Bundestagswahl: Es ist der spannendste Wahlkampf seit Jahren – und dennoch nur ein Merkel-Imitationsspektakel

Written By: Horst von Buttlar - Sep• 17•21

Es ist ein eigenartiger Wahlkampf – es sollte ein Aufbruch werden, doch am Ende ging es ums "Weiter so". Das Symbol dafür wurde Merkels Raute. Und das war nur eine von vier Paradoxien.

Wahlkämpfe und Wahlen sind Prozesse, in denen sich ein Volk verortet. Es entscheidet, ob sich etwas ändern soll oder ob es im Großen und Ganzen so weitergeht. Diese einfache Richtungsentscheidung wird gern überhöht, da geht es um Wenden, Neuanfänge und Aufbruch, um Kontinuität oder eben Stabilität.

Nun, da wir auf den 26. September zusteuern, lassen Sie uns noch einmal zurückschauen, um zu verstehen, was vor uns liegt. Denn da kommt manches auf uns zu, ganz unabhängig von den Ergebnissen.

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Es war ein ganz und gar eigenartiger und widersprüchlicher Wahlkampf, nicht nur, weil zwei von drei Kandidaten nahezu verheizt und verbrannt wurden – und der unwahrscheinlichste von ihnen die erstaunlichste Aufholjagd seit 2002 hingelegt hat.

Annalena Baerbock verglühte schnell, konnte sich stabilisieren, auch hier und da überzeugen, aber es reichte nicht mehr. Sie hat irgendwann den Kampf ums Kanzleramt aufgegeben. Armin Laschet kämpfte einen Stellungs- und Abnutzungskrieg, die Bilder seiner Kandidatur werden sich in eine Galerie der Hoffnungslosigkeit einreihen, selbst wenn die Wahl doch anders ausgeht.

Das spannendste Rennen seit 2005 

Und schließlich Olaf Scholz, an den lange niemand glaubte, außer er selbst, der alle überraschte, der nur warten und lächeln musste. Er antizipierte eine tektonische Verschiebung, die Angela Merkel Abgang auslöste, die beide Rivalen falsch einschätzten: Laschet und die Union, wie wichtig die Person sein würde; und Baerbock und die Grünen, wieviel Neustart wirklich möglich ist.

  • Vier Paradoxien prägten den Wahlkampf. Die erste nenne ich das Größenparadox: Es sollte um große Themen gehen, aber es ging vor allem um Kleinigkeiten: Lebenslauf statt Lebensgrundlagen, Plagiat statt Planet, um Patzer statt Programme.
  • Das zweite war das Spannungsparadox: Über Wochen wurde immer wieder geschrieben, wie langweilig der Wahlkampf sei, während er gleichzeitig immer spannender wurde. Ja, wir erlebten das spannendste Rennen seit 2005, sehr viel Bewegung war und ist da. Seit Wochen muss richtig gekämpft werden, die Parteien aller drei Bewerber oszillierten im Korridor von 15 bis 30 Prozent. Alles war drin, alles ist drin. Oder ist es jetzt gelaufen? Man möchte sich kaum noch festlegen.
  • Drittens war da dieses Zukunftsparadox. Eigentlich sollten wir um die Zukunft streiten, es waren aber zwei Schocks der Gegenwart, ein Jahrhunderthochwasser und der Abzug aus Afghanistan, die uns im Bann hielten, emotional absorbierten und manche Bilder produzierten, die alles veränderten.
  • Der vierte und im Grunde seltsamste und folgenreichste Widerspruch war das Aufbruchsparadox. Im Frühsommer war das erste Mal eine Wechselstimmung zu spüren – auch wenn es immer schwierig ist zu erkennen, wie viel Stimmung tatsächlich da ist und wie viel herbeigeredet wird. Das verstärkt sich ja auch irgendwann selbst. Doch es gab, in Umfragen, Gesprächen und Anekdoten, an vielen Stellen diesen Wunsch nach Aufbruch, nach einem Neuanfang nach 16 Jahren Angela Merkel. Es war der Wunsch nach mehr: mehr Risiko, mehr Wagnis, mehr Investitionen, mehr Breitband, mehr Klimaschutz.

Das große Merkel-Imitationsspektakel

Dieser Wunsch blieb diffus: Was sollte sich ändern, wie viel, und wer sollte es verantworten? Wer sollte führen, wer nicht (mehr)? 

Doch in den letzten Wochen ging es plötzlich um das Gegenteil, um Kontinuität, der Wahlkampf wurde ein Merkel-Imitationsspektakel. Wer konnte Kanzlerin, wer die beste Raute formen, physisch und metaphorisch? Es war noch nicht mal mehr das Versprechen, dass man nicht alles anders, sondern vieles besser machen würde. Es war ein Versprechen, dass Mutti weiterlebt: durch Ruhe, Übersicht, Kompetenz und ein wenig Veränderung. Das ist die Botschaft von Scholz, die Laschet vergeblich aussenden wollte.

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Wie immer diese Wahl ausgeht: Es wird sich eine Regierung bilden, die Weichen bis 2030 stellt, nicht nur beim Klima. Auch bei der Rente. Auch beim demografischen Wandel gibt es Kipppunkte, auch hier muss eine Regierung handeln, bevor die Millionen Babyboomer in Rente gehen und Fachkräfte noch mehr fehlen als heute schon. Man spürt den immensen Handlungsbedarf an vielen Stellen: Bildung, Digitalisierung, Verwaltung, Gesundheitswesen, Sozialversicherungen. Laschet konnte diesen Überbau nicht liefern, Baerbock nur beim Klimaschutz, Scholz musste es nicht – ihm reichte für die Aufholjagd eine Projektion.

Bleibt die Frage: Brauchen wir für all das, was vor uns liegt, eher disruptive Typen, die voranpreschen, Energiefelder erzeugen, die all die Umwälzungen anpacken und steuern, die uns prophezeit werden?

Wieviel Raute will Deutschland?

Oder geht es auch viel um Interessenausgleich, wenn so viel transformiert wird, um runde Tische, um besonders dicke Bretter, die gebohrt werden müssen? Vielleicht ist dies das fünfte Paradox, das manche(r) gespürt hat, als er oder sie die Raute sah. Dass wir dann doch mehrheitlich vor der Zukunft zurückschrecken und Risiken meiden, dass wir wünschen, dass sich zwar manches ändern soll, aber doch vieles so bleibt.

Wir haben uns oft genug selbst überrascht. Ich habe aber Zweifel, dass dies noch reichen wird. 


Bunte Bänder: Kinesiotapes: Humbug oder Heilpflaster – und welche Rolle spielen die Farben?

Written By: Jan Sägert - Sep• 17•21

Sie sind Blau, Pink oder Grün und zieren immer häufiger stramme Waden, verspannte Nacken oder lädierte Rücken. Kinesiotapes gelten als Wunderwaffe gegen Muskelprobleme aller Art. Doch was können die bunten Bänder wirklich? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Viele Millionen Deutsche treiben regelmäßig Sport – und das ist gut so. Dass es gelegentlich hier und da einmal zwickt, die Wade "zumacht" oder ein Muskel überstrapaziert wird und streikt, wissen viele Profiathleten, aber auch Hobbysportler aus eigener Erfahrung. Als eine Option, Verspannungen, Muskelschmerzen oder Schwellungen schnell in den Griff zu bekommen, haben sich in den vergangenen Jahren elastische, farbige Bänder aus Baumwolle durchgesetzt, die auf die entsprechenden Stellen geklebt werden. Kinesiotapes. In vielen Physiotherapie-Praxen, aber auch privat, wird mittlerweile geklebt, was die Rollen hergeben. Doch was wird da eigentlich genau auf die Waden, den Rücken oder in den Nacken geklebt und bringt das wirklich etwas?

Gemeinsam mit Kristina Jago, Physiotherapeutin und Master of Science Klinische Sportphysiologie und Sporttherapie, geben wir im folgenden Artikel einen Überblick zum Thema Kinesiotape und klären die wichtigsten Fragen.

