Mehr Bewusstsein: So erkennen Sie tierversuchsfreie Kosmetik

Written By: Hannah Leonhard - Okt• 20•20

Kaum jemand würde mutmaßlich bewusst Kosmetik kaufen, die qualvoll an Tieren getestet wurde. Aber wie erkennen Sie tierversuchsfreie Kosmetik? Lesen Sie hier, welche Gütesiegel es gibt und was es mit der "PETA-Tierversuchsfrei-Liste" auf sich hat.  

Es ist längst nicht mehr nur ein Trend, denn bewusstes und nachhaltiges Konsumieren ist eine Frage der Lebenseinstellung. Das gilt nicht nur für die Herkunft von verschiedenen Konsumgütern, sondern auch für den Herstellungsprozess. Wer Kosmetika wie Cremes, Make-up, Deodorants oder Ähnliches kauft und verwendet, ist bewusst oder unbewusst Teil eines Ganzen. Denn Angebot und Nachfrage prägen die Wirtschaft, sodass eine Kaufentscheidung nicht nur der Griff zu einem beliebigen Produkt oder einer Marke ist, sondern auch ein stilles Einverständnis mit den Herstellungsbedingungen. Bewusst würde dabei wahrscheinlich niemand zu Kosmetik greifen, die an Tieren getestet wurde. Unbewusst passiert das allerdings leichter als gedacht. Zwar sind Tierversuche in der EU seit vielen Jahren verboten, aber es gibt gesetzliche Schlupflöcher für Unternehmen. So liegt es nicht an böser Absicht, wenn man Kosmetik kauft, die an Tieren getestet wurde, sondern an Unwissenheit. Wie Sie tierversuchsfreie Kosmetik selbst erkennen können und welche Marken sich auf der "Tierversuchsfrei-Liste" der Tierrechtsorganisation Peta befinden, lesen Sie hier.

colibri hyaluron

Tierversuche sind gesetzlich verboten

Einerseits ist der Verkauf und der Import von Kosmetikprodukten und Kosmetikrohstoffen, bei deren Herstellung Tierversuche durchgeführt wurden, in der EU seit mittlerweile sieben Jahren verboten, andererseits gibt es laut dem Deutschen Tierschutzbund aber auch heute noch Gesetzeslücken. Schon 2003 beschloss die EU-Kommission die schrittweise Abschaffung von Tierversuchen für Kosmetik- und Pflegeprodukte. 2004 folgte ein Verbot für Tierversuche in der gesamten EU und seit 2009 gilt dieses Verbot auch für die Inhaltsstoffe von Kosmetika. 2013 trat dann die letzte Stufe des umfassenden Gesetzes in Kraft, sodass es Kosmetikunternehmen komplett verboten ist, Tierversuche für ihre Produkte oder deren Inhaltsstoffe durchzuführen oder in Auftrag zu geben. 

Tierversuchsfreie Kosmetik: Wie erkennt man sie?

Sie können tierversuchsfreie Kosmetik erkennen, indem Sie wissen, wofür die auf den Produktverpackungen abgebildeten Gütesiegel stehen. Folgende drei Siegel sollten Sie im Zusammenhang mit tierversuchsfreier Kosmetik kennen. Erwähnenswert sind aber auch das BDIH-Siegel sowie das Natrue-Label. Letzteres verfolgt in Sachen Tierversuche in der Kosmetikindustrie eine klare Linie, sodass Natrue-zertifizierte Produkte nicht in Ländern verkauft werden dürfen, die Tierversuche voraussetzen (bspw. China). Der BDIH lässt sich etwas mehr Spielraum, denn Kosmetik, die dieses Siegel trägt, darf zwar nicht an Tieren getestet worden sein, es sei denn, die Durchführung oder Veranlassung dieser Versuche ist weder auf den Rohstoffhersteller, den Rohstoffanbieter oder den Hersteller des Endprodukts zurückzuführen.

Tipp: Kennen Sie die App "Codecheck"? Mithilfe der App können Sie Inhaltsstoffe direkt im Geschäft identifizieren. Einfach den Barcode von der Kosmetik mit dem Handy scannen und in wenigen Sekunden wissen Sie, was Sie in der Hand halten. 

Gütesiegel

Leaping Bunny

Es handelt sich um ein international gültiges Siegel, das Kosmetik ohne Tierversuche auszeichnet. Vergeben wird es von der "Coalition for Consumer Information on Cosmetics (CCIC)", einem Netzwerk von acht Tierschutzorganisationen aus mehreren Ländern. Unternehmen, die das Siegel verwenden, verpflichten sich, keine Tierversuche durchzuführen, in Auftrag zu geben oder sich daran zu beteiligen. Das betrifft jeden einzelnen Inhaltsstoff sowie die Endprodukte. 

Veganblume

Vergeben wird die Veganblume von der "Vegan Society". Es ist das einzige Siegel, das sowohl für vegane als auch für Kosmetik ohne Tierversuche steht. Sowohl das Produkt als auch seine Produktionsprozesse und Inhaltsstoffe müssen vegan und tierversuchsfrei sein, um dieses Siegel tragen zu dürfen.

Hase mit schützender Hand

Der "Deutsche Tierschutzbund" bestimmt zusammen mit dem "Internationalen Herstellerverband für tierschutzgeprüfte Naturkosmetik, Kosmetik und Naturwaren e.V. (IHTN)" die Richtlinien des Siegels. Die Standards des Labels gehen sogar über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus.

Tierversuchsfreie Kosmetik: fünf Marken im Vergleich

Die folgenden Marken sind nur einige von vielen, die sich beispielsweise auf der "Tierversuchsfrei-Liste" von Peta befinden oder eines der Gütesiegel tragen.

Lavera

Das Sortiment von der Naturkosmetik Marke "Lavera" finden Sie in jeder Drogerie. Zu kaufen gibt es eine große Bandbreite an Produkten — von Cremes über Duschschaum bis hin zu Make-up. Die natürlichen Inhaltsstoffe stammen überwiegend aus biologischem Anbau und tragen neben dem Natrue-Gütesiegel, das Natur- und Biokosmetik kennzeichnet, auch die Veganblume. Das gesamte Sortiment von "Lavera" ist tierversuchsfrei und klar als solches gekennzeichnet.

lavera

Dr. Hauschka

"Dr. Hauschka" gilt als Naturkosmetik-Pionier und ist bekannt für die Produkte hochwertige Bio-Rohstoffe zu verwenden, die teilweise sogar vom Unternehmen selbst angebaut werden. Das Sortiment umfasst Pflege- und dekorative Kosmetikprodukte, die teilweise vegan sind und zu 100 Prozent tierversuchsfrei. Überwiegend sind die Inhaltsstoffe pflanzlichen Ursprungs, Ausnahmen bilden nur Stoffe wie zum Beispiel Bienenwachs, Honig oder auch Seidenpulver. "Dr. Hauschka" befindet sich auf der "PETA-Tierversuchsfrei-Liste" (mehr Informationen zu dieser Liste finden Sie im Verlauf des Artikels) und beliefert daher auch nicht den chinesischen Markt.

dr hauschka

Colibri cosmetics

"Colibri cosmetics" ist ein veganes Kosmetikunternehmen, dass seine Produkte in Deutschland fertigt. Der Verzicht auf Tierversuche und die Verwendung veganer Inhaltsstoffe sollen fürdas Naturkosmetikunternehmen selbstverständlich sein, ein Blick auf die "PETA-Tierversuchsfrei-Liste" bestätigt das auch. Die Basis für Produkte von "Colibri cosmetics" sind vegane Rohstoffe aus der Natur, ergänzt werden sie um wirkungsvolle, synthetische Wirkstoffe aus dem Labor, sodass komplett auf Stoffe tierischen Ursprungs verzichtet wird.

colibri cosmetics

Benecos

Die Naturkosmetik Marke "Benecos" steht auf der "PETA-Tierversuchsfrei-Liste" und spricht vor allem eine junge Zielgruppe an. Weder die Endprodukte noch die verarbeiteten Inhaltsstoffe wurden an Tieren getestet. Fast alle Produkte sind außerdem BDIH-zertifiziert und vegan. Der Schwerpunkt des Sortiments liegt auf dekorativer Kosmetik wie Make-up, Mascara oder Nagellack. 

benecos

Foamie

Auch "Foamie" steht auf der "PETA-Tierversuchsfrei-Liste". Die Shampoos, in Form fester Seife, sind laut Hersteller vegan und werden ohne Tierversuche hergestellt. Außerdem produziert "Foamie" lokal in Deutschland und wirbt damit, dass die Seifen und Duschschäume frei von Mineralölen, PEG, Parabenen, Silikonen und Lilial sind. Mit seinem Sortiment trifft "Foamie" einen Nerv, denn Haarseifen und feste Shampoos liegen im Trend, denn oft kommen die festen Seifenstücke fast ohne (Plastik-)Verpackung aus, sodass sich Müll einsparen lässt.

foamie

PETA-Tierversuchsfrei-Liste

Die Europäische Kosmetik-Verordnung verbietet zwar Tierversuche in der EU, die internationale Tierrechtsorganisation Peta pflegt aber eine Liste mit Unternehmen, die Standards über gesetzliche Vorgaben hinaus erfüllen. Denn die gesetzliche Verordnung der EU ermöglicht unklare gesetzliche Auslegungen, was dazu führt, dass nach wie vor auch in europäischen und deutschen Regalen Kosmetikartikel zu kaufen sind, die an Tieren getestet wurden. Peta nimmt in der Positivliste ausschließlich Kosmetikhersteller mit klaren Richtlinien gegen Tierversuche auf. Laut Peta "sind das Unternehmen, deren Firmenpolitik eindeutig Stellung gegen Tierversuche beziehen und die so dabei helfen, Tierleid zu vermeiden und in Zukunft vollständig abzuschaffen." Dass Peta diese "PETA-Tierversuchsfrei-Liste" ins Leben gerufen hat und somit Standards pflegt, die über die gesetzlichen Vorgaben hinaus gehen, liegt an folgenden zwei Umständen:

  • Die Europäische Chemikalienverordnung "REACH" verlangt in verschiedenen Fällen Tierversuche. Unternehmen, die auf der Positiv-Liste von Peta stehen, sichern daher zu, keinerlei Tierversuche durchzuführen oder in Auftrag zu geben, auch nicht über die Ausnahme der Verordnung "REACH".
  • China verlangt für den Export von Kosmetikprodukten Tierversuche, sonst können die Produkte in China nicht verkauft werden. Laut Peta war dieser Umstand lange unbekannt, da die Versuche von chinesischen Einrichtungen gemacht werden. Das bedeutet, wenn ein Unternehmen seine Produkte auch in China verkauft, geht das zwingend mit Tierversuchen einher.

