Von handgeschrieben bis durchgestylt: Zettel der Kreativität und Hilfsbereitschaft – gelebte Solidarität am Laternenmast

Written By: Till Bartels - Apr• 05•20

Not macht bekanntlich erfinderisch: Wer seinen Laden schließen muss oder Hilfe anbietet, gibt ein Zeichen - mit einem improvisierten Zettel. Andere basteln professionelle Schilder oder sagen einfach Mal: Danke!

Not macht bekanntlich erfinderisch: Wer seinen Laden schließen muss oder Hilfe anbietet, gibt ein Zeichen - mit einem improvisierten Zettel. Andere basteln professionelle Schilder oder sagen einfach Mal: Danke!

Coronavirus-Epizentrum: „Rührende Szenen in der Tragödie“: Das ergreifende Ritual der Pfleger und Feuerwehr in New York

Written By: Jan Christoph Wiechmann - Apr• 05•20

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann ist vor Ort während eines täglichen Rituals der New Yorker Feuerwehr: Sie fährt vor ein Krankenhaus und jubelt den Ärzten und Pflegern zu. Wohl 700 Tote pro Tag sind in der Metropole erwartet.

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann ist vor Ort während eines täglichen Rituals der New Yorker Feuerwehr: Sie fährt vor ein Krankenhaus und jubelt den Ärzten und Pflegern zu. Wohl 700 Tote pro Tag sind in der Metropole erwartet.

Coronavirus-Epizentrum: „Rührende Szenen in der Tragödie“: Das mutmachende Ritual der New Yorker Pfleger und Feuerwehr

Written By: Jan Christoph Wiechmann - Apr• 05•20

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann ist vor Ort während eines täglichen Rituals der New Yorker Feuerwehr: Sie fährt vor ein Krankenhaus und jubelt den Ärzten und Pflegern zu. Wohl 700 Tote pro Tag sind in der Metropole erwartet.

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann ist vor Ort während eines täglichen Rituals der New Yorker Feuerwehr: Sie fährt vor ein Krankenhaus und jubelt den Ärzten und Pflegern zu. Wohl 700 Tote pro Tag sind in der Metropole erwartet.

Corona-Krise: „Er versteht die Situation nicht“: Die Brandrede eines US-Gouverneurs gegen Trumps Krisenteam

Written By: Malte Mansholt - Apr• 04•20

Die US-Bundesstaaten konkurrieren um die wenigen Beatmungsgeräte, Trumps Krisenteam unter Schwiegersohn Jared Kushner gießt Öl ins Feuer. Darauf angesprochen platzte Illinois' Gouverneur nun der Kragen.

In den USA nimmt die Corona-Krise ein immer bedrohlicheres Ausmaß an. Fast 300.000 Menschen sind mittlerweile an Covid-19 erkrankt, die Zahl steigt immer schneller. Jetzt geriet der von seinem Schwiegervater Donald Trump mit der Bekämpfung der Krise beauftragte Jared Kushner in die Kritik.

Kushner hatte sich am Freitag verärgert gezeigt, dass die Bundesstaaten die für Notreserven der Regierung zuständige Behörde SNS angefragt hatten, um notwendige Beatmungsgeräte geliefert zu bekommen. Die Staaten verlangten zuviel, sie sollten lieber erst einmal die eigenen Vorräte prüfen, erklärte Kushner. Und bekam prompt eine hochemotionale Antwort vom Gouverneur von Illinois, Jay Robert Pritzker.PAID STERN 2020_15 Die unvorbereiteten Staaten von Amerika_7.10Uhr

Pressekonferenz wird zur Brandrede

Ein sehr erschöpft wirkender Pritzker hatte sich in einer Pressekonferenz den Fragen zu seinem Krisenmanagement gestellt, hatte versucht die Bevölkerung trotz der Krise zu beruhigen und seine Entscheidungen zu erklären. Als eine Reporterin ihn nach über einer halben Stunde auf Kushners Aussage anspricht, platzt dem eben noch weitgehend gelassenen Mann der Kragen.

"Ich weiß nicht, ob das Jared Kushner bewusst ist. Aber es heißt: die Vereinigten Staaten von Amerika", platzt es geradezu aus ihm heraus. "Und die Bundesregierung soll uns Staaten mit ihren Vorräten unterstützen. Das weiß er offenbar nicht." Natürlich habe man auf Staats- und Städteebene auch Vorräte. Und würde die auch benutzen.

"Niemand hat eine Pandemie der Atemwege erwartet, die sämtliche Vorräte an Beatmungsgeräten erschöpfen würde. Oder das die Bundesregierung einfach von ihrer Rolle abtreten würde und 50 Staaten und fünf zusätzliche Gebiete miteinander und gegen die Regierung konkurrieren lassen würde, um alle Geräte zu bekommen, die gebraucht werden", gibt er sich fassungslos. "Jared Kushner scheint diese Situation nicht zu verstehen. Und er versteht auch nicht die Rolle der Bundesregierung in einem nationalen Notfall."

Beifall von Chicagos Bürgermeisterin

Als er sich frustriert abwendet, springt ihm noch die ebenfalls anwesende Bürgermeisterin von Chicago, Lori Lightfoot bei. "Ich finde, der Gouverneur hat sich gerade unglaublich zurückgehalten", betont sie. "Aber er hat zu 100 Prozent recht. Wir sollten nicht bei der Regierung betteln müssen, dass sie sich endlich der Herausforderung stellt und Verantwortung übernimmt", ärgert sie sich. "Wir bekommen gesagt, dass die Gesundheitsbehörde nur 10.000 Ventilatoren zur Verfügung hätte. Was zur Hölle hat die Trump-Regierung dann die letzten drei Jahre getan?" Pritzker steht währenddessen kräftig nickend im Hintergrund.