Was ist ein Kinesiotape?

Kinesiotapes sind dehnbare, mit Acrylkleber beschichtete Baumwollbänder, die auf Rollen aufgewickelt werden. Klassischerweise sind die Tapes fünf Zentimeter breit, jeweils fünf Meter lang und werden vor dem Kleben auf die gewünschte Länge zurechtgeschnitten. Sie sind in verschiedenen Farben, aber auch mit Mustern bedruckt erhältlich. Zur Bedeutung der Farben später mehr. Die Tapes sind in der Regel wasserfest, können also auch beim Baden und Duschen getragen werden. Nach Deutschland kamen die Kinesiotapes Ende der 1990er Jahre. Entwickelt wurden sie bereits in den 1970er Jahren in Japan, vermutlich inspiriert von der kinesiologischen Bewegungslehre. 

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Wofür werden Kinesiotapes angewendet?

Angewendet werden Kinesiotapes vor allem im Sport, aber auch im Alltag. Sportler nutzen die bunten Bänder als Schmerztape – beispielsweise bei Zerrungen. "Außerdem werden die Tapes geklebt, damit die Muskulatur weniger schnell ermüdet", erklärt Kristina Jago. Ein weiteres Ziel sei, dass bestimmte Muskeln besser durchblutet werden. Marathonläufer greifen aus diesen beiden Gründen gern zu Kinesiotapes und platzieren sie mit Vorliebe entlang der Wadenmuskulatur. Dazu sollen die Tapes den berüchtigten Muskelkater danach etwas abschwächen. Im Alltag gelten die Kinesiotapes hauptsächlich als Wunderwaffe gegen muskuläre Verspannungen oder Verletzungen und werden häufig am Rücken, im Lendenwirbelbereich und im Nacken geklebt.

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Was können Kinesiotapes bewirken?

Eines vorweg: Es gibt aktuell keine wissenschaftlichen Belege dafür, dass Kinesiotapes Muskelverspannungen lösen, Schmerzen lindern oder die Durchblutung bestimmter Muskeln positiv beeinflussen. In Vergleichsstudien konnten Sportwissenschaftler bis heute nicht nachweisen, dass die farbigen Tapes eine signifikant bessere Wirkung erzielen als andere Strukturbänder, Pflaster oder ähnliches. Spannend: Der subjektive Eindruck ist häufig ein anderer. Auch deshalb erfreuen sich Kinesiotapes im Amateursport, aber auch im Alltag seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. Doch woher kommt die Kluft zwischen Wissenschaft und subjektiver Wahrnehmung?

Das Erfolgsgeheimnis von Kinesiotapes hat eine psychologische Komponente. Und zwar unabhängig davon, aus welchem Grund es überhaupt geklebt wird. Ein Beispiel: Eine Läuferin oder ein Läufer verspürt an einer bestimmten Stelle Schmerzen und möchte das Kinesiotape als Schmerztape einsetzen. In diesem Fall sollte das Tape als Kreuz auf den Schmerzpunkt geklebt werden, wo es genau zwei Aufgaben hat. Erstens: die Struktur der Muskulatur an dieser Stelle entlasten; Und zweitens: den Fokus und die Konzentration auf exakt diese Stelle lenken. Und genau das ist der entscheidende Punkt.

Was bewirken Kinesiotapes wirklich?

Kinesiotapes bewirken, dass der Fokus und die Konzentration des "Patienten" auf den beklebten Schmerzpunkt oder Muskel gelenkt und damit das Verhalten beeinflusst wird. Das kann dazu führen, dass sich die Beschwerden verbessern. Mit anderen Worten: Nicht das Tape selbst bewirkt etwas. Es erinnert lediglich daran, sich auf den Schmerzpunkt zu konzentrieren, den Muskel aktiv zu entspannen oder stärker einzusetzen. 

Beispiel 1: Brust- oder Lendenwirbelsäule 

Ein hier richtig aufgeklebtes Kinesiotape erinnert an die aufrechte Haltung, die im Alltag gern vergessen wird. Durch die erhöhte Muskelaktivität können so unter Umständen Rückenschmerzen gelindert werden. Die Wärme, die unter dem Baumwollband entsteht, entspannt zusätzlich.

Beispiel 2: Knie

Bei Menschen, die unterschiedlich stark ausgeprägte Beinmuskulatur an der Innen- und Außenseite oder Vorder- und Rückseite des Oberschenkels haben, gleitet die Kniescheibe manchmal nicht problemlos. Das führt auf Dauer zu Schmerzen im Kniegelenk. Klebt man nun ein Kinesiotape rund um die Kniescheibe, erinnert es daran, den schwächeren Muskel stärker einzusetzen. Dazu spürt man auf der Haut, dass der Zug des Tapes ein bisschen nach innen geht und aktiviert beispielsweise die innere Muskulatur etwas besser. Auch hier hängt der Erfolg vermutlich eher damit zusammen, dass man sich darauf konzentriert. 

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Beispiel 3: Nacken

Ein auf die verspannte Nackenmuskulatur geklebtes Kinesiotape erinnert permanent daran, diesen Muskel gezielt und aktiv zu entspannen. Im Grunde fungiert es also als eine Art Erinnerungspflaster.

Beispiel 4: Starke Schwellung (z.B. Lymphödem)

Hier wird das Kinesiotape in fünf schmale Streifen geschnitten, die mit einem Abstand von jeweils einem Zentimeter in Richtung des Lymphabflusses geklebt werden. An den beklebten Stellen funktioniert der Abfluss nachweislich besser. Ob der gleiche Effekt auch mit normalem Klebeband erzielt werden kann, ist offen. 

Kinesiotapes: Welche Bedeutung haben die Farben?

Kinesiotapes werden mittlerweile in vielen verschiedenen Farben angeboten. Neben den klassischen Rollen in Blau und Pink werden Tapes in Schwarz, Grün und Orange angeboten. Selbst Muster wie Camouflage oder Tapes im Pünktchen-Design sind erhältlich. Auch dazu kursieren viele Vermutungen und Halbwahrheiten. Wirken Tapes in einer bestimmten Farbe nur an einer bestimmten Körperregion? Hat Blau einen kühlenden Effekt, Rot eher einen wärmenden? Wissenschaftlichen Belege gibt es auch dafür aktuell nicht. "Meines Wissens nach sind die Tapes in ihrer Struktur alle gleich", sagt Physiotherapeutin Kristina Jago "Dass es beim Kleben gar keinen Unterschied macht, würde ich trotzdem nicht sagen. Der Körper reagiert auf Farben, daran kann man glauben oder nicht, und die Farbpsychologie spielt beim Thema Kinesiotapes mit Sicherheit eine Rolle." Mit dem Tape selbst habe das aber überhaupt nichts zu tun, so Jago weiter. Mit anderen Worten: Egal ob Gelb, Rot, gepunktet oder gestreift: Die Bänder bestehen aus elastischer Baumwolle und sind mit Acryl-Kleber beschichtet.

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Kann man Kinesiotapes selbst kleben?

Grundsätzlich kann man beim Kleben von Kinesiotapes keine Fehler und schon gar nichts kaputt machen. Vorsicht ist allerdings bei diagnostizierten Muskelverletzungen, wie beispielsweise Zerrungen, geboten. "In einem solchen Fall ist es wichtig, die Muskelstrukturen zu kennen", erklärt Kristina Jago. Der Muskel sollte erst im Verlauf und dann zusätzlich quer getapt werden, um ihn sinnvoll zu unterstützen. "Klebt man das Tape einfach auf den Schmerzpunkt, geht der Fokus nicht auf den gesamten Muskel, sondern nur auf diese Stelle, wo der Schmerz vielleicht gar nicht entstanden ist. Die Ursache einer Wadenzerrung kann zum Beispiel auch im Oberschenkel liegen", erklärt die Physiotherapeutin und ambitionierte Läuferin. Wichtig: Wer Kinesiotapes als Schmerztape einsetzen möchte, sollte sich im Zweifel fachkundigen Rat einholen. Geht es darum, Muskelverspannungen zu lösen, genügt es häufig, die mitgelieferte Klebeanleitung zu studieren und entsprechend zu befolgen.

