Coronavirus und möglichen ersten Covid-19-Symptomen liegt. Das sahen auch Merkel und ihre Länderkollegen so. Sie wollen erst nach Ostern eine erste Zwischenbilanz der aktuellen Maßnahmen ziehen – und auch erst dann entscheiden, ob sie verschärft oder gelockert werden können.

"Bleiben Sie weiter stark!"

Doch am Horizont zieht schon die nächste Debatte auf. Die Verdopplungszeit mag zwar auf das gesamte Land betrachtet zurzeit bei rund zehn Tagen liegen, regional ist der Wert jedoch höchst unterschiedlich: So liegt sie in Nordrhein-Westfalen inzwischen bei gut 13 Tagen, im Stadtstaat Bremen sogar bei 15, im Saarland dagegen bei sechs und in Bayern bei etwa 7,5 Tagen. Auf Landkreisebene sieht es bisweilen noch unterschiedlicher aus.

Bundesland

Verdopplungszeit*

Bremen

15,3 Tage

Nordrhein-Westfalen

13,3 Tage

Baden-Württemberg

12 Tage

Rheinland-Pfalz

11,8 Tage

Thüringen

10,9 Tage

Niedersachsen

10,9 Tage

Hamburg

10,6 Tage

Brandenburg 

10,5 Tage

Berlin

10,5 Tage

Hessen 

9,6 Tage

Mecklenburg-Vorpommern

9,6 Tage

Sachsen

9,5 Tage

Schleswig-Holstein

8 Tage

Sachsen-Anhalt

7,8 Tage

Bayern

7,5 Tage

Saarland

6,2 Tage

*Quelle: "Süddeutsche Zeitung" nach Daten der Landesbehörden und des Robert-Koch-Instituts; Stand: 2. April 2020, 16 Uhr

Dürfen die Bremer also früher ihre ersten Schritte in Richtung Normalität machen als die Saarländer? Theoretisch ist das denkbar, entscheiden muss die Politik. Und die muss neben den Folgen für das Gesundheitssystem auch weitere Konsequenzen mitdenken: Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Gesellschaft zum Beispiel. (Lesen Sie dazu beim stern: "Wann ist der Ausnahme-Wahnsinn wieder vorbei? Kommt darauf an, wen man fragt").

Dass die Diskussion über eine Lockerung der Regeln in bestimmten Regionen kommen wird, zeigte schon die telefonische Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher nach der Schaltkonferenz der Regierungschefs am Mittwoch.

Wie die Politik mit dieser Frage umgehen wird, wurde ebenfalls deutlich: Man sei sich einig, keinen regionalen Flickenteppich entstehen zu lassen, so Kanzlerin Merkel auf eine entsprechende Frage zum möglichen regionalen Lockerungen: "Wir haben ganz klar gesagt, wir wollen als Bundesrepublik Deutschland gemeinsam herausgehen und das richtet sich danach, dass die Situation überall so sein muss, dass das pandemische Geschehen vom Gesundheitssystem bewältigt werden kann."

Tschentscher pflichtete der Kanzlerin bei: "Es ist wichtig, das einheitliche Vorgehen weiter als Strategie zu verfolgen", so der gelernte Labormediziner. Es herrsche eine hohe Dynamik. "Man kann nicht davon ausgehen, dass ein Land, das heute noch wenig betroffen ist, das auch in drei oder vier Wochen sein wird." Das Coronavirus kenne keine Ländergrenzen. "Wir müssen daher für ganz Deutschland sicherstellen, dass wir die Epidemie insgesamt ausreichend verlangsamt haben. Insellösungen helfen uns dabei nicht weiter", stellte der Hamburger Bürgermeister fest.

Ohnehin sei eine zu frühe Lockerung der Beschränkungen riskant, darauf wies neben vielen Wissenschaftlern zuletzt auch Merkel hin. "Wir müssen aufpassen, dass wir dann nicht vom Regen in die Traufe kommen." Sprich: Wenn sich Menschen wieder wie vor den neuen Regeln des Zusammen- oder besser Getrenntlebens begegnen, kann die Covid-19-Fallzahl wieder stark ansteigen – und die Verdopplungszeit sinken, mit entsprechenden Auswirkungen auf das Gesundheitssystem.

Neue Infektionsketten müssten dann schnell erkannt und isoliert werden. Gelänge das nicht, könnte alles wieder von vorne beginnen. Wohl auch deshalb richtete Merkel einen Appell an alle Bürger: "Bleiben Sie weiter stark!"

Quellen: Audio-Pressekonferenz bei Phoenix, "Der Spiegel", "Süddeutsche Zeitung", Fallzahlen Robert-Koch-Institut,Johns-Hopkins-Universität


Manomama: Produktion von Mundschutzen statt Hemden: Firma beliefert Kliniken zum Selbstkostenpreis

Written By: Swen Thissen - Apr• 02•20

Die Augsburger Textilfirma Manomama versorgt systemrelevante Institutionen mit tausenden Mundschutzen – und verdient damit keinen Cent. Gründerin Sina Trinkwalder spricht mit dem stern über ihre Motivation, die Stimmung im Team und ihren eigenen Gemütszustand.

Bis vor wenigen Wochen hat Manomama T-Shirts, Hosen und Taschen hergestellt. Doch nun werden Mundschutze genäht. Mittlerweile 7000, 8000 Stück pro Tag – die zum Selbstkostenpreis an Kliniken, Ärzte und andere systemrelevante Einrichtungen abgegeben werden. "3,40 Euro nehmen wir pro Stück", sagt Sina Trinkwalder, die Geschäftsführerin des Unternehmens, im Gespräch mit dem stern. "Das ist der Preis, bei dem wir nicht noch Geld draufzahlen."

Bei Manomama ist es Alltag, nicht auf den Gewinn zu achten. Trinkwalder gründete die ökosoziale Textilfirma vor rund einem Jahrzehnt in Augsburg, um möglichst vielen Menschen eine Arbeit bieten zu können und die Produkte fair zu produzieren. Für das einzigartige Konzept hagelte es seither mehrere Preise – das Bundesverdienstkreuz eingeschlossen. Da versteht es sich für Trinkwalder von selbst, dass sie jetzt erst recht nicht versucht, Profit aus der Situation zu schlagen. "So ticken wir hier nicht."Infobox Gemeinsam gegen Corona

Ein Produkt aus ihrem Sortiment sieht sie heute selbst in einem anderen Licht: den "Urbandoo", ein Schal, der vor Feinstaub und Pollen schützt. "Aus heutiger Sicht ist das völlig verrückt", sagt Trinkwalder. Zwei Jahre lang wurde das Produkt entwickelt, ehe sie es patentieren ließ. "Manchmal drückt die Realität eine Idee in eine ganz andere Richtung." Dass der Atemschutzschal nun viel besser als jemals verkauft wird, versteht sich in der aktuellen Lage fast von selbst. Dennoch weist die Firma ausdrücklich darauf hin, dass es sich nicht um ein zertifiziertes Medizinprodukt handelt.

"Es geht mir gut, weil wir helfen können"

Ende Februar fiel bei Manomama die Entscheidung, die Herstellung zu Gunsten von Mundschutzen umzustellen und auf einige andere Produkte zu verzichten. "So langsam läuft alles in geregelten Bahnen", sagt Trinkwalder, "allerdings bin ich schweinemüde, habe ein riesiges Schlafdefizit. Aber es geht mir gut, weil wir helfen können und etwas bewirken."

Als vor einigen Wochen mehrere Verantwortliche von Kliniken und Pflegeeinrichtungen bei ihr angerufen haben, wusste sie: "Hier geschieht etwas." Mit einer Klinik in Nordrhein-Westfalen fand rasch eine gemeinsame Entwicklung von Mundschutzen inklusive Waschtests und ähnlichem statt – nun arbeitet ihre Firma im behördlichen Auftrag. 

Trinkwalder hat ihren Humor trotz der schwierigen Situation nicht verloren. Sie lacht viel während des Gesprächs, vor allem, wenn es um das Material für die Mundschutze geht. "Es tut mir im Herzen weh, dass wir unseren supergeilen Hemdenstoff für die Mundschutze nutzen", sagt sie. Trinkwalder hatte den Stoff extra herstellen lassen, die produzierende Firma ist mittlerweile insolvent. Sie wird nie wieder an diesen Stoff rankommen. "Es wären so schöne Hemden geworden, das können Sie mir glauben." Doch es hilft nicht zu lamentieren: "Wat mutt, dat mutt."