Die Regierung hätte ihre Planung versaut, schließt die Bürgermeisterin. "Wir warten nicht auf Sie. Wir tun, was nötig ist." Dass Kushner nun die harte Arbeit der Gouverneure angreife, die so hart für ihre Staaten arbeiten, kann sie nicht verstehen. "Das sagt eine Menge über seinen Charakter aus", schließt sie ihre Wutrede ab.

Mittlerweile hat Kushner auf die Kritik zu seiner Aussage reagiert - aber anders als man das erwarten würde. Immer wieder wiesen Kritiker darauf hin, dass selbst die Webseite der SNS die Herausgabe von Vorräten an die Staaten betont. Irgendwann schien Kushner genug davon gehabt zu haben: Der entsprechende Text auf der Webseite wurde mittlerweile geändert, wie ein Twitternutzer bemerkte. Von seinem Schwiegervater scheint Kushner ohnehin keinen Ärger erwarten zu müssen. Als eine Reporterin den Präsidenten auf den Vorgang ansprach, zeigte der sich unbeeindruckt - und erklärte ihr schlicht, dass sie sich schämen sollte.
Quelle:Illionois Channel TV, Twitter, MSNBC

Corona-Pandemie: New York: In der Krise offenbart die Stadt ihr Gesicht

Written By: Nicolas Büchse - Apr• 04•20

In New York ist das Coronavirus längst keine unsichtbare Gefahr mehr. Während die reichen Bürger der Stadt in ihre Sommerhäuser flüchten, werden die Ärmsten umso sichtbarer. 

Neulich haben wir eine Postkarte von Donald Trump bekommen, unsere Nachbarn und wir. "Präsident Trumps Coronavirus-Richtlinien für Amerika" steht darauf in fetten Buchstaben. Auf der Rückseite ermahnt uns der Präsident zu Heimarbeit und Händewaschen. Er warnt, man solle das Virus nicht zu leichtnehmen: Auch junge Menschen sind in Gefahr!

Im Hausflur traf ich die Nachbarin aus dem zweiten Stock. Sie war wütend. Trump sei es, der uns alle in diese Gefahr gebracht habe mit seiner Ignoranz, sagte sie. Hier in Brooklyn war Trump noch nie beliebt, deshalb überraschte mich ihre Wut nicht. Wer in Brooklyn nicht auf Trump schimpft, gehört nicht dazu, schlimmstenfalls hält man ihn sogar für einen aus New Jersey. Doch in die Wut auf Trump mischt sich nun auch ein wenig Angst vor ihm. Angst vor seiner eklatanten Unfähigkeit, die in diesen Tagen Leben kosten wird.

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Ich musste die Karte zwei Mal lesen. Das sollen Trumps Worte sein? Gut ein Monat ist es her, da twitterte Trump noch: "Letztes Jahr starben 37.000 Amerikaner an der Grippe. Nichts wird dichtgemacht, Leben und Wirtschaft laufen weiter. Jetzt haben wir 546 bestätigte Coronavirus-Fälle. Mit 22 Toten. Denkt mal drüber nach!"

Ruhe vor dem Sturrm

Gut einen Monat ist es her, als ich meinen Sohn vom Basketball abholte und eine Mutter erzählte, sie würde Vorräte anlegen. Das Coronavirus war damals in Manhattan angekommen, eine Frau hatte sich auf einer Reise in den Iran angesteckt. Ich habe die Sorgen der Mutter nicht ernst genommen, hielt sie für eine dieser überängstlichen Weltuntergangs-Prepper. Die Gefahr schien weit weg. Unsichtbar.

Heute stapeln sich bei uns die Nudelpackungen. Heute sehe ich fast jeden Vormittag den Livestream von Gouverneur Andrew Cuomo, der die New Yorker in immer eindringlicheren Worten auf ihre schlimmsten Tage seit dem 11. September 2001 vorbereitet. Auf Tage, an denen 1000 New Yorker am Coronavirus sterben werden. Auf eine Serie von solchen Tagen. Wir durchleben die Ruhe vor dem Sturm.

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Dabei ist das Coronavirus keine unsichtbare Gefahr mehr in New York City. Jeder kennt jemanden, der erkrankt ist. Viele kennen jemanden, der gestorben ist. Jeder redet davon, dass es bald an Krankenhausbetten mangeln wird und an Beatmungsgeräten, jeder hat die Bilder gesehen von Menschenschlangen vor den Corona-Testzelten der Krankenhäuser, jeder hat Nachrufe gelesen von bekannten New Yorkern, die dem Virus zum Opfer fielen. Der Elternverein der Schule meines Sohnes sammelt Gummistiefel und Regenjacken für das Krankenhauspersonal. Als zusätzlichen Schutz neben den OP-Kitteln, heißt es. So erbärmlich ist die Situation in den Krankenhäusern in einer der reichsten Städte der Welt. Und wenn meine Frau und ich die Straße hochgehen zum Prospect Park, weil wir uns einreden, dass die Kinder im Appartement durchdrehen (dabei sind wir es), dann kommen wir am Krankenhaus vorbei. Die Krankenwagen parken in langen Reihen auf der Straße. Auf dem Parkplatz wurden Zelte hochgezogen für Corona-Tests. Die Kühlung eines langen Anhängers summt. Sie haben ihn herangekarrt, weil es keinen Platz mehr gibt in der Leichenhalle.

Die Gefahr ist längst nicht mehr unsichtbar

Die Gefahr des Coronavirus ist so sichtbar in der Stadt, dass wir alle vorsichtig geworden sind. Wir und unsere Nachbarn wischen selbst die Verpackung unserer Einkäufe mit Desinfektionstüchern ab. Vor Drogeriemärkten sitzen Angestellte, die darüber wachen, dass nur zehn Kunden gleichzeitig drinnen sind.

