Überschätzte Regeln: Die Corona-Beschlüsse haben höchstens Symbolkraft – denn es liegt nur an uns

Written By: Tim Sohr - Okt• 15•20

Ganz Deutschland diskutiert die neuen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Dabei hat sich an den grundsätzlichen Regeln schon seit Monaten kaum etwas geändert. An der Haltung in der Bevölkerung allerdings schon – und das ist die Gefahr.

Also wurden wieder einmal neue Grenzwerte gesetzt, Sperrstunden ausgerufen, ein paar Rechte beschränkt und Pflichten verschäft. Business as usual beim gestrigen Corona-Gipfeltreffen von Bund und Ländern in Berlin. Von der "historischen Dimension", die Kanzleramtschef Helge Braun vorher beschworen hatte, keine Spur. Denn in ähnlicher Form haben wir das alles in den vergangenen Pandemie-Monaten schon mal gehört.

Mit einer anderen Bemerkung, die Braun heute im ARD-"Morgenmagazin" getätigt hat, liegt er dafür umso richtiger – die Beschlüsse seien ein wichtiger Schritt, würden aber vermutlich nicht ausreichen: "Und deshalb kommt's jetzt auf die Bevölkerung an. Dass wir nicht nur gucken: Was darf ich jetzt? Sondern wir müssen im Grunde genommen alle mehr machen und vorsichtiger sein als das, was die Ministerpräsidenten gestern beschlossen haben."

Corona-Maßnahmen: Ein großes "Einerseits/Andererseits"

Ein ziemlich entscheidender Punkt: Manche gültigen Regeln, wie beispielsweise die Maskenpflicht zu bestimmten Uhrzeiten und ausgewählten Straßenabschnitten zwischen beispielsweise den Hausnummern 16 und 38, sind in ihrer Absurdität kaum einzuhalten und erst recht nicht zu überprüfen. Andere dagegen, wie die massiven Beschränkungen für Feiern, sind ausgesprochen bedauerlich, ergeben bei näherer Betrachtung aber immerhin Sinn. Und wie so oft in dieser Pandemie bergen auch die aktuellsten Beschlüsse ein großes "Einerseits/Andererseits".

PAID STERN 2020_43 Leben mit 90 Prozent_10.20UhrAber eigentlich darf es für jeden einzelnen von uns auch gar keine Rolle spielen, was die Politik vorgibt, solange die Situation so alarmierend ist wie zurzeit. Denn in gewisser Weise überschätzen wir gerade jede neue Wasserstandsmeldung aus Landtag oder Kanzleramt – denn: Wer seine Maske bei Hausnummer 39 absetzt, hat ohnehin nicht verstanden, worum es geht. Und dass eine radikale Ansage wie jene von Präsident Macron an das französische Volk hierzulande um jeden Preis vermieden wird, liegt nicht nur am Föderalismus.

Die Politik in Deutschland traut ihren Bürgern ausreichend Disziplin zu, um nicht einen Lockdown wie in anderen Ländern bemühen zu müssen – und zumindest im Frühjahr wurde sie in dieser Annahme bestätigt. Aber die Geduld der Bürger, erst recht in diffuser Lage und angesichts wachsender (Existenz-)Ängste und Sorgen ist endlich, und hier lauert die große Gefahr für die nächste Zeit.

Weshalb den Beschlüssen von Berlin, die sich um Sperrstunden oder Beherbergungsverbote drehen, für Wirtschaft und kleine wie große Unternehmer kaum größere Bedeutung innewohnen könnte – jene Vorgaben aber, die uns als Privatpersonen betreffen, haben höchstens Symbolkraft. Weil sie selbstverständlich sein sollten in dieser Zeit, da es darum geht, Risikopatienten zu schützen oder gefährdete Existenzen zu retten. Und sie werden sich mindestens bis zum Impfstoff nicht ändern.

Es liegt also an uns. Die Maßnahmen bleiben jedenfalls der einzige Beitrag, den wir leisten können, diesem Horror so schnell wie möglich ein Ende zu setzen.

US-Wahl 2020: Wiederholt sich die Überraschung von 2016? Was Umfragen über die Präsidentschaftswahl verraten

Written By: Niels Kruse - Okt• 12•20

Wie vor vier Jahren liegt Donald Trump in den Umfragen zurück – und dennoch gewann er damals. Könnte sich 2016 wiederholen? Auszuschließen ist das nicht, allerdings ist vieles anders als bei der vergangenen Präsidentschaftswahl.

Zu diesem Zeitpunkt vor vier Jahren schien Donald Trump erledigt zu sein. Das "Access-Hollywood-Tape", auf dem der Kandidat erzählt, dass er als Promi jeder Frau zwischen die Beine greifen könne, hatte seine Wirkung entfaltet: Die Menschen waren entsetzt. Hatte er kurz zuvor in den Umfragen seine Kontrahentin Hillary Clinton fast eingeholt, ging es nun wieder bergab für ihn. Teilweise mehr als zehn Prozentpunkte lag er plötzlich hinter der Demokratin – die Wahl ging dennoch zu seinen Gunsten aus.PAID US Wahlkampf Arizona 13.05

Mehr als zehn Prozentpunkte ist auch der Vorsprung, den Trumps Gegner Joe Biden aktuell hat. Trump und seine Anhänger hoffen darauf, dass die Umfragen danebenliegen oder dass es wie 2016 wieder eine überraschende Wende geben wird. Doch der Blick auf Details enthüllt eine etwas andere Lage – eine, die dem US-Präsidenten und seinen Leuten nicht gefallen dürfte. Auch wenn für ihn die herkömmlichen Politgesetze nicht zu gelten scheinen, schwinden seine Erfolgschancen derzeit. Wahlstatistiker wie Nate Silver haben ausgerechnet, dass er nur in 14 von 100 Szenarien die Abstimmung für sich entscheiden kann.