Tipp: Vor dem Kleben sollte die Haut unter dem Tape rasiert und nicht eingecremt werden. 

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Kinesiotapes entfernen: Das ist wichtig

Eine Philosophie des Kinesiotapes ist: So lange es klebt, braucht man es. "Wenn das Tape noch gut klebt, sollte es nicht einfach abgerissen werden", rät Kristina Jago. Das könne schmerzhafte Wunden hinterlassen. Wer es dennoch schon eher loswerden will, feuchtet das Kinesiotape am besten mit etwas warmem Wasser an und löst es langsam von der Haut. Kinesiotapes können bis zu drei Wochen halten, andere lösen sich schon nach einer Stunde wieder. Tipp: Um das Ablösen so schmerzfrei wie möglich über die Bühne zu bringen, sollte die betreffende Stelle vor dem Kleben rasiert werden.

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Natürliche Haarwäsche: Ist Haarseife eine sinnvolle oder sinnlose Alternative zu Shampoo?

Written By: Anna Stefanski - Sep• 17•21

Lange Zeit wurde die klassische Seife von konventionellen Produkten auf dem Markt verdrängt, doch nun feiert sie ihr Comeback – insbesondere als natürliche Alternative zum synthetischen Shampoo. Aber eignet sich Haarseife überhaupt für jedermanns Kopf(haut)?

Körperseife wird bereits seit Jahrtausenden zur täglichen Hygiene eingesetzt, Haarseife hingegen setzt gerade erst einen neuen Trend. Grund hierfür ist das zunehmende Bewusstsein vieler Menschen in puncto Nachhaltigkeit. Denn Fakt ist, dass konventionelle Shampoos Unmengen an Plastikmüll produzieren: Im Schnitt verbrauchen wir 787 Flaschen Shampoo in unserem Leben. Darüber hinaus enthalten die meisten Produkte synthetische Tenside, Konservierungsstoffe und Silikone – also Inhaltsstoffe, die ungesund sind und obendrein auch noch die Kopfhaut angreifen bzw. austrocknen können. In einer gewöhnlichen Industrieseife können ebenfalls gesundheitsbedenkliche Stoffe enthalten sein, daher eignet sie sich nicht zum Haarewaschen. Seifen für die Haare hingegen besitzen merklich weniger Fette wie Glycerin oder Palmöl, damit sich Ihre Haare nach dem Waschen nicht fettig anfühlen. Und das ist längst nicht der einzige Vorteil, den Haarseife bietet. 

Woraus besteht Haarseife?

Im Gegensatz zu gewöhnlicher Seife wird Haarseife als "gering überfettet" deklariert, das bedeutet übersetzt: Sie enthält nicht mehr als drei bis fünf Prozent reines Fett. Stattdessen machen Pflanzenöle, die eine schaumfördernde Wirkung haben, den Großteil (ca. 40 Prozent) aus – wie zum Beispiel Kokosöl. In deutlich geringerer Dosierung werden hingegen Rizinusöl, Olivenöl oder Avocadoöl eingesetzt, sie machen in der Regel nur zehn Prozent einer Haarseife aus. Während Aloe vera, Mandelöl und Traubenkernöl die Kopfhaut mit Feuchtigkeit versorgen, pflegen andere Inhaltsstoffe wie Shea- und Kakaobutter oder Babassu die Haare. Alles in allem enthält jede Haarseife nur natürliche Inhaltsstoffe und keine synthetischen.

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Welche Vorteile bietet Haarseife?

Dass in Haarseife keine Konservierungsstoffe oder Parabene, Silikone oder Tenside enthalten sind, ist in jedem Fall ein großer Pluspunkt. Das Gleiche gilt für ihre quasi nicht vorhandene Verpackung, durch die Sie Unmengen an Plastikmüll einsparen können. Das ist aber noch längst nicht alles, was eine Haarseife zu bieten hat: Zum einen ist sie deutlich ergiebiger als ein konventionelles Shampoo, dadurch hält sie sich wesentlich länger – was auch den höheren Preis für ein Stück Seife rechtfertigt. Zum anderen kommen die Inhaltsstoffe der Kopfhaut zugute, da sie das natürliche Milieu fördern und somit das Eigenfett erhalten. Aus diesem Grund ist Haarseife auch besonders mild.

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Für wen ist Haarseife geeignet?

Aufgrund der milden Inhaltsstoffe ist Haarseife – allen Irrglauben zum Trotz – für alle Hauttypen geeignet. Wichtig für Sie zu wissen ist, dass Sie dennoch ein Produkt wählen sollten, das auf Ihre besonderen Ansprüche zugeschnitten ist. Sprich: Wenn Sie zu fettigen Haaren neigen, brauchen Sie eine Haarseife mit geringer Überfettung. Fühlen sich Ihre Haare oftmals sehr trocken an, benötigen Sie eine Haarseife mit einem höheren Überfettungsgrad. In beiden Fällen gibt es eine kleine Auswahl an passenden Produkten für jeden Hauttyp, sodass in jedem Fall auch für Sie etwas dabei ist. Unabhängig davon, welches Shampoo Sie im Vorfeld bereits verwendet haben.

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Welche Haarseife ist empfehlenswert?

Wie bereits erwähnt, ist der Fettanteil ein wichtiges Indiz für die richtige Haarpflege – das gilt auch für Haarseife. Wenn Sie also zu trockener Kopfhaut neigen, möglicherweise sogar unter Schuppenflechte oder Neurodermitis leiden, empfehlen wir Ihnen Carenesse Aleppo mit 60 Prozent Olivenöl und 40 Prozent Lorbeeröl. Sie ist stark rückfettend und somit für trockene Haare ideal geeignet. Das Gleiche gilt für Asavo, einer Naturseife aus Olivenöl und kaltgepresstem Kokos- bzw. Rizinusöl mit zehn Prozent Überfettung. Sie wurde ebenfalls für empfindliche und trockene Hauttypen entwickelt, kann aber auch bei allen anderen Hauttypen problemlos eingesetzt werden. Wenn Sie unter fettiger Haut oder Unreinheiten leiden, ist die Haarseife Dudu-Osun aus Nigeria vielleicht etwas für Sie – sie besteht aus Palmkernöl, der Asche verbrannter Kakaobohnenschoten und Sheabutter.

Wie wendet man Haarseife korrekt an?

Haarseife im Einsatz
Die Wasserhärte spielt beim Waschen mit Haarseife eine wichtige Rolle
© andriano_cz

Bevor Sie Haarseife das erste Mal anwenden, sollten Sie den Härtegrad des Wassers testen. Je kalkhaltiger und härter es ist, desto schwieriger ist die Haarpflege. Das liegt mitunter daran, dass sich bei der Verbindung von Wasser, Kalk und Seife kleine weiße Flocken, die sogenannte Kalkseife, bilden und auf der Kopfhaut dafür sorgen, dass sich Ihre Haare rau anfühlen. Je weicher und kalkärmer das Wasser also ist, desto besser lässt sich die Haarseife anwenden. Umgehen können Sie dieses Problem zum einen, indem Sie einen Duschkopf mit Wasserfilter verwenden: Er filtert den Kalk aus dem Wasser, sodass sich keine Seifenflocken auf Ihrer Kopfhaut bilden. Zum anderen können Sie Ihre Haare nach dem Waschen mit einer sauren Rinse aus Apfelessig pflegen – diese muss nicht mal ausgewaschen werden. Wie das im Detail funktioniert, erfahren Sie hier.  

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Weitere Tipps, die Sie beim Waschen mit Haarseife beachten sollten:

  1. Sobald Sie die Haarseife unter fließendes Wasser halten und über Ihre Haare reiben, beginnt diese zu schäumen.
  2. Nachdem Sie Ihren kompletten Kopf eingeseift haben, spülen Sie den Schaum wie bei einem Shampoo aus den Haaren.
  3. Verzichten Sie nach Möglichkeit auf eine Spülung, damit sich Ihre Haare an die Seife gewöhnen können. Anfangs können Sie jedoch noch einen Conditioner verwenden.