Ist vegane Kosmetik tierversuchsfrei?

Die Attribute vegan und tierversuchsfrei sind nicht gleichbedeutend. Vegane Produkte enthalten zwar keine Inhaltsstoffe tierischen Ursprungs, wie zum Beispiel Bienenwachs oder Honig, können aber Inhaltsstoffe enthalten, die an Tieren getestet wurden. Umgekehrt gilt das auch, so können tierversuchsfreie Produkte trotzdem tierische Stoffe enthalten. Sie erkennen vegane und tierversuchsfreie Produkte am besten an der Veganblume, denn dieses Gütesiegel vereint die Standards veganer und tiefversuchsfreier Kosmetik.

Quellen:Deutscher Tierschutzbund, Peta

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Corona-Risikogebiet Hamburg: Eine Stadt auf dem Weg zum Hotspot: „Ich glaube, dieses Jahr ist durch“

Written By: Leonie Scheuble - Okt• 19•20

Erweiterte Maskenpflicht, Begrenzung von Privatparties und Sperrstunde ab 23 Uhr: In Hamburg wurden vergangene Woche die Corona-Regeln verschärft. Seit Montag ist klar, die Maßnahmen kamen zu spät. Hamburg ist Corona-Risikogebiet. Auf Streifzug durch eine Stadt kurz bevor sie zum Hotspot wird.

Die Ampel steht auf Rot. Das, was in den letzten Tagen von allen befürchtet wurde, ist eingetreten: Seit Montag ist Hamburg offiziell Corona-Risikogebiet. Die Gesundheitsbehörde hatte am Vormittag mitgeteilt, dass die wichtige Warnstufe von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner überschritten wurde. Trotz aller getroffenen Vorsichtsmaßnahmen.

Dabei hatte der Senat die geltenden Corona-Regeln erst Freitagnachmittag nochmal verschärft: Die Maskenpflicht an stark besuchten öffentlichen Plätzen wurde teilweise auf den Schulunterricht ausgeweitet, öffentliche Veranstaltungen und private Feierlichkeiten wurden weiter begrenzt und ab Samstag wurde eine Sperrstunde in der Gastronomie sowie ein Alkoholverkaufsverbot erlassen. Angesichts der steigenden Zahlen hatte Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) auf der Pressekonferenz des Senats eindringlich an die Bürger appelliert, sich an die Regeln zu halten: "Es kommt jetzt auf uns alle an",  ermahnte Tschentscher. An diesem Montag klingen die Worte des Bürgermeisters wichtiger denn je.

PAID Merkels Appell Corona 14.36h

Drei Tage vorher sind noch viele Fragen unbeantwortet, die Leute sind unsicher, es gibt Kritik an den neuen Regeln. Ein Rückblick auf Hamburgs kurzen Weg zum Corona-Hotspot.

Hamburger Polizei: "Wir machen hier nicht die Regeln"

Es ist Freitag, der 16. Oktober, 13 Uhr. Pünktlich zur Mittagspause kommt die Sonne hinter den Wolken hervor. Auf dem Steindamm nahe des Hamburger Hauptbahnhofs herrscht reges Treiben. Umgeben von Leuten, die ihre Einkäufe erledigen, schlendern zwei Polizisten in Uniform den Bürgersteig entlang – kein ungewöhnliches Bild. Schließlich ist das Bahnhofsviertel St. Georg berüchtigt für seine Blaulicht-Einsätze. Doch heute haben die Polizisten einen Spezialauftrag: Sie kontrollieren die erweiterte Maskenpflicht, die seit Montag an mehreren öffentlichen Plätzen in der Stadt gilt, auch hier am Steindamm. Laut Holger Vehren, Referatsleiter der Polizeipressestelle Hamburg, sei es die Aufgabe der Polizei in den ersten Tagen "zu informieren und zu ermahnen". Anstatt strenger Kontrolle werde man die Bürger und Bürgerinnen auf die neuen Regeln zunächst hinweisen.

Zwei Mädchen mit Schulrucksäcken kommen den Beamten entgegen. Die beiden tragen keinen Mundschutz und quatschen eifrig. "Einmal bitte die Masken auf", ermahnt einer der beiden Polizisten freundlich. Ein paar Schritte weiter, unterhält sich ein älterer Herr mit Gehstock mit einem Gemüsehändler – beide tragen die Maske unterm Kinn. "Ab hier gilt jetzt Maskenpflicht", ruft der andere Polizist. "Da vorne hängen auch Schilder", fügt sein Kollege erklärend hinzu. Die Männer am Gemüsestand nicken beschwichtigend und ziehen die Masken über Mund und Nase.

Ein weißes DIN-A4 großes Schild weist auf die neue Maskenpflicht am Steindamm hin.
Ein weißes DIN-A4 großes Schild weist auf die neue Maskenpflicht am Hamburger Steindamm hin.
© Leonie Scheuble

Die Beamten gehen weiter. "Die meisten sind sehr entspannt und halten sich an die Regeln", sagt der Polizist, der die Mädchen gerade ermahnt hat. "Manche wissen es noch nicht, aber sind total einsichtig und holen sofort die Maske raus." Ärgerlich sei natürlich die Abgrenzung der Maskenpflicht-Bereiche mit Hausnummern. Laut der Anordnung des Senats, gilt die Maskenpflicht "auf dem Steindamm im räumlichen Bereich von der Hausnummer 33 bis zum Steintorplatz, täglich von 12 Uhr bis 22 Uhr". "Sinnvoller wäre natürlich der ganze Steindamm", erklärt der zweite Polizist. "Aber wir machen hier schließlich nicht die Regeln." 

"Ich glaub gar nicht, dass jeder weiß, wann hier die Zeiten sind"

Später am Nachmittag, die Sonne verschwindet langsam wieder hinter den Wolken und es wird spürbar kälter. An den Landungsbrücken ist weniger los als in der Innenstadt. Ein paar Touristen sind zu Fuß unterwegs. "Die nächste Hafenrundfahrt beginnt in zehn Minuten." Die laute, tiefe Stimme gehört zu einem rundlichen Mann mit Kapitänsmütze und blauem Regenmantel, der versucht, noch ein paar Gäste an Bord zu holen. Eine Maske trägt er nicht.

Ein junger Mann, Anfang 20, schiebt einen E-Roller neben sich her. Der Freiberufler hat gerade seinen Kumpel von der Arbeit im Eiscafé an der Brücke 10 abgeholt. Die zwei tragen einen hellblauen Mundschutz. Namentlich genannt werden möchten beide nicht. "Ich glaub gar nicht, dass jeder weiß, wann hier die Zeiten sind", sagt der eine mit dem E-Roller. "Manchmal vergessen die Leute die Maske wahrscheinlich auch einfach." "Ja, das ging mir doch am Montag auch so", antwortet sein Freund, der Eis verkauft, und nickt bekräftigend. "Da wusste ich das einfach nicht und bin hier ohne lang. Da haben mich dann alle mit Maske angeguckt, als wäre ich so'n Krimineller." 

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"23 Uhr Zapfenstreich bedeutet für uns die Hälfte des Umsatzes"

Es ist dunkel geworden. Am Alma-Wartenberg-Platz in Ottensen ist gegen 21 Uhr schon einiges los. Dass auch hier die erweiterte Maskenpflicht gilt, ist noch nicht bei allen angekommen. Die Szene-Bar "Aurel" ist seit dem frühen Abend gut besucht. Aus den Boxen dröhnen laute Beats, das Licht ist gedimmt, die Stimmung ausgelassen. Hinter den durchsichtigen Plastik-Trennwänden an der Bar bereiten zwei junge Barkeeperinnen einen Drink nach dem anderen zu. Wie immer zur Happy Hour sind Caipis besonders gefragt. Auch draußen vor der Bar sind alle Tische belegt. Immer wieder kommen neue Nachtschwärmer vorbei, setzen vor der Tür die Maske auf und wollen rein. Ein junger Mann mit schwarzem Mantel und hipper Schiebermütze steht an der Tür und weist die Leute freundlich darauf hin, dass drinnen alles voll sei. "Ihr könnt euch gerne mit 'nem Drink draußen irgendwo hinsetzen", sagt Fred, der eigentlich nicht Fred heißt und sich selbst als "Doorboy" bezeichnet. "Aber dann einmal hier bitte den Barcode scannen und registrieren."

Drei Polizisten in Uniform bleiben vor dem "Aurel" stehen. Sie sind hier, um Bescheid zu sagen, dass ab morgen die Sperrstunde gilt. Fred hat die schlechten Nachrichten schon aus der Pressekonferenz vom Nachmittag mitbekommen. Kaum sind die Beamten um die nächste Ecke, macht er seinem Ärger Luft: "23 Uhr Zapfenstreich bedeutet für uns die Hälfte des Umsatzes an so einem Freitag." Das Problem sei vor allem, dass jeden Tag was anderes gilt. Der Doorboy findet es schwierig, dass die Gastronomie "ein extrem außenwirksamer Buhmann für alle ist, die irgendeinen Aktionismus von der Politik erwarten.“ Dabei zeigen sich die meisten Gäste echt verständnisvoll. "In der Masse sind alle sehr devot und ziehen mit", sagt Fred. "Von 100 Leuten gibt’s mal einen, der richtig querschießt und der kann sich dann auch verpissen".