Biden liegt in Swing States klar vor Trump

Die Swing-States: US-Präsidentschaftswahlen entscheiden sich in den so genannten Battleground-States. Im US-Wahlsystem gilt es, die meisten Stimmen in einzelnen Bundesstaaten und damit die dortigen Wahlleute zu gewinnen. Florida, Pennsylvania, Ohio und North Carolina zählen traditionell zu den umkämpften Staaten. Auch dieses Jahr gilt: Wer am 3. November als Sieger aus dem Rennen hervorgehen will, sollte mindestens drei der vier genannten Staaten gewinnen. Etwa Pennsylvania: 2016 holte Trump dort rund 43.000 Stimmen mehr als Clinton – bei rund sechs Millionen abgegebenen Stimmen. 

Obwohl Donald Trump dort in den ländlichen Gebieten immer noch beliebt ist, hat ihn Joe Biden in den Umfragen abhängt. Der Demokrat wird hier, anders als Hillary Clinton, schon allein deswegen gemocht, weil er selbst aus dem industriell geprägten Bundesstaat stammt. Auch in fast allen anderen Battleground States rangiert Biden als Herausforderer vor dem Amtsinhaber: In Wisconsin und Michigan zwischen fünf und sieben, im wichtigen Florida knapp vier, in North Carolina 1,4 und in Ohio hauchzarte 0,6 Prozentpunkte. Selbst in eigentlich konservativen Hochburgen wie Georgia könnte es dieses Jahr eng werden für den Republikaner. Kurzum: In den wahlentscheidenden Staaten sieht es derzeit nicht gut aus für Donald Trump.

Die Wählergruppen. Auch hier hat US-Präsident Nachholbedarf: Vor vier Jahren waren es neben den Älteren vor allem weiße Männer ohne Collegeausbildung (in Deutschland am ehesten vergleichbar mit Männern mit mittlerem Schulabschluss), die Trump gewählt haben. Doch bei diesen Wählergruppen verliert Trump zunehmend – und zwar zur gleichen Zeit, in der Biden bei den wahlentscheidenden Gruppen wie Frauen zulegen kann. Auch in eher Republikaner-freundlichen Umfragen liegt der Anteil weiblicher Trump-Wähler teilweise bis zu 20 Prozentpunkte hinter den männlichen Anhängern. 2016 hatten noch deutlich mehr Frauen den jetzigen US-Präsidenten gewählt. Ähnliches gilt auch für schwarze Wähler.Inside America Folge 7 10.10

Joe Biden. Wie gesagt: In den USA ist es nicht entscheidend, welcher Kandidat landesweit die meisten Stimmen holt, sondern wer die meisten Wahlleute aus den Bundesstaaten zugeschlagen bekommt. Und doch macht ein Blick auf die durchschnittlichen Beliebtheitswerte weitere Unterschiede zu 2016 deutlich. Damals wie heute liegt der jeweilige demokratische Kandidat in den Umfragen vor Donald Trump. Während Joe Biden jedoch konstant und seit Beginn seiner Kandidatur deutlich in Führung lag, war Hillary Clintons Kurve ein ständiges Auf und Ab. Fünf Mal zwischen Anfang 2016 und der Wahl im November lag sie mit dem Republikaner auf Augenhöhe, einmal konnte er sie sogar für einige Tage als Wunschkandidat der Amerikaner für das Weiße Haus hinter sich lassen. Anders gesagt: Hillary Clinton war nie annähernd so beliebt wie es Joe Biden jetzt ist.

Trumps Politik. Die Zustimmungsraten zur Politik des Präsidenten sind wie ein langer ruhiger Fluss. Seit Amtsantritt unterstützen stets um die 40 Prozent der Amerikaner seinen Kurs – ein für US-Präsidenten nicht unbedingt hoher, aber ein erstaunlich konstanter Wert. Genau das aber wird für Trump gerade zum Problem: Denn diese Zustimmungsrate, aktuell sind es 44,5 Prozent, reicht nicht, um wiedergewählt zu werden. Konnte der US-Präsident bis Anfang des Jahres mit der Wirtschaft punkten, hat ihm die Corona-Pandemie diesen großen Trumpf aus der Hand genommen. Überhaupt lasten ihm viele Amerikaner die desaströse Virusbekämpfung persönlich an – erst recht, seitdem bekannt geworden ist, dass er sich selbst infiziert hat. 

Gibt es den "scheuen Trump-Wähler"?

Bis zur Wahl sind es noch drei Wochen und erst dann wird sich entscheiden, wen die Amerikaner als nächsten Präsidenten haben wollen. Möglicherweise gibt es den so genannten "scheuen Trump-Wahler" tatsächlich, der in Umfragen seine echte Wahlabsicht verheimlicht und am Wahltag für eine Überraschung sorgt. Nach aktuellem Stand aber spricht alles dafür, dass es der Amtsinhaber auf regulärem Weg eher schwer haben wird, wiedergewählt zu werden. 

Quellen: RealClearPolitics, FiveThirtyEight, Rutgers, "The Economist", US Election Atlas, Tagesschau

US-Supreme Court: Amy Coney Barrett vor Senatsanhörung: Was für das liberale Amerika auf dem Spiel steht

Written By: Leonie Scheuble - Okt• 12•20

Mit ihrer Ernennung könnte die Juristin Barrett den Obersten US-Gerichtshof deutlich nach rechts rücken. Nun beginnt die Anhörung von Donald Trumps Favoritin im Senat.

Die sogenannte "Supreme Court Battle" geht in die heiße Phase: Im Justizausschuss des US-Senats hat an diesem Montag die mehrtägige Anhörung der konservativen Juristin Amy Coney Barrett begonnen. Am ersten Tag soll die Kandidatin von Präsident Donald Trump zunächst vorgestellt werden, am Dienstag geht es mit der Befragung von Barrett weiter. Warum für das liberale Amerika viel auf dem Spiel stehen könnte – ein Überblick.

Warum ist die Supreme Court Battle so wichtig?

Trump hatte Barrett als Nachfolgerin der verstorbenen liberalen Richterin Ruth Bader Ginsburg nominiert. Die 48-Jährige war bislang Bundes-Berufungsrichterin in Chicago, ist bekennende Katholikin und Mutter von sieben Kindern. Mit ihrer Ernennung bekämen die Konservativen im Supreme Court eine dominierende Mehrheit von sechs der insgesamt neun Sitze am Gericht. Besonders bei Rechtsstreitigkeiten zu politisch umkämpften Fragen wie Einwanderung, das Recht auf Abtreibung oder Gesundheitsversorgung hat das Gericht oft das letzte Wort.

