Critical Race Theory: Wie Rechte wissenschaftliche Rassismusforschung für politische Zwecke missbrauchen

Written By: Julian Schmelmer - Jul• 19•21

US-amerikanische Rechte verzerren die wissenschaftliche Theorie der Critical Race Theory für politische Kämpfe. Doch was steckt wirklich hinter der Lehre – und warum kommt der Streit nun auch in Deutschland an?

An US-amerikanischen High Schools tobt derzeit ein erbitterter Kampf über die Aufarbeitung von Polizeigewalt gegenüber schwarzen Menschen und dem strukturellen Rassismus im Land. Weiße Eltern werfen Lehrenden und Offiziellen dagegen vor, Rassismus anzuwenden, Kinder wegen ihrer weißen Hautfarbe zu bestrafen und kommunistisch-marxistische Lehren zu verbreiten.

So wurde ein neuer Kampfbegriff der Rechten geboren: Critical Race Theory. Dabei sind die Lehren dahinter alles andere als neu. 

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Was behandelt die Critical Race Theory?

Die interdisziplinäre Theorie hat ihren Ursprung in der US-amerikanischen Rechtswissenschaft der 1970er Jahre. Der damalige Harvard-Professor Derrick Bell beschrieb Rassismus, wie Jahrzehnte vor ihm auch schon W.E.B. Du Bois, als ein institutionelles und strukturelles Phänomen. Rassismus, so die Theorie, beruhe nicht lediglich auf alltäglichen Erlebnissen von nicht-weißen Menschen, sondern sei ein ganzes System. 

Auch in Deutschland beschäftigen sich Forschende heute mit der Theorie. Dr. Robin Celikates ist Professor für Praktische Philosophie und Sozialphilosophie an der Freien Universität Berlin und forscht zu Kritischer Theorie und Migration. Celikates erklärt, die Critical Race Theory gehe davon aus, dass Rassismus in der politischen, ökonomischen und kulturellen Ordnung der amerikanischen Gesellschaft verankert sei. 

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"Man kann die US-amerikanische Gegenwart nicht verstehen", so Celikates, "wenn man nicht die Geschichte der Sklaverei und der rassistischen Herrschaft im Land sowie deren Folgen in den Blick nimmt." 

Allerdings thematisiert die Theorie nicht nur das Verhältnis von weißen und schwarzen Menschen: "Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt, im Bildungswesen, Polizeigewalt, Inhaftierungsraten, Zugang zu Krediten, Häusermarkt", erklärt Celikates weiter. "In all diesen Feldern verlaufen die Konfliktlinien nach der Critical Race Theory entlang von rassistisch konstruierten Gruppengrenzen." 

Besonders in den USA wird die Theorie allerdings immer mehr für politische Kämpfe zweckentfremdet – und teilweise sogar komplett von ihren eigentlichen Zielen losgelöst.

Donald Trump befeuert die Debatte

In der derzeitigen amerikanischen Debatte macht es den Anschein, als ginge es den Konservativen überhaupt nicht um die wahren Lehren der Theorie, sondern um möglichst viel Polemik. Die Diskussion losgetreten hat der ehemalige Filmemacher Chris Rufo, welcher sich in den letzten Jahren als Autor konservativer Blogs und Medien einen Namen in der rechten Szene gemacht hat.

Rufo verbreitete auf Twitter die Behauptung, dass Schulen und offizielle Behörden sogenannte "Diversity-Seminare" durchführen würden. Diese würden dazu dienen, ein "allgemein geltendes Schuldgefühl unter weißen amerikanischen Wählern herzustellen". Seine Anschuldigungen beziehen sich auf ein Anti-Rassismus Training einer lokalen Behörde in Seattle, bei denen auf einigen Folien die Bildungswissenschaftlerin Robin DiAngelo zitiert wird. DiAngelo thematisiert das sogenannte "kritische Weißsein" und argumentiert entlang der Critical Race Theory.

Rufo behauptete aufgrund dessen, Angestellte in Behörden würden mit marxistischen Lehren indoktriniert werden. In den sozialen Medien teilten viele Menschen daraufhin Fotos ihrer Anti-Rassismus-Trainings. So bekam Rufos Behauptung zusätzlichen Schwung.

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In kürzester Zeit verbreitete sich die Angst vor Critical Race Theory in öffentlichen Schulen wie ein Lauffeuer im gesamten Land. Auch der ehemalige Präsident Donald Trump befeuerte die Anschuldigungen und forderte ein Verbot der Critical Race Theory in Schulen, Militärakademien und staatlichen Bildungseinrichtungen.

Amerikanisches Selbstverständnis soll aufrechterhalten werden

Dabei hat die Methode System: Konservative Politiker und rechte Medien verfolgen mit der Diskussion Celikates zufolge zwei übergeordnete Ziele. Zum einen sei da die Umstrukturierung des Unterrichts an US-amerikanischen Schulen. Wer die rassistische Geschichte der Vereinigten Staaten von der Ankunft der ersten afrikanischen Sklaven 1619 über die Rassentrennung nach dem Bürgerkrieg bis hin zur Black-Lives-Matter-Bewegung nicht kritisch aufarbeite, scheine empfänglicher zu sein für das Narrativ Amerikas als "bestes Land der Welt".