"Weckt mich auf, wenn der ganze Scheiß hier vorbei ist"

Eine gute Stunde später im Hamburger Schanzenviertel. Vor dem "Haus 73" unterhalten sich ein paar Leute. Im Moment wird niemand mehr in die Bar reingelassen, denn drinnen ist es voll. Wo normalerweise dicht an dicht getrunken, gequatscht und zur späteren Stunde auch gerne getanzt wird, sind die Tische nun auseinandergeschoben. Trotzdem ist der weitläufige Raum bis auf den letzten Platz belegt. Ein DJ legt laute 90er-Mucke neben der Bar auf, bunte Lichter tanzen durch den Raum, die Leute unterhalten sich. Angesichts der drohenden Sperrstunde ist dem sonst gutgelaunten Barbetreiber Gerrit nicht zum Feiern zu Mute. "Man merkt schon, es ist so ein bisschen Katastrophenstimmung", sagt Gerrit. "Ich möchte den Leuten eine gute Zeit machen, das war schon immer mein Ziel", sagt der Barbesitzer. "Aber das ist im Moment wirklich nicht einfach!" 

PAID Corona Interview Barbesitzer Lille_10.40Uhr

Er verstehe es ja auch, dass es Regeln geben muss, wenn man sich die Fallzahlen anguckt. "Aber wir reißen uns hier echt den Arsch auf, versuchen neue Konzepte zu machen und natürlich kommt man sich dann irgendwann verarscht vor, wenn es von heute auf morgen heißt: Gastro zu." Was die Sperrstunde an drastischen finanziellen Einbußen für die Hamburger Bars bedeuten, erklärt der Betreiber in zwei Sätzen. "Wir machen normalerweise 80 Prozent unserer Umsätze am Freitag und Samstag", sagt Gerrit. "Davon machen wir aber 85 Prozent unseres Umsatzes zwischen 22:30 Uhr und dann 2 bis 3 Uhr nachts." Deswegen seien hier am Schulterblatt natürlich alle total verzweifelt: "Wir stehen hier vor den Trümmern unserer Existenzen."

"Ganz ehrlich, ich hätte gerne einige Leute aus dem Schoß von Frau Merkel", sagt er. "Die sollen mir jeden Monat die Fixkosten für den Laden hier überweisen und dann sollen sie mich aufwecken, wenn der ganze Scheiß hier vorbei ist." Der DJ spielt "Bring it back, sing it back, sing it back to me." Draußen fährt ein Polizeiwagen mit Sirene und Blaulicht vorbei.

Hamburger Kiez: "Hier ist ja schon tote Hose"

Mittlerweile ist es kurz nach Mitternacht. Wenn man die Augen schließt, kann man auf der Großen Freiheit für einen kurzen Moment vergessen, dass es Corona gibt: Aus den Bars und Clubs wummert die Musik, Leute rufen durcheinander, es riecht nach der einzigartigen Kiezmischung aus Bier, Parfüm, Rauch und Urin. Doch sobald man die Augen wieder öffnet, fallen einem ungewöhnliche Dinge auf: Anstatt drinnen auf den Tischen zu tanzen, sitzen die Leute draußen an auseinander gestellten Bierbänken. Anstatt Shots auszuschenken, verteilen die Bedienungen Desinfektionsmittel. Anstatt dass sich ein Stripper im Polizeikostüm für einen Junggesellinnenabschied auszieht, gehen mehrere Polizisten durch die Straße und ermahnen die Feiernden, die Masken anzuziehen.

Ein Schild an einer Bar am Hamburger Berg: "Hey Senat, so geht`s nicht!" - barkombinat.
Eine Bar auf dem Hamburger Berg fordert: "Hey Senat, so geht`s nicht!" - barkombinat.
© Leonie Scheuble

Zwei Parallelstraßen weiter liegt ein für Freitagabend vergleichsweise ruhiger "Hamburger Berg". Einige der Tanzbars sind geschlossen. In denen, die noch geöffnet haben, ist wenig los. Die meisten Leute sitzen mit Decken vor den Bars, rauchen, trinken Bier, einige spielen Karten. Weiter entfernt von dem Pre-Corona-Partytreiben könnte die Stimmung hier nicht sein. Vor der Bar "Blauer Peter" sitzen vier junge Männer, Ende 20, und überlegen, wie sie den Abend ausklingen lassen wollen. Aus der Bar hört man ein Ed Sheeran-Mash Up von "Shape of You".

Viel wird heute nicht mehr gehen, das ist denn vieren bewusst. "Ist halt jetzt so", sagt Jonas. "Klar ists blöd, wenn man feiern gehen will, aber man kanns halt auch verstehen mit den steigenden Zahlen." Alle sind sich einig: Das Problem sei vielmehr, dass die Regeln so unübersichtlich sind und die Grenzen verschwimmen. "Wenn man hier jetzt rumläuft, muss man ne Maske tragen und sobald man sich hinsetzt, dann auf einmal nicht mehr", Michael schüttelt den Kopf. "Das macht doch keinen Sinn." Die vier beschließen in Richtung Schanze weiterzuziehen. "Hier ist ja schon tote Hose", sagt Jonas.

Gespenstische Stimmung nach Hamburger Sperrstunde

Knapp 24 Stunden später. Es ist Samstag, 1 Uhr nachts. Seit zwei Stunden gilt die angekündigte Sperrstunde. Im gelblichen Licht der Straßenlaternen wirkt das Hamburger Schanzenviertel wie ausgestorben. Die Straßen sind menschenleer, die vielen Restaurants und Bars dunkel.

Im Schanzenviertel sind nach der Sperrstunde am Samstag die Tische hochgeklappt.
Im Hamburger Schanzenviertel sind nach der Sperrstunde am Samstag die Tische hochgeklappt.
© Leonie Scheuble

Der einzige Laden, in dem noch Licht brennt, ist ein Kiosk. Drinnen ist kein einziger Kunde. Der Besitzer, ein älterer Mann, tritt vor seinen Laden und zündet sich eine Zigarette an. Die Maske trägt er unterm Kinn. Was er von der Sperrstunde halte? "Verbote bringen doch nichts", sagt der Mann und spuckt verächtlich auf den Boden. "Dann kaufen die Leute ihren Alkohol eben früher". Die neuen Regeln machen für ihn wenig Sinn, sagt der Kioskbetreiber, nimmt einen langen Zug von seiner Zigarette und bläst den Rauch in die kalte Luft. Wie die Barbesitzer macht auch er den größten Umsatz mit dem Verkauf von Alkohol nach 23 Uhr. Natürlich machen die Kioske jetzt enorme Verluste, sagt Mann. "Heute war hier fast nichts los." Er drückt die Zigarette aus und verschwindet wieder in seinem Laden.

Auf der Schanze ist es jetzt gespenstisch ruhig. Eine Gruppe junger Leute biegt um die Ecke, sie warten auf ein Taxi. Rund 10.000 Menschen weniger waren laut Holger Vehren, von der Polizei Hamburg, am vergangenen Wochenende auf den Straßen unterwegs. Das sei aber nicht allein den verschärften Regeln zuzuordnen, sagt Vehren. Dabei spielen natürlich auch andere Faktoren, wie das zunehmend kältere Wetter, eine Rolle. Sowieso sei es aus Polizeisicht deutlich ruhiger im Vergleich zu den letzten Wochenenden. "Die Allermeisten haben sich an die Sperrstunde gehalten", sagt Vehren. "Von den mehr als 300 überprüften Örtlichkeiten - wie Restaurants, Bars, Clubs und Kioske - gab es nur eine geringe Anzahl an Verstößen." Der einzige größere Ausreißer war eine aufgelöste Party mit knapp 90 Personen in einem Club-Keller auf der Reeperbahn. Der Großteil der Gastronomen habe sich jedoch an die Sperrstunde gehalten, so Vehren.

Am Montag, den 19. Oktober, ist das für viele nur ein schwacher Trost. Die Nachricht der Hamburger Gesundheitsbehörde, dass die Infektionszahlen den kritischen Grenzwert überschritten haben, hängt wie eine graue Wolke über der Stadt. Wer noch die leise Hoffnung hatte, dass die strengen Maßnahmen bald wieder gelockert werden, wird nun enttäuscht sein. 

Der junge Eisverkäufer und sein Kumpel mit dem E-Roller haben das schon drei Tage vorher gewusst. Feiern gehen war für die beiden schon vor der angekündigten Sperrstunde keine Option mehr. "Wir habens' aufgegeben", seufzt der Eisverkäufer. "Wir sind echt weit weg von ‚Wir gehen nochmal in ne Bar und verreisen‘. Ich glaub, dieses Jahr ist durch", sagt sein Kumpel.

Frischluft: Von der Sehnsucht nach Schlapphüten – Spione in der Coronakrise

Written By: Michael Streck - Okt• 16•20

Spione haben in Großbritannien einen legendären Ruf, nicht nur James Bond, auch die echten. Nun hat der Geheimdienstchef über sein kriselndes Gewerbe in Zeiten von Corona ausgepackt. Und auch unseren Autoren Michael Streck beschleicht so etwas wie Mitleid.

Die Pandemie, wer wüsste das nicht außer Attila Hildmann und Herrn Wendler und anderen Verquerdenkern, schüttelt die Welt ziemlich durch. Jeder ist betroffen, die einen mehr (Hoteliers), die anderen weniger (Bestatter). Aber nun erreicht uns ausgerechnet aus dem Vereinigten Königreich die Kunde, dass es auch einen Berufsstand erwischt hat, dessen Primärtugend das Geheimnis ist: Spione.

Es muss schlimm stehen ums Spitzelgewerbe, wenn sich der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes MI5, Ken McCallum, aus der Deckung wagt und entgegen sonstiger Gepflogenheit der Öffentlichkeit sein Herz ausschüttet. Es ist nämlich so: Das vermaledeite Virus fegt die Straßen leer, McCallums Personal kann sich deshalb nicht mal mehr konspirativ treffen mit lieb gewonnenen Informanten oder Infiltranten, Beschatter haben nichts und niemanden zu beschatten, und zu allem Überfluss ist auch der neue Bond verschoben. "Die verdeckte Überwachung", sprach der MI5-Boss bekümmert, "ist nicht mehr so einfach." Unter dem Virus bröselt das Kerngeschäft wie das britische Pfund. PAID Geschichte der UN 21.20 Uhr

Stasi, BND, Verfassungsschutz. Noch Fragen zum Sex-Appeal?

