Reset fürs Gehirn: Die 20-5-3-Regel ist der Schlüssel zu einem Leben mit weniger Stress

Written By: Christoph Fröhlich - Sep• 14•21

Viele Menschen kennen das Gefühl von Stress und innerer Unruhe. Abhilfe schafft die 20-5-3-Regel. Sie besagt, wie viel Zeit man in der Natur verbringen sollte, um die körperliche und geistige Gesundheit wiederherzustellen.

Der Mensch ist Teil der Natur, doch die meisten haben sich im Alltag längst von ihr entkoppelt. Je nach Region und Kultur verbringen Menschen zwischen 80 und 90 Prozent ihrer Lebenszeit in Innenräumen. Die Folgen sind Stress, innere Unruhe und Anspannung. Dabei liegt eines der Heilmittel buchstäblich vor der Haustür: Studien zeigen immer wieder, wie erholsam die Zeit in der Natur für Menschen ist.

In seinem Buch "The Comfort Crisis: Embrace Discomfort to Reclaim Your Wild, Happy, Healthy Self" und einem Gastbeitrag in der "Men's Health" stellt der Autor Michael Easter die 20-5-3-Regel vor, die helfen soll, die körperliche und geistige Gesundheit wiederherzustellen und Stress zu reduzieren.

20 Minuten

 So viel Zeit sollten Sie dreimal pro Woche draußen in der Natur verbringen. Dieser Zeitraum habe Untersuchungen zufolge den größten Effekt auf die Senkung des Stresshormons Cortisol eines Stadtbewohners. Dabei müssen Sie nicht unbedingt durch einen dicht bewachsenen Wald wandern, es genügt auch ein Spaziergang in einem weitläufigen Park oder einer mit Bäumen gesäumten Straße.PAID STERN 2016_47 In Fontane-Land_9.30Uhr

Studien haben ergeben, dass sich ein 20-minütiger Spaziergang durch einen Botanischen Garten spürbar auf kognitive Prozesse und das Gedächtnis auswirkt. Man sollte sich aber wirklich auf den Spaziergang einlassen und nicht dauernd nach Ablenkung suchen, um den Zustand der "sanften Faszination" zu erreichen. Das ist ein achtsamkeitsähnlicher Zustand des Gehirns, der gewissermaßen die Ressourcen-Speicher für Kreativität und das Denken wieder auffüllt. Denn die wissenschaftlichen Untersuchungen zeigten auch: Wer während des Spaziergangs auf seinem Smartphone herumdaddelt oder dauernd Benachrichtigungen erhält, erreicht diese Bewusstseinsphase nicht, und die Effekte verpuffen.

5 Stunden

Das ist die minimale Zeitspanne, die man jeden Monat in halb-wilder Natur verbringen sollte. Diese Aussage basiert auf skandinavischen Studien, die zeigten, dass sich Stadtbewohner glücklicher und weniger gestresst fühlten je mehr Zeit sie in der Natur verbrachten. Eine Gruppe von Menschen ging in Stadtparks spazieren, die andere in einer Art Nationalpark, also Schutzgebieten mit weitgehend unberührter Natur. In Deutschland sind das etwa die Sächsische Schweiz, der Nationalpark Müritz oder der Bayerische Wald. Die Studie zeigte klar: Je wilder die Natur, desto größer der Erholungseffekt.

Der psychologische Grund dahinter: Die Natur besteht aus sogenannten Fraktalen. Das sind Objekte, bei denen das Ganze seinen Bestandteilen ähnelt - ein Baum besteht aus Ästen, die wiederum kleinere Äste besitzen und so weiter. Auch bei Bergen, Muscheln oder Kristallen findet sich dieses Prinzip. Städte hingegen sind künstlich, Häuser in der Regel rechtwinklig und flach gestaltet. Zugleich spricht die Natur viele Sinne an: Man spürt die warme Sonne auf der Haut, hört das Rascheln der Blätter, riecht das modernde Laub.

3 Tage

In der idealen Welt sollte man drei Tage pro Jahr in der Natur verbringen - fernab von Fernsehen, Internet und Telefon. Dabei ist es egal, ob man sich gemeinsam mit Freunden in einer Hütte einquartiert oder allein in einem Zelt mitten in der Natur abseits der Hektik des Alltages campt. In dieser Phase gelangt das Gehirn in eine Art Flow-Zustand, bei dem gewissermaßen die Reset-Taste gedrückt wird. Untersuchungen zeigten, dass sich eine solche Erfahrung noch Wochen später positiv auf Problemlösungsfähigkeiten und die allgemeine Zufriedenheit auswirken.

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„Sie läuft. Er rennt“: Wie Training Ihrer Psyche zugutekommt

Written By: Alexandra Kraft - Sep• 14•21

Gerade jetzt ist es wichtig, etwas für die seelische Gesundheit zu tun. Vor allem Laufen hat große Effekte auf die Stimmung – oft sogar besser als Medikamente. Auch das Selbstbewusstsein profitiert vom Training. Ein Erfahrungsbericht.

Hören Sie den Podcast hier oder direkt bei Audio NowSpotify, iTunes und weiteren Podcast-Anbietern.

Als ich mit dem Laufen begann, hatte ich die üblichen Erwartungen und Träume. Ich wollte ein paar Kilo abnehmen, meine Muskulatur trainieren und natürlich einfach wieder fitter werden. Ich war gerade Mutter geworden und der Sport war eindeutig für eine lange Zeit viel zu kurz gekommen. Ich war komplett untrainiert – und mein Rücken quälte mich. Also, lief ich irgendwann los.

Haut mit Yael Adler 14.12

Dass ich ausgerechnet zur Läuferin wurde, war purer Zufall. Ich war auf der Suche nach einer Sportart, die zwischen Baby, Beruf und Partnerschaft passte. Nach einem sportlichen Hobby, das ich immer ausüben konnte, wenn ich Zeit hatte. Möglichst spontan – und am besten auch noch auf Dienstreisen.  

Also lief ich los. Das ging natürlich krachend daneben. Doch darum soll es in diesem Artikel gar nicht gehen. Ich möchte stattdessen erzählen, was das Laufen mit meinem Kopf gemacht hat. Genau das ist auch das Thema der neuen Podcast-Folge von "Sie läuft. Er rennt." Die allermeisten wissen zwar, wie gut Laufen vor Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Problemen, Bluthochdruck oder Diabetes Typ 2 schützt. Aber nur den wenigsten ist klar, wie gut das Ausdauertraining ihrem Gehirn bekommt. Nämlich so gut, dass es inzwischen einige Krankenkassen gibt, die Laufen als Therapie anerkennen.

Sport wirkt bereits in einer erstaunlich niedrigen Dosis

Um von Bewegung zu profitieren, muss man nicht bis zur totalen Erschöpfung rennen. Auch das ist in Studien belegt. Mein Tempo, meine Strecke, meine Gedanken, mein Körper. Wunderbar. Langsam Laufen tut überhaupt nicht weh. Im Gegenteil. Der Atem gibt den Rhythmus vor, die Beine gehen mit und alles schwingt. Sport verband sich für mich bald mit einem positiven Gefühl und ich erzielte neue Erfolge. Einen Kilometer weiter gelaufen, meine Oberschenkel hatten im Spiegel schon viel weniger Dellen als noch vor zwei Wochen und mein Po war viel straffer. Ja, das ist für Frauen wichtig. Damit veränderte sich auch mein Körpergefühl. Ja, ich fühlte mich attraktiver. 

Stiller Killer: Warum Thrombosen so gefährlich sind_12.40Uhr

Auch die Freude über solche Dinge war es, die mich abends nach einem anstrengenden Arbeitstag noch mal die Laufschuhe schnüren ließ. Die standen übrigens wochenlang direkt hinter der Haustür. Da sieht man sie und bekommt gleich ein schlechtes Gewissen, wenn man ein Training ausfallen lässt. Das funktioniert wirklich perfekt. Manchmal ist die menschliche Psyche so wunderbar schlicht.

Beim Training ist man mit sich und den Gedanken allein

Mit jeder Runde die ich drehte, spürte ich, wie gut die Bewegung meinem Kopf tat. Laufen ist ein Sport, bei dem man mit sich und seinen Gedanken allein ist. Es gibt fast keine Ablenkung. Zeit nachzudenken. Laufzeit wurde zur Ichzeit. In Studien wurde ein Mechanismus nachgewiesen, der dafür sorgt, dass durch das Laufen zuvor nagende und kreisende Gedanken gestoppt werden. Auch deswegen fühlen sich Läufer:innen deutlich weniger gestresst. 