Der Präsident und die Republikaner im Senat wollen Barrett daher um jeden Preis noch vor der Präsidentschaftswahl am 3. November ins Oberste Gericht bringen. Trump machte keinen Hehl daraus, dass es ihm dabei auch um mögliche gerichtliche Auseinandersetzungen zur Auszählung der Stimmen bei der Wahl geht. Im Gegensatz dazu fordern die Demokraten um Joe Biden, dass erst der Wahlsieger über Ginsburgs Nachfolge entscheiden soll. Ein entscheidender Faktor ist dabei Barretts Alter: Die Juristin ist 48 Jahre alt und könnte lange am Gericht bleiben, da die Richter auf Lebenszeit bestimmt werden.

PAID US Wahlkampf Arizona 13.05

Das Ende von "Roe v. Wade"

Viele liberale Amerikaner fürchten, dass eine konservative Mehrheit mit Barrett das Ende von "Roe v. Wade" bedeuten könnte. Das wegweisende Urteil des Obersten Gerichts aus dem Jahr 1973 schützt das Recht von Frauen, selbst über eine Abtreibung zu entscheiden. Die Rechtsprechung ist jedoch umstritten: In konservativen Kreisen wünschen sich viele eine Umkehr des damaligen Urteils.

Die Demokraten sind alarmiert. Barrett selbst ist überzeugte Abtreibungsgegnerin und tief religiös. Zudem sprach sie sich in einem Artikel dafür aus, dass das Oberste Gericht grundsätzlich nicht davor zurückschrecken sollte, seine früheren Entscheidungen zu überprüfen. Eine Richterin am Supreme Court solle in erster Linie der Verfassung Geltung verschaffen und nicht Präzedenzfällen, die nach ihrer Überzeugung klar in Konflikt mit dieser stünden, schrieb die Juristin 2013 in einem Artikel für die "Texas Law Review". Demokraten, Frauenverbände und Menschenrechtler befürchten, dass Trumps Kandidatin mit ihrer Denkschule der "Originalisten", also der textgetreuen Auslegung der amerikanischen Verfassung, und ihrem strikten Ablehnen von Abtreibungen aus religiöser Überzeugung "Roe v. Wade" kippen könnte.

Rechte für homo- und transsexuelle Menschen in Gefahr

Zudem wird befürchtet, dass Barretts religiöse Überzeugungen auch Auswirkungen auf die Rechte von LGBTQ-Menschen haben könnten. In ihrer Zeit als Jura-Professorin an der katholischen Universität Notre Dame sagte sie in einer Vorlesung, eine Karriere in der Justiz sei immer nur ein "Mittel zum Zweck" und das Ziel sei es, "das Reich Gottes aufzubauen".

Barrett gilt nicht nur als überzeugte Katholikin, sie hat auch Verbindungen zu der christlichen Sekte "People of Praise". Diese Erneuerungsbewegung innerhalb der katholischen Kirche setzt sich stark für traditionelle Rollenbilder ein. Die Demokraten befürchten, dass Barrett die Glaubensfreiheit daher deutlich weiter auslegen könnte – zulasten der Rechte von Homo- und Transsexuellen.

Die Abschaffung von Obamacare

Die Demokraten sehen bei Barretts Ernennung auch die Reform des Gesundheitswesens von Ex-Präsident Barack Obama in Gefahr. Zwar wurde "Obamacare" im Obersten Gericht knapp bestätigt, die Trump-Regierung versucht jedoch das Urteil zu kippen.

Barrett hatte die Rechtsprechung 2017 offen kritisiert: John Roberts, der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, habe das Gesetz "über dessen plausible Bedeutung hinaus" ausgedehnt, um es zu retten, schrieb sie in einem Beitrag für eine juristische Fachzeitschrift.

Verschärfung der Einwanderungspolitik

Die Demokraten befürchten zudem, dass Barrett der Trump-Regierung helfen könnte, das Schutzprogramm für rund 700.000 junge Migranten zu beenden. Das von Obama begonnene Programm (Daca) schützt junge Migranten, die als Kinder illegal mit ihren Eltern in die USA eingereist waren, vor einer Abschiebung.

Als Berufungsrichterin half Barrett, eine der wichtigsten Einwanderungspolitiken von Trump voranzutreiben: Sie unterstützte die Regierung dabei, einen Vermögenstest für Migranten durchzusetzen. In ihrer 40-seitigen Begründung erläuterte die Juristin, warum die USA das Recht habe, Menschen nicht aufzunehmen, die in Zukunft von öffentlicher Unterstützung abhängig werden könnten.

Was ist bei der ersten Anhörung zu erwarten?

Die Demokraten wollen bei der Anhörung versuchen zu beweisen, dass sich Barrett am Supreme Court nicht von ihren Überzeugungen lösen kann. So stand ihr Name 2006 unter einer Zeitungsanzeige gegen Abtreibungen. Das wurde in Unterlagen für den Ausschuss zunächst nicht erwähnt – und erst am Freitag nach Medienberichten, die darauf hinwiesen, nachgeholt. "Sie hat Ansichten, die sie für einen Posten am Obersten Gericht disqualifizieren", sagte der demokratische Senator Chris Coons in einem TV-Interview.

Barrett versicherte in ihrer vorab bekanntgewordenen Stellungnahme, sie werde stets strikt dem Gesetz folgen. Sie betonte, dass ihre religiösen Einstellungen sie nicht davon abhielten, faire und juristisch einwandfreie Urteile zu sprechen. Zugleich legte sie ihr Verständnis von der Rolle der Gerichte dar: "Politische Entscheidungen und Werturteile über die Regierung müssen von den politischen Gewalten vorgenommen werden, die das Volk gewählt hat und die dem Volk gegenüber verantwortlich sind", erklärte Barrett. "Die Öffentlichkeit sollte dies nicht von den Gerichten erwarten und die Gerichte sollten es nicht versuchen."