Gleichzeitig geht das Leben weiter. Nur anders. Jeden Morgen sitzt mein Sohn vor dem Laptop und lernt mit seinen Mitschülern aus der zweiten Klasse in Videokonferenzen, die Erzieherin meiner Tochter liest auf Facetime Bücher vor und gibt Kinderyoga. Die Straßen sind leer, der Park ist voller, die Jogger und Spaziergänger aber halten Abstand.

In den U-Bahnen herrscht jetzt Stille – und an die neue New Yorker Stille werde ich mich wohl bis zum Ende dieser Tage nicht gewöhnen. Die New Yorker erst recht nicht. Keine Ellbogen-Kämpfe mehr um Plätze. Stattdessen sitzen die wenigen Menschen, die jetzt noch U-Bahn fahren, in großen Sicherheitsabständen auseinander, jeder darauf bedacht, nichts zu berühren. Sie tragen Masken, ein Mann in der F-Linie neulich sogar eine Schnorchelbrille. Alle sind höflich in dieser Krise, man nickt sich zu, lässt aneinander vorbei. Die hektische Stadt, sie lernt die Geduld.

Sozialstrukturen offen gelegt

Krisen wie diese legen die Sozialstrukturen einer Stadt offen, deutlich wie ein Röntgenbild. Neulich fuhr ich mit dem Rad durch Manhattan, in vor Corona-Tagen war das ein beinahe selbstmörderisches Himmelfahrtskommando. Nun kam ich mir manchmal vor, als sei ich zwischen den Häuserschluchten zusammen mit den letzten unbeugsamen gelben New Yorker Taxis allein auf dieser Welt. Ich kam an den beinahe verwaisten Luxus-Apartmenthäusern in der Fifth Avenue vorbei.

Die Reichen der Stadt sind in ihre Sommerhäuser geflohen. Die Mega-Reichen per Helikopter. Die Mittel-Reichen im SUV. Vor zwei Wochen sorgte ihr Exodus für einen Mega-Stau in die Hamptons, für leere Supermärkte in den Strandgemeinden und überfüllte Krankenbetten in den Corona-Stationen. Als ich durch Manhattan fuhr, begegnete ich denen, die die Armut an die Stadt kettet, vor allem Lieferboten auf ihren elektrischen Fahrrädern und Motorrollern. Und den vielen Obdachlosen, die sonst in der Masse der Passanten auf den Straßen untergehen.

Auch viele Ausländer haben die Stadt schon verlassen. Es sei jetzt besser in Deutschland zu sein, erklärten deutsche Freunde und reisten ab, eine Entscheidung von vier Tagen. Das deutsche Generalkonsulat schrieb uns in einer Mail, es rate deutschen Touristen dringend zurückzukehren. Wenn wir solche Nachrichten lesen, wird auch uns mulmig.

New York ist ein Verspechen

Und doch gibt es hier nicht nur Gefahr. New York City ist schließlich mehr als eine Stadt, New York ist ein Versprechen. Erst recht in der Krise. Größer als die Angst ist der Glaube der Menschen, dass New York City sich schon bald wieder von Corona erholen wird. Schließlich, so sagte mir ein arbeitsloser Broadway-Ticketverkäufer, der aus alter Gewohnheit an seinem Arbeitsplatz am Times Square stand, habe sich diese Stadt bisher immer von allem erholt.

Hier, auf dem Times Square zu stehen, fühlt sich gespenstisch an in diesen Tagen. Ich blicke auf all diese blinkenden Lichter, die Shows bewerben, die niemand sehen kann. Auf eine Kunstwelt, die brutal von der realen Welt eingeholt wurde und trotzig einfach weitermacht.

So wie die Stadt, die sie hervorgebracht hat.

Großbritannien: Neuer Labour-Boss Keir Starmer: Ein Lichtblick in dunklen Zeiten

Written By: Michael Streck - Apr• 04•20

Der gemäßigte frühere Menschenrechtsanwalt folgt Jeremy Corbyn an der Parteispitze. Er wird Boris Johnson und dessen Claqueure für die katastrophalen Versäumnisse zur Rede stellen – wenn die Zeit wieder dafür reif ist.

Es gibt endlich und ausnahmsweise mal gute Nachrichten aus Großbritannien. In all dem Chaos um Brexit und das desaströse Handling der Corona-Krise erscheint die Wahl von Keir Starmer zum neuen Chef der Labour-Party wie ein Lichtblick.

Das machte der gemäßigte Starmer auch gleich in seiner ersten Rede deutlich, in der er sich erfrischend deutlich von jenem Antisemitismus distanzierte, der seinen Vorgänger Jeremy Corbyn (und damit die ganze Partei) seit Jahren umwehte und Labour damit zu spalten drohte. Boris Johnsons deutlicher Sieg bei den Parlamentswahlen im vergangenen Dezember war, das darf man nicht vergessen, vor allem auch der schwachen Opposition mit ihrem dogmatischen Vorsitzenden geschuldet.

Keir Starmer steht für einen Kurs der Mitte

Der Ton wird sich fortan ändern. Denn der ehemalige und hochgeschätzte Menschenrechtsanwalt Starmer steht für einen Kurs der Mitte, der Versöhnung – und genau das braucht die Nation in diesen für alle Briten extrem schweren Zeiten. Er wird vorerst nicht die Konfrontation mit der Tory-Regierung suchen, sondern, im Gegenteil, dem politischen Gegner sogar Kooperation anbieten. Das ist klug und vorausschauend. Auf die Bürger kommt in den nächsten Wochen und Monaten eine Krise zu, gegen die der Brexit vergleichsweise harmlos wirkt.