Haarseife selber machen: wie geht das?

Haarseife mit Lavendel
Mit nur wenigen Zutaten können Sie Ihre eigene Haarseife herstellen
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Auch wenn immer mehr Hersteller Haarseife auf den Markt bringen, ist die Auswahl derzeit noch überschaubar. Sollte Ihnen kein gängiges Produkt zusagen, können Sie Ihre eigene Haarseife herstellen – dafür benötigen Sie nur vier verschiedene Zutaten: 300 Gramm Kernseife, Olivenöl, ein ätherisches Öl Ihrer Wahl (z.B. Lavendelöl) und Wasser. Anschließend gehen Sie wie folgt vor:

Schritt 1: Zuerst wird die Kernseife mithilfe einer groben Küchenreibe über einem Topf klein geraspelt. Anschließend wird der Inhalt mit etwas Wasser (am besten peu à peu) auf dem Herd erhitzt und so lange umgerührt, bis die Seife geschmolzen und eine homogene Masse entstanden ist.

Schritt 2: Erst jetzt geben Sie ca. zwei Esslöffel Olivenöl dazu und rühren die flüssige Seife so lange um, bis sich die einzelnen Komponenten miteinander verbunden haben. Danach können Sie zehn bis zwölf Tropfen von dem ätherischen Öl unter die Masse heben – und verrühren nochmal alles gut um.

Schritt 3: Wenn Sie die Seife – passend zum Duft – gerne lila färben wollen, können Sie noch die entsprechende Lebensmittelfarbe ergänzen. Zu guter Letzt wird die flüssige Seife in eine Form (zum Beispiel aus Silikon) gegossen und muss über Nacht ruhen – am besten bei Zimmertemperatur.

Am nächsten Tag können Sie die fertige Haarseife direkt einsetzen.

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„Klartext“: Zwischen zugewandt und unbequem – so lief Annalena Baerbocks Auftritt im ZDF

Written By: Andrea Zschocher - Sep• 17•21

Im ZDF stellte sich Annalena Baerbock am Donnerstag in "Klartext" den Wählerinnen und Wählern. Viele neue Erkenntnisse ergaben sich dabei nicht – das lag aber auch an den Fragen.

Der Wahlkampf zur Bundestagswahl findet in diesen Tagen seinen Höhepunkt. Ob Triell, Wahlarena oder Politiktalkshows, die Politikakteure versuchen auf den letzten Metern, noch Boden gut zu machen. Heißt vor allem: Jede mediale Präsenz, jedes Redeangebot mitnehmen, das sich noch anbietet. Ob die Wähler:innen da noch so Lust drauf haben, wird beinahe zur Nebensache, Hauptsache die Kandidat:innen können sich noch mal zu Wort melden. So ist es auch wenig verwunderlich, dass bei "Klartext" vor allem die Fragenstellenden selbst sich in den Mittelpunkt stellten. An den Antworten der Politikerin wirkten nicht alle interessiert.   

Ähnlich wie bei der Wahlarena vor wenigen Tagen in der ARD ging es auch beim ZDF nun für Annalena Baerbock darum, die Fragen von Bürger:innen zu verschiedenen Themen zu beantworten. Wobei man schon zugestehen muss, es waren weniger konkrete Fragen als ein Angebot, sich persönlichen Frust oder eigene Sorgen mal von der Seele zu reden.

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Viele Fragen, wenige Informationen

Natürlich kann man diese Fragerunden am Ende immer so lesen, als ging es ums große Ganze, eben darum, was Deutschland bewegt. Denn viele Menschen teilen die Sorge um die Rente, wollen keine Windkrafträder in direkter Nachbarschaft und haben mit Long Covid zu kämpfen, um mal drei der vielen Beispiele aus dem Talk herauszugreifen. Aber auch wenn die Themen generisch sind, die Fragenden brachten alle ihre eigene Geschichte und auch ihre eigene Motivation mit, warum sie was von Annalena Baerbock wissen wollten. Und das machte diese Wahlkampfsendung dann leider wenig informativ, sondern sehr zäh.  

Ein Mann aus Rohrlack, Brandenburg, versuchte "Klartext" zu nutzen, um die geplanten Windkraftanlagen in seiner Region zu verhindern, brachte eine Visualisierung mit, die die Grünen-Politiker überzeugen sollte, dass 250 Meter hohe Windkrafttürme zu hoch für die Gegend sind. Von Baerbocks Ausführungen darüber, dass das ja alle geprüft würde, ließ er sich nicht beirren. Ihren Hinweis, dass sie sich dafür stark machen wird, dass zukünftig eben nicht mehr nur im Norden Deutschlands Windenergie gewonnen werden soll, sondern flächendeckend zwei Prozent von Deutschland für Windenergieanlagen zur Verfügung stehen sollten, nahm der Mann kaum zur Kenntnis. Die aktuelle Verteilung, bei der der Süden von Windenergie aus dem Norden profitiere sei, so Baerbock, eine "große Ungerechtigkeit". Am Ende dieses Gesprächs folgte die bereits in mehreren Sendungen erlebte Einladung zu einem persönlichen Gespräch. Dieser folgten in der anderthalbstündigen Sendung noch weitere, die Annalena Baerbock versprach, nach der Wahl auch alle anzunehmen. Allein, was soll das ändern? 

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Klare Worte Baerbocks gegen die Konkurrenz 

Einer Landwirtin versprach die Politikerin "regionale Bioprodukte zu stärken" und machte sich vor allem für eine gute Tierhaltung stark. Sie selbst, erzählte sie später, sei weder Veganerin noch Vegetarierin. Das war dann aber auch die einzige persönliche Information des Abends. Wer hoffte, hinter der Politikerinnenmaske mal die echte Annalena Baerbock zu sehen, wie das ja auch ab und zu bei Angela Merkel geschieht, der wurde schwer enttäuscht. Dafür ist dieser Wahlkampf zu routiniert.  

Immerhin, Baerbock ließ sich zur Aussage verleiten, dass es ihrer Meinung nach eine "vernünftige Fleischkennzeichnung" bräuchte und es ein Skandal sei, dass die Verbraucherministerin das bis jetzt "nicht gebacken bekommen" habe. Endlich mal eine echte Kampfansage an die Konkurrenz, bisher war Annalena Baerbock eher dadurch aufgefallen, dass sie nicht attackierte, sondern sehr gerade nur den Weg ihrer Partei aufzeigte. Dass sie nun auch mal mit dem Finger auf andere zeigte, war bemerkenswert, geschah es in der Sendung doch gleich mehrfach.  

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Baerbock präsentiert sich als Alternative zu "weiter so"

Baerbock positionierte sich immer wieder vor allem als Alternative zum "weiter so" der Großen Koalition. Und darin liegt natürlich für viele eine gewisse Attraktivität, die einfach müde sind von den letzten Jahren. Wiederholt wies die Parteivorsitzende in der Sendung darauf hin, dass es an der Zeit sei, neue Wege zu gehen, die eben auch nicht immer leicht sein würden. Als eine Erstwählerin sie darauf ansprach, dass ihr Wahlprogramm nicht ausreichen wird, um das beschlossene 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, stimmte sie zu. "Ich kann nicht versprechen, dass wir in vier Jahren auf dem richtigen Weg sein werden", sagte Baerbock, aber "die Weichen müssen jetzt gestellt werden." Es sei wichtig, nicht immer nur über die Zukunft zu reden wie Olaf Scholz und Armin Laschet, sondern über das Jetzt. Ob dieser Ansatz aber zur Kanzlerin reicht? Fraglich. Denn die Antwort auf viele Fragen bei "Klartext" war: mehr Geld. Für die Bildung, für die Rente, für die Dörfer. Wollen wir natürlich alle. Aber woher das kommen soll, dafür fehlte im Talk die Zeit und vielleicht gibt es darauf auch noch überhaupt keine ausgereifte Antwort.  