PAID: Evangelikale - 13.20

Die Anhörung steht im Schatten des Coronavirus: Zwei republikanische Senatoren, Thom Tillis und Mike Lee, sind positiv getestet worden. Zwar können sie an den Anhörungen online teilnehmen, für Abstimmungen muss aber eine Mehrheit der 22 Ausschuss-Mitglieder anwesend sein. Der demokratische Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, kündigte am Sonntag an, dass die Demokraten eher der Sitzung des Ausschusses fernbleiben würden, als den Republikanern mit ihrer Anwesenheit das nötige Quorum für eine Entscheidung zu geben.

Die Richter werden vom Präsidenten vorgeschlagen und vom Senat ernannt. Die Republikaner halten im Senat 53 der 100 Sitze. Bisher hatten sich zwei republikanische Senatorinnen dagegen ausgesprochen, über Barrett vor der Wahl abzustimmen. Die Republikaner können sich noch einen weiteren Abweichler leisten: Bei einem Patt von 50 zu 50 Stimmen kann Vizepräsident Mike Pence auf ihrer Seite eingreifen.

Quellen: "New York Times", BBC, mit Material der Nachrichtenagentur DPA

Virales Foto von David Weissmann: Er wählte Donald Trump und bezeichnete sich als „rechten Juden“. Jetzt ist er Biden-Fan

Written By: Rebecca Baden - Okt• 12•20

Vor vier Jahren unterstützte David Weissman Donald Trump. Heute geht der Veteran auf Twitter mit einem Foto viral, auf dem er ein Joe Biden-Shirt trägt. Was ist inzwischen passiert?

Die Geschichte von David Weissman klingt wie ein Märchen der modernen Welt: Es war einmal ein Armee-Veteran aus Florida, der Donald Trump unterstützte, liberale Schauspielerinnen bei Twitter trollte und Fernsehinterviews gab, in denen er seine Bewunderung für Trumps anti-muslimische Haltung ausdrückte. Dann wagte er sich aus seiner Troll-Höhle, traf eine gute Fee und verwandelte sich in einen gutaussehenden Demokraten. 

So ähnlich klingt die Geschichte, die David Weissman auf seinem Twitter-Account und gegenüber diversen Medien erzählt. Aktuell geht Weissman passend dazu mit einem Meme viral, in dem er ein aktuelles und ein älteres Foto von sich gegenüberstellte. Auf dem linken Bild trägt er ein Wahlkampfshirt von Trump 2016, rechts eins von Joe Biden 2020. Die Überschriften: "Wie es anfing" und "Wie es heute läuft".

Weissman bekam dafür bis zum Nachmittag des 12. Oktober mehr als 240.000 Likes. In den Kommentaren gratulieren ihm andere Nutzer und Nutzerinnen zu seinem politischen Sinneswandel oder seinem ebenfalls ersichtlichen Gewichtsverlust. Und es gibt sogar Menschen, die sich wie Weissman seit den letzten US-Wahlen von Präsident Trump abgewandt haben wollen. Wie kam es zu David Weissmans Bruch mit den Republikanern?

2016 beschrieb sich David Weissman noch als "rechten Juden"

Der Wandel von David Weissman ist auch heute noch in großen Teilen auf seinem Twitter-Account nachverfolgbar. Ende 2016, kurz nach Donald Trumps Wahlsieg, wünschte er dem Präsidenten viel Erfolg mit der "Make America Great Again"-Kampagne und bezeichnete sich als "konservativen, rechten Juden". Zuvor hatte Weissman im israelischen Fernsehen seine Bewunderung für Trumps Geschäftssinn und dessen anti-islamische Politik erklärt. Doch etwas mehr als ein Jahr später fasste Weissman offenbar einen folgenreichen Entschluss. 

PAID US Wahlkampf Arizona 13.05

In einer Art Neujahrsvorsatz kündigte er am 31. Dezember 2017 seinen Twitter-Followerinnen und Followern an, er werde mehr mit Menschen interagieren, die einen anderen Hintergrund hätten. "Ich möchte wirklich mit der Linken in Dialog treten", schrieb Weissman in dem Tweet. Kurz zuvor hatte er in dem sozialen Netzwerk eine virtuelle Konversation mit der Comedian Sarah Silverman, die offenbar der Auslöser für Weissmans Vorhaben war – und laut dessen Aussage auch für seinen Sinneswandel.

Eine Unterhaltung mit Comedian Sarah Silverman veränderte alles 

"Der Dialog zwischen Sarah und mir begann, als ich ihre Comedy kritisierte", schreibt Weissman rückblickend auf Twitter. Zu dem Zeitpunkt sei alles außerhalb von Fox News für ihn Fake News gewesen, so Weissman. "Obwohl ich noch immer Trumper war, habe ich realisiert, wie wichtig ein respektvoller Diskurs ist, und angefangen, Fragen zu stellen." 

So habe das Ganze seinen Lauf genommen. Er sei daraufhin mit vielen Menschen in Kontakt getreten, habe ihnen zugehört und sich schließlich Stück für Stück von seiner konservativen Erziehung und Politisierung getrennt, erklärt Weissman. 

Brauchen Trump-Unterstützer wirklich nur geduldige Erklärerinnen?

Das Leben ist kein Märchen. Das erkennt man unter anderem daran, dass David Weissman auch 2018 weiterhin Tweets gegen Migration oder Abtreibungen absetzte. Dass er gelernt habe, empathisch zu sein und zu erkennen, dass Rechte für andere Menschen nicht automatisch weniger Rechte für ihn bedeuten, sei ein Prozess gewesen, so Weissman. 

Braucht es am Ende also vor allem Geduld, um Trump-Unterstützer und -Unterstützerinnen auf einen anderen politischen Weg zu bringen? David Weissman meint: Ja. Im Interview mit dem"Neues Deutschland" erklärt er, "Geduld, Akzeptanz und Fakten" hätten seine Weltansicht verändert. "Als Silverman mit mir geredet hat, hat sie nicht gesagt: Hör auf, Trump zu unterstützen!"”, so Weissman. "Sondern sie hat mich als das akzeptiert, was ich war."