Die Stimmung wird nicht besser, wenn man nur noch Mundschutze näht

Gute Laune zu haben, sei in der aktuellen Situation dennoch nicht einfach. Auch nicht für ihre Angestellten. Einige Mitarbeiter bedrücke die Lage durchaus: "Ich sitze nicht nur in der Näherei, um Tempo zu machen, auch wenn es jetzt durchaus auf Geschwindigkeit ankommt. Es geht auch darum, die Stimmung hochzuhalten. Denn es wird einem schon bewusst, was gerade los ist, wenn man den ganzen Tag nur Mundschutze näht. Das drückt aufs Gemüt. Und nicht jeder ist so stabil, das einfach wegzustecken." 

Sie selbst gibt auch zu, dass es "gelogen wäre", wenn sie behaupten würde, sie könne abends gut abschalten. Seit Wochen hat sie ihr Zuhause in Hamburg nicht mehr gesehen, weil die aktuelle Situation keine Pendelei zulässt. Sie habe sich irgendwann gefragt, wie sie mit der Situation umgehen wolle: "Ich telefoniere mit Oberärzten oder Krisenstabsärzten, die anrufen – da bekomme ich total ungefiltert mit, was sich anbahnt. Und doch bin und bleibe ich ein positiver Mensch: Jeder Mundschutz, jeder Urbandoo wird helfen, die Welt ein bisschen gesünder und besser zu machen. Das trägt mich."

„Pandemic Footprint“: Der Corona-Fußabdruck: Drei Freunde entwickeln Online-Rechner für die Pandemie

Written By: Eugen Epp - Apr• 01•20

Wie groß ist Ihr pandemischer Fußabdruck? Drei junge Männer haben einen Online-Rechner erstellt, mit dem man nachvollziehen kann, wie groß der eigene Einfluss bei der Verbreitung oder Eindämmung des Coronavirus ist.

Der "ökologische Fußabdruck" ist mittlerweile den meisten ein Begriff. Damit lässt sich erfassen, welche Auswirkungen die eigenen Handlungen auf das Klima und die Umwelt haben. In jüngster Zeit aber ist die Diskussion um das Klima aus aktuellem Anlass ein wenig in den Hintergrund getreten – seit das Coronavirus auf der Welt grassiert, geht es ganz akut um den "pandemischen Fußabdruck".

PAID STERN 2020_13 Das Leben in Zeiten von Corona 12.12Die Seite pandemic-footprint.com will Menschen dabei helfen zu verstehen, inwieweit sie dazu beitragen, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen – oder es weiterzugeben. Auf der Grundlage von verschiedenen Variablen wird ein Wert zwischen 0 und 1000 ermittelt – je geringer er ausfällt, desto besser. Abgefragt werden unter anderem der Kontakt zu Menschen, das Befolgen der Hygiene-Regeln oder der Aufenthalt in Risikogebieten in jüngerer Zeit.

Mindestens 25.000 Menschen waschen sich zu selten die Hände

Hinter dem Tool stecken drei junge Männer, die schon seit der Schulzeit miteinander befreundet sind. Alexander Grimme, Christian Wolf und Len Werle, alle 33 Jahre alt, arbeiten eigentlich als Autoren, Berater oder Sportjournalisten. Am vergangenen Wochenende aber kam ihnen spontan die Idee zum pandemischen Fußabdruck – ausgehend von einer Diskussion über den ökologischen Fußabdruck, erzählen sie dem stern: "Wir glauben fest daran, dass es auf das Verhalten eines jeden Einzelnen ankommt, um die Kurve flach zu halten und die Versorgung von Risikogruppen zu gewährleisten."

Innerhalb weniger Stunden waren die Domain registriert und die Seite programmiert. Seitdem läuft der Rechner auf Hochtouren. "Dadurch, dass wir persönlich und über unsere beruflichen Outlets mehrere Millionen Follower in den sozialen Netzwerken haben, konnten wir so einen ersten Stein ins Rollen bringen", sagen die Gründer. "Dennoch hätten wir uns nicht im geringsten ausmalen können, in welch riesiger Steinlawine dies enden würde".

Schon 2,3 Millionen Menschen haben über die Seite ihren pandemischen Fußabdruck berechnen lassen – das entspricht immerhin drei Prozent der deutschen Bevölkerung. Vor zehn Tagen waren es noch "nur" 800.000. Medizinische oder virologische Expertise ersetzt der Rechner nicht, doch er bietet Gelegenheit, das eigene Verhalten zu reflektieren und festzustellen, ob es dieses zu ändern gilt. Als aktuellen Durchschnittswert gibt das Team hinter "Pandemic Footprint" 23,5 an – "was aus unserer Sicht noch zu hoch ist".

6,6 Prozent der User kämen auf einen noch schlechteren Wert: 4,7 Prozent etwa waschen sich zu selten die Hände – umgerechnet 25.000 Menschen. 2,2 Prozent der Menschen haben nach wie vor trotz aller Warnungen zu 50 Personen oder mehr Kontakt, der den angeratenen Abstand von zwei Metern unterwandert. Möglicherweise kommen sie durch ihren zu hohen pandemischen Fußabdruck ins Nachdenken.

„Pandemic Footprint“: Der Corona-Fußabdruck: Drei Freunde entwickeln Online-Rechner für die Pandemie

Written By: Eugen Epp - Apr• 01•20

Wie groß ist Ihr pandemischer Fußabdruck? Drei junge Männer haben einen Online-Rechner erstellt, mit dem man nachvollziehen kann, wie groß der eigene Einfluss bei der Verbreitung oder Eindämmung des Coronavirus ist.

Der "ökologische Fußabdruck" ist mittlerweile den meisten ein Begriff. Damit lässt sich erfassen, welche Auswirkungen die eigenen Handlungen auf das Klima und die Umwelt haben. In jüngster Zeit aber ist die Diskussion um das Klima aus aktuellem Anlass ein wenig in den Hintergrund getreten – seit das Coronavirus auf der Welt grassiert, geht es ganz akut um den "pandemischen Fußabdruck".

PAID STERN 2020_13 Das Leben in Zeiten von Corona 12.12Die Seite pandemic-footprint.com will Menschen dabei helfen zu verstehen, inwieweit sie dazu beitragen, die Verbreitung des Virus zu verlangsamen – oder es weiterzugeben. Auf der Grundlage von verschiedenen Variablen wird ein Wert zwischen 0 und 1000 ermittelt – je geringer er ausfällt, desto besser. Abgefragt werden unter anderem der Kontakt zu Menschen, das Befolgen der Hygiene-Regeln oder der Aufenthalt in Risikogebieten in jüngerer Zeit.

Mindestens 25.000 Menschen waschen sich zu selten die Hände

Hinter dem Tool stecken drei junge Männer, die schon seit der Schulzeit miteinander befreundet sind. Alexander Grimme, Christian Wolf und Len Werle, alle 33 Jahre alt, arbeiten eigentlich als Autoren, Berater oder Sportjournalisten. Am vergangenen Wochenende aber kam ihnen spontan die Idee zum pandemischen Fußabdruck – ausgehend von einer Diskussion über den ökologischen Fußabdruck, erzählen sie dem stern: "Wir glauben fest daran, dass es auf das Verhalten eines jeden Einzelnen ankommt, um die Kurve flach zu halten und die Versorgung von Risikogruppen zu gewährleisten."

Innerhalb weniger Stunden waren die Domain registriert und die Seite programmiert. Seitdem läuft der Rechner auf Hochtouren. "Dadurch, dass wir persönlich und über unsere beruflichen Outlets mehrere Millionen Follower in den sozialen Netzwerken haben, konnten wir so einen ersten Stein ins Rollen bringen", sagen die Gründer. "Dennoch hätten wir uns nicht im geringsten ausmalen können, in welch riesiger Steinlawine dies enden würde".