Faszien 20.30

Das ging ein paar Wochen so, bis ich irgendwann nach Hause kam und feststellte: Ich war nicht ausgepowert, sondern fühlte mich gestärkt und gelassen für den bevorstehenden Tag. Auch ein Effekt des Laufens. Man lernt mit jeder Runde, sich selbst zu motivieren und zu überwinden. Eine Fähigkeit, die auch im Alltag und im Berufsleben häufig gefragt ist. Das hier soll ein kleiner Eindruck sein. Ich hoffe, Sie spüren meine Begeisterung zwischen den Zeilen. Wenn Sie mehr erfahren wollen über die Tatsache, dass Läuferinnen und Läufer die glücklicheren Menschen sind, dann hören Sie unbedingt in den Podcast rein. Den Link finden Sie am Anfang des Artikels. 

Mandelmehl, Kokosmehl und Co.: Backen ohne Mehl: Glutenfreie Mehlalternativen im Überblick

Written By: Laura Stunz - Sep• 13•21

Mehlalternativen haben sich erfolgreich im Sortiment gut sortierter Super- und Biomärkte etabliert. Neben Mandelmehl und Kokosmehl findet man mittlerweile exotisch klingende Alternativen wie Süßlupinenmehl. Doch was steckt in den glutenfreien Mehlsorten und wie lassen sie sich verwenden? Ein Überblick. 

Backen ohne Mehl – ob das funktioniert? Mittlerweile finden sich zahlreiche Mehlalternativen in den Regalen gut sortierter Supermärkte. Von Mandel-, über Kokos- bis hin zu Leinsamenmehl – die Auswahl ist groß und beschränkt sich längst nicht mehr nur auf Weizen-, Dinkel- oder Vollkornmehl. Doch warum verzichten immer mehr Menschen auf herkömmliches Mehl? Die Gründe für den Griff zur Alternative sind – wie die Auswahl der Mehlsorten selbst – vielfältig.

Gründe für die Verwendung von Mehlalternativen

Mehl, welches nicht aus Getreide hergestellt wird, ist glutenfrei – was Menschen mit einer Gluten-Unverträglichkeit (Zöliakie) zugutekommt. Zöliakie ist eine entzündliche Darmerkrankung. Sie wird durch eine fehlgeleitete Immunreaktion auf das Klebereiweiß Gluten ausgelöst, welches in den meisten herkömmlichen Getreidesorten steckt und vor allem zu Reaktionen des Magendarmtraktes führt. Durchfälle und Bauchschmerzen und sogar entzündliche Hauterkrankungen wie Neurodermitis oder juckende rötlich erhabene Bläschen sind typische Symptome. PAID STERN 2019_28 Von echtem Schrot und Korn 11.00

Zudem gibt es Menschen, die Wert auf einen kohlenhydratarme oder sogar -freie Ernährung legen und sich "low carb" ernähren. Unter Low Carb versteht man im Allgemeinen eine Ernährungsweise, die kaum  Kohlenhydrate enthält (low carb; englisch für "low carbohydrates"). Dabei können die Unterschiede im Kohlenhydratgehalt sehr unterschiedlich ausfallen. Fällt die Kohlenhydratzufuhr komplett weg, spricht man auch von "no carb". Da zahlreiche Mehlalternativen aus Nüssen oder Hülsenfrüchen hergestellt werden, enthalten sie von Natur aus meist weniger Kohlenhydrate, punkten dafür aber mit einem hohem Eiweißgehalt.

Mehlalternativen können Weizenmehl nicht 1:1 ersetzen

Zuletzt eignen sich die Mehle auch für alle Experimentierfreudigen und Neugierigen unter uns, die Lust haben, mit Kokos-, Mandelmehl und Co. Abwechslung in die Backstube zu bringen und so neue Aromen und Geschmäcker zu entdecken.

Egal ob Zöliakie, der Wunsch einer Gewichtsreduktion, ein allgemeines Gesundheitsbewusstsein oder einfach die Neugier – das Backen mit Mehlalternativen verlangt einiges an Feingefühl. Die Herstellung von Backwaren ohne Gluten ist nicht so einfach. Gluten, auch Weizenkleber genannt, ist nämlich wortwörtlich ein Bindemittel und sorgt für die unverwechselbar fluffige Konsistenz herkömmlicher Backwaren. Es ist dehnbar, dadurch geht das Gebäck auf und bekommt seine Form.

Eine Möglichkeit, alternative Mehlsorten zu verwenden, besteht darin, einen Teil des Weizenmehls durch eine entsprechende Alternative zu ersetzen. Wie viel Gramm einer Alternative 100 Gramm herkömmliches Weizenmehl ersetzen, zeigt die nachfolgende Übersicht:

100 Gramm Weizenmehl entspricht in etwa:

  • 50 Gramm Mandelmehl
  • 50 Gramm Kokosmehl
  • 75 Gramm Sojamehl
  • 120 Gramm Linsenmehl
  • 75 Gramm Kichererbsenmehl
  • 90 Gramm Leinsamenmehl
  • 100 Gramm Maismehl
  • 100 Gramm Buchweizenmehl
  • 100 Gramm Lupinenmehl
  • 75 Gramm Hafermehl

Richtige Verwendung 

Viele der Mehlalternativen, beispielsweise Mandel- oder Kokosmehl, sind voluminöser, weshalb man weniger von ihnen benötigt. Sie binden jedoch oftmals auch mehr Flüssigkeit – demnach sollte die Flüssigkeitsmenge dem Rezept entsprechend angepasst werden, um sicherzustellen, dass Brot, Kuchen und Backwaren saftig bleiben.

Flohsamenschalen sorgen zudem für eine bessere Bindung und können so teilweise den fehlenden Weizenkleber ersetzen. Auch Leinsamen oder Chiasamen machen den Teig geschmeidiger und sorgen dafür, dass er besser zusammenklebt. Quellmittel wie Johannisbrotkernmehl, Guarkernmehl oder auch Stärke sorgen zudem dafür, dass der Teig im Ofen richtig aufgehen kann.

Nicht zuletzt haben einige der Sorten einen Eigengeschmack. Kokosmehl zum Beispiel hat eine deutlich süße Note, auch ein leichter Kokosgeschmack ist wahrzunehmen. Je nach Rezept kann das von Vorteil sein – in beispielsweise leckeren Kokosmakronen oder einem saftigen Schoko-Kokos-Kuchen. In anderen Backwaren kann der Eigengeschmack jedoch auch das Endergebnis zu Nichte machen. Was Sie bei der Verwendung der jeweiligen Sorten berücksichtigen sollten und welche Alternative sich für welche Backwaren eignet, erfahren Sie im Folgenden.

1. Mandelmehl

Anders als gemahlene Mandeln, welche häufig in beliebten Weihnachtsplätzchen zum Einsatz kommen, ist Mandelmehl im Handel meist entölt oder teilentölt. Das bedeutet, dass es deutlich weniger Fett als die Kerne an sich enthält. Übrigens ist Mandelmehl im ursprünglichen Sinne das Nebenprodukt bei der Herstellung von Mandelöl.

Mandelmehl ist glutenfrei und zudem sehr proteinreich. Ganze 40 Gramm Eiweiß stecken in 100 des Mehls. Durch seinen nussigen Geschmack ist es vor allen Dingen für süßes Gebäck geeignet. In Brownies, Bananenbrot oder Muffins kommt sein Aroma besonders gut durch. Da Mandelmehr sehr viel Flüssigkeit bindet, sollte dem Teig mehr Flüssigkeit zugegeben werden. Einen Richtwert gibt es da nicht, verlassen Sie sich auf Ihr Gefühl und vergleichen Sie die Konsistenz des Teiges mit der der Ursprungsvariante. Ist der Teig zu trocken können Sie diesen mit Wasser, Milch oder Quark feuchter werden lassen. Mandelmehl saugt zwar relativ viel Flüssigkeit auf, wirkt aber nicht bindend, weil es kein Gluten enthält. Eigelb, Flohsamen, oder aber Johannisbrot- oder Guarkernmehl ersetzen das Gluten und sorgen für eine bessere Bindung. Mit Mandelmehl kann etwa 20 Prozent des herkömmlichen Mehls ersetzt werden.

Tipp: Mandelmehl sollten immer gut verschlossen und kühl gelagert werden. Bei hoher Luftfeuchtigkeit kann es verklumpen und schimmeln – deswegen stets zügig verbrauchen.

2. Kokosmehl

Kokosmehl wird aus dem getrockneten, entölten und gemahlenem Fleisch der frischen Kokosnuss gewonnen. Es ergänzt süße Backwaren um eine exotische, mild-süßliche Kokosnote. Zudem ist es hervorragend für Suppen oder Saucen geeignet – in Currys punktet es beispielsweise mit einer feinen Note, überdeckt andere Geschmackskomponenten nicht. Da Kokosmehl über eine gute Bindefunktion verfügt, dickt es flüssige Speisen zudem an und kann somit einen Großteil anderer Bindemittel ersetzen. Auch in Für in Smoothies, im Müsli oder im Joghurt findet das exotische Mehl Verwendung. Es ist zudem für die Zubereitung von Waffeln, Pancakes, Keksen oder Kuchen geeignet.