Weissman leitet heute eine Facebook-Gruppe für andere Menschen, die Donald Trump nicht weiter unterstützen wollen. Glaubt man seiner Erzählung, hat er auch in anderen Bereichen seines Lebens ein Umdenken durchlebt. "Empathisch zu sein hat mich dazu ermutigt, eine PTBS-Therapie (Posttraumatische Belastungsstörung, Anm. d. Red.) zu beginnen, mich zu bilden und ein besseres Vorbild für meine Kinder zu sein", schreibt er auf Twitter. Und man kann von Märchen halten, was man will: Für David Weissman hat diese Geschichte ein ziemlich gutes Ende. 

Quellen: Twitter David Weissmann / "Neues Deutschland" / CBC

Forschung zu Sars-CoV-2: Überlebt das Coronavirus bis zu 28 Tage auf Oberflächen? Warum die Studie mit Vorsicht interpretiert werden sollte

Written By: Ilona Kriesl - Okt• 12•20

Eine Studie macht Schlagzeilen: Das Coronavirus überlebt demnach bis zu vier Wochen auf glatten Oberflächen wie Glas. Ob die Ergebnisse auf Alltagssituationen übertragbar sind, ist aber fraglich.

Es klingt nach einer unfassbar langen Zeitspanne: Australische Forscher wollen in einer Studie herausgefunden haben, dass das Coronavirus bis zu 28 Tage auf glatten Oberflächen wie der von Smartphone-Displays oder Bankautomaten überleben kann. Dafür tropften die Forscher virenhaltige Flüssigkeit auf verschiedene Untergründe: Glas war darunter, aber auch Stahl, Baumwolle sowie Geldscheine aus Plastik oder Papier. Im Anschluss untersuchten sie unter Laborbedingungen, wie lange die Viren auf den einzelnen Proben überlebten. Getestet wurde bei drei unterschiedlichen Umgebungstemperaturen: 40, 30 beziehungsweise 20 Grad Celsius. Die Luftfeuchtigkeit lag konstant bei 50 Prozent.

Während die hohen Temperaturen das Virus relativ schnell außer Gefecht setzten, überdauerte es vor allem bei der niedrigen Temperatur überraschend lange – bis zu 28 Tage auf Glas, Stahl und Geldscheinen aus Kunststoff oder Papier. Das Virus sei bei einer Umgebungstemperatur von 20 Grad Celsius "extrem robust", folgern die an der Studie beteiligten Forscher des Wissenschaftsinstituts CSIRO. 20 Grad entspreche auch der üblichen Raumtemperatur.PAID Antikörper Corona Therapie 14.23

Höhere Temperaturen setzten dem Virus dagegen zu: Bei 30 Grad überlebte es noch bis zu sieben Tage auf Glas oder Stahl, bei 40 Grad hingegen nur noch 24 Stunden. Auch die poröse Oberfläche der Baumwolle machte den Viren zu schaffen. Auf dem Untergrund überlebten sie je nach Temperatur zwischen 14 Tagen und weniger als 16 Stunden.

Wie die Forscher schreiben, ist vor allem die Lebensdauer des Virus auf Glas ein "wichtiger" Befund. Sie weisen deshalb auf mögliche Infektionsrisiken durch Touchscreens von Smartphones, Bankautomaten, Selbstbedienungskassen im Supermarkt oder Check-in-Schaltern am Flughäfen hin. Dabei handle es sich um Oberflächen, die häufig berührt und möglicherweise nicht regelmäßig gereinigt würden, heißt es in der Studie, die im Fachblatt "Virology Journal" veröffentlicht wurde. 

Labor versus Realität

Grundsätzlich können Viren außerhalb des Körpers nur für eine gewisse Zeit überleben. Sie können sich auf Oberflächen beispielsweise auch nicht vermehren, denn dafür brauchen sie einen Wirt. Eine Ansteckung über Oberflächen ist aber möglich. Hustet oder niest eine infektiöse Person, entstehen dabei Tröpfchen, die Viren enthalten. Landen diese auf Oberflächen, können die Viren über die Hände zu den Schleimhäuten einer anderen Person gelangen. Eine solche Schmierinfektion ist auch beim aktuellen Coronavirus denkbar, scheint im Vergleich zu der Übertragung durch die Luft aber eher selten zu sein. So ist dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bislang kein Fall bekannt, bei dem nachgewiesen wurde, dass das Coronavirus durch kontaminierte Oberflächen oder Gegenständen auf eine andere Person übertragen wurde und es zu einer Infektion kam.

Studien wie die aktuelle Untersuchung aus Australien sind dennoch wichtig, um mögliche Ansteckungsrisiken zu bewerten und gegebenenfalls gegenzusteuern. Ein Problem ist aber oft, dass die Forschung unter Laborbedingungen durchgeführt wurde – und damit nicht immer eins zu eins auf Alltagssituationen übertragen werden kann. Das ist auch bei der aktuellen Studie der Fall.

Ein Beispiel: Es ist bereits bekannt, dass UV-Strahlen, etwa Sonnenlicht, Viren rasch unschädlich machen können. Die Experimente wurden aber im Dunkeln durchgeführt, da die Forscher den Einfluss von UV-Strahlen so weit wie möglich ausschließen wollten, wie sie im Fachblatt schreiben. Im Alltag sind UV-Strahlen wie auch Sonnenlicht aber kaum wegzudenken. Man kann daher davon ausgehen, dass die Viren unter diesem Einfluss wesentlich schneller abgestorben wären.

Auch die Tröpfchengröße spielt eine Rolle. Tröpfchen, die beim Husten oder Niesen entstehen, sind oft kaum mit dem bloßen Auge zu erkennen. Landen sie auf einem Touchscreen, können sie zusätzlich verwischt werden, was dazu führt, dass sie schneller austrocknen. Im Labor werden die Viren dagegen meist mit einer feinen Pipette auf die Oberfläche gegeben. Dabei entsteht ein satter, runder Tropfen, der Feuchtigkeit länger speichern kann – und auch den Viren ein längeres Überleben sichert.

Die Problematik, die sich daraus ergibt, ist längst bekannt, auch bei den Behörden. In der Praxis sei zu erwarten, dass die Stabilität des Coronavirus geringer ist, "als in den Laborstudien ermittelt", schreibt das BfR mit Blick auf vorherige Studien dieser Art. "Die in den Studien genannte Stabilität dieser Viren wurde im Labor unter optimalen Bedingungen und mit hohen Viruskonzentrationen ermittelt." Doch auch andere Faktoren können eine Rolle spielen, darunter das Tageslicht, schwankende Temperaturen, Luftfeuchtigkeit oder geringere Kontaminationslevel.