Die Menschen auf der Insel sind wirklich gebeutelt mit Boris Johnson als Premier und wieder rasant steigenden Corona-Fällen, jetzt auch noch mit schwächelnden Schlapphüten, zu denen sie seit jeher ein inniges Verhältnis pflegen. Der gemeine Agent (und selbstredend auch die gemeine Agentin) gelten nämlich in den Augen der meisten Briten als ziemlich cool, als ziemlich smart und ziemlich sexy. Die Frauen und Männer, die während des Zweiten Weltkriegs in Bletchley Park die Enigma-Maschine der Nazis knackten und damit den Krieg verkürzten, werden heute noch als Helden gefeiert. Sie haben John Le Carré und 007, die Deutschen hatten die Stasi und haben den BND und den Verfassungsschutz. Noch Fragen zum Sex-Appeal?

Nun ticken Briten grundsätzlich etwas anders und pflegen beispielsweise ein merkwürdig entspanntes Verhältnis zur Überwachung und den allgegenwärtigen CCTV-Kameras (Closed Circuit Television). Eine Kamera kommt im Schnitt auf elf Bürger. Es gibt mehr von diesen Dingern als es Schotten gibt, fast sechs Millionen. Sie hängen überall. An Kreuzungen, in Pubs, in Kaufhäusern. Manchmal zeichnen sie Verbrechen auf, manchmal Verkehrsunfälle und manchmal auch nur schnöden Sex im Park oder im Aufzug. Meistens und gerade in diesen Zeiten allerdings die gediegene Langeweile, nämlich: nichts. 

Corona macht Spionen Strich durch die Rechnung

Das gilt leider auch für die Kameras von "Hunted", einer populären Channel 4-Serie des Inhalts, dass ein Haufen von Normalbürgern versucht, 28 Tage unter dem Radar zu bleiben und irgendwo im Land abzutauchen. Ein Team aus Polizisten, Psychologen, pensionierten Agenten und Profilern wiederum versucht, diese flüchtigen Normalos aufzustöbern. "Hunted" ist eine Mischung aus sozialem Experiment und Leistungsschau der Überwachungstechnologie: CCTV, soziale Netzwerke, Telefonüberwachung, Geldautomaten und neuerdings natürlich Drohnen. Am Ende schnappen die Profis den Großteil der Amateure. Aber jetzt auch hier das große Nichts: Drehpause. Corona. Wie im richtigen Leben.

Im richtigen Leben, dozierte der MI5-Chef, verbringen seine Leute Tag und Nacht auf Dachböden und platzieren Mikrofone, im richtigen Leben beschatten sie auf den Straßen, im richtigen Leben treffen sie Quellen, das ist bei allem technischen Fortschritt immer noch so wie früher zu Zeiten von Le Carré und “Dame, König, As, Spion“.

Das Problem ist, dass es momentan kein richtiges Leben gibt. Es gibt ja zurzeit nicht mal ein falsches Leben im richtigen. Und also bemühen sich die Agenten gerade vor allem darum, dass Russen und Chinesen keine Impfstoff-Geheimnisse aus den britischen Laboratorien klauen. Schon aus ureigenem Interesse: Kommt Impfstoff, kommt irgendwann auch das richtige Leben zurück. Kommt das richtige Leben zurück, haben alle wieder Arbeit, natürlich auch die Spione und sogar James Bond. In Zeiten der Alu-Hüte wächst die Sehnsucht nach Schlapphüten. Wer hätte das gedacht?

Ausgeklügelte Kampagne : Wie der Kreml eine Rückkehr Nawalnys nach Russland verhindern will

Written By: Ellen Ivits - Okt• 16•20

Während sich Alexej Nawalny in Deutschland erholt, wächst in Moskau die Angst vor seiner Rückkehr nach Russland. Um diese zu verhindern, fährt der Kreml alle Geschütze auf. Nun wurde auch Putins Hofnarr von der Leine gelassen. 

Es war ein Auftritt, wie Wladimir Wolfowitsch Schirinowski sie liebt: vor Wut schäumend, vor Hass triefend – und vom Kreml abgesegnet. "Nawalny sollte verhaftet, nach Russland gebracht und ins Gefängnis geworfen werden. Nichts anderes erwartet ihn bei uns. Und er wird nie mehr nach Russland zurückkehren, weil er weiß, dass ihm hier nichts Gutes blüht", spie er in einem Interview mit dem Radiosender "Echo Moskwy" heraus. "Es muss ein Strafverfahren wegen Verleumdung gegen Nawalny eingeleitet werden, der in den letzten zehn Jahren eine große Anzahl von Bürgern unseres Landes beschmutzt hat. Dafür gehört er ins Gefängnis."

Schirinowski ist für seine skurrilen Auftritte berühmt berüchtigt. Mit seinen radikalen Ideen mauserte sich der Parteivorsitzender der Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR), einer im rechtsextremistischen Spektrum angesiedelten nationalistischen Partei, zu einer festen Institution auf der russischen Polit-Bühne. Mal sind es Atombomben, die er über dem Atlantik abwerfen will, um Großbritannien zu überfluten. Mal fordert er einen "letzten Durchbruch nach Süden", damit russische Soldaten ihre Stiefel im Indischen Ozean waschen können. Mal ist es eben Nawalny, der nach Aussage Schirinowskis "in Omsk hätte sterben sollen, wenn er vergiftet wurde."teaser

Der 74-Jährige ist für den Kreml ein Possenreißer, aber ein höchst nützlicher. Wo Zaren regieren, muss es schließlich auch Hofnarren geben. Wladimir Putin hat einen! Schirinowski ist sein inoffizielles Sprachrohr. Alles, was Putin sagen will, aber nicht kann – das posaunt Schirinowski in die Welt. Auch seine neueste Tirade gegen Nawalny kommt nicht von Ungefähr. Sie ist Teil einer groß angelegten Kampagne, die eine einzige Botschaft an den Oppositionspolitiker übermitteln soll: Komm nicht nach Russland zurück!

Kampagne der Einschüchterung 

Während Nawalny sich von dem Mordanschlag auf ihn in Deutschland erholt, lässt der Kreml nichts unversucht, um ihn von einer Rückkehr in die Heimat abzuhalten. Es wird mit Verfahren wegen Verleumdung oder Verrat gedroht. Nawalnys private und geschäftliche Konten sind gesperrt worden, genauso wie jene seiner Familie. Gleichzeig fordert Ewgenij Prigozhin, der als Putins "Koch" bekannt ist, Millionen von dem Oppositionspolitiker und seiner Mitstreiterin Ljubov Sobol. Fünf Millionen Rubel will der Putin-Getreue von jedem von ihnen haben – dafür, dass sie aufgedeckt hatten, dass er Moskauer Kindergärten mit verdorbenen Lebensmitteln beliefert hat. 88 Millionen Rubel verlangt Prigozhin für dieselben Berichte von Nawalnys Fond zu Korruptionsbekämpfung (FBK), der wegen der hohen Strafzahlung im Sommer aufgelöst werden musste.

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Die Wohnungen von Nawalny sind beschlagnahmt worden. Gegen eine Mitarbeiterin seines Stabs wird ermittelt, weil sie den Transport der Flasche, an der die Spuren des Nowitschok-Giftes gefunden wurden, nach Deutschland möglich gemacht hat. "Entwendung von Beweismitteln" wird ihr zur Last gelegt. Dabei weigern sich die russischen Behörden immer noch, Ermittlungen aufzunehmen. Es sei nichts Kriminelles vorgefallen, so eine der Ausreden. Wie können aber Beweismittel in einem Fall existieren, den es de facto gar nicht gibt? Über diesen Widerspruch geht man einfach hinweg.

Unterdessen reißt in den russischen Staatsmedien der Strom an Schmutz, den man über Nawalny ergießt, nicht ab. Mal heißt es, es habe gar keine Vergiftung gegeben und das Ganze sei inszeniert. Mal behaupten die Kreml-Propagandisten, Deutschland oder die USA hätten Nawalny vergiftet. Mal soll er es selbst gewesen sein, der Nowitschok gebraut und dann eingenommen hat – mit dem Ziel, Russlands Ruf zu schädigen. Zuletzt wurden Anschuldigungen gegen Nawalnys Frau erhoben. Sie sei in Wirklichkeit eine CIA-Agentin und habe ihren Mann vergiftet.

Damit stellt der Kreml nicht nur die Drohung in den Raum, Nawalny einen Prozess zu machen, sondern auch seiner Frau Julia Nawalnaya. Auf Landesverrat sind in Russland Strafen zwischen zwölf und 20 Jahren Haft vorgesehen. Wie die Vergangenheit gezeigt hat: Beweise für einen Schuldspruch brauchen russische Gerichte in solchen Fällen oft nicht. 

Alexej Nawalny kündigt trotzdem Rückkehr an 

Nawalny reagierte auf die Drohungen mit demonstrativem Humor. "Übrigens hatte ich das erste Mal den Verdacht, dass etwas nicht stimmte, als Julia mit einer CIA-Baseballkappe nach Hause kam, einem Fallschirm hinter sich herschleppte und ein Walkie-Talkie und zwei Päckchen Donald-Duck-Kaugummi bei sich hatte", kommentierte er sarkastisch einen entsprechenden Bericht in einem Beitrag auf Instagram.  

Bereits zuvor hatte Nawalny angekündigt, nach Russland zurückkehren zu wollen. "Meine Aufgabe ist jetzt, der Typ zu bleiben, der keine Angst hat. Und ich habe keine Angst!", erklärte er. 