Auch Kokosmehl ist frei von Gluten. Zudem fördert es mit seinem hohen Anteil an Ballaststoffen Verdauung und trägt zu einer langanhaltenden Sättigung bei. Nicht zuletzt enthält es mit 20 Gramm Eiweiß auf 100 Gramm viel Protein, wenig Kohlenhydrate und eine gute Menge an Fett.

Da es über ähnliche Eigenschaften wie das Mandelmehl verfügt, demnach viel Flüssigkeit bindet, aber nicht zu einer Bindung des Teigs beiträgt – sollte man das Kokosmehl ergänzen. Geben Sie dem Teig Wasser, Öl oder Milch hinzu, bis dieser die gewünschte Konsistenz aufweist. Pro 30 Gramm Mehl sollte zudem ein zusätzliches Eigelb, Flohsamenschalen oder Leinsamen hinzugegeben werden, um die Bindung zu erhöhen. Mit Kokosmehl kann etwa 25 Prozent des herkömmlichen Mehls ersetzt werden.

3. Sojamehl

Sojamehl enthält, wie auch Mandel- und Kokosmehl, wenig Kohlenhydrate und viel Eiweiß. Mit ganzen 60 Gramm Eiweiß auf 100 Gramm ist es der Protein-Spitzenreiter der Mehlalternativen. Zudem ist es glutenfrei und enthält Mineralstoffe wie zum Beispiel Calcium und Eisen.

Das Mehl verfügt über eine sehr gute Bindeeigenschaft, weswegen es in der veganen Küche häufig als Ei-Ersatz zum Einsatz kommt. Hierfür mischt man einen Esslöffel Sojamehl mit zwei Esslöffeln Mineralwasser und lässt die Mischung kurz quellen.

Mit Sojamehl kann etwa 30 Prozent des herkömmlichen Mehls ersetzt werden. Jedoch sollte der deutliche Eigengeschmack der Alternative bei der Herstellung von vor allem süßen Backwaren berücksichtigt werden. Durch den mehr oder weniger intensiven Sojageschmack eignet sich das Mehl eher für würzige Brote oder Gebäck.

4. Linsenmehl

Linsenmehl wird meist aus roten Linsen gewonnen. Es zeichnet sich durch ein leicht süßliches Aroma mit dezentem Eigengeschmack aus, eignet sich aber für sowohl herzhafte als auch süße Speisen. Zudem verleiht es Gerichten eine rötliche Farbe.

Rotes Linsenmehl ist reich an Eisen und enthält mit 26 Gramm Eiweiß eine ordentliche Menge an Protein. Nicht zuletzt weist es gute Binde-Eigenschaften auf, weswegen es hervorragend für das Andicken von Suppen und Saucen geeignet ist. Außerdem kann Linsenmehl als Bindemittel anderen Mehlsorten untergemischt werden. Mit Linsenmehl kann etwa 50 Prozent des herkömmlichen Mehls ersetzt werden.

5. Kichererbsenmehl

Kichererbsen zeichnen sich durch ihren hohen Protein- und Ballaststoffgehalt aus. Dies gilt auch für das daraus gewonnene Mehl. Mit 21 Gramm Eiweiß auf 100 Gramm stellt das Mehl so ebenfalls eine hochwertige pflanzliche Proteinquelle dar.

Kichererbsenmehl schmeckt dezent nussig. Am besten eignet es sich für herzhafte Gerichte, wie Pizzateig oder Brot. Pur hingegen kommt es vor allen Dingen in Bratlingen wie beispielsweise Falafel zum Einsatz. Es kann jedoch auch mit herkömmlichem Mehl kombiniert werden. Mit Kichererbsenmehl kann etwa 20 Prozent des herkömmlichen Mehls ersetzt werden.

6. Leinsamenmehl

Leinsamenmehl entsteht als Nebenprodukt bei der Leinölgewinnung. Wie auch Leinsamen ist Leinsamenmehl sehr nährstoffreich. Es ist reich an Ballaststoffen, Proteinen, Mineralstoffen und Vitaminen wie beispielsweise Magnesium, Calcium, Folsäure, Vitamin B1 und B6. Außerdem enthält es die essenziellen Fettsäuren Omega-3 und Omega-6.

Getrocknet und vermahlen entsteht teilentöltes Leinsamenmehl. Nicht entöltes Leinsamenmehl gewinnt man übrigens durch das Zermahlen der ganzen Samen.

Mit seinem deutlich nussigen Geschmack eignet es sich sowohl für Brot als auch für süßes Gebäck und Kuchen. Da aber auch dieser Mehlsorte die Klebefähigkeit fehlt, kann Leinsamenmehl lediglich 25 Prozent des herkömmlichen Mehls ersetzen.

Wichtig: Leinsamenmehl sollte nicht in hohen Mengen verzehrt werden. Mehr als zehn Prozent des Mehls pro Mahlzeit können sich negativ auf die Verdauung auswirken. Zudem stellt die enthaltene Blausäure ein Problem dar. Diese entweicht zwar weitestgehend beim Backen – vor allem Schwangere oder kleine Kinder sollten das Mehl sicherheitshalber jedoch nicht konsumieren.

7. Maismehl

Maismehl ist aus der Tex-Mex-Küche nicht wegzudenken. Das gelbliche Mehl ist besonders bekannt für flache Mais-Fladen, Nachos oder Tortillas, jedoch kann es auch im Kuchen oder Brot verarbeitet werden. Es kann im Verhältnis 1:2 mit einer herkömmlichen Mehlsorte gemischt werden.

Verglichen zu Dinkel- oder Roggenmehl enthält Maismehl weniger Ballaststoffe und Vitamine. Zudem geht das Gebäck aus Maismehl kaum auf und kann so schnell trocken und krümelig werden.

8. Buchweizenmehl

Buchweizen ist ein Pseudogetreide und damit glutenfrei. Wie das Getreide an sich enthält auch das Mehl viel Eisen, Magnesium und Zink. Zudem gilt es als vollwertige Proteinquelle, da es alle essenziellen Aminosäuren enthält. Deshalb kommt es vor allen Dingen in der veganen Küche zum Einsatz. Nicht zuletzt ist es ein regionales Lebensmittel, da Buchweizen meist in Deutschland angebaut wird. Es kann im Verhältnis 1:2 mit einer herkömmlichen Mehlsorte gemischt werden – bei teigigen Speisen wie Pizza oder Pfannkuchen kann es Weizenmehl hingegen auch komplett ersetzen.

Die Mehlalternative weist einen leicht nussigen, fast würzigen Geschmack auf und ähnelt dem bekannten Vollkorn-Weizenmehl geschmacklich am ehesten. Demnach eignet sich sehr gut zum Backen von veganen Pancakes, Brot oder Waffeln oder aber für herzhafte Speisen.

9. Lupinenmehl

Lupinenmehl ist dem Sojamehl mit 40 Gramm Eiweiß dicht auf den Fersen. Zudem ist es ebenfalls kohlenhydratarm und enthält alle acht essenziellen Aminosäuren. Nicht zuletzt ist die Lupine in Deutschland zuhause – sprich, sie wird regional angebaut und ist meist nicht stark genmanipuliert.

Aufgrund seines intensiven Aromas kann Lupinenmehl vor allen Dingen beim Backen schnell bitter werden und sollte deswegen nur dosiert verwendet werden. Mit Lupinenmehl kann sollte maximal 15 Prozent des herkömmlichen Mehls ersetzt werden.

Zur Herstellung von Teigen für pikantes Brot, Bratlingen, deftigen Kuchen eignet es sich bestens, da es den Teig besonders fluffig macht. Auch als Zugabe und zum Andicken von Suppen und Saucen wird es mit Vorliebe eingesetzt. Genau wie Sojamehl kann Lupinenmehl im gleichen Verhältnis ein Ei ersetzen.

10. Hafermehl

Hafer enthält zwar weniger Gluten als die meisten herkömmlichen Mehlsorten, ist aber oftmals nicht vollständig glutenfrei, da es beim Anbau, Ernte, Lagerung und Verarbeitung zu einer geringfügigen Vermischung mit glutenhaltigen Getreidesorten kommen kann. Demnach muss bei Glutenunverträglichkeit auf eine spezielle Zertifizierung geachtet werden.

Das regionale Getreide ist reich an Ballaststoffen, Mineralstoffen und wertvollen Vitaminen – von allen Getreiden hat es den höchsten Vitamin B1- und B6-Gehalt und liefert viel pflanzliches Eisen.

Hafermehl eignet sich als Mischmehl. Ersetzen Sie herkömmliches Mehl vollständig mit der Alternative, können Backwaren schnell bitter werden. Zudem klebt die Alternative nicht besonders gut und kann den Teig bei zu hoher Dosierung, zäh machen. Es kann zur Herstellung von Brot und Brötchen als auch Plätzchen eingesetzt werden.  

Übrigens: Hafermehl kann hervorragend selbst hergestellt werden. Zerkleinern sie dafür Haferflocken oder -kleie in einem Standmixer oder mit einem Stabmixer.  