Frühere Laboruntersuchungen einer amerikanischen Arbeitsgruppe zeigten, dass Sars-CoV-2 bei hoher Kontamination bis zu vier Stunden auf Kupferoberflächen, bis zu 24 Stunden auf Karton und bis zu zwei beziehungsweise drei Tagen auf Edelstahl und Plastik infektiös bleiben kann. Als Aerosol behielt es bis zu zu drei Stunden seine Infektiosität. Die aktuelle Untersuchung weist dagegen deutlich längere Zeiträume aus.

Was folgt daraus?

Bereits vor Publikation der aktuellen Studie war bekannt, dass das Coronavirus über längere Zeit auf Oberflächen überleben kann – und damit grundsätzlich die Möglichkeit einer Schmierinfektion besteht. Ob Sars-CoV-2 außerhalb des Labors und unter dem Einfluss natürlicher Faktoren bis zu 28 Tage auf Oberflächen überleben können, erscheint aber zumindest fraglich.

An dem grundsätzlichen Ratschlag, sich regelmäßig die Hände zu waschen, ändert die aktuelle Studie nichts. Auch sollte es vermieden werden, sich mit den Händen in das Gesicht, zum Beispiel an die Nase oder die Augen, zu fassen. "Normale Hygienemaßnahmen wie häufiges und richtiges Händewaschen mit Seife und die regelmäßige Reinigung von Oberflächen und Türklinken mit haushaltsüblichen tensidhaltigen Wasch- und Reinigungsmitteln schützen ausreichend vor einer Schmierinfektion mit Sars-CoV-2", heißt es seitens des BfR. 

Um das Risiko einer Ansteckung über die Luft zu senken, empfehlen Experten mit Blick auf Herbst und Winter Innenräume ausreichend zu lüften.

Quellen:Mitteilung von CSIRO / Virology Journal / BfR

Schluss mit Mythen: Was wirklich gegen Erkältungen hilft

Written By: Hannes Holtermann - Okt• 12•20

Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen - egal ob im Herbst, Winter oder Frühjahr eine richtige Erkältung nervt immer. stern.de erklärt, wie Sie trotz Grippewelle gesund bleiben. 

Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen - egal ob im Herbst, Winter oder Frühjahr eine richtige Erkältung nervt immer. stern.de erklärt, wie Sie trotz Grippewelle gesund bleiben. 

Braunkohleabbau: Wer genau hat den Hambacher Forst gerettet? Armin, der Trittbrettretter, jedenfalls nicht

Written By: Rolf-Herbert Peters - Okt• 09•20

Mit einer Leitentscheidung zum NRW-Braunkohleabbau steht fest: Fünf weitere Dörfer müssen den Baggern weichen, aber der Hambacher Forst bleibt. Ministerpräsident Armin Laschet schreibt sich die Rettung auf die Fahne. Was für eine Heuchelei! 

Wie gut, dass es Twitter gibt. Denn dort kann man schlechte Nachrichten, die man zu guten umfrisiert hat, ungestört in die Welt zwitschern. Armin Laschet (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, hat jüngst davon Gebrauch gemacht. Seiner Community verkaufte er die neue Leitentscheidung zum Braunkohleabbau in NRW wie folgt als eigene Erfolgsstory: "Der #HambacherForst wird gerettet, 1,2 Milliarden Tonnen Braunkohle bleiben im Boden, größte CO2-Reduzierung und Strukturwandel beginnen."PAID Hochdrei Kommunalwahl NRW - 12.20 Uhr

Für Mensch und Natur ist diese Interpretation ein Hohn. Zum einen wurde der Hambacher Forst, der sich in den Siebziger Jahren auf rund 4100 Hektar erstreckte, schon zu 95 Prozent von den Kohlebaggern weggeknabbert. Der Rest des einst mächtigen Walds taugt höchstens noch als Denkmal. Zum anderen lobt Laschet "Hambi" plötzlich als wertvoll und erhaltenswert, wo doch die Landesregierung über Jahre Hundertschaften Polizisten in den Forst geschickt hat, um Widerständler zu vertreiben und dem Energiekonzern RWE die Rodung zu ermöglichen. Welch eine Trittbrettfahrerei!

700 Milliarden Tonnen Kohle werden noch verbrannt

Wie billige Propaganda wirkt auch Laschets Eigenlob, 1,2 Milliarden Tonnen Braunkohle blieben nun in der Erde. Das klingt zwar erst einmal gut – und ist es auch. Es verdeckt aber, dass in NRW weitere rund 700 Millionen Tonnen Braunkohle gehoben und verbrannt werden dürfen. Denn die Leitentscheidung, die auf dem faulen "Kohlekompromiss" von 2019 beruht, terminiert den deutschen Kohleausstieg auf 2038 (vorher: 2045). Das heißt: Kraftwerke, befeuert mit dem fossilen Klimakiller, dürfen noch 18 weitere Jahre Co2 in die Luft blasen. Eine frohe Botschaft angesichts der immer heftigeren Folgen der Erderwärmung ist das nicht. Sogar notorische Skeptiker sehen langsam ein, dass Deutschland nur mit einem viel schnelleren Kohleausstieg die Pariser Klimaziele erreichen kann.

Schließlich lobt Laschet den Strukturwandel, der jetzt beginnt. Damit der gelingt, sollen sagenhafte 14,8 Milliarden Euro Steuergeld nach NRW fließen. Das macht rund 1,8 Millionen Euro auf jeden der etwa 8000 verbliebenen Kohlekumpel im rheinischen Revier – davon können Gefeuerte in anderen Industrien nicht einmal träumen. Der Strukturwandel hätte schon vor vielen Jahren beginnen können, billiger und effektiver, das Ende des fossilen Zeitalters war lange absehbar. Der Nachwuchs im Tagebau hätte neue Perspektiven bekommen. Aber die Landesregierung unternahm – nichts. RWE konnte sich stets auf die Kohletreue der Düsseldorfer verlassen, nicht nur unter Laschets schwarz-gelber Koalition, sondern auch unter Rot-Grün.