Ein Verzicht auf eine Rückkehr nach Russland würde sich tatsächlich als ein großes Geschenk für Putin entpuppen. Damit wäre der Kreml die Galionsfigur der russischen Opposition los – obwohl er immer noch am Leben ist. Und die Propagandisten hätten ein leichtes Spiel, ihn als Verräter zu brandmarken. Diese Genugtuung wird Nawalny ihnen nicht so einfach bieten wollen.

Jonas Schmidt-Chanasit: Virologe über Corona-Regeln: „Ein Lockdown steht meines Erachtens vollkommen außer Frage“

Written By: Ilona Kriesl - Okt• 15•20

Bund und Länder haben neue Corona-Regeln beschlossen. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit erklärt, welche Maßnahme den größten Effekt haben dürfte, was er von Beherbergungsverboten hält und für wie realistisch er einen zeitnahen zweiten Lockdown einschätzt.

Prof. Schmidt-Chanasit, Bund und Länder haben neue Maßnahmen beschlossen, um das Infektionsgeschehen in Deutschland einzudämmen – darunter neue Obergrenzen für private Feiern und eine strengere Maskenpflicht. Was ist Ihre Einschätzung: Werden die Maßnahmen ausreichen, um das Infektionsgeschehen in Deutschland zu entschleunigen?

Das ist schwer vorherzusagen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir – würden wir die bereits seit längerem bestehenden Maßnahmen konsequent umsetzen – nicht diese Anstiege haben würden, die wir jetzt sehen. Das Stichwort ist AHA-L – also Abstand halten, Hygienemaßnahmen, Alltagsmaske und Lüften. Natürlich hätte man schon früher eingreifen können und mit Maßnahmen dort ansetzen können, wo die Infektionen stattfinden. In den vergangenen Monaten haben wir gesehen, dass es bei Feiern im privaten Rahmen zu vielen Infektionen gekommen ist. Die neuen Obergrenzen bei Familienfeiern oder im privaten Raum finde ich deshalb zielgerichtet und verhältnismäßig.

Ist das auch die Maßnahme, von der Sie den größten Effekt erwarten?

Ja, neben den Maßnahmen, die wir bereits haben.

Keine Einigung gab es bei den Beherbergungsverboten für innerdeutsche Reisende aus Risikogebieten. Wie sinnvoll sind die aus Ihrer Sicht?

Beherbergungsverbote machen überhaupt keinen Sinn. Das Reisen an sich ist ja nicht gefährlich, sondern das, was an den Reiseorten passiert. Es ist realitätsfern zu glauben, man könnte mit diesen Beherbergungsverboten irgendetwas verhindern. Es geht vielmehr darum, das Verhalten so zu gestalten, dass kein Risiko entsteht – ob das nun in Greifswald ist oder in Neukölln. Außerdem ist die Entwicklung so dynamisch, dass man überhaupt nicht mit der Umsetzung hinterherkäme.Corona-Regeln

Sollten die neuen Regelungen fruchten: Wann könnte sich ein erster Effekt zeigen, beispielsweise bei der Zahl der Neuinfektionen?

Bei den Neuinfektionen haben wir immer einen gewissen zeitlichen Verzug. Die Menschen, die heute in die Statistik einfließen, haben sich schon vor zehn bis vierzehn Tagen infiziert. Grundsätzlich ist das schwer vorherzusagen, weil es auch sehr von dem Verhalten der Bevölkerung abhängt – also, wie schnell solche Änderungen umgesetzt und wie konsequent sie eingehalten werden. Die Zahlen sind schon vor dem aktuellen Beschluss angestiegen, und ich denke, dass viele Bürgerinnen und Bürger bereits darauf reagiert haben und beispielsweise ihr Verhalten angepasst haben. Es ist, wie es auch der Modellierer Dirk Brockmann so schön beschrieben hat: Unser Verhalten verändert die Pandemie, und die Pandemie verändert unser Verhalten. Insofern kann es sein, dass wir bereits in wenigen Tagen eine Abflachung sehen werden, weil Teile der Bevölkerung bereits vor zwei Wochen ihr Verhalten geändert haben.

Haben wir uns wegen der niedrigen Zahlen über den Sommer in falscher Sicherheit gewogen?

Das müsste man jeden Einzelnen fragen. Aber natürlich haben wir gesehen, dass sich einige Bürgerinnen und Bürger weniger an die AHA-L-Regeln gehalten haben. Es gab ja Feste auf den Straßen oder illegale Partys, und das ist mit Blick auf das Infektionsgeschehen natürlich sehr kritisch. Nun konnten sich die Infektionen wieder ausbreiten. Zum Glück sind Risikogruppen noch recht gut geschützt, sodass wir aktuell noch keinen massiven Anstieg bei der Sterblichkeit sehen.PAID Antikörper Corona Therapie 14.23

Das Robert Koch-Institut hat heute mit 6638 Neuinfektionen einen neuen Rekordwert gemeldet. Überrascht Sie dieser Anstieg?

Die Entwicklung ist schon dynamisch, aber man muss sie auch im Kontext sehen. Zuletzt hatten wir Ende März, Anfang April derart hohe Zahlen, aber das lässt sich nicht vergleichen. Damals wurde viel weniger getestet. Das heißt, die reellen Zahlen waren natürlich wesentlich höher als die Anzahl der positiven Testergebnisse, die wir heute sehen. Aktuell ist die Situation noch nicht so dramatisch wie damals.

Markus Söder sagte, wir seien dem zweiten Lockdown viel näher, als wir das wahrhaben wollten. Hat er Recht?

Das ist regional sehr unterschiedlich. Wenn ich mir beispielsweise die Situation in Berlin-Neukölln ansehe, ist das durchaus eine schwierige Lage, wo sehr viel sehr schnell außer Kontrolle geraten kann. Aber das trifft nicht auf viele Regionen Deutschlands zu. Insofern ist eine verallgemeinernde Aussage sicher falsch. Das heißt aber nicht, dass wir nun alle untätig rumsitzen sollten! Die Basismaßnahmen müssen konsequent umgesetzt werden. Die Maßnahmen müssen aber auch verhältnismäßig sein und nachvollziehbar bleiben, sonst erweist man sich da einen Bärendienst und es kommt zu Unverständnis in der Bevölkerung.

Haben Sie ein Beispiel?

Warum sollte ein Restaurant im Zuge eines möglichen Lockdowns geschlossen werden, in dem die Hygieneregeln umgesetzt werden und wo keine Infektionen entstehen? Das müsste erst einmal erklärt werden. Ein Lockdown steht meines Erachtens nach erstmal vollkommen außer Frage.

Was wird mit Blick auf die kommenden Tage und Wochen wichtig?

Das Wichtigste ist jetzt das konsequente Einhalten der Basisregeln AHA-L. Keine der zusätzlichen Regeln wird dieselbe Wirksamkeit entfalten, als wenn sich große Teile der Bevölkerung daran halten. Diese Regeln werden uns durch die Pandemie tragen, ohne dass wir weitere Maßnahmen ergreifen müssen, die viele Nebenwirkungen und viele schädliche Effekte hervorrufen. AHA-L ist die Basis und quasi auch die Lösung. Zusätzlich kommen weitere Bausteine, die jetzt entwickelt werden. Die neuen Antigen-Schnelltests und bessere Behandlungsmöglichkeiten sind ein wichtiges Hilfsmittel, aber auch die Impfstoffe, die sicherlich kommen werden. In der Summe wird uns das viele neue Möglichkeiten eröffnen, wieder zurück in unser altes Leben zu finden.

Überschätzte Regeln: Die Corona-Beschlüsse haben höchstens Symbolkraft – denn es liegt nur an uns

Written By: Tim Sohr - Okt• 15•20

Ganz Deutschland diskutiert die neuen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Dabei hat sich an den grundsätzlichen Regeln schon seit Monaten kaum etwas geändert. An der Haltung in der Bevölkerung allerdings schon – und das ist die Gefahr.

Also wurden wieder einmal neue Grenzwerte gesetzt, Sperrstunden ausgerufen, ein paar Rechte beschränkt und Pflichten verschäft. Business as usual beim gestrigen Corona-Gipfeltreffen von Bund und Ländern in Berlin. Von der "historischen Dimension", die Kanzleramtschef Helge Braun vorher beschworen hatte, keine Spur. Denn in ähnlicher Form haben wir das alles in den vergangenen Pandemie-Monaten schon mal gehört.

Mit einer anderen Bemerkung, die Braun heute im ARD-"Morgenmagazin" getätigt hat, liegt er dafür umso richtiger – die Beschlüsse seien ein wichtiger Schritt, würden aber vermutlich nicht ausreichen: "Und deshalb kommt's jetzt auf die Bevölkerung an. Dass wir nicht nur gucken: Was darf ich jetzt? Sondern wir müssen im Grunde genommen alle mehr machen und vorsichtiger sein als das, was die Ministerpräsidenten gestern beschlossen haben."

Corona-Maßnahmen: Ein großes "Einerseits/Andererseits"

Ein ziemlich entscheidender Punkt: Manche gültigen Regeln, wie beispielsweise die Maskenpflicht zu bestimmten Uhrzeiten und ausgewählten Straßenabschnitten zwischen beispielsweise den Hausnummern 16 und 38, sind in ihrer Absurdität kaum einzuhalten und erst recht nicht zu überprüfen. Andere dagegen, wie die massiven Beschränkungen für Feiern, sind ausgesprochen bedauerlich, ergeben bei näherer Betrachtung aber immerhin Sinn. Und wie so oft in dieser Pandemie bergen auch die aktuellsten Beschlüsse ein großes "Einerseits/Andererseits".

PAID STERN 2020_43 Leben mit 90 Prozent_10.20UhrAber eigentlich darf es für jeden einzelnen von uns auch gar keine Rolle spielen, was die Politik vorgibt, solange die Situation so alarmierend ist wie zurzeit. Denn in gewisser Weise überschätzen wir gerade jede neue Wasserstandsmeldung aus Landtag oder Kanzleramt – denn: Wer seine Maske bei Hausnummer 39 absetzt, hat ohnehin nicht verstanden, worum es geht. Und dass eine radikale Ansage wie jene von Präsident Macron an das französische Volk hierzulande um jeden Preis vermieden wird, liegt nicht nur am Föderalismus.