Quellen: Spektrum, Deutsche Zöliakie Gesellschaft

Zweites Triell zur Bundestagswahl: Pannen im Studio, hektische Moderation – das war kein guter Abend für ARD und ZDF

Written By: Volker Königkrämer - Sep• 13•21

Die TV-Debatte vor der Bundestagswahl gehört traditionell zum öffentlich-rechtlichen Hoheitsgebiet. Umso erstaunlicher, dass man bei ARD und ZDF beim zweiten Triell nicht wirklich in der ersten Reihe saß.

Es ist noch nicht so lange her, da warben die beiden öffentlich-rechtlichen TV-Systeme in Deutschland mit dem Slogan: "Bei ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe". Auch wenn der Claim mitunter verhöhnt wurde ("Bei ARD und ZDF reihern Sie auf die ersten Sitze"): Zumindest in Sachen Nachrichten- und Informationskompetenz gelten die beiden Dickschiffe nach wie vor als Platzhirsch. Hier gehen die Bundeskanzler hin, wenn Sie eine Botschaft zu verkünden haben, so wie Angela Merkel zuletzt im Frühjahr 2020, als sie vor der Bedrohung durch die Coronapandemie warnte ("Die Lage ist ernst. Nehmen Sie sie auch ernst"). Und auch das Rede-Duell bzw. inzwischen -Triell gehörte in der Vergangenheit schon aus Gewohnheit zum Hoheitsgebiet von ARD und ZDF.Triell 2 TV-Kritik 7.07h

Umso erstaunlicher, dass der gestrige Abend bei den Zuschauern eher für Pleiten, Pech und Pannen in Erinnerung bleiben dürfte als für präzise Fragen, forsches Nachhaken und überraschende Zuspitzungen. Erst rummste es gewaltig, als sich Annalena Baerbock zu einem möglichen Dreierbündnis mit SPD und Linken äußerte. Dann lief die Redezeit-Uhr für Olaf Scholz weiter, obwohl der SPD-Kandidat sein Statement längst beendet hatte. Vor allem aber wirkte das Moderatoren-Duo, bestehend aus ZDF-Talkerin Maybrit Illner und ARD-Chefredakteur Oliver Köhr, nur selten so, als sei es Herr des Verfahrens. Die Fragen wirkten streckenweise erratisch und zusammenhangslos. Die Übergänge zwischen den einzelnen Themenblöcken abrupt und ohne Überleitung. So wurde etwa das Corona-Thema zunächst vom Komplex Digitalisierung unterbrochen, ehe es dann erneut um Learnings aus der Pandemie ging. Und auch der Einstieg in die TV-Debatte, als die Kandidaten zu Koalitionsaussagen gebracht werden sollten, war erwartbar zäh, weil sich natürlich niemand aus der Reserve locken ließ. Allesamt Dinge, die eine eingespielte Redaktion eigentlich hätte verhindern können.FS After-Triell bei Wein Bier Currywurst 11.55

Gerade das Zusammenspiel zwischen Illner und Köhr funktionierte nicht gut. Mehrfach fielen sich die beiden ins Wort, so als ob es an Absprachen gefehlt hätte. Vor allem Köhr wirkte am Anfang regelrecht übermotiviert. Ob es wirklich eine so glückliche Entscheidung gewesen war, als gerade mal vier Monate amtierender ARD-Chefredakteur vor die Kamera zu gehen? Auch von den versprochenen "Überraschungsmomenten", die im Vorfeld der Debatte angekündigt waren, keine Spur. Es sei denn, man lässt das überraschte Mienenspiel von Maybrit Illner als solche gelten, wenn ihr Moderationskollege ihr wieder einmal das Wort abgeschnitten hatte.

Auf Twitter kursiert ein Zusammenschnitt, wo es spöttisch heißt, das die beiden Moderatoren untereinander das wahre Duell ausgefochten hätten.

Nein, es war kein glücklicher Abend für ARD und ZDF. Gerade auch, weil vor 14 Tagen ausgerechnet der Konkurrent von RTL das erste Triell pannenfrei über die Bühne gebracht hatte. Die Sendung war mit Spannung erwartet worden, weil der Kölner Privatsender zuletzt angekündigt hatte, sich im Bereich Nachrichten und Information neu aufzustellen (Hinweis der Redaktion: RTL gehört wie auch der Verlag Gruner+Jahr, in dem der stern erscheint, zum Bertelsmann-Konzern. Zum 1. Januar 2022 wird die Mediengruppe RTL-Deutschland die deutschen Magazingeschäfte und -marken von Gruner+Jahr übernehmen). Und im direkten Vergleich strahlte das RTL-Duo bestehend aus Pinar Atalay und Peter Kloeppel die Ruhe und Souveränität aus, die man eigentlich von den News-Dickschiffen von ARD und ZDF erwartet hätte.

Immerhin: Die anschließende "Anne Will"-Sendung in der ARD rückte die Info-Hierarchie für die Öffentlich-Rechtlichen dann wieder einigermaßen. Dort saßen tatsächlich mit Gästen wie Jens Spahn, Malu Dreyer und Katrin Göring-Eckardt ein paar Polithochkaräter, die versuchten, für ihre Partei die Deutungshoheit über die Debatte zu erlangen. Eine deutlich stärkere und auch politisch relevantere Runde, als sie RTL mit Günther Jauch und Motsi Mabuse aufzubieten hatte.

Fazit: Beim Blick aufs Spiel diesmal eher Stehplatz als erste Reihe. Aber immerhin: Die Wurst danach war okay!

Zweites Triell zur Bundestagswahl: Pannen im Studio, hektische Moderation – das war kein guter Abend für ARD und ZDF

Written By: Volker Königkrämer - Sep• 13•21

Die TV-Debatte vor der Bundestagswahl gehört traditionell zum öffentlich-rechtlichen Hoheitsgebiet. Umso erstaunlicher, dass man bei ARD und ZDF beim zweiten Triell nicht wirklich in der ersten Reihe saß.

Es ist noch nicht so lange her, da warben die beiden öffentlich-rechtlichen TV-Systeme in Deutschland mit dem Slogan: "Bei ARD und ZDF sitzen Sie in der ersten Reihe". Auch wenn der Claim mitunter verhöhnt wurde ("Bei ARD und ZDF reihern Sie auf die ersten Sitze"): Zumindest in Sachen Nachrichten- und Informationskompetenz gelten die beiden Dickschiffe nach wie vor als Platzhirsch. Hier gehen die Bundeskanzler hin, wenn Sie eine Botschaft zu verkünden haben, so wie Angela Merkel zuletzt im Frühjahr 2020, als sie vor der Bedrohung durch die Coronapandemie warnte ("Die Lage ist ernst. Nehmen Sie sie auch ernst"). Und auch das Rede-Duell bzw. inzwischen -Triell gehörte in der Vergangenheit schon aus Gewohnheit zum Hoheitsgebiet von ARD und ZDF.Triell 2 TV-Kritik 7.07h

Umso erstaunlicher, dass der gestrige Abend bei den Zuschauern eher für Pleiten, Pech und Pannen in Erinnerung bleiben dürfte als für präzise Fragen, forsches Nachhaken und überraschende Zuspitzungen. Erst rummste es gewaltig, als sich Annalena Baerbock zu einem möglichen Dreierbündnis mit SPD und Linken äußerte. Dann lief die Redezeit-Uhr für Olaf Scholz weiter, obwohl der SPD-Kandidat sein Statement längst beendet hatte. Vor allem aber wirkte das Moderatoren-Duo, bestehend aus ZDF-Talkerin Maybrit Illner und ARD-Chefredakteur Oliver Köhr, nur selten so, als sei es Herr des Verfahrens. Die Fragen wirkten streckenweise erratisch und zusammenhangslos. Die Übergänge zwischen den einzelnen Themenblöcken abrupt und ohne Überleitung. So wurde etwa das Corona-Thema zunächst vom Komplex Digitalisierung unterbrochen, ehe es dann erneut um Learnings aus der Pandemie ging. Und auch der Einstieg in die TV-Debatte, als die Kandidaten zu Koalitionsaussagen gebracht werden sollten, war erwartbar zäh, weil sich natürlich niemand aus der Reserve locken ließ. Allesamt Dinge, die eine eingespielte Redaktion eigentlich hätte verhindern können.FS After-Triell bei Wein Bier Currywurst 11.55

Gerade das Zusammenspiel zwischen Illner und Köhr funktionierte nicht gut. Mehrfach fielen sich die beiden ins Wort, so als ob es an Absprachen gefehlt hätte. Vor allem Köhr wirkte am Anfang regelrecht übermotiviert. Ob es wirklich eine so glückliche Entscheidung gewesen war, als gerade mal vier Monate amtierender ARD-Chefredakteur vor die Kamera zu gehen? Auch von den versprochenen "Überraschungsmomenten", die im Vorfeld der Debatte angekündigt waren, keine Spur. Es sei denn, man lässt das überraschte Mienenspiel von Maybrit Illner als solche gelten, wenn ihr Moderationskollege ihr wieder einmal das Wort abgeschnitten hatte.