Schon 2,3 Millionen Menschen haben über die Seite ihren pandemischen Fußabdruck berechnen lassen – das entspricht immerhin drei Prozent der deutschen Bevölkerung. Vor zehn Tagen waren es noch "nur" 800.000. Medizinische oder virologische Expertise ersetzt der Rechner nicht, doch er bietet Gelegenheit, das eigene Verhalten zu reflektieren und festzustellen, ob es dieses zu ändern gilt. Als aktuellen Durchschnittswert gibt das Team hinter "Pandemic Footprint" 23,5 an – "was aus unserer Sicht noch zu hoch ist".

6,6 Prozent der User kämen auf einen noch schlechteren Wert: 4,7 Prozent etwa waschen sich zu selten die Hände – umgerechnet 25.000 Menschen. 2,2 Prozent der Menschen haben nach wie vor trotz aller Warnungen zu 50 Personen oder mehr Kontakt, der den angeratenen Abstand von zwei Metern unterwandert. Möglicherweise kommen sie durch ihren zu hohen pandemischen Fußabdruck ins Nachdenken.

Debatte um Schutzmaßnahme: Stoffmasken gegen das Coronavirus: Wie gut sind sie wirklich?

Written By: Bernhard Albrecht - Apr• 01•20

Ganz Deutschland näht Mund-Nase-Schutz aus Stoff. Experten und Politiker bezweifeln, dass sie groß helfen. Können die Masken unsere Rückkehr zur Normalität also beschleunigen – oder nicht?

Die Welt in einigen Monaten: Alle Geschäfte, Restaurants und Cafes haben wieder geöffnet und laden zum Bummeln und Verweilen ein. Die Menschen fahren mit U-Bahnen und Bussen zur Arbeit. In den Parks treffen sich Yogagruppen und Freizeitsportler, an den Badeseen liegen die Sonnenhungrigen. Alle versuchen immer noch, Abstand zu halten. Alle wollen die dunkle Zeit vergessen, die noch lange Schatten in diese neue Gegenwart wirft. Ist das Schlimmste schon vorbei, fragen sie sich. Immer noch gibt es viele Träger des Corona-Virus, die Fallzahlen könnten jederzeit wieder steigen. Doch etwas ist anders. Die Menschen haben sich gewappnet: Alle tragen Mund-Nase-Schutz. Es herrscht "Masken-Pflicht“. Wer draußen keine trägt, zahlt ein hohes Bußgeld.

Könnten Masken unsere Rückkehr zur Normalität beschleunigen?

Ein realistisches Szenario? Könnten Masken unsere Rückkehr zu einer neuen Normalität beschleunigen? Natürlich nicht allein, sondern im Bündel mit all den Maßnahmen, die jetzt verhängt und für die Zukunft geplant sind. In Nachbarländern ist die Maskenpflicht schon eingeführt, Tschechien hat sie seit zwei Wochen, in Österreich ist sie neuerdings für den Supermarkteinkauf obligatorisch. Auch die oberste US-Seuchenschutzbehörde CDC wird das Maskentragen in der Öffentlichkeit wohl empfehlen, berichtet die Washington Post.PAID STERN 2020_15 Geld oder Leben 13.05

Für Deutschland fordert sie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, in Jena gilt sie ab kommenden Montag, die Bundesregierung hält sie bislang für unnötig.

Anders sehen das Wissenschaftler, die im Kampf gegen die Seuche einen ersten Sieg davongetragen haben. George Gao, Direktor des Chinese Center for Disease Control and Prevention, sagte in einem Interview mit der führenden Wissenschaftszeitschrift Science: "Der große Fehler in den USA und Europa ist meiner Meinung nach, dass die Menschen keine Masken tragen." Aus China werden derzeit nur wenige Neuansteckungen vermeldet, die Fabriken öffnen wieder, Ausgangssperren wurden aufgehoben. Auch der Virologe Yuen Kwok-Yung, der im Corona-Krisenstab von Hong Kong mitwirkte, sagte in einem Interview, Hong Kong habe die Epidemie nur deshalb unter Kontrolle bekommen, weil neben anderen Maßnahmen wie Händewaschen oder Social Distancing auch das Tragen von Masken frühzeitig empfohlen wurde.

Das Masken-Manifest: Mehr Aus-Atemschutz! 20.15Mit Japan und Südkorea melden zwei weitere Länder nur wenige Neuerkrankungen, in denen Schutzmasken verbreitet sind. Natürlich wäre eine Rechnung zu simpel, die suggeriert: Diese Länder besiegen das Virus mit Masken. Erstens sind die Zahlen nicht immer verlässlich, die chinesischen Daten werden von Experten angezweifelt, in Japan wird nur wenig getestet. Doch das Gesundheitssystem dort steht offenbar nicht vor dem Kollaps, das Leben geht seinen normalen Gang. In Südkorea haben die Seuchenbekämpfer frühzeitig potenziell infizierte Kontaktpersonen aufgespürt, unter Quarantäne gestellt und so Infektionsketten frühzeitig unterbrochen. Dafür griffen sie, ebenso wie China oder Hong Kong, auch auf das hierzulande umstrittene Handytracking zurück – mit einer App wird ausfindig gemacht, wo sich Infizierte befinden und ob sie ihre Quarantäne einhalten.

Prominente werben mit dem Hashtag #maskeauf für den Stoff

In Deutschland wird das Thema Masken zunehmend heiß diskutiert. Viele Prominente werben unter dem Hashtag #maskeauf dafür, dass jeder draußen eine tragen sollte, der Arzt der Nation Eckart von Hirschausen veröffentlicht einen Appell an die Öffentlichkeit. Doch bevor man sich darüber überhaupt Gedanken machen sollte, lautet die erste Frage: Woher nehmen? Überall fehlt es an der nötigsten Schutzausrüstung, Krankenhäuser und niedergelassene Ärzte senden Alarmrufe an die Politik, weil die Vorräte zur Neige gehen. Am Markt tummeln sich unseriöse Anbieter, die Mondpreise verlangen und sogar Krankenhäusern Produktfälschungen unterzujubeln versuchen. Schwer zu bekommen sind längst nicht mehr nur die sogenannten FFP2- und FFP3-Masken, die dank besonderer Filter und guter Passform einen hohen Schutz vor Viren bieten und für Pflegekräfte und Ärzte wichtig sind, die direkt an Infizierten arbeiten. Auch der herkömmliche Mund-Nase-Schutz ist längst Mangelware.

Mey und Corona 18.30In die Bresche gesprungen sind zahlreiche deutsche Textilhersteller, denen wegen Geschäftsschließungen die Absätze wegbrechen. Wo früher Unterhosen, BHs, Hemden und Sportkleidung produziert wurden, nähen die Mitarbeiter jetzt Masken in Millionenstückzahl. Die Abnehmer: Polizei, Feuerwehr, Rettungskräfte, Behörden, aber auch Krankenhäuser und sogar Universitätskliniken. Während die Masken schon ausgeliefert werden, versuchen viele parallel, die Anerkennung als Medizinprodukt zu erreichen, wofür europäische Normen gelten.Mey und Corona

Harald Notz-Lajtkep vom Hohenstein-Institut, das solche Testungen vornimmt, vermeldet Prüfaufträge von mehr als 20 Herstellern. Doch es herrscht Wildwuchs, jeder nimmt andere Materialien und Nähvorlagen, kaum ein Produzent kennt sich mit den komplizierten Zertifizierungsvorschriften aus. "Wir bekamen anfangs keinerlei Unterstützung von Seiten der Behörden oder Ministerien“, sagt Matthias Mey, Managing Partner der Unternehmensgruppe Mey, dem stern: "Dadurch haben wir in erhebliche externe Rechts- und Beratungskosten investiert, um uns vernünftig abzusichern." Auch Hilfsorganisation wie das Deutsche Rote Kreuz oder die Malteser verschicken Nähanleitungen an die Bevölkerung. Wer immer kann, soll aus alten Baumwollhemden oder Bettwäsche Masken in Heimarbeit fertigen.