PAID Interview Polly Toynbee UK Corona - 13.40Erst, wenn die – wann immer das sein mag – überstanden ist, wird auch Starmer seinen Modus und seine Wortwahl ändern und das ansprechen, was angesprochen werden muss: Die gravierende Schuld der regierenden Konservativen an der Aushöhlung von Polizei, Feuerwehr und Gesundheitssystem, das schon in normalen Zeiten stets am Rand des Kollaps stand.

Starmer ist mit einem feinen Gefühl für Takt und Timing ausgestattet und nach den trostlosen und von einer verstaubten 70-er-Jahre-Ideologie geprägten Jahren unter Corbyn die richtige Antwort der Partei auf andere Ideologen – Boris Johnson und dessen populistische Claqueure. Irgendwann werden die sich rechtfertigen müssen für die katastrophalen Versäumnisse der jüngeren Vergangenheit. Und Starmer wird derjenige sein, der dann die richtigen Fragen stellt. Er versprach am Samstag eine “neue Ära“. Man darf und kann ihn beim Wort nehmen. Auch das unterscheidet ihn von Boris Johnson.

Corona-Katastrophe: „Kapitalismus in seiner schrecklichsten Form“: Die USA zerfallen vor unseren Augen

Written By: Tim Sohr - Apr• 03•20

Die USA beklagen in der Coronakrise inzwischen weltweit die meisten Infizierten. Und während der Präsident jede Verantwortung von sich weist, liefern sich Bundesstaaten einen Bieterwettbewerb um Beatmungsgeräte.

Als flip-flopping wird in den USA die zweifelhafte Gabe von Politikern bezeichnet, gestern eine Position bezogen zu haben, heute aber die gegenteilige Position, und morgen womöglich wieder jene von vorgestern. In der Zeichentrickwelt der "Simpsons" hat Springfields Bürgermeister Quimby dieses Fähnchen im Wind auf unterhaltsamste Weise perfektioniert.

Aber Quimby wurde wie so viele seiner fiktiven Kollegen längst von der Realität überholt: Donald Trump zeigt in Zeiten von Corona, wie flip-flopping auf der höchsten Ebene funktioniert. Nachdem er noch vor wenigen Wochen mit verbaler Wucht und Denk-mal-drüber-nach-Attitüde das Virus als eine Art Grippe verkaufte, die schon verschwinden werde, wenn die warmen Tage kommen, gibt er nun mit ähnlich hohem Fremdschämfaktor den Mahner und prophezeit plötzlich, dass Hunderttausende sterben könnten.

In der Krise übernimmt Trump keine Verantwortung

Das Schlimmste daran: In der Krise übernimmt Trump keinerlei Verantwortung, immerhin die wichtigste Tugend seines Amtes als vermeintlicher Anführer der freien Welt. Das ist sogar wörtlich zu verstehen, schließlich sagte er bezüglich des Mangels an Corona-Tests zuletzt: "Ich trage überhaupt keine Verantwortung."

Vorgestern empfahl Trump in seinem täglichen Briefing der Nation innerhalb einer Stunde gefühlt 47 Mal, einen Schal als Mundschutz zu tragen, weil ihm zur Prävention offenbar gerade auch nichts besseres einfiel, und immerhin: "Einen Schal besitzt fast jeder." Viele seiner Kollegen aus dem amerikanischen Politbetrieb stehen dem Präsidenten in Sachen öffentlicher (Selbst-)Darstellung in nichts nach. Gestern ließ beispielsweise Brian Kemp, Gouverneur von Georgia, verlauten, dass sich völlig neue Erkenntnisse über das Virus aufgetan hätten: Tatsächlich könnten Erkrankte völlig symptomfrei sein – und trotzdem ihre Mitmenschen anstecken. "Das haben wir bis vor 24 Stunden noch nicht gewusst", so Kemp über einen Fakt, den Wissenschaftler schon seit Wochen predigen.

PAID STERN 2020_15 Die unvorbereiteten Staaten von Amerika_7.10UhrWenn die Lage nicht so apokalyptisch wäre, müsste man dieser Tage ziemlich laut lachen über diese sitcom-artigen Zustände und die Tatsache, wer es in den USA so alles in eine mächtige politische Position schaffen kann. Nur ist es leider nicht mehr lustig, wenn vermeintliche Verantwortungsträger schamlos lügen, flip-flopping betreiben und Schuld kategorisch von sich weisen, während die Nation nun sogar den "Weltrekord" für die meisten Infektionen hält.

Die Vereinigten Staaten entblößen sich vor unseren Augen als Bananenrepublik, in der die Reichen die Flucht ins Ferienhaus ergreifen, während die Armen und Schwachen auf der Straße sterben, weil im Krankenhaus kein Platz mehr ist. Jüngstes Beispiel ist die unsägliche Debatte um Beatmungsgeräte: New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo warnt, dass beim aktuellen Bedarf der Vorrat im Bundesstaat noch für sechs Tage reichen werde.

Schon vor drei Tagen hatte Cuomo kritisiert, dass zwischen den Bundesstaaten ein Bieterwettbewerb entbrannt sei, der die Preise hochtreibe: "Es ist, als wäre man bei Ebay mit 50 anderen Staaten." New Jerseys Gouverneur Phil Murphy schlägt in die gleiche Kerbe: "Es ist der Wilde Westen, und das hier sind verrückte Märkte." Murphys Amtskollege Ned Lamont aus Connecticut fühlt sich an den Preisvergleich bei Uber erinnert: "Nur dass dir das Auto in der letzten Minute vor der Nase wegfährt, weil dich jemand überboten hat."