Nein, es war kein glücklicher Abend für ARD und ZDF. Gerade auch, weil vor 14 Tagen ausgerechnet der Konkurrent von RTL das erste Triell pannenfrei über die Bühne gebracht hatte. Die Sendung war mit Spannung erwartet worden, weil der Kölner Privatsender zuletzt angekündigt hatte, sich im Bereich Nachrichten und Information neu aufzustellen (Hinweis der Redaktion: RTL gehört wie auch der Verlag Gruner+Jahr, in dem der stern erscheint, zum Bertelsmann-Konzern. Zum 1. Januar 2022 wird die Mediengruppe RTL-Deutschland die deutschen Magazingeschäfte und -marken von Gruner+Jahr übernehmen). Und im direkten Vergleich strahlte das RTL-Duo bestehen aus Pinar Atalay und Peter Kloeppel die Ruhe und Souveränität aus, die man eigentlich von den News-Dickschiffen von ARD und ZDF erwartet hätte.

Immerhin: Die anschließende "Anne Will"-Sendung in der ARD rückte die Info-Hierarchie für die Öffentlich-Rechtlichen dann wieder einigermaßen. Dort saßen tatsächlich mit Gästen wie Jens Spahn, Malu Dreyer und Katrin Göhring-Eckardt ein paar Polithochkaräter, die versuchten, für ihre Partei die Deutungshoheit über die Debatte zu erlangen. Eine deutlich stärkere und auch politisch relevantere Runde, als sie RTL mit Günter Jauch und Motsi Mabuse aufzubieten hatte.

Fazit: Beim Blick aufs Spiel diesmal eher Stehplatz als erste Reihe. Aber immerhin: Die Wurst danach war okay!

Bendix Hügelmann: Politikberater: In den sozialen Medien fehlt es den Kanzlerkandidaten an Mut und Kreativität

Written By: Julian Schmelmer - Sep• 12•21

Instagram, Twitter, Tiktok – Soziale Medien sind im Wahlkampf zu einem wichtigen Werkzeug in der öffentlichen Kommunikation geworden. Politikberater Dr. Bendix Hügelmann stellt den deutschen Spitzenkandidat:innen allerdings ein durchwachsenes Zeugnis aus. 

Welchen Einfluss die sozialen Medien auf ein Wahlergebnis haben können, zeigten in der jüngeren Vergangenheit bereits die Wahlkämpfe der späteren US-Präsidenten Barack Obama 2008 und Donald Trump 2016. Seit einigen Jahren setzen auch deutsche Politiker:innen verstärkt auf den Wahlkampf im Netz, bisher allerdings mit mäßigem Erfolg. 

Professionalisierungsschub bleibt aus 

Der Politikwissenschaftler Dr. Bendix Hügelmann berät Parteien, Verbände und Unternehmen zu Fragen digitaler Kommunikation und Kampagnenführung. Auch wenn die Parteien inzwischen mehr Geld in den Online-Wahlkampf investieren, vermisst der Kommunikationsexperte einen Professionalisierungsschub. Insbesondere auf kommunaler Ebene scheitert die Digitalisierung des Wahlkampfes oft an technischen Verständnishürden.

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Die Kandidat:innen sind inzwischen zwar deutlich häufiger auf Instagram, Facebook, Twitter und sogar Tiktok vertreten, nutzen diese Kanäle aber nur selten so, wie sie gedacht sind. Soziale Medien bieten die Möglichkeit, über Jahre treue Communities aufzubauen. Influencern gelinge es, allein durch die Teilhabe ihres Publikums zu relevanten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens zu werden, so Hügelmann. "Politiker tun sich damit offenbar schwer." Auf den digitalen Kanälen geht es nicht darum, das öffentliche Bild zu replizieren, sondern diesem eine private Komponente hinzuzufügen. 

Digitaler Wahlkampf der Kanzlerkandidat:innen

Der Politikwissenschaftler hat in der Vergangenheit bereits einige Kandidatenteams begleitet und beobachtet ein wiederkehrendes Muster: Die Kampagnen aktivieren ihre Plattformen oft zu spät. Die "Community-Building-Phase" findet bereits in den ersten drei Jahren einer Legislaturperiode statt. Auch nach dieser Wahl würden viele Profile allerdings wieder für einige Monate auf Funkstille schalten, vermutet er. 

Hügelmann nimmt vor allem die drei Kanzlerkandidat:innen Olaf Scholz (SPD), Armin Laschet (CDU) und Annalena Baerbock (Bündnis 90/ Die Grünen) in die Pflicht. Sie würden auf Instagram in einer eher "unpersönlichen, steifen Form" auftreten. Persönliche Komponenten sucht man in der Regel vergeblich. Die Profile sind ein Kontrast zum sonstigen Erscheinungsbild der Plattform.

Özdemir, Lindner und Söder: Meister der Selbstinszenierung

Es gibt allerdings auch einige Beispiele: Neben Christian Lindner, welcher bereits im Bundestagswahlkampf 2017 erfolgreich auf eine persönliche Präsentation auf Instagram setzte, findet Hügelmann auch den digitalen Auftritt von Cem Özdemir und Robert Habeck (beide Bündnis 90/ Die Grünen) sowie Markus Söder (CSU) weitestgehend gelungen.

Politiker:innen, die viel Privates preisgeben, ernten zwar insbesondere auf Twitter eine Menge Häme und Spott, können sich aber in den meisten Fällen über steigende Beliebtheitswerte in der Bevölkerung freuen. So gelang es Cem Özdemir aufgrund seiner digitalen Selbstvermarktung seit der letzten Bundestagswahl 72.000 Instagram-Abonnent:innen dazu zu gewinnen. Der negative Ton und das "entkontextualisierte strategische Falschverstehen" sind zwar nicht wünschenswert, aber keine neuen Phänomene und schon ewig Teil des analogen Wahlkampfes, so Hügelmann.

AfD erfolgreich auf Facebook und YouTube

Insbesondere kleinere Parteien scheinen die sozialen Medien zu dominieren. So haben die Oppositionsparteien AfD, Grüne, Linke und FDP auf den meisten Plattformen eine größere Followerschaft als die Regierungsparteien SPD und CDU. Neben ihrem jüngeren Zielgruppe, liegt dies auch an ihrer besonderen Position im digitalen Diskurs. Da sie eine kleinere Basis ansprechen, können Forderungen und Versprechungen oft zugespitzter formulieren werden. Aber: "Negative Campaigning beobachte ich hierzulande bisher kaum. Wenn man mal von dem Matroschka-Spot der SPD und der Reaktion der Union absieht, ist es im Vergleich zu anderen Nationen relativ harmlos", meint Hügelmann

Auch wenn die AfD auf Facebook und Youtube am meisten Abonnent:innen hinter sich versammelt, stört den Politikwissenschaftler das Narrativ einer besonders erfolgreichen digitalen Rechten. Die AfD habe zu Beginn aus einer Notsituation heraus erkannt, dass sie die Öffentlichkeit, die sie braucht, um neue Mitglieder zu generieren, auf herkömmlichen Weg nicht bekommt. Inzwischen stagniert aber auch der digitale Erfolg der Rechtspopulisten.

Likes und Klicks geben keine Rückschlusse auf Wahlausgang

Während die heiße Phase des analogen Wahlkampfes nun langsam Fahrt aufnimmt, wird sich in den verbleibenden drei Wochen bis zur Bundestagswahl im Netz höchstwahrscheinlich kaum etwas an der Wahrnehmung von Parteien und ihrer Kandidat:innen ändern. Wenn nichts weiter schief geht, werden die einzelnen Profile aufgrund des größeren Medieninteresses lediglich leicht an Popularität gewinnen. 

Einen Tipp auf den Wahlausgang vermag Politikwissenschaftler Hügelmann nicht abzugeben. Denn auch wenn eine gelungene digitale Wahlkampfstrategie die Chancen der Kandidat:innen auf einen Platz im deutschen Bundestags sicherlich nicht schmälern, lassen sich von Followern, Klicks und Likes noch keine Wahlergebnisse ableiten.  

Interview Bendix Hügelmann

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Marktplatz – Die Hauptstadtkolumne: Die Roten Socken sind vor allem rote Grütze

Written By: Horst von Buttlar - Sep• 11•21

Rot-rot-grün ist eine realistische Option nach der Bundestagswahl. Die Programme passen an vielen Stellen wunderbar zusammen. Die Beteiligung der Linkspartei im Bund aber wäre vor allem eines: eine Katastrophe.

Die Hürde zu Rot-Rot-Grün wurde inzwischen auf eine seltsame Formel reduziert: Es geht eigentlich nur noch um die NATO. Wenn die Linkspartei diese nicht mehr sofort auflösen will, wäre alles geritzt. Dann muss nur noch der Scholz mitmachen, der angeblich lieber die Ampel will – fertig ist das „progressive Bündnis“, wie es euphemistisch gerne umschrieben wird.