Bundesgesundheitsminister hält eine Maskenpflicht für unnötig

Ganz Deutschland näht - doch die Politik nahm es lange kommentarlos hin. Erst an diesem Dienstagnachmittag rang sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn durch, das Tragen von Mund-Nase-Schutz als einen "solidarischen Akt“ anzuerkennen, eine Maskenpflicht hält er für unnötig. Auch das Robert Koch-Institut äußerte sich erst Mittwochabend auf der Website verhalten positiv - eine Bitte des stern um ein offizielles Statement vor wenigen Tagen wies die Pressesprecherin noch mit dem Hinweis auf die "mangelnde Evidenz“ für die Wirksamkeit dieser Maßnahme gegen die Ausbreitung der Pandemie ab. Das heißt, es fehlen wissenschaftliche Beweise. Die Weltgesundheitsorganisation WHO verstrickt sich derweil in Widersprüche, sie empfiehlt das Maskentragen erst beim Vorliegen von Corona-Symptomen – dabei können auch Virusträger hochinfektiös sein, die keinerlei Symptome zeigen.

Tatsächlich taugt ein herkömmlicher Mund-Nase-Schutz nur bedingt für den Selbstschutz, der Filter ist durchlässig für Viren, die Maske passt sich nicht perfekt an die Gesichtsform an, durch Spalten neben Nase und Wangen dringt potenziell verseuchte Umgebungsluft ein. Andererseits ist unter Experten längst anerkannt, dass Infizierte sich selbst schon mit einfachen Maßnahmen wirkungsvoll vor ihrer Umwelt abschirmen können. "Das kann sich jeder ganz einfach vorstellen. Wenn ich niese, dann verteile ich kleinste Tröpfchen“, sagt der Virologe Christian Drosten in einem seiner Podcasts. "Und wenn ich ein Stück Tuch vor dem Mund habe, das kann entweder so ein Zellulose-Tuch sein wie bei einer gekauften Maske, oder es kann auch natürlich ein Schal sein oder irgendetwas, diese großen Tröpfchen werden dann abgefangen. Da lässt sich nichts dran diskutieren. Und das ist natürlich gut."

Die AWMF-Leitlinie "Hygieneanforderungen bei ausgewählten respiratorisch übertragbaren Infektions-Erkrankungen“ empfiehlt den (medizinisch zertifizierten) Mund-Nase-Schutz ausdrücklich für Patienten-Wartebereiche oder auch hochinfektiöse Patienten, die ihr Isolierzimmer verlassen müssen. Er wird sogar als so sicher eingestuft, dass selbst Pflegekräfte oder Ärzte mit ihm arbeiten dürfen, die das Coronavirus möglicherweise schon in sich haben, weil sie ungeschützten Kontakt mit Infizierten hatten und die deshalb Patienten gefährden könnten - zumindest bei Personalmangel. Wie die Behörden in Brüssel, Berlin und den Ländern auf die Jagd nach Schutzmasken gehen 13.26

Warum sollte eine so effektive Schutzbarriere in überfüllten U-Bahnen, Bussen und Shopping-Malls dann weniger wirksam sein? Es ist mehr als plausibel, dass die weitere Ausbreitung der Pandemie durch eine Maskenpflicht zusätzlich eingedämmt werden könnte. Doch das Tragen eines Mund-Nase-Schutzes in der Öffentlichkeit ist eben vor allem eine altruistische Geste: "Ich schütze dich“. Nicht: "Ich schütze mich“. Wenn jeder das verstünde, wäre vielleicht auch jeder bereit, die professionellen Masken denen zu überlassen, die sie so dringend brauchen, aber nicht bekommen: Ärzte und Pflegekräfte, die sich selbst und ihre nicht infizierten Patienten vor Corona schützen müssen. Das nämlich ist die große Befürchtung von Jens Spahn, wie er auf der gestrigen Pressekonferenz klar machte: Dass Privatleute das ohnehin schon knappe Gut den Krankenhäusern und Arztpraxen wegschnappen.

Maskenträger könnten sich in falscher Sicherheit wiegen

Einfluss auf die Ausbreitung einer Pandemie würde eine solche Maskenpflicht jedoch wohl nur dann nehmen, wenn alle es tun – eben auch diejenigen, die infiziert sind, ohne Symptome zu verspüren. Diejenigen, die derzeit die gefährliche Dunkelziffer ausmachen. Und Sinn ergäbe sie auch nur dann, wenn alle es richtig machen. Denn eine Gefahr sei, dass sich ihre Träger in falscher Sicherheit wiegen, sagt Virologe Drosten: "Man wäscht sich dann nicht mehr die Hände und macht vielleicht auch das mit den Masken falsch und fasst sich eben doch wieder ins Gesicht, weil man an der Maske immer rumfummelt.“ Eine Maskenpflicht müsste also von einer großen Aufklärungskampagne begleitet werden. Doch sie richtig an- und abzulegen ist kein Hexenwerk, Schulungsvideos dazu existieren, und schließlich haben die Deutschen mittlerweile auch gelernt, dass die Hände erst sauber sind, wenn man zweimal „Alle meine Entchen“ gesungen hat und Daumen und Handkanten nicht vergisst.

Doch können die Stoffmasken, die jetzt in Millionenstückzahl in Heimarbeit und Textilfabriken in Deutschland entstehen, überhaupt eine annähernd gleiche Schutzwirkung bieten wie der zertifizierte Einweg-Mund-Nase-Schutz mit seinen speziellen Filtern? Einer älteren Studie zufolge nein, eine Chirurgen-Maske bietet demnach doppelt so hohen Schutz wie die Selbstgebastelte. Doch was ist schon der Standard für eine zuhause gefertigte Schutzmaske? Es gibt keinen, jede ist anders.

Der Hygieneexperte Heinz-Peter Werner, der selbst an der Erstellung mehrerer europäischer Normen für Medizinprodukte mitwirkte und das deutsch-österreichische Prüflabor HygCen gründete, suchte nach der letzten Sars-Epidemie im Jahr 2006 im Auftrag einer Schweizer Stiftung nach der besten Rezeptur für eine selbstgebastelte Maske, die interne Studie liegt dem stern vor. Das angenommene Szenario: Eine Pandemie bricht aus, die Schweiz verhängt eine Schutzmaskenpflicht für den Gang vor die Tür, kann aber leider keine Masken zur Verfügung stellen. "Wir haben mit dem experimentiert, was zuhause in den Schränken liegt und was man in jedem Supermarkt bekommt: Küchenrollen, Kosmetiktücher, Geschirrhandtücher, Bettlaken und so weiter“, erinnert sich die stellvertretende technische Leiterin Medizinprodukteprüfung Monika Feltgen. Das Ergebnis überraschte alle. Die besten Schutzmasken erreichten eine bakterielle Filterleistung von mehr als 95 Prozent, was den Anforderungen der EN-Norm entspricht.

Anders als von deutschen Experten und Politikern bislang dargestellt, ist es anscheinend auch zuhause und mit einfachsten Mitteln möglich, eine Maske herzustellen, die genauso effektiv vor Infektionen schützt wie ein Medizinprodukt. Abstriche, sagt Feltgen, müsse man bei anderen Anforderungen der Norm machen, zum Beispiel dem Atemwiderstand. "Wenn der zu hoch ist, kann man nicht mehr so gut atmen durch das Textil.“ Deshalb wären solche Masken trotzdem nicht zulässig für den Medizinbetrieb, zumindest solange nicht die pure Not herrscht. "Aber für den Heimgebrauch kann man das tolerieren für den Fall, dass der Infektionsschutz ganz oben stehen soll“, so Feltgen.

Bald schon könnte der erste Textilhersteller die Norm an ein Medizinprodukt erfüllen

Noch hat kein Textilhersteller die EN-Norm an ein Medizinprodukt erfüllt, doch das ist wahrscheinlich nur noch eine Frage der Zeit. Im Hygcen-Prüflabor brillierte vergangene Woche eine Konstruktion des Mindener Unternehmens Sitex, das normalerweise OP-Mäntel und -Abedeckungstücher herstellt. Die neuen Masken haben laut Hersteller einen herausnehmbaren Filter aus speziellen Vliesmaterial, der nach einmaligem Gebrauch entsorgt wird, die Maske selbst kann gewaschen werden. Bei den Testungen habe bakterielle Filtrationsleistung bei über 99 Prozent gelegen, zusätzlich habe die Maske eine spezielle Beschichtung, die undurchlässig gegen Spritzer und Tröpfchen sei, sagt Feltgen.