Über die Spritpreise, die in der näheren Zukunft erhöht werden sollen, wollte ein Mann vom Bodensee sprechen. Die von den Grünen geforderten 16 Cent Spritpreiserhöhung im nächsten Jahr, die könne er nicht mittragen. Diese Preise hätten seiner Ansicht nach vor allem Konsequenzen für Kinder, die im ländlichen Raum nicht mehr von ihren Eltern zu den Sportvereinen gefahren werden können. An der Stelle muss man sich schon wundern, wofür Kinder im Wahlkampf eigentlich noch herhalten müssen. Oft genug spielen sie überhaupt keine Rolle, aber ausgerechnet die Erhöhung der Spritpreise sind also das größte Problem für Familien? Ganz sicher nicht.  

Baerbock wies den Mann darauf hin, dass die 16-Cent-Erhöhung für die nächsten Jahre geplant ist und nicht 2022 schon in Kraft treten werde. Außerdem solle natürlich der Öffentliche Personennahverkehr in den nächsten Jahren weiter ausgebaut werden, damit auch Kinder die Sportstätten auf anderen Wegen erreichen könnten.  

Triell Kritik

Natürlich ist Familie ein Thema für die Grünen im Wahlkampf, mehr noch, als es bei den anderen Parteien eines ist. Annalena Baerbock nutzte die Fragen eines Lehrers, um einmal mehr auf ihre eigene Familiensituation während der Pandemie hinzuweisen, sie bindet Kinder und Jugendliche von sich aus immer wieder als Thema in den Wahlkampf ein. Natürlich fällt Eltern das auf, und Annalena Baerbock empfiehlt sich damit als Wahlmöglichkeit für Familien, die während des Wahlkampfs viel zu selten eine Rolle gespielt haben. Aber Worte sind geduldig und viele Familien wünschen sich eben jetzt eine Lösung. Gerade in der Bildungspolitik mahlen die Mühlen aber sehr langsam und den Föderalismus ließ die Parteivorsitzende auch außen vor.  

Gendern ist Privatangelegenheit 

Auf die Frage ob das Gendern, also die Ansprache von Männern und Frauen in den jeweils korrekten Bezeichnungen für mehr Emanzipation sorgen würden, wollte eine Zuschauerin wissen. Natürlich nicht, antwortete Baerbock, die Themen Lohnunterschiede und faire Bezahlung sowie höhere Löhne in Bereichen in denen überproportional häufig Frauen arbeiten sei ihr eine wichtige Angelegenheit. Gleichzeitig sei das Gendern, für das sie oft kritisiert wird, für sie aber keine Aufgabe als Politikerin, sondern schlicht eine "Frage der Höflichkeit". 

Weniger höflich, sondern mit klaren Worten begegnete die Vorsitzende der Grünen der Frage eines AfD-Mitglieds zum Thema Abschiebung von Menschen nach Afghanistan. Diese müssen, so Baerbock gestoppt werden. "Es gibt ein Völkerrecht, und Menschenrechte sind unteilbar." Ein recht fadenscheiniger Versuch der jungen Frau, mit Angst vor Gewalt von Geflüchteten zu argumentieren, konterte Baerbock mit dem Hinweis auf Gewalt gegen Frauen im Allgemeinen. "Jeden Tag versucht ein Mann eine Frau zu töten, jeden dritten Tag gelingt es einem Mann". Die Nationalität der Täter von Femiziden sei für sie nicht entscheidend, es ginge darum, die Täter, egal welcher Herkunft, zu verurteilen. Wo die Politikerin sonst bei allen persönlichen Anekdoten stets zugewandt blieb, zeigte sie hier eine sehr klare Kante. Etwas, dass sie Laschet und Scholz voraus hat, die auf solche Fragen im Allgemeinen eher zurückhaltend argumentieren. 

Was kommt nach dem Wahlkampf? 

Auch in Bezug auf ihre eigene Vergangenheit, ihren Lebenslauf und die nicht markierten Zitate in ihrem Buch, ging Baerbock ein. Sie gestand Fehler ein, ohne groß drumherum zu reden. Auch das haben die Wählenden in diesem Wahlkampf schon anders erlebt.  

Was bleibt nun am Ende von dieser "Klartext"-Sendung? Die Erkenntnis, dass Annalena Baerbock sich nicht um Fragen drückt, dass sie zugewandt ist und manchmal auch unbequem. Sie zeigte einmal mehr, dass sie für Veränderung stehen will und dafür Einschnitte in der Gesellschaft nötig sind. Gleichzeitig ließ sich für die, die diesen Wahlkampf schon länger verfolgen, aber auch erkennen, dass zu vielen (individuellen) Fragen bereits vorgefertigte Antworten kommen. Das ist Wahlkampf-1x1, wo immer eine Antwort halbwegs passt, wird sie auch gegeben. Aber es war lange Zeit Annalena Baerbocks Stärke, nahbarer als die Konkurrenz zu wirken, weniger einstudiert. Auf den letzten Metern des Wahlkampfs hat sich das aber verloren. Da dürfen sich Wählerinnen und Wähler dann zurecht fragen, was sie nach der Wahl von den Grünen erwarten können.  

#DoNoTouchMyClothes: „So kleiden sich afghanische Frauen wirklich“: Afghaninnen kämpfen im Netz gegen Vollverschleierung

Written By: Linda Richter - Sep• 16•21

Seit der Machtübernahme der Taliban kommt es immer wieder zu Protesten von Frauen in Kabul. Im Netz stehen nun mutige afghanische Frauen auf der ganzen Welt ihren Schwestern bei. Mit dem #DoNotTouchMyClothes protestieren sie gegen die Taliban-Vorschriften zur Verhüllung in ihrer Heimat.

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Klimaprotest vor dem Bundestag: Aktivisten seit 18 Tagen im Hungerstreik: „Junge Generation vor katastrophaler Zukunft schützen“

Written By: Linda Richter - Sep• 16•21

Vor dem Bundestag in Berlin campen seit Ende August mehrere Klimaaktivisten – sechs von ihnen sind seitdem auch in den Hungerstreik getreten. Sie wollen, dass sich die zukünftige Regierung stärker mit der Klimakrise beschäftigt – und setzen dafür ihre eigene Gesundheit aufs Spiel.

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Islamisten in Afghanistan: Gerüchte über Schießerei im Präsidentenpalast: Unter den Taliban wachsen die Spannungen

Written By: Marc Drewello - Sep• 16•21

Die Übergangsregierung der Taliban zeigt: Die Islamisten halten noch immer nichts von Inklusion und setzen auf Köpfe aus den 90er-Jahren. Den Pragmatikern unter ihnen gefällt das gar nicht – und die Reibungen wachsen.

Nach der Machtübernahme in Afghanistan und der Einrichtung einer Übergangsregierung gibt es unter den Taliban offenbar wachsende Spannungen. Die Islamisten hatten vor gut einer Woche ein Kabinett präsentiert, das an ihre harte Herrschaft in den 1990er-Jahren erinnert. So machten sie überraschend den wenig bekannten Mullah Mohammed Hassan Achund – ein Gründungsmitglieder der Taliban – zum Regierungschef, und Mullah Jakub, den ältesten Sohn des berüchtigten, verstorbenen Taliban-Chefs Mullah Omar, zum Verteidigungsminister. Innenminister wurde Siradschuddin Hakkani, Chef des berüchtigten Hakkani-Netzwerkes, das für einige der grausamsten Anschläge in Afghanistan verantwortlich gemacht wird, und einer der meistgesuchten Männer der US-Ermittlungsbehörde FBI.

Mullah Abdul Ghani Baradar, der Vizechef der Taliban war und 2020 die Verhandlungen mit den USA über den Abzug der amerikanischen Truppen im katarischen Doha geleitet hatte, bekam dagegen nur einen von zwei Posten als Achunds Stellvertreter.