Ich sehe da ja noch viele andere Probleme, und das erste wäre, dass eine Regierung mit der Linkspartei eine Katastrophe für unser Land und den Wirtschaftsstandort wäre. In Moskau dürfte man den Krimsekt bereits kühl stellen und erste Kaviar-Präsentkörbe zu den russischen Hacker- und Trollfarmen schicken.

Horst von Buttlar schreibt hier jede zweite Woche über Politik und Wirtschaft
Horst von Buttlar schreibt hier jede zweite Woche über Politik und Wirtschaft
© Gene Glover

Nein, das sind nicht die „roten Socken“, die man jetzt sofort rausholt. Man muss vor einem solchen Bündnis warnen können, ohne gleich eine Kampagne zu fahren. Dass der Union nicht mehr viel mehr einfällt als „R2G verhindern“, sagt mehr über CDU/CSU aus als über Rot-Rot-Grün. Es ist „erbarmungswürdig“, um ein schönes Wort zu bemühen, das Wolfgang Schäuble einst über die SPD äußerte. Sicher, die Angst vor einer linken Regierung im Bund wird an manchen Orten und Urnen mobilisieren, aber sie verdeckt nur oberflächlich eine gewisse Ausgebranntheit, die man in der Union spürt. Wer dieser Tage mit CDU-Politikern darüber spricht, erntet nicht einmal mehr großen Protest oder Widerstand.

Rot-Rot-Grün bereits Realität – und eine realistische Option

Nun ist es ja so: In den Bundesländern ist die Beteiligung der Linkspartei nicht mehr das ganz große Gespenst, als das es gerne verkauft wird – solche Koalitionen wurden in unterschiedlichsten Konstellationen erprobt und geschmiedet, ohne dass ein Bundesland unterging. Das Land Berlin ist ein Sonderfall, weil hier Ideologie und Inkompetenz bei allen drei Partnern zu finden sind.

Im Bund ist Rot-Rot-Grün ein Szenario, für das es bereits 2013 und 2017 eine Mehrheit gab und auf das Parteistrategen seit Jahren hinarbeiten. Und wenn es nach dem 26. September möglich ist, wird diese Option ausgelotet werden, das passiert ja jetzt schon. Zur Not als Rot-Grün, von der Linkspartei toleriert – von den Parteiprogrammen her würde es, die Außenpolitik einmal ausgenommen, übrigens wunderbar passen.

Es ist die FDP, die nicht zu den Ideen von SPD und Grün passt, denn deren Wahlprogramme sind weder pragmatisch noch bürgerlich oder „Mitte“– als das inszenieren sich lediglich die Kandidaten. Die Programme sind dezidiert links und sehen einen massiven Ausbau der Staatstätigkeit vor, dazu umfangreiche Steuererhöhungen für die oberen zehn Prozent, mehr Regulierung und vor allem: hohe Schulden.

Nicht alles davon ist abenteuerlich und abwegig. Steuererhöhungen werden in mehreren Ländern diskutiert oder umgesetzt, wie dieser Tage auch in Großbritannien. Bei den Investitionen haben die Grünen die richtige Energie und Stoßrichtung: dass einfach mehr investiert werden muss. Und beim Thema Schulden, nun, da muss man die Frage stellen, ob nicht die „Schwarze Null“ längst der falsche Fetisch ist, ein größerer Fehler als eine mögliche „Schuldenorgie“.

Außenpolitische Unzuverlässigkeit

Die NATO ist nur ein Symbol dafür, dass die Linkspartei nach wie vor außenpolitisch unzuverlässig ist und mit vielen Traditionen und Werten unseres Landes bricht: Sie ist Russland gegenüber blind, verklärt oder verherrlicht Diktaturen oder sozialistische Autokratien wie in Venezuela und hofiert Kuba; sie eiert seit Jahren rum, wieviel Recht oder Unrecht es nun in der DDR gab.

Die Aussage von Co-Parteichefin Janine Wissler, die Bundeswehr brauche man quasi nicht, weil Deutschland keine Feinde habe, ist eine geopolitische Realitätsverweigerung. Wissler war bis kurz vor ihrer Wahl Mitglied der Gruppierung Marx21, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird – was einer der Gründe dafür sein dürfte, dass die Linkspartei dieses wichtige Organ abschaffen will. Dass die Linkspartei vor einigen Wochen im Bundestag nicht einmal dem Mandat zur Rettung der Deutschen und Ortskräfte aus Afghanistan zustimmte, ist ein Offenbarungseid, ein Warnzeichen, dass diese Partei niemals die Geschäfte dieses Landes mitführen sollte.

Eine Verschiebung der außenpolitischen Koordinaten wird indes seit Monaten auch unter dem neuen Fraktionschef Rolf Mützenich und der SPD-Spitze vorangetrieben, was oft nur indirekt und scheibchenweise wie beim Streit um die Drohnenbeschaffung nach außen quillt. Und zum Rücktritt mancher SPD-Fachpolitiker geführt hat. Es ist die alte, realitätsferne Inszenierung unseres Landes als „Friedensmacht“, die mit Schlagworten wie „internationale Sozial- und Rohstoffpolitik“, „Abrüstung und Rüstungskontrolle“ sowie „zivile Friedenssicherung“ garniert wird. Interessant ist, wie im Ausland eine rot-rot-grüne Regierung bereits antizipiert wird: als Risiko für Europa nach Jahren, in denen Deutschland für Stabilität gesorgt hat.

Linke Ideen könnten auch Satire sein

Es heißt dann immer, dass Olaf Scholz ja noch da sei, der schließlich Kanzler wäre – aber er wird nicht die ganzen Tassen im Schrank halten können, die seine Genossen den lieben langen Tag rausholen. Zumal es in der ersten und zweiten Reihe der SPD kaum noch Pragmatiker gibt. Einer der wenigen und fähigen ist sein kluger Staatssekretär und Stratege Wolfgang Schmidt, der aber auch im Kanzleramt sitzen würde.

Die meisten Ideen der Linkspartei sind indiskutabel. Im Kern geht es darum, dass alle weniger arbeiten, aber mehr Geld bekommen sollen, außer „die Reichen“ natürlich – Menschen mit einem Vermögen ab 2 Mio. Euro. Die Einkommenssteuer soll auf astronomische Werte von bis zu 75 Prozent geschraubt werden. Viele Ideen sind abenteuerlich, bei manchen muss man erst einmal klären, ob sie nicht doch von der „heute show“ oder dem „Postillon“ kommen – etwa jener Vorstoß von Anfang August, der für Arbeitnehmer hitzefrei ab 26 Grad anregte. Dass das Programm der Linkspartei in einer Parallelwelt entworfen wurde, weiß allerdings auch die SPD.

Bei Geldfragen sind sich SPD, Grüne und Linke relativ einig

Bei zentralen Themen wie Steuern und Rente könnten sich SPD, Grüne und Linkspartei indes schnell einigen: Alle wollen eine Vermögenssteuer oder -abgabe und alle eine Reform der Einkommenssteuer, die Besserverdiener stärker belastet. Nur die Grenzen werden unterschiedlich gezogen, die Linkspartei zieht sie ab 70.000 Euro, die Grünen ab 100.000 Euro, die Sätze variieren von 45 bis zu den genannten 75 Prozent.

Solche Pläne würden auch alle Unternehmerinnen und Unternehmer treffen, die klassische Einkommenssteuer zahlen, also Selbständige und Personengesellschaften – also jene, die elementar für unsere Wirtschaft sind, weil sie bekanntermaßen den Laden am Laufen halten. Man würde die Wirtschaft nicht entfesseln, wie die Grünen im Frühjahr getrommelt haben, sondern ersticken.

Eine große Schwäche einer rot-rot-grünen Koalition wäre die Rentenpolitik, die in den kommenden Jahren zentral wird, weil der demografische Wandel merklich zuschlägt. Alle drei suchen Lösungen allein im gesetzlichen Rentensystem, die Notwenigkeit für eine zweite, kapitalgedeckte Säule wird allenfalls bei den Grünen gesehen. Für SPD und Linkspartei sind das Zockereien der Wall Street.

Schämen sich reiche Unternehmer für ihr Vermögen?

Ein Linksbündnis steht vor einem großen Widerspruch: Olaf Scholz wird nicht müde zu betonen, dass die großen Umwälzungen – etwa die Investitionen in den Klimaschutz – mit privatem Kapital gehebelt werden müssen. Allein Deutschland braucht laut einer Studie von BCG Mehrinvestitionen in Höhe von 1,5 bis 2,3 Billionen Euro bis 2050, das sind 1,2 bis 1,8 Prozent des BIP pro Jahr. Wie aber das Kapital locken, ja sich mit ihm verbünden, wenn man es am liebsten verjagen oder wegbesteuern will? Ach so, der Scholz, der wäre ja auch noch da.