Die Politik in Deutschland traut ihren Bürgern ausreichend Disziplin zu, um nicht einen Lockdown wie in anderen Ländern bemühen zu müssen – und zumindest im Frühjahr wurde sie in dieser Annahme bestätigt. Aber die Geduld der Bürger, erst recht in diffuser Lage und angesichts wachsender (Existenz-)Ängste und Sorgen ist endlich, und hier lauert die große Gefahr für die nächste Zeit.

Weshalb den Beschlüssen von Berlin, die sich um Sperrstunden oder Beherbergungsverbote drehen, für Wirtschaft und kleine wie große Unternehmer kaum größere Bedeutung innewohnen könnte – jene Vorgaben aber, die uns als Privatpersonen betreffen, haben höchstens Symbolkraft. Weil sie selbstverständlich sein sollten in dieser Zeit, da es darum geht, Risikopatienten zu schützen oder gefährdete Existenzen zu retten. Und sie werden sich mindestens bis zum Impfstoff nicht ändern.

Es liegt also an uns. Die Maßnahmen bleiben jedenfalls der einzige Beitrag, den wir leisten können, diesem Horror so schnell wie möglich ein Ende zu setzen.

US-Wahl 2020: Wiederholt sich die Überraschung von 2016? Was Umfragen über die Präsidentschaftswahl verraten

Written By: Niels Kruse - Okt• 12•20

Wie vor vier Jahren liegt Donald Trump in den Umfragen zurück – und dennoch gewann er damals. Könnte sich 2016 wiederholen? Auszuschließen ist das nicht, allerdings ist vieles anders als bei der vergangenen Präsidentschaftswahl.

Zu diesem Zeitpunkt vor vier Jahren schien Donald Trump erledigt zu sein. Das "Access-Hollywood-Tape", auf dem der Kandidat erzählt, dass er als Promi jeder Frau zwischen die Beine greifen könne, hatte seine Wirkung entfaltet: Die Menschen waren entsetzt. Hatte er kurz zuvor in den Umfragen seine Kontrahentin Hillary Clinton fast eingeholt, ging es nun wieder bergab für ihn. Teilweise mehr als zehn Prozentpunkte lag er plötzlich hinter der Demokratin – die Wahl ging dennoch zu seinen Gunsten aus.PAID US Wahlkampf Arizona 13.05

Mehr als zehn Prozentpunkte ist auch der Vorsprung, den Trumps Gegner Joe Biden aktuell hat. Trump und seine Anhänger hoffen darauf, dass die Umfragen danebenliegen oder dass es wie 2016 wieder eine überraschende Wende geben wird. Doch der Blick auf Details enthüllt eine etwas andere Lage – eine, die dem US-Präsidenten und seinen Leuten nicht gefallen dürfte. Auch wenn für ihn die herkömmlichen Politgesetze nicht zu gelten scheinen, schwinden seine Erfolgschancen derzeit. Wahlstatistiker wie Nate Silver haben ausgerechnet, dass er nur in 14 von 100 Szenarien die Abstimmung für sich entscheiden kann.

Biden liegt in Swing States klar vor Trump

Die Swing-States: US-Präsidentschaftswahlen entscheiden sich in den so genannten Battleground-States. Im US-Wahlsystem gilt es, die meisten Stimmen in einzelnen Bundesstaaten und damit die dortigen Wahlleute zu gewinnen. Florida, Pennsylvania, Ohio und North Carolina zählen traditionell zu den umkämpften Staaten. Auch dieses Jahr gilt: Wer am 3. November als Sieger aus dem Rennen hervorgehen will, sollte mindestens drei der vier genannten Staaten gewinnen. Etwa Pennsylvania: 2016 holte Trump dort rund 43.000 Stimmen mehr als Clinton – bei rund sechs Millionen abgegebenen Stimmen. 

Obwohl Donald Trump dort in den ländlichen Gebieten immer noch beliebt ist, hat ihn Joe Biden in den Umfragen abhängt. Der Demokrat wird hier, anders als Hillary Clinton, schon allein deswegen gemocht, weil er selbst aus dem industriell geprägten Bundesstaat stammt. Auch in fast allen anderen Battleground States rangiert Biden als Herausforderer vor dem Amtsinhaber: In Wisconsin und Michigan zwischen fünf und sieben, im wichtigen Florida knapp vier, in North Carolina 1,4 und in Ohio hauchzarte 0,6 Prozentpunkte. Selbst in eigentlich konservativen Hochburgen wie Georgia könnte es dieses Jahr eng werden für den Republikaner. Kurzum: In den wahlentscheidenden Staaten sieht es derzeit nicht gut aus für Donald Trump.

Die Wählergruppen. Auch hier hat US-Präsident Nachholbedarf: Vor vier Jahren waren es neben den Älteren vor allem weiße Männer ohne Collegeausbildung (in Deutschland am ehesten vergleichbar mit Männern mit mittlerem Schulabschluss), die Trump gewählt haben. Doch bei diesen Wählergruppen verliert Trump zunehmend – und zwar zur gleichen Zeit, in der Biden bei den wahlentscheidenden Gruppen wie Frauen zulegen kann. Auch in eher Republikaner-freundlichen Umfragen liegt der Anteil weiblicher Trump-Wähler teilweise bis zu 20 Prozentpunkte hinter den männlichen Anhängern. 2016 hatten noch deutlich mehr Frauen den jetzigen US-Präsidenten gewählt. Ähnliches gilt auch für schwarze Wähler.Inside America Folge 7 10.10

Joe Biden. Wie gesagt: In den USA ist es nicht entscheidend, welcher Kandidat landesweit die meisten Stimmen holt, sondern wer die meisten Wahlleute aus den Bundesstaaten zugeschlagen bekommt. Und doch macht ein Blick auf die durchschnittlichen Beliebtheitswerte weitere Unterschiede zu 2016 deutlich. Damals wie heute liegt der jeweilige demokratische Kandidat in den Umfragen vor Donald Trump. Während Joe Biden jedoch konstant und seit Beginn seiner Kandidatur deutlich in Führung lag, war Hillary Clintons Kurve ein ständiges Auf und Ab. Fünf Mal zwischen Anfang 2016 und der Wahl im November lag sie mit dem Republikaner auf Augenhöhe, einmal konnte er sie sogar für einige Tage als Wunschkandidat der Amerikaner für das Weiße Haus hinter sich lassen. Anders gesagt: Hillary Clinton war nie annähernd so beliebt wie es Joe Biden jetzt ist.

Trumps Politik. Die Zustimmungsraten zur Politik des Präsidenten sind wie ein langer ruhiger Fluss. Seit Amtsantritt unterstützen stets um die 40 Prozent der Amerikaner seinen Kurs – ein für US-Präsidenten nicht unbedingt hoher, aber ein erstaunlich konstanter Wert. Genau das aber wird für Trump gerade zum Problem: Denn diese Zustimmungsrate, aktuell sind es 44,5 Prozent, reicht nicht, um wiedergewählt zu werden. Konnte der US-Präsident bis Anfang des Jahres mit der Wirtschaft punkten, hat ihm die Corona-Pandemie diesen großen Trumpf aus der Hand genommen. Überhaupt lasten ihm viele Amerikaner die desaströse Virusbekämpfung persönlich an – erst recht, seitdem bekannt geworden ist, dass er sich selbst infiziert hat. 

Gibt es den "scheuen Trump-Wähler"?

Bis zur Wahl sind es noch drei Wochen und erst dann wird sich entscheiden, wen die Amerikaner als nächsten Präsidenten haben wollen. Möglicherweise gibt es den so genannten "scheuen Trump-Wahler" tatsächlich, der in Umfragen seine echte Wahlabsicht verheimlicht und am Wahltag für eine Überraschung sorgt. Nach aktuellem Stand aber spricht alles dafür, dass es der Amtsinhaber auf regulärem Weg eher schwer haben wird, wiedergewählt zu werden. 

Quellen: RealClearPolitics, FiveThirtyEight, Rutgers, "The Economist", US Election Atlas, Tagesschau

US-Supreme Court: Amy Coney Barrett vor Senatsanhörung: Was für das liberale Amerika auf dem Spiel steht

Written By: Leonie Scheuble - Okt• 12•20

Mit ihrer Ernennung könnte die Juristin Barrett den Obersten US-Gerichtshof deutlich nach rechts rücken. Nun beginnt die Anhörung von Donald Trumps Favoritin im Senat.

Die sogenannte "Supreme Court Battle" geht in die heiße Phase: Im Justizausschuss des US-Senats hat an diesem Montag die mehrtägige Anhörung der konservativen Juristin Amy Coney Barrett begonnen. Am ersten Tag soll die Kandidatin von Präsident Donald Trump zunächst vorgestellt werden, am Dienstag geht es mit der Befragung von Barrett weiter. Warum für das liberale Amerika viel auf dem Spiel stehen könnte – ein Überblick.

Warum ist die Supreme Court Battle so wichtig?

Trump hatte Barrett als Nachfolgerin der verstorbenen liberalen Richterin Ruth Bader Ginsburg nominiert. Die 48-Jährige war bislang Bundes-Berufungsrichterin in Chicago, ist bekennende Katholikin und Mutter von sieben Kindern. Mit ihrer Ernennung bekämen die Konservativen im Supreme Court eine dominierende Mehrheit von sechs der insgesamt neun Sitze am Gericht. Besonders bei Rechtsstreitigkeiten zu politisch umkämpften Fragen wie Einwanderung, das Recht auf Abtreibung oder Gesundheitsversorgung hat das Gericht oft das letzte Wort.