Damit entspreche das Produkt den Anforderungen an die höchste der drei Typklassen für herkömmlichen Mund-Nase-Schutz: 2R. "Der kann bedenkenlos auch im OP-Saal getragen werden." Der Hersteller Sitex wird sich nun um eine "Sondergenehmigung" des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte BfArM bemühen. Auch Notz-Lajtkep vom Hohenstein-Institut sagt, es gebe bereits Hersteller, die immerhin die Typklasse 2 erreicht hätten – keine Zulassung für den OP-Saal zwar, doch auch sie dürften im Krankenhaus verwendet werden.

All diese Hersteller liefern Blaupausen, die Deutschland aus dem gefährlichen Versorgungsengpass führen könnten. Auch gibt es offenbar die perfekte Nähanleitung fürs Selberbasteln von Masken. Doch wie so oft in Deutschland fehlt es an zentraler Führung. Jemand müsste die gewaltige Kreativität und Schaffenskraft, die sich landesweit entfaltet, in geordnete Bahnen lenken, damit sie nicht verpufft. All die Näherinnen und Näher könnten bald Millionen von Masken herstellen, mit denen wir die Anderen bestmöglich vor uns schützen können.

Dann wäre eine "Maskenpflicht für alle" kein unrealistisches Ziel mehr – solange das neue Coronavirus grassiert jedenfalls. Im besten Fall wäre sie ein wichtiger Baustein, um die Pandemie wirkungsvoll einzudämmen. Und im schlechtesten Fall? Schaden wird sie jedenfalls nicht – das müssten dann auch die größten Skeptiker einsehen.

Daten zu Covid-19: Welche Kreise und Städte besonders betroffen sind – und wie sich die Fälle nach Alter und Geschlecht verteilen

Written By: Patrick Rösing - Apr• 01•20

In der Coronakrise ist das Bedürfnis nach aktuellen Zahlen groß. Der stern zeigt Ihnen, wie die Situation bei Ihnen vor der Haustür ist und hilft bei der Einordnung der Werte.

Hinweis: Die Daten in diesem Artikel werden täglich aktualisiert

Eine absolute Zahl allein ist informativ, aber immer nur bedingt aussagekräftig.Für eine Einordnung ist es in der Regel hilfreicher, sich Zahlen im Verhältnis zu einem weiteren Wert anzusehen. In der derzeitigen Coronakrise also etwa die Anzahl der Infizierten im Verhältnis zur Einwohnerzahl einer Stadt oder eines Kreises.

PAID STERN 2020_13 Die Notbremsung 14.45So lag beispielsweise der Kreis Heinsberg in NRW bei der Anzahl der Infektionen am Mittwoch, 25. März 2020, hinter Berlin, Hamburg und München. Die Millionenmetropolen sind allerdings die drei bevölkerungsreichsten deutschen Städte, während der Kreis Heinsberg etwa so viele Einwohner wie die schleswig-holsteinische Landeshauptstadt Kiel hat, nämlich rund 250.000. Im Verhältnis kamen im Kreis Heinsberg am besagten Mittwoch laut Robert-Koch-Institut 391 Infizierte auf 100.000 Einwohner, so viel wie sonst nirgendwo in Deutschland. Zum Vergleich: In Berlin, waren es 37, in Hamburg 69 und in München 89. Da sieht das Bild dann schon wieder anders aus. 

Daten für alle deutschen Kreise und kreisfreien Städte finden Sie ein Stück weiter unten in der ersten und zweiten Infografik. Dort können Sie entsprechend auch die Werte für ihren Heimatkreis oder ihre Heimatstadt einsehen.Corona symptomlose Übertragung 20.30

Zahlen zum Coronavirus: Dunkelziffer und unterschiedliche Quellen

In den bereitgestellten Zahlen finden sich nur die nachweislich erkrankten Fälle wieder. Die Dunkelziffer der tatsächlich Infizierten dürfte in Deutschland wie auch weltweit ungleich höher sein. Mehr Informationen dazu finden Sie an dieser Stelle. Für eine bestmögliche Versorgung von betroffenen Patienten kommt es wiederum auf weitere Faktoren – etwa auf die Anzahl und Verfügbarkeit von (Intensiv-)Krankenhausbetten in einer Region – an.

Die Daten in den untenstehenden Grafiken stammen vom Robert-Koch-Institut (RKI) oder der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität (JHU). Beides renommierte Stellen, die jedoch unterschiedliche Methoden zur Erfassung und Kommunikation der Daten nutzen. Das RKI veröffentlicht in der Regel einmal am Tag neue Daten, die auf behördlichen Angaben basieren. Die JHU hingegen nutzt auch nicht-amtliche Quellen und veröffentlicht die erfassten Daten quasi in Echtzeit. In der Folge sind die RKI-Zahlen in der Regel niedriger als die der JHU.  Mehr darüber, wie die Daten erhoben werden und warum sich die Ergebnisse unterscheiden, lesen Sie hier

Grafik 1) Infektionen im Verhältnis zur Einwohnerzahl

Ein Hinweis an unsere Mobilnutzer: Sollten die Elemente nicht oder nicht korrekt dargestellt werden, klicken Sie bitte hier. 

Tipps zur Nutzung der Grafiken: Sie können per Klick auf die Schaltfläche ganz oben zwischen einer Darstellung als Karte und als Balkendiagramm umschalten. In der Kartenansicht können Sie gezielt nach Ihrem Heimatkreis suchen. Wenn Sie beispielsweise "Borken" in die Suchmaske eingeben und auf den Suchtreffer klicken, zoomt die Ansicht automatisch heran und es wird ein Fenster mit weiteren Informationen zu Alter und Geschlecht der Infizierten angezeigt. 

Bei allen Grafiken gilt: Ein Klick auf die Elemente in der Grafik zeigt ein Infofenster mit weiteren Details.

Grafik 2) Absolute Anzahl von Infizierten mit dem Coronavirus

Neben den verhältnismäßigen Zahlen bietet der stern auch eine Übersicht über die absoluten Werte an. Der Unterschied wurde eingangs deutlich gemacht. In der untenstehenden Grafik sind per Klick die detaillierten zeitlichen Entwicklungen in den einzelnen Kreisen und Städten – also auch bei Ihnen zu Hause – abrufbar.

Grafik 3) Aufteilung nach Alter und Geschlecht

In der folgenden Aufstellung sehen Sie, wie sich die Zahl der Infizierten auf verschiedene Altersgruppen und Geschlechter verteilt. 

Grafik 4) Entwicklung der täglich erfassten Coronavirus-Fälle in Deutschland

Und zum Abschluss: die Kurven. #flattenthecurve ist von einem Hashtag geradezu zu einem gesellschaftlichen Gesamtauftrag geworden. Das Ziel: Die Entwicklung der Neuinfektionen im zeitlichen Verlauf soweit abzuflachen, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird. 

Die Zahl der täglich erfassten Neuinfektionen kann einen Eindruck darüber vermitteln, wie gut das gelingt. 

Grafik 5) Entwicklung der gesamten Coronavirus-Fälle in Deutschland

Die letzte Kurve zeigt die gesamte Zahl der hierzulande bestätigten Infektionen. Dass sie so steil in die Höhe schießt, liegt daran, dass die Zahl nicht linear (sprich: jeden Tag konstant gleich), sondern exponentiell wächst (Hintergrund dazu bei stern Plus: "Alles auf Halt: Darum ist die Isolation unsere einzige Chance"). Über die Infizierten hinaus finden sich auch die Genesenen und die Verstorbenen in der Grafik.   


Weitere Zahlen und Grafiken zur Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland und der Welt finden Sie hier. 

Coronavirus: Wie die Behörden in Brüssel, Berlin und den Ländern auf die Jagd nach Schutzmasken gehen

Written By: Johannes Röhrig - Apr• 01•20

Medizinische Schutzmasken sind Mangelware in der Krise. Auf die Schnelle und mit Milliarden schweren Kriegskassen versuchen die Behörden nun Schutzausrüstung für Ärzte und Krankenhäuser zu beschaffen. Der Wettbewerb ist hart, dubiose Geschäftemacher sind unterwegs. Eine Bestandsaufnahme.