Interessant ist, dass eine Vermögensabgabe oder höhere Steuern für die obersten fünf bis zehn Prozent nicht überall unter diesen fünf bis zehn Prozent abgelehnt werden. In vielen Gesprächen mit Unternehmerinnen und Investoren hörte ich oft diese Botschaft: Sie sollen es machen, dann haben wir es hinter uns. Oder: Ich würde mehr zahlen. Oder: Ich kann das verstehen. Gerade die Werte von Immobilien und Aktien sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, dass viele Menschen ihr Vermögen so erheblich vermehrt haben, dass es ihnen selbst etwas unangenehm ist.

Das aber heißt nicht, dass Rot-Rot-Grün die richtigen Ideen für unser Land hat. Man muss sich zu Recht vor einem solchen Bündnis Sorgen machen.

„Sie läuft. Er rennt“: Stiller Killer: Warum Thrombosen so gefährlich sind

Written By: Alexandra Kraft - Sep• 11•21

Viele tausend Deutsche erkranken jährlich an Thrombosen in den Beinen. Auch Läuferinnen und Läufer sind gefährdet. Schon kleine Verletzungen können Auslöser sein. Ein Erfahrungsbericht.

Hören Sie den Podcast hier oder direkt bei Audio NowSpotify, iTunes und weiteren Podcast-Anbietern.

Manche Geschichten sind persönlich. So wie diese hier auch. In dieser Woche geht es in unserem Podcast "Sie läuft. Er rennt." auch um Mike Kleiß und was er erlebt hat. Vor vier Jahren traf es ihn: Thrombose in der Kniekehle. Als durchtrainierter Läufer hatte er nicht damit gerechnet, dass ein solches Blutgerinnsel ihn treffen könnte. "Ich Thrombose? Niemals", hatte er gedacht.

Haut mit Yael Adler 14.12

Nun hatte es ihn aber doch erwischt. Seiner Fitness und den täglichen Laufrunden zum Trotz. Die größte Gefahr einer solchen Thrombose in der Beinvene ist, dass sich daraus eine oft tödliche Lungenembolie entwickeln kann. Wie Mike Kleiß damals bald lernte, sterben in Deutschland pro Jahr zwischen 40.000 bis 100.000 Menschen an den Folgen von Thrombosen. Darunter auch viele gesunde und sehr fitte Läuferinnen und Läufer. Was die wenigsten wissen: Schon nach kleinen Verletzungen, wie zum Beispiel einem leichten Umknicken, steigt die Gefahr, eine Thrombose zu entwickeln. Blutgerinnsel treten oft noch Wochen nach der eigentlichen Verletzung auf.

Das Wissen über Thrombosen ist gering

Bei diesem Thema ist der Aufklärungsbedarf enorm groß. Deswegen haben wir uns in der neuen Folge darüber unterhalten, wie eine Thrombose entsteht, wie man sie erkennt und behandelt. Mike Kleiß erzählt ausführlich von seinen Erfahrungen. Auch bei ihm entwickelte sich aus der Thrombose später eine Lungenembolie. Damals lernte er: Es ist eine der größten Dummheiten, zu glauben, als Läuferin oder Läufer alles herauslaufen zu können. 

Artikel in Physik-Fachmagazin : „Der 11. September war eine kontrollierte Sprengung“

Written By: Finn Rütten - Sep• 11•21

Das World Trade Center stürzte nicht wegen der starken Feuer in sich zusammen, sondern wurde kontrolliert gesprengt, behaupten vier Wissenschaftler kurz vor dem 15. Jahrestag der Anschläge. Das Erstaunliche: Die waghalsige These wurde in einem renommierten Physik-Fachmagazin veröffentlicht.

Um kaum ein Ereignis ranken sich so viele Verschwörungstheorien wie um die Terroranschläge vom 11. September. In den USA gibt es eine ganze Bewegung, die die offizielle Version der Geschehnisse anzweifelt, die selbsternannten "Truther". Vier dieser Skeptiker haben nun einen sehr kritischen Artikel zu den Ereignissen in New York verfasst, den das renommierte Fachjournal "EuroPhysicsNews" (EPN) am 28. August anlässlich des anstehenden  Jahrestages veröffentlichte. Darin sagen die vier Autoren, dass "die Beweise überwältigend auf die Schlussfolgerung hindeuten, dass alle drei Gebäude mit einer kontrollierten Sprengung zerstört wurden". 

Das Fachblatt weiß natürlich um die Explosivität der Anschuldigungen und die damit verbundenen Kontroversen. Das Blatt ist schließlich nicht irgendein Verschwörungs-Flyer, es wird von der European Physical Society (EPS) herausgegeben - das ist der Dachverband der europäischen Physikgesellschaften, zu der auch die Deutsche Physikalische Gesellschaft gehört. Die Herausgeber des Blattes setzen dem Artikel eine kurze einordnende Notiz voraus. Der Text sei "etwas anders" als die üblichen "ausschließlich wissenschaftlichen Artikel", da er "einige Spekulationen" enthalte. "Dennoch mit Blick auf das Timing und die Wichtigkeit des Themas, sehen wir diesen Aufsatz als ausreichend wissenschaftlich und interessant genug an, dass er eine Veröffentlichung für unsere Leser rechtfertigt."

"Feuer ließen nie einen Wolkenkratzer kollabieren"

Verschwörung 11. Sepember 20.12Unter dem Titel "15 Jahre später: Über die Physik von Hochhaus-Einstürzen" greifen die vier Autoren - allesamt keine Unbekannten in der "Truther"-Szene – die offizielle Variante scharf an. Der 2008 erschienene Bericht des National Institute of Standards and Technology (NIST) gibt die starken Feuer in den drei Gebäuden als hauptsächliche Einsturzursache an, bei den Zwillingstürmen habe auch die Erschütterung durch die Einschläge der Flugzeuge eine Rolle gespielt. Dies ist der Hauptangriffspunkt des Fachartikels, denn: "Weder vor noch nach 9/11 haben Feuer zu einem totalen Einsturz eines Stahlträger-Wolkenkratzers geführt", heißt es in dem Artikel.

Viele solcher Gebäude hätten bereits lange und stark gebrannt, ohne hinterher einzustürzen. Als ein Beispiel führen sie das World Trade Center 5 an, das an jenem Tag acht Stunden gebrannt habe, ohne einzustürzen. Abgesehen von einem Erdbeben in Mexiko 1985 sei überhaupt noch nie so ein Gebäude durch etwas anderes eingestürzt, als durch eine kontrollierte Sprengung – zumeist mit sehr heiß brennendem Nanothermit und Dynamit. Eben so eine Aktion, "controlled demolition", vermuten die Autoren auch hinter dem 11. September.

Saudi Arabien 11. September Finanzierung Attentäter 14.50Die Wissenschaftler führen Gründe auf, warum Stahlträger-Gebäude nicht durch Feuer einstürzen würden. Die Temperaturen normaler Feuer würden dafür nicht ausreichen, die Säulen seien zudem gesondert davor geschützt. Im Falle der World-Trade-Center-Türme sprächen außerdem die Geschwindigkeiten des Einsturzes – teilweise freier Fall – gegen einen feuerbedingten Einsturz. Auch Bilder vom Kollaps, auf denen ihrer Meinung nach Auswirkungen von Explosionen und von Nanothermiteinsatz zu sehen sind, führen die Autoren an, sowie Zeugenaussagen von Ersthelfern und Menschen vor Ort, die von zahlreichen Explosionen berichteten.

Alte Spekulationen, erstmals in renommiertem Fachblatt

Neu sind all diese Spekulationen nicht. Neu ist lediglich, dass ein renommiertes Fachmagazin eben jenen eine Bühne gibt. Der Hauptautor Steven Jones, ein Physikprofessor im Ruhestand, wurde für seine umstrittenen Thesen zum 11. September von seiner Universität 2006 vorzeitig in den Ruhestand versetzt. Neben ihm schrieben auch der pensionierte kanadische Ingenieur-Wissenschaftsprofessor Robert Korol an dem Artikel mit sowie die Ingenieure Anthony Szamboti und Ted Walter. Letzterer ist in leitender Position in der Organisation "Architects & Engineers for 9/11 Truth" tätig. Diese repräsentiert nach eigenen Angaben 2500 Architekten und Ingenieure, die die offizielle Version zum 11. September anzweifeln.

Verschwörungstheorien_17UhrDie These der kontrollierten Sprengung wird von Verschwörungstheoretikern in der Regel in Verbindung mit der "False-Flag"-Theorie vertreten. Demnach hätten US-Geheimdienste den Tod von rund 3000 Bürgern selbst zu verantworten, um damit die anschließenden Kriege im Mittleren Osten zu rechtfertigen. Diese gewagten Behauptungen sprechen die Autoren des Fachartikels zwar nicht direkt aus. Sie zweifeln zunächst lediglich die offizielle Version an und fordern "neue, unabhängige Untersuchungen, die auch die Möglichkeit einer kontrollierten Sprengung in Betracht ziehen". Damit implizieren sie indirekt allerdings jene Verschwörungstheorie.