Der Präsident und die Republikaner im Senat wollen Barrett daher um jeden Preis noch vor der Präsidentschaftswahl am 3. November ins Oberste Gericht bringen. Trump machte keinen Hehl daraus, dass es ihm dabei auch um mögliche gerichtliche Auseinandersetzungen zur Auszählung der Stimmen bei der Wahl geht. Im Gegensatz dazu fordern die Demokraten um Joe Biden, dass erst der Wahlsieger über Ginsburgs Nachfolge entscheiden soll. Ein entscheidender Faktor ist dabei Barretts Alter: Die Juristin ist 48 Jahre alt und könnte lange am Gericht bleiben, da die Richter auf Lebenszeit bestimmt werden.

PAID US Wahlkampf Arizona 13.05

Das Ende von "Roe v. Wade"

Viele liberale Amerikaner fürchten, dass eine konservative Mehrheit mit Barrett das Ende von "Roe v. Wade" bedeuten könnte. Das wegweisende Urteil des Obersten Gerichts aus dem Jahr 1973 schützt das Recht von Frauen, selbst über eine Abtreibung zu entscheiden. Die Rechtsprechung ist jedoch umstritten: In konservativen Kreisen wünschen sich viele eine Umkehr des damaligen Urteils.

Die Demokraten sind alarmiert. Barrett selbst ist überzeugte Abtreibungsgegnerin und tief religiös. Zudem sprach sie sich in einem Artikel dafür aus, dass das Oberste Gericht grundsätzlich nicht davor zurückschrecken sollte, seine früheren Entscheidungen zu überprüfen. Eine Richterin am Supreme Court solle in erster Linie der Verfassung Geltung verschaffen und nicht Präzedenzfällen, die nach ihrer Überzeugung klar in Konflikt mit dieser stünden, schrieb die Juristin 2013 in einem Artikel für die "Texas Law Review". Demokraten, Frauenverbände und Menschenrechtler befürchten, dass Trumps Kandidatin mit ihrer Denkschule der "Originalisten", also der textgetreuen Auslegung der amerikanischen Verfassung, und ihrem strikten Ablehnen von Abtreibungen aus religiöser Überzeugung "Roe v. Wade" kippen könnte.

Rechte für homo- und transsexuelle Menschen in Gefahr

Zudem wird befürchtet, dass Barretts religiöse Überzeugungen auch Auswirkungen auf die Rechte von LGBTQ-Menschen haben könnten. In ihrer Zeit als Jura-Professorin an der katholischen Universität Notre Dame sagte sie in einer Vorlesung, eine Karriere in der Justiz sei immer nur ein "Mittel zum Zweck" und das Ziel sei es, "das Reich Gottes aufzubauen".

Barrett gilt nicht nur als überzeugte Katholikin, sie hat auch Verbindungen zu der christlichen Sekte "People of Praise". Diese Erneuerungsbewegung innerhalb der katholischen Kirche setzt sich stark für traditionelle Rollenbilder ein. Die Demokraten befürchten, dass Barrett die Glaubensfreiheit daher deutlich weiter auslegen könnte – zulasten der Rechte von Homo- und Transsexuellen.

Die Abschaffung von Obamacare

Die Demokraten sehen bei Barretts Ernennung auch die Reform des Gesundheitswesens von Ex-Präsident Barack Obama in Gefahr. Zwar wurde "Obamacare" im Obersten Gericht knapp bestätigt, die Trump-Regierung versucht jedoch das Urteil zu kippen.

Barrett hatte die Rechtsprechung 2017 offen kritisiert: John Roberts, der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, habe das Gesetz "über dessen plausible Bedeutung hinaus" ausgedehnt, um es zu retten, schrieb sie in einem Beitrag für eine juristische Fachzeitschrift.

Verschärfung der Einwanderungspolitik

Die Demokraten befürchten zudem, dass Barrett der Trump-Regierung helfen könnte, das Schutzprogramm für rund 700.000 junge Migranten zu beenden. Das von Obama begonnene Programm (Daca) schützt junge Migranten, die als Kinder illegal mit ihren Eltern in die USA eingereist waren, vor einer Abschiebung.

Als Berufungsrichterin half Barrett, eine der wichtigsten Einwanderungspolitiken von Trump voranzutreiben: Sie unterstützte die Regierung dabei, einen Vermögenstest für Migranten durchzusetzen. In ihrer 40-seitigen Begründung erläuterte die Juristin, warum die USA das Recht habe, Menschen nicht aufzunehmen, die in Zukunft von öffentlicher Unterstützung abhängig werden könnten.

Was ist bei der ersten Anhörung zu erwarten?

Die Demokraten wollen bei der Anhörung versuchen zu beweisen, dass sich Barrett am Supreme Court nicht von ihren Überzeugungen lösen kann. So stand ihr Name 2006 unter einer Zeitungsanzeige gegen Abtreibungen. Das wurde in Unterlagen für den Ausschuss zunächst nicht erwähnt – und erst am Freitag nach Medienberichten, die darauf hinwiesen, nachgeholt. "Sie hat Ansichten, die sie für einen Posten am Obersten Gericht disqualifizieren", sagte der demokratische Senator Chris Coons in einem TV-Interview.

Barrett versicherte in ihrer vorab bekanntgewordenen Stellungnahme, sie werde stets strikt dem Gesetz folgen. Sie betonte, dass ihre religiösen Einstellungen sie nicht davon abhielten, faire und juristisch einwandfreie Urteile zu sprechen. Zugleich legte sie ihr Verständnis von der Rolle der Gerichte dar: "Politische Entscheidungen und Werturteile über die Regierung müssen von den politischen Gewalten vorgenommen werden, die das Volk gewählt hat und die dem Volk gegenüber verantwortlich sind", erklärte Barrett. "Die Öffentlichkeit sollte dies nicht von den Gerichten erwarten und die Gerichte sollten es nicht versuchen."

PAID: Evangelikale - 13.20

Die Anhörung steht im Schatten des Coronavirus: Zwei republikanische Senatoren, Thom Tillis und Mike Lee, sind positiv getestet worden. Zwar können sie an den Anhörungen online teilnehmen, für Abstimmungen muss aber eine Mehrheit der 22 Ausschuss-Mitglieder anwesend sein. Der demokratische Minderheitsführer im Senat, Chuck Schumer, kündigte am Sonntag an, dass die Demokraten eher der Sitzung des Ausschusses fernbleiben würden, als den Republikanern mit ihrer Anwesenheit das nötige Quorum für eine Entscheidung zu geben.

Die Richter werden vom Präsidenten vorgeschlagen und vom Senat ernannt. Die Republikaner halten im Senat 53 der 100 Sitze. Bisher hatten sich zwei republikanische Senatorinnen dagegen ausgesprochen, über Barrett vor der Wahl abzustimmen. Die Republikaner können sich noch einen weiteren Abweichler leisten: Bei einem Patt von 50 zu 50 Stimmen kann Vizepräsident Mike Pence auf ihrer Seite eingreifen.

Quellen: "New York Times", BBC, mit Material der Nachrichtenagentur DPA

Virales Foto von David Weissmann: Er wählte Donald Trump und bezeichnete sich als „rechten Juden“. Jetzt ist er Biden-Fan

Written By: Rebecca Baden - Okt• 12•20

Vor vier Jahren unterstützte David Weissman Donald Trump. Heute geht der Veteran auf Twitter mit einem Foto viral, auf dem er ein Joe Biden-Shirt trägt. Was ist inzwischen passiert?

Die Geschichte von David Weissman klingt wie ein Märchen der modernen Welt: Es war einmal ein Armee-Veteran aus Florida, der Donald Trump unterstützte, liberale Schauspielerinnen bei Twitter trollte und Fernsehinterviews gab, in denen er seine Bewunderung für Trumps anti-muslimische Haltung ausdrückte. Dann wagte er sich aus seiner Troll-Höhle, traf eine gute Fee und verwandelte sich in einen gutaussehenden Demokraten. 

So ähnlich klingt die Geschichte, die David Weissman auf seinem Twitter-Account und gegenüber diversen Medien erzählt. Aktuell geht Weissman passend dazu mit einem Meme viral, in dem er ein aktuelles und ein älteres Foto von sich gegenüberstellte. Auf dem linken Bild trägt er ein Wahlkampfshirt von Trump 2016, rechts eins von Joe Biden 2020. Die Überschriften: "Wie es anfing" und "Wie es heute läuft".

Weissman bekam dafür bis zum Nachmittag des 12. Oktober mehr als 240.000 Likes. In den Kommentaren gratulieren ihm andere Nutzer und Nutzerinnen zu seinem politischen Sinneswandel oder seinem ebenfalls ersichtlichen Gewichtsverlust. Und es gibt sogar Menschen, die sich wie Weissman seit den letzten US-Wahlen von Präsident Trump abgewandt haben wollen. Wie kam es zu David Weissmans Bruch mit den Republikanern?

2016 beschrieb sich David Weissman noch als "rechten Juden"

Der Wandel von David Weissman ist auch heute noch in großen Teilen auf seinem Twitter-Account nachverfolgbar. Ende 2016, kurz nach Donald Trumps Wahlsieg, wünschte er dem Präsidenten viel Erfolg mit der "Make America Great Again"-Kampagne und bezeichnete sich als "konservativen, rechten Juden". Zuvor hatte Weissman im israelischen Fernsehen seine Bewunderung für Trumps Geschäftssinn und dessen anti-islamische Politik erklärt. Doch etwas mehr als ein Jahr später fasste Weissman offenbar einen folgenreichen Entschluss. 

PAID US Wahlkampf Arizona 13.05

In einer Art Neujahrsvorsatz kündigte er am 31. Dezember 2017 seinen Twitter-Followerinnen und Followern an, er werde mehr mit Menschen interagieren, die einen anderen Hintergrund hätten. "Ich möchte wirklich mit der Linken in Dialog treten", schrieb Weissman in dem Tweet. Kurz zuvor hatte er in dem sozialen Netzwerk eine virtuelle Konversation mit der Comedian Sarah Silverman, die offenbar der Auslöser für Weissmans Vorhaben war – und laut dessen Aussage auch für seinen Sinneswandel.