Rund 100 Besetzer leben noch im Wald

Laschets Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) hat die Aktivisten im Hambacher Forst aufgefordert, den Wald nun, da die Leitentscheidung Gesetz geworden ist, freiwillig zu räumen: "Die Vernetzung der Wälder und ihre gedeihliche Entwicklung könnten dadurch gefördert werden." Pinkwart ist nicht naiv. Natürlich glaubt er nicht daran, dass die Widerständler ihre Schlafsäcke und Bunsenbrenner einpacken und sich mit einem "dumm gelaufen" vom Acker machen. Bis zu rund 100 Besetzer leben noch im Wald in etwa ebenso vielen Baumhäusern. Und sie werden bleiben, solange sich noch irgendwo ein Bagger röhrt.Hambacher Forst Verleiher zieht Hebebühnen ab_10.30

Viele unterstützen inzwischen die Aktivisten am Tagebau Garzweiler, haben dort ihr Zweit-Camp aufgeschlagen. Hier werden weitere fünf Dörfer für die Braunkohle plattgemacht, auch das schreibt die Leitentscheidung fest. Obwohl sie bereits fast ausgestorben und teils verfallen sind und daher kaum mehr zu retten, wirkt die Radikalität des Energieriesen völlig aus der Zeit gefallen. Die Widerstandsgruppen, von "Alle Dörfer bleiben" über den BUND bis "Ende Gelände", planen bereits die nächsten großen Protestaktionen.

Als Deutschland den "Hambi" lieben lernte

Eines steht also fest: Nicht Laschet und seine CDU haben "Hambi" gerettet und den Kohleausstieg beschleunigt, sondern selbstüberzeugte Menschen, die sich der Weltrettung verschrieben haben – und oft dafür belächelt oder verachtet wurden. Die sich an kalten und heißen, an trockenen und nassen Tagen und Nächsten im Wald gegen die Rodung gestemmt haben. Das war nicht immer legal, sorgte aber dafür, dass das politische Deutschland sich eine Meinung bildete – und "Hambi" lieben lernte. Die Aktivisten werden bleiben. Weil sie Erfolg hatten – gegen Laschet und Co.

Tipps für gute Gespräche: Verschwörungstheoretiker: Wie Sie mit Menschen sprechen, die nur an ihre Wahrheit glauben

Written By: Linda Richter - Okt• 09•20

Die Corona-Krise polarisiert: Die Maßnahmen der Regierung bewerten viele Menschen unterschiedlich – und manche halten die Pandemie für eine große Verschwörung. Wie spricht man mit Menschen, die in ihrem Weltbild weit entfernt sind von dem eigenen? 9 Tipps für gute Gespräche.

Die Corona-Krise polarisiert: Die Maßnahmen der Regierung bewerten viele Menschen unterschiedlich – und manche halten die Pandemie für eine große Verschwörung. Wie spricht man mit Menschen, die in ihrem Weltbild weit entfernt sind von dem eigenen? 9 Tipps für gute Gespräche.

Kamala Harris vs. Mike Pence : Hier duellierten sich zwei Vizes, die bloß ihren Chefs folgen. Nicht mehr und nicht weniger

Written By: Dieter Hoß - Okt• 08•20

Wer hätte das gedacht? In den USA ist doch noch eine inhaltliche politische Debatte möglich. Die Vize-Kandidaten Mike Pence und Kamala Harris blieben allerdings so manche Antworten schuldig.

Als Moderatorin Susan Page am Ende der TV-Debatte der beiden Vize-Kandidaten einen emotionalen Moment erzeugen wollte, war es dafür bereits zu spät. Auf die Frage einer achtjährigen Schülerin, wie denn die Menschen im Land wieder zueinander finden sollen, wenn sich die Politiker immer nur streiten, antworteten Vize-Präsident Mike Pence und seine demokratische Kontrahentin Kamala Harris nach einem 90-minütigen Parforceritt durch die politischen Themen der USA professionell und souverän - jeder auf seine Art, aber eben doch auch distanziert. Pence lobte die "wundervolle Frage", Harris wandte sich direkt an die Schülerin und sagte, dass Kinder wie sie die Zukunft des Landes seien. Doch die Antwort, wie man das Land wieder einen wolle, blieben sie letztlich schuldig - wie so oft in dieser Debatte.

Das Duell war zuvor mit großer Bedeutung aufgeladen worden. Beide "Running Mates" könnten angesichts des Alters und des Gesundheitszustandes von Donald Trump und Joe Biden früher als geplant gezwungen sein, die Amtsgeschäfte zu übernehmen. Es war dementsprechend eine der ersten Fragen von Susan Page, ob die beiden Vizes denn mit ihren Chefs schon darüber gesprochen hätten, wie eine solche Übergabe vonstattengehen sollte. PAID: 1 Monat Trump-Wahnsinn 19.30

Vorteil Kamala Harris, aber kein klarer Sieger

Die Antworten waren beispielhaft für den Abend: wortreich, darauf drängend, dass beide Präsidentschaftskandidaten offen und transparent über ihre Gesundheit informieren würden, um dann schnell auf die (fehlende) Transparenz in Steuerfragen weg zu schwenken. Es war das einzige Mal an diesem Abend, dass Trumps laut Zeitungsrecherchen winzige Steuerzahlungen und seine angeblich immensen Schulden erwähnt wurden. Sowohl Harris als auch Pence vermieden auf diese Weise auch nur den geringsten Hinweis auf eine Schwäche ihrer Kandidaten. Die Botschaft: Es ist eine Wahl zwischen Trump und Biden, nicht zwischen Pence und Harris.

Damit war die Debatte zurück auf dem Boden. Hier duellierten sich zwei Vizes, die ihre Chefs bedingungslos unterstützen. Nicht mehr und nicht weniger. Harris vermittelte etwas mehr den Teamgedanken, indem sie oft von "wir" und "Joe und ich" sprach, Pence blieb in seiner korrekten Art meist bei "the President". Auf ihre Weise machten beide ihre Punkte. Wenngleich in ersten Umfragen eher Kamala Harris vorne gesehen wurde, war in ersten Reaktionen häufig nicht davon die Rede, dass sie eine klare Siegerin gewesen sei - was das republikanischen Lager schon als Erfolg werten dürfte. In dem von der Moderatorin durchgesetzten strengen Korsett von zehn Minuten pro Thema blieb allerdings auch wenig Raum für rhetorisches Geschick.