Hinweis der Redaktion: Dieser Artikel erschien erstmals im September 2016.

11. September 2001: Diese 9/11-Verschwörungstheorien halten sich bis heute hartnäckig

Written By: Finn Rütten - Sep• 11•21

Um kaum ein Ereignis ranken sich derart viele Verschwörungstheorien wie um den 11. September 2001. Auch 20 Jahre nach den verheerenden Terroranschlägen halten sich einige von ihnen hartnäckig – seien sie auch noch so abwegig.

Etwa 3000 Menschen starben bei den Terroranschlägen vom 11. September 2001. Eine Gruppe von 19 Al-Kaida-Terroristen entführte an diesem Tag vier Passagiermaschinen und steuerte sie absichtlich in Gebäude. Zwei trafen die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York, eine das Pentagon, die vierte stürzte rund 100 Kilometer östlich von Pittsburgh ab, als Passagiere versuchten in das Cockpit zu den Entführern zu gelangen. Kurz nach den Einschlägen in New York kollabierten die beiden Türme nacheinander, die meisten der Opfer kamen dort ums Leben. Der von Osama bin Laden initiierte Terroranschlag war der verheerendste in der jüngeren Geschichte - und bis heute der, um den sich die meisten Verschwörungstheorien ranken.

teaser-VÖAuch 20 Jahre nach den Anschlägen sehen viele Menschen die in ihren Augen wahren Hintergründe der Ereignisse weiter im Dunklen. In den USA gibt es eine ganze Bewegung, die die offizielle Version der Geschehnisse anzweifelt, die selbsternannten "Truther". Durch das Internet haben sie ihre Ideen in der ganzen Welt verbreitet. Manchmal wird die offizielle Version lediglich angezweifelt, ohne wirklich eine Gegenthese zu präsentieren, manchmal wird gleich eine allumfassende Verschwörung gesponnen.

"Der 11. September war eine kontrollierte Sprengung"

Bereits wenige Tage nach den Anschlägen fingen Menschen an, das hohe Einsturztempo der Türme zum Anlass für Zweifel zu nehmen. So schnell würden Gebäude nur bei kontrollierten Sprengungen in sich zusammenstürzen, so der Tenor der Verschwörungstheoretiker bis heute. Neuen Auftrieb bekam diese These 2016 mit einem Artikel im renommierten Fachjournal "EuroPhysicsNews" (EPN). Darin durften vier Autoren – allesamt keine Unbekannten in der "Truther"-Szene – ausführen, dass "die Beweise überwältigend auf die Schlussfolgerung hindeuten, dass alle drei Gebäude mit einer kontrollierten Sprengung zerstört wurden". Mit "alle drei Gebäude" ist auch das World Trade Center 7 gemeint, ein deutlich kleineres Hochhaus, das am frühen Abend des 11. September 2001 kollabierte. Da es nicht von einem Flugzeug getroffen wurde, ist es das liebste Ziel der Verschwörungstheoretiker.

In dem Fachblattartikel - dem die Herausgeber sicherheitshalber einen Disclaimer voransetzten, dass der Text "einige Spekulationen" enthalte, aber "ausreichend wissenschaftlich" sei - wird vor allem die im offiziellen Untersuchungsbericht genannte Einsturzursache angegriffen. Diese ist nämlich für alle drei Gebäude: langanhaltende Feuer. Dagegen argumentieren die Skeptiker, Feuer allein hätten noch nie Stahlträgergebäude kollabieren lassen. Viele solcher Gebäude hätten bereits lange und stark gebrannt, ohne hinterher einzustürzen. Als ein Beispiel führen sie das World Trade Center 5 an, das an jenem Tag acht Stunden gebrannt habe, ohne einzustürzen. Abgesehen von einem Erdbeben in Mexiko 1985 sei überhaupt noch nie so ein Gebäude durch etwas anderes eingestürzt, als durch eine kontrollierte Sprengung. Der Untersuchungsbericht nennt die Feuer zwar als primäre Ursache, verweist jedoch auch auf die Einschläge der Flugzeuge bei den Zwillingstürmen und bei WTC 7 auf starke Zerstörungen durch herabstürzende Trümmerteile.

"Inside Job"-Theorie

Während die Autoren des Artikels vom vorvergangenen Jahr lediglich die offizielle Version anzweifeln, ohne eigene Erklärungen zu liefern, meinen viele Skeptiker, selbst durchschaut zu haben, was damals angeblich tatsächlich passiert sein soll. 9/11 war ein "Inside-Job", sind sich viele Verschwörungstheoretiker sicher. Demzufolge habe die US-Regierung die Anschläge selbst in Auftrag gegeben, um die nachfolgenden Invasionskriege im Nahen Osten zu rechtfertigen und die Bevölkerung zu überwachen.

"Let it Happen"-Theorie

Ein abgeschwächte Form davon ist die "Let it Happen"-These. Demnach habe die US-Regierung von den Anschlagsplänen gewusst, sie aber geschehen lassen, um danach ihre Kriegsagenda vorantreiben zu können. Als Kriegsgründe führen die sogenannten 9/11-Skeptiker strategische Interessen wie Sicherung der Ölressourcen und der US-Einflussbereiche an. Um das zu ermöglichen, soll die US-Luftverteidigung den Befehl erhalten haben, nicht in die Geschehnisse einzugreifen. Dass die Abfangjets der Luftwaffe entweder zu spät kamen oder erst gar nicht losflogen, wird mittlerweile mit mangelhaften Abläufen begründet.

Die Börsen-Theorie

Verschwörungstheorien_17UhrEine weitere, unter Verschwörungstheoretikern beliebte Hypothese lautet, dass es bei den Anschlägen um das schnelle Geld ging. Gesichert ist, dass es in den Tagen vor und am 11. September 2001 Insiderhandel mit den Aktien der betroffenen Fluggesellschaft American Airlines und United Airlines gegeben hat. Nur von wem und wie ist bis heute unklar. Hartnäckig halten sich Gerüchte, nach denen Terroristenführer Osama bin Laden selbst auf fallende Kurse gesetzt habe und einen beträchtlichen Gewinn gemacht haben soll. Nachweisen konnte man es ihm nie. Die beiden Airlines hatten allerdings schon vor den Anschlägen den Boden für fallende Kurse bereitet: American Airlines beispielsweise hatte unmittelbar vor den Anschlägen eine Gewinnwarnung veröffentlicht - was Investoren im Allgemeinen dazu veranlasst, ihre Anteile zu verkaufen.

"No Plane"-Theorie

Während die vorangegangenen Theorien zwar sehr weit hergeholt sind, sich aber zumindest noch im Rahmen des theoretisch Möglichen bewegen, zeigt die "No Plane"-Theorie ("Keine Flugzeuge"), wie abwegig es im Verschwörungssumpf zugehen kann. Demnach haben nämlich niemals Flugzeuge das World Trade Center oder das Pentagon getroffen. Die weltweit live ausgestrahlten TV-Bilder aus New York seien allesamt vom US-amerikanischen militärisch-industriellen Komplex manipuliert und für die zahlreichen Augenzeugenberichte seien Agenten eingesetzt worden. Die "No Plane"-Theorie ist so abwegig, dass sich viele Wortführer der "Truther" öffentlich davon distanziert haben und sie als schädliche Desinformation bezeichneten, die von ihrer eigenen - in ihren Augen deutlich plausibleren - Argumentation ablenken würde.

+++ Die Fluglinien United Airlines und American Airlines, deren Flugzeuge in das World Trade Center flogen, mussten dem Besitzer der Gebäude fast 100 Millionen Dollar Entschädigung zahlen +++ 

Das Problem mit den Verschwörungstheorien

Wie bei den allermeisten Verschwörungstheorien haben auch die zum 11. September ein entscheidendes Problem: Es hätten teils sehr viele Menschen eingeweiht sein müssen. Der Oxford-Wissenschaftler David Robert Grimes hat dazu ein mathematisches Modell entwickelt, das zeigen soll, wie unwahrscheinlich solche Theorien dadurch werden. Grob umrissen geht es dabei um die Frage, ob eine Verschwörung über längere Zeit geheim gehalten werden kann. Entscheidend für die Formel ist die Anzahl der eingeweihten Personen. Denn je mehr Menschen davon wissen, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass das Geheimnis auffliegt. Die angeblich nur inszenierte Mondlandung etwa mit damals rund 400.000 Mitwissern (Nasa-Mitarbeiter) hätte spätestens nach drei Jahren und acht Monaten auffliegen müssen, so die Berechnung. Doch ob die Anhänger solcher Theorien wirklich empfänglich für wissenschaftliche Argumente sind, zweifelt Forscher Grimes selbst in seiner Abhandlung an.