Wenn der Kampf gegen das Virus ein Krieg ist, wie es immer heißt, dann ist Schutzequipment für Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger in diesen Tagen die wichtigste Waffe. Ohne Schutzausrüstung, so mahnte die Berliner Krankenschwester Yvonne Falckner jüngst in der Talkshow von Maybrit Illner im ZDF, sei das Klinikpersonal nur "Kanonenfutter" in diesem Kampf. Die Helfer müssen bei der Behandlung von Corona-Patienten Overalls, Handschuhe und Mundmasken tragen, sonst stecken sie sich selbst an und fallen aus. Das Gesundheitssystem würde kollabieren.

Bereits Mitte März hatte eine Initiative um Falckner eine Petition an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) gestartet: Die Ausrüstung sei knapp; man benötige dringend Schutzkleidung. Spahn versprach, schleunigst Material zu beschaffen. Doch das erweist sich als deutlich schwerer als gedacht. Der Markt ist nahezu leergefegt.PAID STERN Interview Addo_9.30Uhr

Anders als gelegentlich behauptet, können Firmen in Deutschland oder anderswo auch nicht plötzlich selbst die Produktion medizinischer Masken aufnehmen. Sie brauchen eine Zertifizierung. Der Unterwäschehersteller Mey, der kürzlich öffentlichkeitswirksam ankündigte, demnächst in die Lieferung von Schutzmasken einzusteigen, bestätigt darum, dass man lediglich ein Hygieneprodukt liefere, "welches in der Kürze der Zeit weder medizinisch getestet noch zertifiziert werden konnte". Man weise Krankenhäuser und Pflegedienste auf diese eingeschränkte Funktionalität hin. Die Masken seien kein Ersatz für Masken nach den Standards FFP2 oder FFP3, "welche noch dringender im direkten Kontakt mit COVID-19-Patienten benötigt werden". Auch der Textilhersteller Trigema weist auf seiner Website daraufhin, dass die von der Firma angebotenen Schutzmasken über "keine Zertifizierung" verfügen und "nicht medizinisch oder anderweitig geprüft" wurden.

Die Behörden müssen sich also an etablierte Hersteller von Medizinprodukten wenden. Der stern hat die zuständigen Gesundheitsbehörden befragt. Eine Erkenntnis ist: Bund, Länder, kassenärztliche Vereinigungen - sie kämpfen oft auf sich allein gestellt, um irgendwie an die begehrte Ware zu kommen. Sogar Firmen, die sonst nichts mit Arztausstattung zu tun haben, werden eingespannt, um ihre Kontakte auf dem asiatischen Herstellermarkt spielen zu lassen. Ein weiteres Ergebnis: Mit ihren Bemühungen sind die 16 Gesundheitsminister der Länder höchst unterschiedlich erfolgreich. Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg etwa vermelden Millionenaufträge und zum Teil schon einige Liefereingänge. Das Land Bremen hingegen konnte bis Ende vergangener Woche keinen Auftrag platzieren.

Alle waren seit Anfang Februar gewarnt

Dabei waren alle gewarnt. Bereits am 7. Februar sprach der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von weltweiten "Engpässen" bei der Versorgung mit Schutzmasken. Eine Woche später, am 13. Februar, trafen sich die EU-Gesundheitsminister, darunter Jens Spahn (CDU), und beschlossen mehrere "Maßnahmen" - darunter: sicher zu stellen, dass sich das Krankenhauspersonal schützen kann. Doch wieder verstrich wertvolle Zeit, bis am 4. März schließlich das Finanzministerium aktiv wurde. "Auf Antrag des Bundesministeriums für Gesundheit", so die dem stern vorliegende Beschaffungsvorlage, gab die Behörde von Finanzminister Olaf Scholz (SPD) 250 Millionen Euro "zur Bekämpfung des Ausbruchs des neuen Coronavirus zur Beschaffung von persönlicher Schutzausrüstung" frei. Plötzlich war die Sache so dringlich geworden, dass nicht einmal mehr Zeit war, den Bundestag zu fragen. Von der Brüsseler Sitzung bis zur ersten Beschaffungsvorlage der Bundesregierung habe es "ziemlich lange gedauert", kritisiert Achim Kessler, gesundheitspolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag.

Aber selbst wer Geld hat, kommt nicht automatisch an die Ware. Die Masken werden größtenteils in China hergestellt. Bis Mitte März ließ Peking keine Masken aus dem Land, offenbar nicht einmal aus Produktionsstätten der US-Firma 3M. Inzwischen konkurriert die Bundesrepublik wegen Corona mit vielen anderen Staaten, die ebenfalls in aller Eile Schutzausrüstung kaufen wollen.

Jeder gegen jeden – zeitweise verhängte Berlin sogar ein Exportverbot für Schutzmasken. Dabei hatte es Spahn zunächst gemeinsam mit der EU-Kommission und 19 weiteren Mitgliedsstaaten von Schweden bis Zypern versucht. Im Verbund wollte man Masken und Schutzbrillen einkaufen. Die Ausschreibung füllt mehrere Seiten im Amtsblatt der EU, doch das Resultat war mager: "Es sind keine Angebote oder Teilnahmeanträge eingegangen oder es wurden alle abgelehnt", teilte die Generaldirektion für Gesundheit der EU-Kommission am 12. März mit. Bei einem zweiten Anlauf mit insgesamt 25 Mitgliedsstaaten war die Brüsseler Behörde nach eigenen Angaben vergangene Woche erfolgreich. Details könne man erst nennen, wenn die Verträge unterzeichnet seien, sagte ein Sprecher der EU-Kommission dem stern.

"Verhindern, dass Nachfrager im Ausland den Zuschlag bekommen"

Bereits am 20. März bekam Gesundheitsminister Spahn von Finanzminister Scholz eine neue, noch größere Kriegskasse für Masken und andere Schutzausrüstung – jetzt gefüllt mit zwei Milliarden Euro. "Aufgrund der extrem angespannten Marktsituation", so ließ Scholz den Bundestag wissen, habe man auch hier nicht eigens das Parlament fragen können. Verfügbare Bestände müssten "umgehend aufgekauft werden, um zu verhindern, dass Nachfrager im Ausland den Zuschlag erhalten". Vier Tage später dann eine schlechte Nachricht: Sechs Millionen von der Bundesregierung für Deutschland bestellte Masken des Typs FFP2 waren auf einem Flughafen in Kenia gestohlen wurden. "Wenn ich nur wüsste, wo sie sind", fluchte Spahn.

Langsam geht es voran. Mit Stand 27. März 2020 habe die Bundesregierung inzwischen 72 Verträge geschlossen und Schutzausrüstung für insgesamt 565 Millionen Euro geordert, teilte eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums, das Spahn bei der Beschaffung unterstützt, auf stern-Anfrage mit. Hanno Kauz, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, sagte in der Bundespressekonferenz am Mittwoch, inzwischen seien mehr als 20 Millionen Schutzmasken an die Länder und kassenärztlichen Vereinigungen, die für die Verteilung verantwortlich sind, ausgeliefert worden.

Millionen Masken aus chinesischer Produktion verspricht jetzt zum Beispiel auch die Firma Franz Mensch aus dem Allgäu zu liefern. "Wir haben fünf Jumbo Jets gechartert", versicherte Geschäftsführer Achim Theiler am Montag dem stern. Allein die Bundesregierung bekomme 25 Millionen Mundschutzmasken, 1,4 Millionen FFP-Masken und 440.000 Schutzkittel. Theiler prüft auch eine eigene Produktion der medizinischen Schutzausrüstung in Deutschland. Aber die Vorbereitung könne zwei Monate dauern.

Gesundheitsminister verkneift sich jede vorschnelle Jubelmeldung

Theiler hatte bereits Anfang Februar dem Gesundheitsministerium seine Dienste angeboten, ohne dass die Beamten darauf reagiert hätten, wie er sagt. Jetzt scheinen sie handelseinig geworden zu sein. Der Minister hingegen verkneift sich nach dem Kenia-Desaster jede weitere vorschnelle Jubelmeldung. Er will Details über eingekaufte Masken erst verraten, "wenn sie gelandet sind hier in Deutschland".