Donald Trump: "Wir sind kein Bestellservice"

Dass in einer Pandemie die Preise für lebensrettende Maßnahmen in die Höhe getrieben werden, hat der Late-Night-Moderator Seth Meyers treffend als "Kapitalismus in seiner absolut schrecklichsten Form" bezeichnet. Aber Trump will den Markt entscheiden lassen, auch wenn deshalb Abertausende US-Bürger die Pandemie nicht überleben werden. Unbeeindruckt zweifelte er in seiner täglichen Pressekonferenz gestern den finanziellen Nutzen einer Massenproduktion von Beatmungsgeräten an: Diese wären dann schließlich in ein paar Monaten nur noch fünf Dollar wert. Und überhaupt, so Trump, sollen die Bundesstaaten doch selbst welche bauen: "Wir sind ein Backup", so der Präsident. "Wir sind kein Bestellservice." Worte aus dem Munde desselben Präsidenten, der sich noch vor nicht allzu langer Zeit damit brüstete, über so viel Macht und Entscheidungsgewalt zu verfügen, dass es sich die meisten Menschen gar nicht vorstellen könnten.

Donald Trump USA Corona Zusammenhalt 19.35Und so bringt die Corona-Krise die ganze moralische Verwerflichkeit und intellektuelle Hilflosigkeit der Trump-Administration ungefiltert ans grelle Tageslicht, aber auch die menschenverachtenden Blüten eines Systems, das von vielen, vor allem jungen Menschen in den USA schon länger kritisch gesehen wird. Trump ist die wahnwitzige Vorzeigefigur dieses Turbokapitalismus, aber er könnte auch sein Totengräber werden. Klar ist: Je länger er flip-floppend durch die Katastrophe torkelt und je mehr Menschen seine Inkompetenz mit dem Leben bezahlen, desto heftiger wird die Zäsur, die Corona für das Land bedeutet.

Quellen: "Guardian"; CNN"Late Night with Seth Meyers"

Corona-Krise in Afrika: „Social Distancing ist einfach nicht möglich!“ – „Viva con Agua“-Initiator über Lage in Südafrika

Written By: Nele Andresen - Apr• 03•20

Wie macht sich die Corona-Krise in einem Entwicklungsland wie Südafrika bemerkbar? "Viva con Agua"-Initiator Benjamin Adrion erzählt dem stern im Interview, welche Schwierigkeiten auf den gesamten Kontinent Afrika zukommen. 

Wie macht sich die Corona-Krise in einem Entwicklungsland wie Südafrika bemerkbar? "Viva con Agua"-Initiator Benjamin Adrion erzählt dem stern im Interview, welche Schwierigkeiten auf den gesamten Kontinent Afrika zukommen. 

Geschlechtsunterschiede bei Covid-19: Sterblichkeit beim Coronavirus: Das Leiden der Männer

Written By: Ilona Kriesl - Apr• 03•20

Mediziner sprechen von einer "extrem auffälligen Beobachtung": Männer erkranken im Vergleich zu Frauen häufiger schwer am neuartigen Coronavirus. Die Fachwelt rätselt über die Gründe.

Ein neuartiger Erreger unterschiedet nicht nach sozialen Schichten, macht nicht Halt vor jungen oder alten Menschen - das gilt auch für das Coronavirus Sars-CoV-2. Weil es derzeit keine Impfung oder Grundimmunität in der Bevölkerung gibt, kann sich das Virus rasend schnell ausbreiten. Die gute Nachricht ist: Bei den meisten Infizierten verläuft die Infektion harmlos. Sie entwickeln keine oder nur leichte Symptome. Einer von sechs Erkrankten erleidet dagegen einen schweren Verlauf.

Wissenschaftler weltweit forschen zu den Faktoren, die das Risiko für kritische Krankheitsverläufe erhöhen. Schon jetzt ist bekannt: Das Alter der Patienten spielt eine Rolle, und auch, ob sie unter Grunderkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs leiden. Die steigenden Fallzahlen offenbaren zudem ein weiteres Phänomen: Mehr Männer als Frauen erkranken schwer an Covid-19 - und sterben auch häufiger. Ist das Geschlecht, insbesondere das männliche, ein weiterer Risikofaktor?PAID STERN 2020_15 Die unvorbereiteten Staaten von Amerika_7.10Uhr

Neu ist diese Vermutung nicht. Das "Chinese Centre for Disease and Prevention" hatte bereits Mitte Februar einen Bericht zu Covid-19 vorgelegt, der erste Hinweise lieferte. Er enthielt Daten von rund 44.600 Infizierten aus China, die zeigten: Ältere Patienten, insbesondere hochbetagte über 80 Jahre, hatten eine besonders hohe Sterblichkeitsrate von 14,8 Prozent aufzuweisen. Erhöht war das Risiko auch bei vielen chronischen Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes und Atemwegserkrankungen. Aber eben auch bei Männern. Mit 2,8 Prozent lag die Sterblichkeitsrate über der von Frauen mit 1,7 Prozent. Dabei waren die Geschlechter in etwa gleich häufig infiziert. 

Landesspezifische Daten liefern wertvolle Hinweise, sollten aber mit entsprechender Vorsicht interpretiert werden. Nicht zuletzt wegen gesellschaftlicher und gesundheitspolitischer Unterschiede können sie oft nicht eins zu eins auf andere Länder übertragen werden. Auffallend ist aber, dass sich der Trend aus China auch in anderen Ländern fortsetzt, darunter Deutschland. Und das sehr deutlich.

In Deutschland sterben mehr Männer am Coronavirus

Laut Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) mit Stand 01. April haben in Deutschland 732 Patienten eine Covid-19-Infektion nicht überlebt. Darunter sind 479 Männer (65 Prozent) und 252 Frauen (34 Prozent). Bei einer Person ist das Geschlecht unbekannt. Auch sind mehr Männer (52 Prozent) als Frauen mit dem Coronavirus infiziert. Allerdings zeichnet sich bei den Infektionszahlen keine so eindeutige Tendenz wie bei der Sterbestatistik ab.