TV-Auftritt widerlegt Gerüchte über Baradars Tod

Die Regierungsbildung habe die Reibungen zwischen Pragmatikern und Ideologen in der Taliban-Führung verschärft, berichtet die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) unter Berufung auf zwei mit dem Machtkampf vertraute Afghanen. Das Gerangel habe hinter den Kulissen stattgefunden, aber schnell hätten Gerüchte über eine gewaltsame Konfrontation zwischen den beiden Lagern die Runde gemacht, darunter auch die Behauptung, der Führer der pragmatischen Fraktion, Baradar, sei bei einer Schießerei zwischen rivalisierenden Gruppen innerhalb der Taliban im Präsidentenpalast in Kabul tödlich verletzt worden.STERN PAID Afghanistan UN Geberkonferenz 17.00

Die Gerüchte erreichten eine solche Intensität, dass die Taliban sich am Montag genötigt sahen, eine Tonaufnahme und eine handschriftliche Erklärung von Baradar zu veröffentlichen. Darin bezeichnet der Vize-Regierungschef selbst die Berichte über sein Ableben als "Lügen" und "falsche Propaganda". Unabhängig verifiziert werden konnte die Audiobotschaft nicht.

Am Mittwoch jedoch erschien Baradar schließlich im nationalen Fernsehen des Landes und gab dort ein Interview. "Gott sei Dank geht es mir gut und ich bin gesund", sagte er in Hinblick auf die Gerüchte. "Ich war außerhalb von Kabul unterwegs und hatte daher keinen Medienzugang, um diese Nachricht zurückzuweisen."FS: USA letzter Tag in Afghanistan 11.54

Baradar war zuvor bei wichtigen Veranstaltungen abwesend gewesen, wie AP berichtet. Demnach fehlte er Anfang dieser Woche im Präsidentenpalast beim bislang höchsten ausländischen Besuch seit der Machtübernahme der Taliban, dem Empfang des stellvertretenden Premierministers und Außenministers von Katar, Scheich Mohammad bin Abdur Rahman. Badars Abwesenheit sei ungewöhnlich gewesen, da Katar ihn jahrelang als Leiter des politischen Büros der Taliban in der katarischen Hauptstadt Doha beherbergt hatte.

In dem TV-Interview am Mittwoch erklärte Baradar auch sein Fehlen bei dem Empfang: Er habe nicht an dem Treffen teilgenommen, weil er nichts von dem Besuch des Außenministers in Kabul gewusst habe, sagte er. "Ich war bereits abgereist und konnte nicht mehr zurückkehren." Mehrere Taliban-Offizielle und Afghanen, die mit Baradar bekannt seien und in Kontakt stünden, hätten berichtet, dass er sich in der südwestlichen Provinzhauptstadt Kandahar zu einem Treffen mit Taliban-Führer Haibatullah Akhunzada aufgehalten habe, schreibt AP weiter. Einem anderen Taliban-Vertreter zufolge habe Baradar seine Familie besucht, die er seit 20 Jahren Krieg nicht mehr gesehen habe.

Taliban dementieren Führungsstreit

Kurz nach der Machtübernahme in Kabul war Baradar AP zufolge der erste hochrangige Taliban-Beamte gewesen, der in Aussicht gestellt hatte, dass die Einsetzung eine inklusiven Regierung möglich sei – was dann mit der Ernennung des ausschließlich aus Männern, Taliban und überwiegend Paschtunen bestehenden Kabinetts in der vergangenen Woche ja nicht geschah.

Ein weiteres Zeichen dafür, dass sich die Hardliner durchgesetzt hätten, sei das Ablösen der afghanischen Nationalflagge über dem Präsidentenpalast durch die weiße Taliban-Flagge, berichtet Associated Press. Einem Taliban-Offiziellen zufolge habe die Führung der Islamisten noch keine endgültige Entscheidung über die Flagge getroffen, wobei viele dazu neigten, beide Fahnen nebeneinander wehen zu lassen.PAID So lebt es sich derzeit in Afghanistan 16.25

Der Offizielle äußerte sich nach Angaben der Nachrichtenagentur unter der Bedingung der Anonymität, da es ihm nicht gestattet sei, mit den Medien über interne Überlegungen zu sprechen. Auch die beiden mit dem Machtkampf vertrauten Afghanen wollten unerkannt bleiben, um die Vertraulichkeit derjenigen zu wahren, die ihre Unzufriedenheit über die Kabinettsaufstellung mitgeteilt hätten. Ein Kabinettsminister spiele sogar mit dem Gedanken, seinen Posten abzulehnen, da es ihn verärgere, dass in der Regierung die ethnischen und religiösen Minderheiten des Landes nicht berücksichtigt worden seien.

Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid bestritt dagegen, dass es in der Führung der Islamisten Unstimmigkeiten gebe. Auch der Außenminister der Taliban, Amir Khan Mutaqi, wies die Berichte am Dienstag als "Propaganda" zurück. Und Baradar versicherte am Mittwoch ebenfalls, dass es keinen Machtkampf innerhalb der Riege der neuen Machthaber gebe. Man habe über Jahre Leid und Schwierigkeiten ertragen, um die US-Besatzung zu beenden. All dies sei nicht für Macht oder Positionen gewesen. Einen großen Teil seiner Antworten las Baradar von einem Blatt ab.

Analysten zufolge stellen die mutmaßlichen Reibereien zumindest vorerst keine ernsthafte Bedrohung für die Taliban dar. "Wir haben im Laufe der Jahre gesehen, dass die Taliban trotz der Streitigkeiten weitgehend zusammenhalten und dass wichtige Entscheidungen im Nachhinein nicht ernsthaft infrage gestellt werden", zitiert AP Michael Kugelman, stellvertretender Direktor des Asienprogramms am Wilson Center in Washington. "Ich denke, dass die derzeitige interne Uneinigkeit in den Griff zu bekommen ist." Dennoch würden die Taliban unter großem Druck stehen, da sie versuchten, ihre Macht zu konsolidieren, Legitimität zu erlangen und wichtige politische Herausforderungen anzugehen, erklärte Kugelman. "Wenn diese Bemühungen scheitern, könnte es in einer gestressten Organisation zu weiteren und zunehmend ernsthaften Kämpfen kommen." Und ohne die strenge Herrschaft des Gründers der Gruppe, des verstorbenen Mullah Omar, der unbedingte Loyalität forderte, würden derartige Streitigkeiten schwerer zu lösen sein.

Bundestagswahl: Wer hat Angst vorm roten Mann? Oder: Muss es wirklich immer die Union sein?

Written By: Dieter Hoß - Sep• 16•21

Es liegt ein Hauch von Veränderung in der Luft. Die Union könnte die nächste Wahl verlieren. Heißt auch: Es liegt ein Hauch von Verunsicherung in der Luft. Muss es wirklich immer die Union sein? Ein paar nicht so verbissene Gedanken dazu.

Es gibt ein paar Dinge, die scheinen schier unverrückbar in diesem Land. Sonntags kommt der Tatort, Weihnachten wird der Baum aufgestellt, Bayern München wird deutscher Meister und die CDU stellt den Kanzler respektive die Kanzlerin. Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel.

Veränderungen sind traditionell nicht so unsere Sache, denn sie sind mit Unsicherheit verbunden. Gerät also eines dieser Dinge ins Wanken, setzt eine Art Gegen-Mechanismus ein. Schwächelt etwa der FC Bayern und stehen kurzzeitig andere Clubs im Fokus, diskutieren und kommentieren Experten landauf, landab, was die Münchner tun müssten, damit sie nur ja wieder oben stehen. Ganz ähnlich – und Analogien zwischen Fußball und Politik sind hierzulande ja auch sehr beliebt – passiert es gerade mit der Union. Sie schwächelt und schwächelt in den Umfragen, und landauf, landab wird diskutiert, kommentiert und analysiert, was CDU und CSU jetzt(!), schleunigst(!!) tun müssen, um das Ruder doch noch rumzureißen (auch hier auf stern.de). Denn sonst droht nach CDU-Lesart der Weltuntergang, mindestens, oder schlimmer noch: ein Linksrutsch!STERN PAID 38_21 Titel Olaf Scholz 9.42

Auch diesmal stellt die Union eindringlich die Frage: Wer hat Angst vorm roten Mann? Aber Olaf Scholz? Ein linkes Schreckgespenst? Der SPD-Kandidat und momentane Wahlfavorit könnte doch kaum bürgerlicher sein. 