Corona-Opfer durch "Inkompetenz der Regierung"

Dennoch hatte Harris Gelegenheit, ihre erwarteten Angriffe zu fahren. Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie habe die Trump-Regierung versagt wie keine US-Regierung in einer Krise zuvor. "Das amerikanische Volk hat Opfer bringen müssen wegen der Inkompetenz dieser Regierung", so Harris. Bereits im Januar seien Trump und Pence über die Gefahr durch das Virus informiert gewesen, Hunderttausende hätten gerettet werden können, "aber sie taten nichts". Harris: "Diese Regierung hat das Recht auf eine Wiederwahl verwirkt."

Pence entgegnete, dass Trump als Maßnahme frühzeitig die Einreise von Chinesen in die USA gestoppt habe - Biden hab das ja nicht gewollte habe, aber es habe viele Leben gerettet. Überhaupt müsse China für die Verbreitung des Coronavirus zur Verantwortung gezogen werden - eine Aussage, die immerhin brisant genug war, damit das chinesische Fernsehen die Übertragung unterbrach. Man begegne der Pandemie mit Innovation statt damit, die Wirtschaft zu ruinieren. Schon bald werde ein Impfstoff bereitstehen. Es sei unverantwortlich, dass Harris und Biden versuchten, das Vertrauen in eine Impfung zu schwächen. Nachgefragt, ob sie sich impfen lassen würde, sagte Harris: "Wenn mir das Vakzin von einem Wissenschaftler empfohlen wird, bin ich die erste, wenn es Trump empfiehlt: nein."

Moderatorin setzt Konzept durch

Und so entwickelte sich ein Austausch von sattsam bekannten Standpunkten, häufig ohne dass die Kontroversen wirklich ausgetragen werden konnten. Diejenige, die am häufigsten die Ausführungen eines anderen unterbrach, war Moderatorin Susan Page. Schon mit ihrer Ermahnung gleich zu Beginn, dass die Zuschauer eine zivilisierte Debatte verdienten, hatte sie die Richtung vorgegeben. Bloß nicht wieder Tiraden aus Beschimpfungen und Vorwürfen wie sie sich Trump und Biden vor einer Woche geliefert hatten. Die Washingtoner Bürochefin der Zeitung "USA Today" setzte das Konzept und sich selbst mit großer Konsequenz durch.Zufa TV-Duell Pence Harris 7.00

So war zu erfahren, was man schon wusste. Beim Klimaschutz sieht sich die Trump-Regierung auf dem richtigen Weg abseits des Pariser Abkommens, Harris versprach, dem Abkommen wieder beizutreten. Pence warf Harris und Biden vor, durch mehr Klimaschutz Jobs zu vernichten, aber auch durch das Verbot von Fracking und die Erhöhung von Steuern. Harris erwiderte, man werde Fracking nicht verbieten, Steuern für Normalverdiener nicht erhöhen. Jobs habe eher die Trump-Regierung durch den Handelskrieg mit China zerstört - allein im Fertigungsbereich 300.000.

Harris thematisierte die Rassenunruhen nach dem Tod von George Floyd durch Polizeigewalt und versprach eine umfassende Polizeireform, Pence sprach davon, dass man an der Seite der Polizisten stehe und Aufruhr und Plünderungen kein Protest seien. Harris trug vor, dass schon Bürgerkriegs-Präsident Abraham Lincoln die Neu-Besetzung des Supreme Courts aus freien Stücken auf einen Termin nach der Wahl verschoben habe, Pence warf den Demokraten vor, mit der vorgeschlagenen Vergrößerung des obersten US-Gerichts "die Regeln zu verändern". Pence rühmte, dass Trump die Nato dazu gebracht habe, einen größeren Anteil an den Verteidigungsausgaben zu tragen, Harris verurteilte Trump für seine Außenpolitik und die Weigerung, gegen die Einmischung Russlands auf die US-Wahlen vorzugehen, scharf: "Er hat unsere Freunde verraten und sich mit Diktatoren auf der ganzen Welt verbündet."Keine US-Kritik am Corona-Krisenmanagement: China zensiert TV-Debatte 7.10

Was wird aus dem Wahlergebnis?

Doch das alles könnte ohnehin belanglos werden, wenn Donald Trump am Abend des 3. November das vorliegende Wahlergebnis nicht anerkennt. Was werden beide Seiten tun, wenn der Präsident sich weigert, einen friedlichen Übergang der Macht zu ermöglichen? Pence erinnerte an das Impeachment, sprach von massenhaftem Betrug durch Briefwahl, für den er auch diesmal keinen Beleg vorlegte, und davon, dass Biden und Co. die Regeln auf den Kopf stellen wollten. Harris betonte, dass Joe Biden für "die Integrität unserer Demokratie" stehe und flüchtete sich dann in einen engagierten Aufruf: "Bitte wählen Sie! Es liegt an uns, wie der Kurs unseres Landes aussehen wird."

Und so kam es, dass sich die Nation während und kurz nach der Debatte gerne mit einer ganz anderen, eher abseitigen Frage beschäftigte: Wo kam nur diese Fliege her, die sich mitten in der Debatte plötzlich auf den grauen Schopf von Mike Pence gesetzt hatte? Die Antwort blieb offen - wie so manche Frage an diesem Abend.

US-Wahlkampf: Joe Biden ruft „verfeindete“ US-Bürger zu Einigkeit auf – der Ort ist mit Bedacht gewählt

Written By: Thomas Krause - Okt• 07•20

Joe Biden hat in einer Rede an die US-Amerikaner appelliert, statt Wut und Hass wieder die Gemeinsamkeiten zu suchen. Für seine Rede wählte er einen historisch wichtigen Ort.

Joe Biden hat in einer Rede an die US-Amerikaner appelliert, statt Wut und Hass wieder die Gemeinsamkeiten zu suchen. Für seine Rede wählte er einen historisch wichtigen Ort.