Eine Unterhaltung mit Comedian Sarah Silverman veränderte alles 

"Der Dialog zwischen Sarah und mir begann, als ich ihre Comedy kritisierte", schreibt Weissman rückblickend auf Twitter. Zu dem Zeitpunkt sei alles außerhalb von Fox News für ihn Fake News gewesen, so Weissman. "Obwohl ich noch immer Trumper war, habe ich realisiert, wie wichtig ein respektvoller Diskurs ist, und angefangen, Fragen zu stellen." 

So habe das Ganze seinen Lauf genommen. Er sei daraufhin mit vielen Menschen in Kontakt getreten, habe ihnen zugehört und sich schließlich Stück für Stück von seiner konservativen Erziehung und Politisierung getrennt, erklärt Weissman. 

Brauchen Trump-Unterstützer wirklich nur geduldige Erklärerinnen?

Das Leben ist kein Märchen. Das erkennt man unter anderem daran, dass David Weissman auch 2018 weiterhin Tweets gegen Migration oder Abtreibungen absetzte. Dass er gelernt habe, empathisch zu sein und zu erkennen, dass Rechte für andere Menschen nicht automatisch weniger Rechte für ihn bedeuten, sei ein Prozess gewesen, so Weissman. 

Braucht es am Ende also vor allem Geduld, um Trump-Unterstützer und -Unterstützerinnen auf einen anderen politischen Weg zu bringen? David Weissman meint: Ja. Im Interview mit dem"Neues Deutschland" erklärt er, "Geduld, Akzeptanz und Fakten" hätten seine Weltansicht verändert. "Als Silverman mit mir geredet hat, hat sie nicht gesagt: Hör auf, Trump zu unterstützen!"”, so Weissman. "Sondern sie hat mich als das akzeptiert, was ich war."

Weissman leitet heute eine Facebook-Gruppe für andere Menschen, die Donald Trump nicht weiter unterstützen wollen. Glaubt man seiner Erzählung, hat er auch in anderen Bereichen seines Lebens ein Umdenken durchlebt. "Empathisch zu sein hat mich dazu ermutigt, eine PTBS-Therapie (Posttraumatische Belastungsstörung, Anm. d. Red.) zu beginnen, mich zu bilden und ein besseres Vorbild für meine Kinder zu sein", schreibt er auf Twitter. Und man kann von Märchen halten, was man will: Für David Weissman hat diese Geschichte ein ziemlich gutes Ende. 

Quellen: Twitter David Weissmann / "Neues Deutschland" / CBC

Forschung zu Sars-CoV-2: Überlebt das Coronavirus bis zu 28 Tage auf Oberflächen? Warum die Studie mit Vorsicht interpretiert werden sollte

Written By: Ilona Kriesl - Okt• 12•20

Eine Studie macht Schlagzeilen: Das Coronavirus überlebt demnach bis zu vier Wochen auf glatten Oberflächen wie Glas. Ob die Ergebnisse auf Alltagssituationen übertragbar sind, ist aber fraglich.

Es klingt nach einer unfassbar langen Zeitspanne: Australische Forscher wollen in einer Studie herausgefunden haben, dass das Coronavirus bis zu 28 Tage auf glatten Oberflächen wie der von Smartphone-Displays oder Bankautomaten überleben kann. Dafür tropften die Forscher virenhaltige Flüssigkeit auf verschiedene Untergründe: Glas war darunter, aber auch Stahl, Baumwolle sowie Geldscheine aus Plastik oder Papier. Im Anschluss untersuchten sie unter Laborbedingungen, wie lange die Viren auf den einzelnen Proben überlebten. Getestet wurde bei drei unterschiedlichen Umgebungstemperaturen: 40, 30 beziehungsweise 20 Grad Celsius. Die Luftfeuchtigkeit lag konstant bei 50 Prozent.

Während die hohen Temperaturen das Virus relativ schnell außer Gefecht setzten, überdauerte es vor allem bei der niedrigen Temperatur überraschend lange – bis zu 28 Tage auf Glas, Stahl und Geldscheinen aus Kunststoff oder Papier. Das Virus sei bei einer Umgebungstemperatur von 20 Grad Celsius "extrem robust", folgern die an der Studie beteiligten Forscher des Wissenschaftsinstituts CSIRO. 20 Grad entspreche auch der üblichen Raumtemperatur.PAID Antikörper Corona Therapie 14.23

Höhere Temperaturen setzten dem Virus dagegen zu: Bei 30 Grad überlebte es noch bis zu sieben Tage auf Glas oder Stahl, bei 40 Grad hingegen nur noch 24 Stunden. Auch die poröse Oberfläche der Baumwolle machte den Viren zu schaffen. Auf dem Untergrund überlebten sie je nach Temperatur zwischen 14 Tagen und weniger als 16 Stunden.

Wie die Forscher schreiben, ist vor allem die Lebensdauer des Virus auf Glas ein "wichtiger" Befund. Sie weisen deshalb auf mögliche Infektionsrisiken durch Touchscreens von Smartphones, Bankautomaten, Selbstbedienungskassen im Supermarkt oder Check-in-Schaltern am Flughäfen hin. Dabei handle es sich um Oberflächen, die häufig berührt und möglicherweise nicht regelmäßig gereinigt würden, heißt es in der Studie, die im Fachblatt "Virology Journal" veröffentlicht wurde. 

Labor versus Realität

Grundsätzlich können Viren außerhalb des Körpers nur für eine gewisse Zeit überleben. Sie können sich auf Oberflächen beispielsweise auch nicht vermehren, denn dafür brauchen sie einen Wirt. Eine Ansteckung über Oberflächen ist aber möglich. Hustet oder niest eine infektiöse Person, entstehen dabei Tröpfchen, die Viren enthalten. Landen diese auf Oberflächen, können die Viren über die Hände zu den Schleimhäuten einer anderen Person gelangen. Eine solche Schmierinfektion ist auch beim aktuellen Coronavirus denkbar, scheint im Vergleich zu der Übertragung durch die Luft aber eher selten zu sein. So ist dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bislang kein Fall bekannt, bei dem nachgewiesen wurde, dass das Coronavirus durch kontaminierte Oberflächen oder Gegenständen auf eine andere Person übertragen wurde und es zu einer Infektion kam.

Studien wie die aktuelle Untersuchung aus Australien sind dennoch wichtig, um mögliche Ansteckungsrisiken zu bewerten und gegebenenfalls gegenzusteuern. Ein Problem ist aber oft, dass die Forschung unter Laborbedingungen durchgeführt wurde – und damit nicht immer eins zu eins auf Alltagssituationen übertragen werden kann. Das ist auch bei der aktuellen Studie der Fall.

Ein Beispiel: Es ist bereits bekannt, dass UV-Strahlen, etwa Sonnenlicht, Viren rasch unschädlich machen können. Die Experimente wurden aber im Dunkeln durchgeführt, da die Forscher den Einfluss von UV-Strahlen so weit wie möglich ausschließen wollten, wie sie im Fachblatt schreiben. Im Alltag sind UV-Strahlen wie auch Sonnenlicht aber kaum wegzudenken. Man kann daher davon ausgehen, dass die Viren unter diesem Einfluss wesentlich schneller abgestorben wären.

Auch die Tröpfchengröße spielt eine Rolle. Tröpfchen, die beim Husten oder Niesen entstehen, sind oft kaum mit dem bloßen Auge zu erkennen. Landen sie auf einem Touchscreen, können sie zusätzlich verwischt werden, was dazu führt, dass sie schneller austrocknen. Im Labor werden die Viren dagegen meist mit einer feinen Pipette auf die Oberfläche gegeben. Dabei entsteht ein satter, runder Tropfen, der Feuchtigkeit länger speichern kann – und auch den Viren ein längeres Überleben sichert.

Die Problematik, die sich daraus ergibt, ist längst bekannt, auch bei den Behörden. In der Praxis sei zu erwarten, dass die Stabilität des Coronavirus geringer ist, "als in den Laborstudien ermittelt", schreibt das BfR mit Blick auf vorherige Studien dieser Art. "Die in den Studien genannte Stabilität dieser Viren wurde im Labor unter optimalen Bedingungen und mit hohen Viruskonzentrationen ermittelt." Doch auch andere Faktoren können eine Rolle spielen, darunter das Tageslicht, schwankende Temperaturen, Luftfeuchtigkeit oder geringere Kontaminationslevel.

Frühere Laboruntersuchungen einer amerikanischen Arbeitsgruppe zeigten, dass Sars-CoV-2 bei hoher Kontamination bis zu vier Stunden auf Kupferoberflächen, bis zu 24 Stunden auf Karton und bis zu zwei beziehungsweise drei Tagen auf Edelstahl und Plastik infektiös bleiben kann. Als Aerosol behielt es bis zu zu drei Stunden seine Infektiosität. Die aktuelle Untersuchung weist dagegen deutlich längere Zeiträume aus.

Was folgt daraus?

Bereits vor Publikation der aktuellen Studie war bekannt, dass das Coronavirus über längere Zeit auf Oberflächen überleben kann – und damit grundsätzlich die Möglichkeit einer Schmierinfektion besteht. Ob Sars-CoV-2 außerhalb des Labors und unter dem Einfluss natürlicher Faktoren bis zu 28 Tage auf Oberflächen überleben können, erscheint aber zumindest fraglich.

An dem grundsätzlichen Ratschlag, sich regelmäßig die Hände zu waschen, ändert die aktuelle Studie nichts. Auch sollte es vermieden werden, sich mit den Händen in das Gesicht, zum Beispiel an die Nase oder die Augen, zu fassen. "Normale Hygienemaßnahmen wie häufiges und richtiges Händewaschen mit Seife und die regelmäßige Reinigung von Oberflächen und Türklinken mit haushaltsüblichen tensidhaltigen Wasch- und Reinigungsmitteln schützen ausreichend vor einer Schmierinfektion mit Sars-CoV-2", heißt es seitens des BfR. 

Um das Risiko einer Ansteckung über die Luft zu senken, empfehlen Experten mit Blick auf Herbst und Winter Innenräume ausreichend zu lüften.

Quellen:Mitteilung von CSIRO / Virology Journal / BfR