Der Mediziner Christian Karagiannidis betreut in der Klinik Köln-Merheim Patienten mit schwerem Lungenversagen und bestätigt den Trend. Es erkrankten "deutlich mehr" Männer schwer an Covid-19, sagte der Mediziner gegenüber dem stern. Karagiannidis sprach von einer "extrem auffälligen Beobachtung", wie man sie selten bei Erkrankungen sehe. Was könnte die Ursache sein? "Darüber kann ich nur spekulieren. Aber das Phänomen dürfte in den kommenden Monaten sicher näher untersucht werden."

Konkreter wird der Virologe Alexander Kekulé gegenüber der "Bild"-Zeitung. Mit Blick auf die RKI-Zahlen sagte er, möglicherweise kämen Männer aufgrund ihres Verhaltens "häufiger mit dem Virus in Kontakt" - zum Beispiel weil sie häufiger vor die Tür gingen.

Wahrscheinlicher sei aber, dass der allgemeine Gesundheitszustand von Männern eine Rolle spiele. Dieser sei in einem fortgeschrittenen Alter oft etwas schlechter als bei Frauen, was sich auch in der Lebenserwartung niederschlage. Kekulé vermutet, dass Männer im höheren Alter deshalb auch eine höhere Sterberate aufweisen könnten, betont aber, dass es sich dabei um keine gesicherten Erkenntnisse handle. Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern seien jedenfalls "sehr auffallend", so der Virologe.

Ähnliche Beobachtungen gab es auch bei den Ausbrüchen von Sars und Mers, die ebenfalls durch Coronaviren verursacht wurden. Als denkbare Ursache werden eine ganze Reihe von Faktoren diskutiert, darunter genetische, aber auch solche, die mit dem Lebensstil zusammenhängen. So ist bekannt, dass das Immunsystem von Frauen grundsätzlich besser mit vielen Viren - vor allem solchen, die Atemwegserkrankungen auslösen - zurechtkommt. Möglicherweise entfaltet dabei das Sexualhormon Östrogen eine schützende Wirkung.

Zahlreiche Studien legen außerdem nahe, dass Frauen gesundheitsbewusster leben, sich ausgewogener ernähren und auch früher als Männer medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, was auch zu einer geringeren Sterblichkeitsrate beitragen könnte. 

Risikofaktor Rauchen

Ein anderer Faktor, der zunächst diskutiert wurde, scheint allerdings weniger stark ins Gewicht zu fallen: In China rauchen deutlich mehr Männer als Frauen. War die höhere Sterblichkeit dadurch zu erklären? Dieser Verdacht lag zunächst nahe, da Rauchen zu vielen Folgeerkrankungen führt, die wiederum das Risiko für schwere Covid-19-Verläufe erhöhen.

Doch die Geschlechtsunterschiede bei der Raucherquote fallen in Deutschland deutlich geringer aus. Hierzulande raucht etwa jeder vierte Mann und etwa jede fünfte Frau. Und doch zeigt sich die erhöhte Sterblichkeit auch hierzulande.

Klar ist bereits jetzt: Allein mit Blick auf die Raucherquote lässt sich die statistische Auffälligkeit nicht erklären. Es ist denkbar, dass ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren dafür sorgt. Das wird und muss nun Gegenstand weiterer Forschung sein. 

Ausbreitung des Coronavirus: Warum die Verdopplungszeit so wichtig ist – und noch für Diskussionen sorgen dürfte

Written By: Daniel Wüstenberg - Apr• 02•20

Wann werden die Beschränkungen wegen der Ausbreitung des Coronavirus gelockert? Der Zeitpunkt hängt auch von der sogenannten Verdopplungszeit ab. Sie könnte noch für Diskussionen sorgen.

Wann hört das alles auf? Nicht vor dem 20. April, so viel ist mal sicher. Und dann? Kann es vielleicht Lockerungen geben. Vielleicht dürfen Friseure dann wieder Haare schneiden. Vielleicht dürfen Kinder dann wieder auf Spielplätzen toben. Vielleicht dürfen Wirte wieder ihre Biergärten öffnen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht – vielleicht aber eben auch nicht.

Wie lange gelten die Coronavirus-Regeln?

Denn vielleicht ist es dann doch noch zu früh, um Beschränkungen aufzuheben. Auch dieses Signal wollten die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder nach ihrer Schaltkonferenz am Mittwoch aussenden. "Wir können keine Aussage darüber machen, wie es nach dem 19. April weitergeht", stellte Angela Merkel fest. Bayerns Ministerpräsident Markus Söder pflichtete ihr bei: "Es gibt überhaupt keinen Anlass zur Entwarnung. Wir brauchen die notwendige Geduld. Wir brauchen Zeit."

Die Zeit soll zum einen dazu genutzt werden, das deutsche Gesundheitssystem so aufzurüsten, dass es auch mit einer Vielzahl an Covid-19-Erkrankungen fertig wird. Zum anderen soll verhindert werden, dass die Zahl der ernsthaft Erkrankten die Belastungsgrenzen der Kliniken dennoch sprengt. Dazu dienen all die Maßnahmen, denen sich die Menschen nun schon seit zweieinhalb Wochen fügen. Die Ausbreitung des Coronavirus soll durch die Kontaktbeschränkungen verlangsamt werden. "Flatten the curve" ist das Motto der Stunde, die Kurve abflachen – das hat vermutlich inzwischen auch der Letzte verstanden. (Falls noch nicht: Hier zum Nachlesen.)