Nach 16 Jahren Union: Wirklich alles in Ordnung im Land?

Nun wäre die Aufregung ja zu verstehen, wenn alles in bester Ordnung wäre im Lande. Mal schauen: Da sind doch die maroden Brücken und Straßen (im Autoland Deutschland), die Schulen im beklagenswerten Zustand (im Bildungsland Deutschland), auf den Klimawandel sind wir augenscheinlich längst nicht vorbereitet, die Digitalisierung – hie und da immer noch nur eine Verheißung (im Hochtechnologieland Deutschland), den Pflegenotstand beschönigt nicht mal die Union selbst, auf dem Land fehlen Ärzte, die Bürokratie ist überbordend (und zudem langsam wegen der Faxgeräte – Stichwort: Digitalisierung), die Bundeswehr am Rande der Einsatzfähigkeit, die Mieten in den Städten werden unerschwinglich, etwa jedes fünfte Kind wächst in Armut auf oder lebt an der Armutsgrenze ... setzen Sie gerne fort! Dazu: Maut-Debakel, Maskenskandal, Aserbaidschan-Lobby-Affäre, ganz aktuell rechtswidriges Räumen des Anti-Kohle-Protestcamps im Hambacher Forst. Frei nach Armin Laschet während seiner Attacke gegen Olaf Scholz im zweiten TV-Triell: "Wenn meine Regierung so arbeiten würde, also, dann hätten wir ein ernstes Problem."

Stimmt natürlich: Für nicht alle dieser Missstände ist der Bund zuständig. Aber auch auf anderen politischen Ebenen sitzen CDU-Leute. Vor allem: Liest sich denn so ein guter Zustand des Landes nach 16 Jahren am Stück in der Regierung? Oder zumindest ein Zustand, der eine Regierung unter Unionsführung "alternativlos" macht? Sie werden die Frage für sich zu beantworten wissen. Dieser Text will keine Wahlempfehlung sein.

FS After-Triell bei Wein Bier Currywurst 11.55

Keine Angst, Bayern München wird wieder Meister

Klar, auch andere Parteien würden nicht alles richtig machen. Ganz sicher nicht. Vielleicht manches besser, vieles anders, sicher einiges auch schlechter. Von 1998, als die erste rot-grüne Regierung gewählt wurde, ist ein Spruch von Reinhard Bütikofer, früher mal Bundesvorsitzender der Grünen und heute Europaparlamentarier, in Erinnerung geblieben. "Hamsterkäufe sind nicht nötig", beruhigte er angesichts der ersten Regierungsbeteiligung einer grünen Partei. So viel zur Katastrophenstimmung damals. Und auch am 26. September wird die Welt nicht untergehen, sollte es tatsächlich einen Regierungswechsel geben. Sonntags kommt weiter der Tatort, nächstes Weihnachten wird der Baum aufgestellt und – ja, es ist zu befürchten – Bayern München wird deutscher Meister.

Pandemie in den USA: Alabama, Florida, Texas: In den Südstaaten werden die Intensivbetten knapp

Written By: Leonie Scheuble - Sep• 15•21

In den USA steigen die Infektionszahlen durch die Delta-Variante dramatisch an. Das bekommen mittlerweile auch die Intensivstationen wieder zu spüren. Besonders kritisch ist die Lage in den Südstaaten.

In ganz Alabama sind die Intensivstationen voll. Mittlerweile müssen wieder die ersten Patienten auf freie Betten warten, wie aus Daten des Gesundheitsministeriums hervorgeht. "Das bedeutet, dass sie im Wartezimmer liegen, einige liegen hinten in den Krankenwagen", schildert Jeannie Gaines, eine Sprecherin der Alabama Hospital Association, die Situation der "New York Times".

Der US-Bundesstaat ist damit kein Einzelfall. Seit einigen Wochen erleben die Vereinigten Staaten wegen der Delta-Variante einen dramatischen Anstieg der Infektionszahlen, der sich nun auch in den Krankenhauseinweisungen niederschlägt. Die Zahl der Corona-Patienten liegt mittlerweile auf einem Niveau, das fast viermal so hoch ist wie noch vor einem Jahr. Und auch die schweren Verläufe nehmen zu. Inzwischen meldet jedes vierte Krankenhaus in den USA eine mehr als 95 prozentige Auslastung der Intensivstation – vor einem Monat war es noch jedes fünfte. Wie schnell die Lage ernst wird, zeigt sich derzeit vor allem in den südlichen Bundesstaaten.

STERN PAID USA: Kinder und Corona 1740

Kritische Lage in den Südstaaten

Neben Alabama hat auch Texas mit immer volleren Intensivstationen zu kämpfen. Die Hospitalisierungsrate stieg im letzten Monat sprunghaft um 40 Prozent an, sodass mittlerweile die Intensivstationen in 169 Krankenhäusern fast vollständig belegt sind. Im gesamten Bundesstaat gibt es nach aktuellen Daten nur noch rund 700 Intensivbetten. Um den Patientenansturm zu bewältigen, hatten Krankenhäuser in Houston bereits im August angefangen sogenannte Überlaufzelte aufzustellen.

Auch im Sunshine State Florida ist die Lage kritisch. Vergangene Woche meldeten dort 24 Krankenhäuser mehr bedürftige Patienten als verfügbare Betten zu haben. Und nun werden mancherorts auch noch die Materialien knapp, warnt Dr. Nek Nazary, Notarzt in Hudson, in einem Interview mit ABC News. "Wir haben Angst, dass wir im Krankenhaus bald keinen Sauerstoff mehr haben. Wir haben so gut wie keine Tests und wir haben jetzt schon keinen Platz mehr."

Was Südstaaten wie Alabama, Florida und Texas eint, ist neben ihren vollen Intensivstationen auch die vergleichsweise niedrige Impfquote. In Kombination mit der Ausbreitung der hoch ansteckenden Delta-Variante führt dies zu einem Anstieg der Patientenzahlen, sagen Experten. Laut einer aktuellen Studie der US-Gesundheitsbehörde CDC werden ungeimpfte Amerikanerinnen und Amerikaner zehnmal häufiger mit Covid ins Krankenhaus eingeliefert als geimpfte. "Unsere größte Sorge sind unsere niedrigen Impfraten", zitiert die "New York Times" Alabamas Gesundheitsbeauftragter Dr. Scott Harris. "Das ist der Grund, warum wir uns in der Situation befinden, in der wir uns befinden. Praktisch alle unsere Todesfälle sind Menschen, die nicht geimpft sind."

Hinzukommt, dass in vielen von Republikanern regierten Südstaaten deutlich laschere Schutzmaßnahmen gelten. Nachdem die USA im Juli ihre vermeintliche "Unabhängigkeit von dem Virus" feierten, hatten viele sogenannte Red States Restriktionen, wie die Maskenpflicht, gänzlich fallengelassen.

PAID Impfungen USA 17.30

Pandemie der Ungeimpften

Seit dem Sommer ist die Impfkampagne in den Vereinigten Staaten wegen der vielen Impfgegner und -skeptiker ins Stocken geraten. Vor allem unter konservativen Anhängern der Republikaner gibt es großen Widerstand gegen Impfungen und gegen das Maskentragen. Trotz der misslichen Lage in seinem Staat, machte Floridas republikanischer Gouverneur Ron DeSantis erst diese Woche Schlagzeilen, indem er Gemeinden, die ihren Angestellten eine Corona-Impfung vorschreiben, eine Geldstrafe von 5000 Dollar pro Fall androhte.