Immerhin 20 Millionen Masken habe man vergangene Woche bereits an die Länder verteilt, sagte Spahn am Sonntag auch. Ein erster Anfang – denn der Verbrauch ist hoch. Die Masken sind Einweg-Produkte und dürfen laut Vorgabe des Robert Koch-Instituts jeweils nur für eine Tagesschicht verwendet werden.Engpass Schutzausrüstung_14Uhr

Nicht nur der Bund versucht beim Maskenkauf sein Glück, sondern auch die Gesundheitsminister der Länder. Und auch hier haben viele offenbar erst spät auf die Krise reagiert. Das lässt sich bei einer Recherche im EU-Amtsblatt nachprüfen. Behörden müssen dort innerhalb von 30 Tagen Aufträge publik machen, wenn sie über einem bestimmten Wert liegen. Es zeigt sich: Zumindest bis Ende Februar gingen offenbar keine entsprechenden Aufträge raus.

Der stern hat am Mittwoch vergangener Woche alle Landesgesundheitsministerien nach dem Stand der Lieferungen und Bestellungen befragt. Einige reagierten nicht, bei anderen fielen die Antworten zum Teil ernüchternd aus. In Sachsen etwa hat man aktuell zwar Masken bestellt. Aber: "Lieferungen sind bisher noch nicht eingegangen." Bremen konnte seit Beginn der Krise gar keine Aufträge vergeben. Das liege "vor allem in nicht vorhandenen Angeboten begründet". Man habe lediglich "kleine Mengen durch das Bundesministerium für Gesundheit" erhalten "sowie Spenden regionaler Unternehmen", lässt die Bremer Gesundheitssenatorin ausrichten.

Positivere Nachrichten kommen aus Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. So vermeldet NRW zum letzten Wochenende den Liefereingang von 1,1 Millionen Schutzmasken. Und Baden-Württemberg bekam exakt 150.320 Stück der Schutzklassen FFP2 und FFP1 geliefert; kurzfristig rechnet die Behörde mit dem Eingang weiterer 335.000 Masken gleichen Typs sowie mit 250.000 Schutzanzügen und über einer Million einfacherer OP-Masken. 

Kartons Schutzmasken
Heiße Ware: Kartons mit Schutzmasken stehen in der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg
© Julian Stähle

Eine Ausnahme stellt Hamburg dar. Hier hatte der Senat bereits frühzeitig am 5. März einen Vertrag über 468.750 Euro mit einer kleinen Handelsgesellschaft aus der Hansestadt geschlossen, die sonst auf Laborbedarf spezialisiert ist. Doch das Schutzequipment kam wochenlang nicht an. Erst jüngst seien die Masken – darunter ebenfalls der FFP2-Typ – in Deutschland eingetroffen. Sie würden nun rasch an die Behörde ausgeliefert, teilte die Firma auf Anfrage mit.

Angesichts von Materialknappheit und stockender Lieferungen durch den Senat haben in Hamburg die Ärzte nun selbst eine Bestellung auf den Weg gebracht. Die örtliche Kassenärztliche Vereinigung habe einen Auftrag für Schutzmasken und Laborteströhrchen bei einem deutschen Großhändler vergeben, sagt deren Vorsitzender Walter Plassmann. "Die Beschaffung läuft fast nur noch über persönliche Kanäle."

Unseriöse Geschäftemacher sind unterwegs

Das Risiko ist groß für die Behörden, dass sie in Zeiten der Knappheit unseriösen Geschäftemachern aufsitzen. So kommt es immer wieder vor, dass Firmen den Ländern Lieferungen zusagen – aber dann wieder abspringen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) berichtete am Samstag von einem solchen "Betrugsangebot" – offenbar nicht das erste.

Das liegt auch an der Vergabe von öffentlichen Aufträgen, die ebenfalls auf Notfall-Modus umgestellt wurde. So entfällt bei Schutz-Equipment derzeit die Ausschreibungspflicht. Wegen der Gefahren für "Leben und Gesundheit" der Menschen könnten Angebote derzeit "ohne Teilnahmewettbewerb formlos und ohne die Beachtung konkreter Fristvorgaben  eingeholt werden", heißt es in einem Rundschreiben des Bundeswirtschaftsministeriums an die Länder vom 19. März. Das gilt für Masken, Schutzkittel und Beatmungsgeräte, aber auch für die technische Ausstattung von Homeoffice-Arbeitsplätzen. Atemschutzmasken Brigitte SEO

Der renommierte Mainzer Jurist für Vergaberecht, Meinrad Dreher, hält die aktuelle Praxis bei der Schutzmasken-Beschaffung für zulässig. In der Tat sei derzeit das sogenannte Verhandlungsverfahren, bei dem das Amt mit einem Händler direkt in Kontakt tritt, "das Mittel der Wahl", so Dreher. Aus der Sicht des Professors ist es den Behörden wegen der Krise und der Knappheit sogar erlaubt, Aufträge zu erteilen, ohne anschließend den Namen der Firma zu veröffentlichen. "Sicher liegt es derzeit im öffentlichen Interesse Deutschlands, eine Bezugsquelle für das äußerst knappe Gut von Schutzmasken vor dem Zugriff anderer Nachfrager zu schützen", sagt Dreher.

So gibt Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) zwar an, mehr als 11 Millionen Atemschutzmasken bestellt zu haben. Wer die Lieferanten sind, verschweigt das Ministerium aber. "Es gibt einen massiven Wettbewerb um diese Güter", so ein Sprecher auf stern-Anfrage: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nicht die Namen der Auftragnehmer mitteilen können."

Coronakrise: Die stern-Seelsorge: 30 Experten helfen Ihnen

Written By: Nina Poelchau - Apr• 01•20

Die Coronakrise macht vielen Menschen Angst. Deshalb starten wir ein einmaliges Projekt: die stern-Seelsorge. 30 Therapeutinnen, Krisenhelfer und Coaches unterstützen Sie jetzt bei Zukunftssorgen und Problemen mit dem Alleinsein und mit der Familie.

"Der Ausbruch des neuen Coronavirus macht vielen Menschen Angst. Die massiven Einschränkungen im Alltagsleben verstärken die psychische Belastung zusätzlich. Um mit der Krisensituation hilfreich umzugehen, ist es entscheidend, das seelische Gleichgewicht nicht zu verlieren". Das schreibt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Neurologie und Psychosomatik in einem Rundbrief zur Corona-Krise.

Benedikt Waldherr, der Vorsitzende des Bundesverbandes deutscher Vertragspsychotherapeuten, warnt davor, dass gerade Menschen, die möglicherweise vorher schon seelisch angeschlagen waren, jetzt ihren Halt verlieren könnten. "Das kann bis zur Suizidalität führen", so Waldherr. Aber auch die, die bisher ganz stabil durchs Leben kamen, können durch das, was gerade passiert, in erhebliche Not rutschen.

Vielen fehlen Struktur und Kontakte

Das große Problem: Gerade jetzt bricht vielerorts weg, was stützen könnte. Gemeinschafts-Rituale wie Familientreffen, regelmäßige Yoga- oder Tennisstunden fallen aus. Für viele fällt die Tagesstruktur zusammen, es fehlen die selbstverständlichen Kontakte, die zwischen Tür und Angel, auf dem Weg zur Arbeit, mit Kollegen, mit anderen Eltern am Spielplatzrand. Gleichzeitig sitzen Familien jetzt auf engem Raum fast rund um die Uhr aufeinander.

Der Psychiater und Psychotherapeut Christian Peter Dogs, der viele Jahre Kliniken mit dem Schwerpunkt Psychosomatik geleitet hat, sagt: "Die einen leiden an Überreizung, die anderen an Unterreizung. Das kann zu Depressionen oder Aggressionen führen."Infobox Gemeinsam gegen Corona

Die Traumaexpertin Michaela Huber hat vor wenigen Tagen in ihrem aus 800 Therapeutinnen und Therapeuten bestehenden Netzwerk geschrieben: "In China ist die Gewalt gegen Frauen und Kinder unter der allgemeinen Abschottung und Quarantäne deutlich gestiegen. Das ist leider bei uns auch zu befürchten. Daher müssen wir aufklären, unterstützen, abfedern, und handeln, wo immer möglich." 