PAID Tracking gegen Corona 18.30

Es sei viel zu früh, um über einen – auch schrittweisen – Ausstieg aus den neuen Regeln des Miteinanders zu diskutieren. Auch dies gaben die Regierungschefs von Bund und Ländern den Bürgerinnen und Bürgern nach ihrer Schaltkonferenz mit auf den Weg. Und doch wird die Debatte natürlich geführt – und sie muss auch geführt werden. Schließlich erlebt die Bundesrepublik zurzeit die drastischsten Grundrechtseinschränkungen seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Die demokratische und freie Gesellschaft fragt sich vollkommen zu Recht. Wann hört das alles auf? Auch wenn die Menschen wissen, dass es für einen Exit noch zu früh ist.

Den Zahlen und Statistiken kommt in dieser Debatte eine besondere Rolle zu. Sie können Hoffnung geben, wenn die Kurve nicht mehr ganz so steil ansteigt. Sie können aber auch zu Ernüchterung, gar zur Verzweiflung, führen, wenn die Zahlen explodieren.

Warum die Verdopplungszeit so wichtig ist

Die Zahl der Coronavirus-Infektionen steigt. So ist es immer wieder zu lesen und zu hören. In Deutschland wurden laut Robert-Koch-Institut (RKI) bis zu diesem Donnerstag 73.522 Covid-19-Fälle registriert, nach 67.366 am Vortag und 61.913 am Dienstag. Experten gehen davon aus, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt, die tatsächlichen Fallzahlen also noch deutlich höher liegen. Dennoch muss sich die Politik an den Zahlen des RKI und anderer Institutionen halten. Es gibt schlicht keine anderen mit einer ähnlichen Verlässlichkeit.

Dass die Covid-19-Fallzahlen steigen, liegt in der Natur der Sache. Das RKI veröffentlicht täglich die kumulierte Zahl der bestätigten Fälle, addiert also alle Infektionen unabhängig von der Zahl der genesenen oder verstorbenen Patienten. Solange das Coronavirus also in Deutschland grassiert, muss die Zahl der Infektionen steigen. Für sich genommen lässt die kumulierte Zahl der Covid-19-Fälle also zunächst einmal kaum eine Aussage über die Ausbreitung des Virus zu.

Stattdessen kommt es der Bundesregierung in erster Linie auf einen anderen Wert an, der über eine Lockerung oder eine Verschärfung der geltenden Regeln entscheiden kann: Die Zahl der Tage, in denen sich die Infektionen verdoppeln, die sogenannte Verdopplungszeit. Nach Angaben von Bundeskanzlerin Angela Merkel muss diese in Deutschland bei etwa 14 Tagen liegen, was vor allem mit der intensivmedizinischen Behandlungsdauer von schwer verlaufenden Erkrankungen zusammenhänge. 

Warum die Verdopplungszeit ein so wichtiges Kriterium ist, zeigt ein fiktives Beispiel:

Unser Beispielland hat ein Krankenhaus mit einer Kapazität von 1000 Intensivbetten. Um die Rechnung zu vereinfachen nehmen wir an, dass die Behandlungsdauer schwer Erkrankter in dem Modell bei exakt 14 Tagen liegt, zudem werden neue Fälle erst zum Ablauf der Verdopplungszeit in die Klinik eingeliefert. Der Anteil der schwer Erkrankten an der Gesamtzahl der Infizierten ist dabei immer gleich.

Heute, an Tag 1, werden im Beispielland 100 schwere Covid-19-Fälle behandelt. An Tag 3, also bei einer Verdopplungszeit von zwei Tagen, kommen 100 Patienten hinzu, an Tag 5 bereits 200 usw. Bei einem solchen Verlauf ist schon am neunten Tag die Belastungsgrenze des Gesundheitssystems überschritten. Es kommen täglich immer neue Erkrankte in die Klinik hinzu, während die ersten Fälle 14 Tage lang weiterhin die Intensivbetten beanspruchen. Bereits an Tag 9 müssten bei einer Verdopplungszeit von zwei Tagen insgesamt 1600 Menschen intensivmedizinisch versorgt werden, an Tag 13 bereits 6400. Das Gesundheitssystem im Beispielland kollabiert in kürzester Zeit.

Verdopplung von Covid-19-Fällen bei zehn Tagen

Liegt die Verdopplungszeit dagegen bei 14 Tagen, werden die ersten 100 Patienten aus dem Krankenhaus entlassen, wenn die nächsten 100 eintreffen: an Tag 15. An Tag 29 werden diese wiederum entlassen und 200 Fälle kommen neu in die Klinik. Am 43. Tag befinden sich demnach 400 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung. Die Kapazitätsgrenze des Krankenhauses im Beispielland ist bei einem solch modellhaften Verlauf nicht nach wenigen Tagen überschritten, sondern erst zu Beginn der zwölften Woche. Das sind rund drei Monate, in denen die Zahl der Beatmungsplätze erhöht oder medizinisches Personal geschult werden kann, und die auch der Forschung nach Medikamenten oder einem Impfstoff Luft verschaffen. Schafft man es im Beispielland durch Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, die Verdopplungszeit der Infektionen über die Behandlungsdauer zu bringen, entspannt sich die Lage nochmals.

Zusammengefasst: Je höher die Verdopplungszeit der Infektionen, desto besser kann das Gesundheitssystem mit den Erkrankungen umgehen. Dieser Grundsatz gilt für unser Beispielland genauso wie für die reale Bundesrepublik, in der das Covid-19-Geschehen natürlich ungleich komplexer ist und sich in vollkommen anderen Maßstäben abspielt. Zum Beispiel spielt es für schwere Verläufe auch eine Rolle, ob besonders viele alte oder vorerkrankte Menschen infiziert werden. Auch die Anzahl der durchgeführten Coronavirus-Tests ist maßgeblich für Fallzahlen.