Angesichts der steigenden Infektionszahlen hat US-Präsident Joe Biden vergangene Woche die Impfvorgaben für Staatsbedienstete und Unternehmen verschärft und Impfverweigerer scharf kritisiert. Mittlerweile haben knapp 63 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten, 53 Prozent sind vollständig geimpft. Damit belegen die Vereinigten Staaten im Vergleich mit den G7-Staaten – Großbritannien, Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien und Japan – den letzten Platz.

Mit der rasanten Zunahme an Covid-Patienten müssen viele Krankenhäuser in den USA improvisieren, indem sie mehr Patienten als üblich durch Personal versorgen oder auf anderen Stationen vorübergehend Intensivbetten einrichten. Doch Experten warnen eindringlich davor, dass überlastete Intensivstationen den Versorgungsstandard gefährden. Für Nicht-Covid-Patienten, die mit kritischen Erkrankungen, wie Herzinfarkt oder Schlaganfall eingeliefert werden, könnte die aktuelle Auslastung demnach schwere gesundheitliche Folgen haben.


Quellen: "NY Times", "ABC News", "Guardian", "CDC", mit AFP

Corona-Impfung: Fortschritt durch Anreize: Was die Impfangebote der Bundesregierung wirklich bringen

Written By: Christine Leitner - Sep• 15•21

Seit dem 27. Dezember 2020 krempelt Deutschland im Kampf gegen das Coronavirus die Ärmel hoch. Doch abgesehen von ein paar wenigen "Impfhöhepunkten" schreitet die Immunisierung eher schleppend voran. Welche Impfanreize haben überhaupt etwas gebracht?

Ende Dezember letzten Jahres fiel der Startschuss. Unter dem Motto "Deutschland krempelt die Ärmel hoch" startete die Bundesregierung eine Impfkampagne gegen die Corona-Pandemie. Waren es zunächst besonders vulnerable Gruppen wie Personen über 60, die geimpft wurden, so haben seit Anfang Juni alle erwachsenen Deutschen die Chance, sich gegen das Coronavirus immunisieren zu lassen. Bis heute haben sich mehr als 55 Millionen Menschen für eine Impfung entschieden. Zu wenig für die vielbeschworene "Herdenimmunität", dafür müsste die Impfquote auf 80 bis 85 Prozent steigen. Impf-Zahlen Grafiken_7.35

Laut Impfdashboard der Bundesregierung (Stand 12. September) sind derzeit jedoch nur 62 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, etwas über 66 Prozent haben derweil den ersten Pieks erhalten. Die Zahlen stagnieren und versetzen sowohl Gesundheitsexperten als auch Politiker in Alarmbereitschaft. Denn Corona nimmt längst wieder Fahrt auf. Berechnungen des Robert Koch-Instituts zufolge droht spätestens im Oktober die nächste Pandemie-Welle. Um das zu verhindern oder den Anstieg zumindest abzumildern, müssen möglichst viele Menschen dazu gebracht werden, sich impfen lassen, sagt auch Nora Szech, die am Karlsruher Institut für Technologie unter anderem zum Thema Impfbereitschaft und Anreizkultur forscht.

Dass die Impfkampagne stockt, liege jedoch nicht an den harten Impfgegnern. Die gehören laut Szech lediglich zu einer Minderheit. "Wer sich unbedingt impfen lassen wollte, hat schon früh alles darangesetzt, einen Impftermin zu bekommen. Den meisten anderen, vor allem Jungen oder Personen aus bildungsfernen Kreisen, ist die Impfung egal", sagt Szech. Über Strafen für Personen, die sich nicht impfen lassen wollen, könne man zwar nachdenken. Für die beste Lösung hält Szech dieses Vorgehen aber nicht. Stattdessen brauche es die richtigen Anreize. Aber gab es davon nicht schon genug? Ein Rückblick auf die letzten Monate.

Anreize der letzten Monate nicht ausreichend

Den ersten nennenswerten Spitzenwert erreichte die Impfkampagne Anfang April (siehe Grafik). Am achten April wurden insgesamt 611.761 Personen in ganz Deutschland geimpft, knapp eine Woche später folgte ein neuer Höchstwert von 692.950 Personen an einem Tag. Ein Grund für die steigenden Zahlen könnte unter anderem die Impfung in den Hausarztpraxen gewesen sein. Diese dürfen seit Ende März die Corona-Impfung verabreichen. Allerdings wurden zu dem Zeitpunkt Personen der Prio-Grippe eins bis drei bevorzugt geimpft, also Menschen ab 60 Jahren, medizinisches Personal und Personen mit Vorerkrankungen (eine genaue Übersicht der Gruppen finden Sie hier). Bis Mitte Mai stieg die Zahl der Geimpften in Deutschland weiter an. Den bis heute geltenden Spitzenwert von 1.056.250 Geimpften an einem Tag erreichte die Impfkampagne schließlich am 12. Mai.STERN PAID Booster Impfung FAQ 20.50

Danach fiel die Zahl der Geimpften massiv, blieb jedoch bis Ende des Monats auf einem ähnlichen Niveau – auf dem sie sich jedoch nicht halten konnte. Seitdem nimmt die Impfbereitschaft in der Bevölkerung stetig ab. Selbst die endgültige Aufhebung der Impfpriorisierung Anfang Juni und die Einführung der 3G-Regel Anfang August schlagen sich nicht in den Zahlen der Geimpften nieder. Um das Problem zu lösen, debattierte die Politik zwischenzeitlich über Anreize wie Gutscheine (Alexander Dobrindt, CSU) oder Impfprämien im Wert von 50 Euro (Dietmar Bartsch, Linke). Letztendlich setzte man jedoch auf ein niedrigschwelliges Impfangebot auf Parkplätzen, in Supermärkten mit Gratis-Würstchen und Impfaktionswochen.

Mit Geld bekommt man die Leute am ehesten an die Nadel

Angesichts der ernüchternden Zahlen stellt sich die Frage, inwiefern die Anreize der Regierung überhaupt etwas taugen. Würstchen alleine treiben die Impfbereitschaft nicht nach oben, weiß Ökonomin Nora Szech. "Aus Studien wissen wir, dass die Menschen zur Impfung bewegt werden können, wenn der Anreiz hoch genug ist." Doch was macht einen hohen Anreiz aus? "Wer sich impfen lässt, tut viel für die Gemeinschaft. Deshalb muss man die Leute belohnen", erklärt Szech. Am besten funktioniere das über finanzielle Anreize, denn wer sich impfen lässt, erspart dem Staat laut einer Berechnung des Ifo-Instituts etwa 1500 Euro. Dieser Betrag errechnet sich daraus, dass durch die Impfung Schulen länger geöffnet blieben, die Wirtschaft besser arbeite und das Gesundheitssystem weniger belastet sei, so die Ökonomin. Szech schätzt, dass die gesellschaftlichen Vorteile sogar noch größer sein könnten. Kommentar: Keine Lohnfortzahlung für ungeimpfte_19.40Uhr

Umgekehrt könne der Staat impfwilligen Bürgern einen Anteil dieses Betrags überlassen – wie es bereits unter anderem in den USA oder in Griechenland der Fall ist. Allerdings müsse die Regierung den Bürgern mehr anbieten, als zehn Euro pro Impfung. "Wenn die Anreize zu klein ausfallen, kann das allerdings demotivierend sein und sich negativ auf die Impfbereitschaft auswirken", sagt Szech. Studien hätten gezeigt, dass ein automatisches Impfangebot die Impfbereitschaft um ungefähr fünf Prozentsteigern könne. Bekämen die Personen 500 Euro, steige die Bereitschaft für den Pieks um bis zu 90 Prozent. "Angesichts der steigenden Fallzahlen und den Prognosen des RKI können wir es uns nicht mehr leisten, nichts zu tun", sagt Szech und plädiert für eine Zahlung von 150 bis 200 Europro Spritze.

Zwar könne man, wie es manche Landesregierungen gerade tun, Strafen in Betracht ziehen und Ungeimpften den Lohn vorenthalten, wenn sie wegen einer Corona-Erkrankung in Quarantäne müssen. "Aber wir sollten schon darüber nachdenken, ob wir lieber eine Straf- oder eine Belohnungskultur wollen."