Schnell Hilfe zu bekommen, unbürokratisch und zugewandt, ist jetzt besonders wichtig. Doch wo? 

stern startet Telefonseelsorge

Die Telefonseelsorge ist mit ihrem ehrenamtlichen Personal am Limit. Psychotherapeuten werden selbst krank oder müssen sich in Video-Begegnungen erst noch einarbeiten. Zwar werden bei Therapeuten wegen Absagen immer wieder auch Termine für eine Krisen-Intervention frei. Manchmal rücken da aber auch sofort Diejenigen von der Warteliste nach. "Wer auf der Warteliste ist, bei dem wird die psychische Situation durch Corona oft ganz dringlich", sagt Waldherr.

In einer einmaligen Aktion haben sich jetzt auf Initiative des sternüber 30 Psychotherapeutinnen, psychiatrische Ärzte, Seelsorgerinnen, Coaches und Krisenhelfer aus ganz Deutschland zusammengetan, um mit stützenden Gesprächen zu entlasten, Mut zu machen und mit konkreten Hinweisen zu helfen. Sie sind - über unsere Koordinatorin Kathrin Contzen - direkt und einfach zu erreichen, sie nehmen sich Zeit.

So geht es: Wer Rat oder Hilfe braucht, kann sich unkompliziert mit unserer Koordinierungsstelle in Verbindung setzen. Kathrin Contzen, Coach und ausgebildet in Krisenintervention, ist am Dienstag, Donnerstag und Sonntag zwischen 16 und 18 Uhr telefonisch erreichbar - die Nummer lautet: 0172/1390173.

Außerdem sichtet und bearbeitet sie an sieben Tagen die Woche zwischen 9 und 20 Uhr Emails. Die Adresse lautet: seelsorge@stern.de.

Es sind Experten, die fast alle viel beschäftigt sind, in ihren Praxen, als Autoren, als Seelsorgerinnen, als Berater, sie alle sind geübt darin, sich schnell einen Eindruck zu machen, worin das zentrale Problem besteht. So sicher es leider ist, dass sich die Unsicherheit, wie es mit dem Virus und seinen Folgen weitergeht, im Moment nicht aufheben lässt – durchaus aber lässt sich der Umgang mit der Situation lernen oder ändern. Seelsorge Experten

"Reden Sie darüber, wie es Ihnen gerade geht"

"Gemeinsam auf die Ressourcen zu schauen ist wichtig“, sagt die Psychologin Stefanie Stahl, die den Bestseller "Das Kind in dir muss Heimat finden" geschrieben hat. "Katastrophen-Szenarien beziehen sich immer auf die Zukunft", sagt sie, "es kommt darauf an, im Jetzt zu bleiben und sich eine gute Struktur zu schaffen."

Es kann sehr helfen, zusammen mit einem Experten zu ergründen, was gerade durch den Druck in der Beziehung, im Umgang mit den Kindern oder mit Angehörigen falsch läuft - und wie man sich selbst entlasten kann. Die Kommunikationstrainerin Anita Hermann-Ruess sagt: "Viele Menschen geben in der Not Seiten von sich preis, die ihre Mitmenschen so nicht kannten: ihr kommunikatives Stressprofil. Jeder geht anders mit Krisen um - und rationale Appelle nutzen oft wenig." Sie empfiehlt: "Reden Sie darüber, wie es Ihnen gerade geht, was Sie brauchen, was Ihnen wichtig ist - und fragen Sie genau das Ihre Gegenüber".Teaser Seelsorge

Ilka Hoffmann-Bisinger, die das Institut "iska-berlin" leitet und auf Kurzzeit-Therapien spezialisiert ist, hat diesen Eindruck: "Bei manchen Menschen steigert sich eine bisher gut kompensierte Ängstlichkeit jetzt zu einer regelrechten inneren Panik. Sie können nicht mehr einschlafen oder wachen früh mit Herzrasen auf, sie können sich nicht mehr fallen lassen. Gedanken kreisen immer und immer wieder um dieselben Themen. Sie haben Angst vor dem Nichts zu stehen. Manche fragen sich, ob das Leben dann noch einen Sinn hat, wenn alles, was sie sich über Jahre hinweg mühevoll aufgebaut haben plötzlich zusammenbricht."

Das Zusammensein auf engem Raum ist für Familien eine große Herausforderung. Einen überschaubaren Zeitraum von ein, zwei Wochen ist so etwas meistens noch ganz gut zu ertragen, es kann sogar eine Art Abenteuer sein. Dann aber können die Spannungen so zunehmen, dass sich Aggressionen in Wutausbrüchen entladen. Das ist gefährlich - besonders für Frauen und für Kinder.

Jennifer Jaque-Rodney, die in Bochum als wissenschaftliche Beraterin von Hebammen arbeitet und auch selbst Familien mit Kleinkindern berät, erlebt zunehmenden Druck in Familien. Schreiende Babys, quengelnde Kinder, Eltern die zu wenig Schlaf bekommen - und dann noch Homeoffice, Quarantäne und Zukunftssorgen wegen des Corona-Virus: Da kann es sehr wichtig sein, neue Strategien zu entwickeln, am besten zusammen mit jemandem, der sich mit Familiensystemen und den Bedürfnissen von Kindern auskennt. Eine weitere Begleiterscheinung dieser großen Krise und dem Kontaktverbot: Einsamkeit. Aber gleichzeitig auch für Angehörige und Freunde auszuhalten, das ältere und kranke Menschen jetzt nicht mehr durch Besuche, Berührungen, unmittelbare Zuwendung unterstützt werden können. 

  Josef Sözbir und Melanie Wolfers sind Teil des mehr als 30-köpfigen stern-Expertenteams
Josef Sözbir und Melanie Wolfers sind Teil des mehr als 30-köpfigen stern-Expertenteams
© privat/Cathrine Stuckhard/laif

Jaque-Rodney, Michaela Huber, Stefanie Stahl, Christian-Peter Dogs, die frühere Bischöfin Margot Käßmann, der Paartherapeut Oskar Holzberg, die Ordensfrau und Autorin Melanie Wolfers, der Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer, die auf Schreibabys spezialisierte Ärztin und Psychotherapeutin Margret Ziegler und viele, viele mehr sind jetzt da. Sie helfen. Die Gespräche stellen keinen Ersatz für eine Psychotherapie dar. Aber sie können ermutigen und dazu beitragen, entspannter und sicherer mit der Situation umzugehen. Unsere Experten haben außerdem sinnvolle, weitere Adressen (siehe unsere Fotogalerie).

Das Projekt stern-Seelsorge

Wer Rat oder Hilfe braucht, kann sich unkompliziert mit unserer Koordinierungsstelle in Verbindung setzen. Kathrin Contzen, Coach und ausgebildet in Krisenintervention, ist am Dienstag und Donnerstag und Sonntag zwischen 16 und 18 Uhr telefonisch erreichbar - die Nummer lautet: 0172/1390173.

Außerdem sichtet und bearbeitet sie an sieben Tagen die Woche zwischen 9 und 20 Uhr Emails. Die Adresse lautet: seelsorge@stern.de. Sie stellt in Absprache mit Ihnen den Kontakt zu einem unserer Experten her.  Ihre Daten werden  in Absprache mit Ihnen an einen Experten weitergegeben, bleiben ansonsten aber streng vertraulich. (Siehe hierzu: Datenschutz)

Epizentrum der Krise: Der Central Park wird zum Feldlazarett: stern-Reporter berichtet über die Corona-Lage in New York

Written By: Jan Christoph Wiechmann - Apr• 01•20

Im Brennpunkt der Coronavirus-Pandemie steht stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann und berichtet über die aktuelle Lage. In New York muss sich die Zahl der Krankenbetten verdreifachen, um überhaupt eine Chance zu haben, die Krise zu meistern.

Im Brennpunkt der Coronavirus-Pandemie steht stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann und berichtet über die aktuelle Lage. In New York muss sich die Zahl der Krankenbetten verdreifachen, um überhaupt eine Chance zu haben, die Krise zu meistern.