Doch wo steht Deutschland derzeit? Eine von mehreren Medien (u.a. "Der Spiegel", "Süddeutsche Zeitung") vorgenommene Auswertung von Zahlen der Johns-Hopkins-Universität, des RKI und von weiteren Behörden zeigt: Unter Berücksichtigung des Verlaufs der vergangenen fünf Tage liegt die Verdopplungszeit hierzulande zurzeit bei etwa zehn Tagen – also noch weit entfernt von den ins Auge gefassten 14 Tagen der Politik. Aber – und das ist ein kleiner Lichtblick – die Verdopplungszeit ist inzwischen deutlich höher als noch zu Beginn der Epidemie in Deutschland (damals etwa zwei Tage).

Greifen also die Kontaktbeschränkungen? Für eine endgültige Bewertung sei es noch zu früh, erklärte zuletzt unter anderem RKI-Präsident Lothar Wieler mit Blick auf die Zeit von bis zu 14 Tagen, die zwischen einer Infektion mit dem Coronavirus und möglichen ersten Covid-19-Symptomen liegt. Das sahen auch Merkel und ihre Länderkollegen so. Sie wollen erst nach Ostern eine erste Zwischenbilanz der aktuellen Maßnahmen ziehen – und auch erst dann entscheiden, ob sie verschärft oder gelockert werden können.

"Bleiben Sie weiter stark!"

Doch am Horizont zieht schon die nächste Debatte auf. Die Verdopplungszeit mag zwar auf das gesamte Land betrachtet zurzeit bei rund zehn Tagen liegen, regional ist der Wert jedoch höchst unterschiedlich: So liegt sie in Nordrhein-Westfalen inzwischen bei gut 13 Tagen, im Stadtstaat Bremen sogar bei 15, im Saarland dagegen bei sechs und in Bayern bei etwa 7,5 Tagen. Auf Landkreisebene sieht es bisweilen noch unterschiedlicher aus.

Bundesland

Verdopplungszeit*

Bremen

15,3 Tage

Nordrhein-Westfalen

13,3 Tage

Baden-Württemberg

12 Tage

Rheinland-Pfalz

11,8 Tage

Thüringen

10,9 Tage

Niedersachsen

10,9 Tage

Hamburg

10,6 Tage

Brandenburg 

10,5 Tage

Berlin

10,5 Tage

Hessen 

9,6 Tage

Mecklenburg-Vorpommern

9,6 Tage

Sachsen

9,5 Tage

Schleswig-Holstein

8 Tage

Sachsen-Anhalt

7,8 Tage

Bayern

7,5 Tage

Saarland

6,2 Tage

*Quelle: "Süddeutsche Zeitung" nach Daten der Landesbehörden und des Robert-Koch-Instituts; Stand: 2. April 2020, 16 Uhr

Dürfen die Bremer also früher ihre ersten Schritte in Richtung Normalität machen als die Saarländer? Theoretisch ist das denkbar, entscheiden muss die Politik. Und die muss neben den Folgen für das Gesundheitssystem auch weitere Konsequenzen mitdenken: Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Gesellschaft zum Beispiel. (Lesen Sie dazu beim stern: "Wann ist der Ausnahme-Wahnsinn wieder vorbei? Kommt darauf an, wen man fragt").

Dass die Diskussion über eine Lockerung der Regeln in bestimmten Regionen kommen wird, zeigte schon die telefonische Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Hamburgs Erstem Bürgermeister Peter Tschentscher nach der Schaltkonferenz der Regierungschefs am Mittwoch.

Wie die Politik mit dieser Frage umgehen wird, wurde ebenfalls deutlich: Man sei sich einig, keinen regionalen Flickenteppich entstehen zu lassen, so Kanzlerin Merkel auf eine entsprechende Frage zum möglichen regionalen Lockerungen: "Wir haben ganz klar gesagt, wir wollen als Bundesrepublik Deutschland gemeinsam herausgehen und das richtet sich danach, dass die Situation überall so sein muss, dass das pandemische Geschehen vom Gesundheitssystem bewältigt werden kann."

Tschentscher pflichtete der Kanzlerin bei: "Es ist wichtig, das einheitliche Vorgehen weiter als Strategie zu verfolgen", so der gelernte Labormediziner. Es herrsche eine hohe Dynamik. "Man kann nicht davon ausgehen, dass ein Land, das heute noch wenig betroffen ist, das auch in drei oder vier Wochen sein wird." Das Coronavirus kenne keine Ländergrenzen. "Wir müssen daher für ganz Deutschland sicherstellen, dass wir die Epidemie insgesamt ausreichend verlangsamt haben. Insellösungen helfen uns dabei nicht weiter", stellte der Hamburger Bürgermeister fest.

Ohnehin sei eine zu frühe Lockerung der Beschränkungen riskant, darauf wies neben vielen Wissenschaftlern zuletzt auch Merkel hin. "Wir müssen aufpassen, dass wir dann nicht vom Regen in die Traufe kommen." Sprich: Wenn sich Menschen wieder wie vor den neuen Regeln des Zusammen- oder besser Getrenntlebens begegnen, kann die Covid-19-Fallzahl wieder stark ansteigen – und die Verdopplungszeit sinken, mit entsprechenden Auswirkungen auf das Gesundheitssystem.

Neue Infektionsketten müssten dann schnell erkannt und isoliert werden. Gelänge das nicht, könnte alles wieder von vorne beginnen. Wohl auch deshalb richtete Merkel einen Appell an alle Bürger: "Bleiben Sie weiter stark!"

Quellen: Audio-Pressekonferenz bei Phoenix, "Der Spiegel", "Süddeutsche Zeitung", Fallzahlen Robert-Koch-Institut,Johns-Hopkins-Universität