Es gehe allerdings vielmehr darum, aus "Critical Race Theory" einen neuen rechten Kampfbegriff zu machen. In der Vergangenheit haben rechte Gruppen das bereits erfolgreich mit "Cancel Culture" und "Political Correctness" vollzogen. Selbst Initiator Rufo gibt diese Agenda in einem Tweet zu: "Menschen sollen irgendetwas Verrücktes in der Zeitung lesen und sofort denken: ‘Critical Race Theory’", schreibt er. "Wir haben den Begriff decodiert und werden ihn mit einer ganzen Reihe kultureller Konstrukte verbinden, die in Amerika unpopulär sind."

Das trifft auf fruchtbaren Boden, denn mittlerweile bringt die Furcht vor der Critical Race Theory sogar gesetzliche Konsequenzen mit sich. Oklahoma verabschiedete vor kurzem ein neues Gesetz für Schulen. Es verbietet Lehrenden, Konzepte im Unterricht zu behandeln, die eine Person aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihres Geschlechts grundsätzlich als rassistisch, sexistisch oder unterdrückend bezeichnen. Vier weitere Bundesstaaten haben bereits ähnliche Gesetzentwürfe auf den Weg gebracht.

"Als Reaktion auf einen imaginären Angriff wird die reale Freiheit eingeschränkt"

Das Resultat sind Angst und eine Ablehnungshaltung gegenüber der eigentlichen Inhalte der Theorie. Der momentane Diskurs ist Celikates zufolge verzerrt: "Bei der Critical Race Theory geht es grade nicht darum, Individuen als Rassisten anzuprangern, sondern darum, wie unabhängig von Personen und ihren Absichten rassistische Strukturen reproduziert werden."

Republikaner und neue Rechte würden eine Strategie der Umkehr verfolgen: Die Kritik am Rassismus werde so selbst zum Rassismus stilisiert. "Die Kritik an der mangelnden Realisierung von Freiheit wird zum Angriff auf die Freiheit", sagt Celikates. "Als Reaktion auf diesen imaginären Angriff wird die reale Freiheit, etwa in Schulen, eingeschränkt." In der Vergangenheit traf diese Abwehrhaltung bereits andere Befreiungskämpfer: "Auch Martin Luther King und Nelson Mandela wurden zu ihrer Zeit als Rassisten und Terroristen diffamiert", sagt Celikates. "Heute sind sie gefeierte Helden."

An der Critical Race Theory gibt es auch berechtigte Kritik

Es gibt allerdings auch durchaus valide Kritikpunkte an bestimmten Spielarten der Theorie. Diese betreffen allerdings hauptsächlich identitätspolitische Aspekte – also jene, die Bedürfnisse einer Gruppe vor allem ihren äußerlichen Merkmalen zuschreiben.

Celikates spricht etwa von einer berechtigten Diskussion darüber, ob man überhaupt von race sprechen kann, ohne immer auch zu unterstreichen, dass es race oder "Rasse" als biologische Grundlage für eine solche Unterscheidung nicht gibt. Über die Frage, ob Critical Race Theory race als rein soziologische Kategorie betrachtet oder den vermeintlich biologischen Aspekt reproduziert und damit kontraproduktiv agiert, gibt es verschiedene Meinungen in der Wissenschaft. 

Die Debatte erreicht Deutschland

Die Critical Race Theory bezieht sich allerdings nicht nur auf die USA. Sie behandelt Probleme, die auch in Deutschland seit Jahrzehnten Ungleichheit zu Tage führen. "Mit einer anderen Nationalität, einem fremd klingenden Nachnamen oder einem Kopftuch erlebt man strukturellen Rassismus in Deutschland ebenso wie in den USA", sagt Celikates. "Die Coronakrise hat diese Ungleichheit noch deutlicher ans Tageslicht gebracht."

Anklang findet die Theorie aber auch hierzulande in konservativen und rechten Blasen: Der Grünen-Politiker und Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, Boris Palmer, äußerte sich in einem Facebook-Beitrag kritisch über die Critical Race Theory und bezeichnete sie als "Angriff auf die Demokratie" aus der Mitte der Gesellschaft. Vertreter der Critical Race Theory würden nicht mehr mit "alten weißen Männern" debattieren, sondern sie "bekämpfen, beschämen und aus Machtpositionen entfernen" wollen. Weiter schreibt er, der "neue Antirassismus ist rassistisch, illiberal und antidemokratisch". Palmer war in der Vergangenheit selbst mehrfach aufgefallen, weil er rassistische Begriffe und Ressentiments verbreitete.

Sozialwissenschaftler: Müssen rechte Kampbegriffe wieder entzerren  

Celikates scheint es unterdessen wichtig, die Diskussion um den Begriff gegen Verzerrungen wie jene von Palmer richtig zu stellen: Die Vergangenheit habe gezeigt, dass rechte Kampfbegriffe und Diskurse wie jene um die "Cancel Culture" oder die Beschneidung der Wissenschaft in Deutschland unreflektiert aus den USA übernommen werden. 

Letzten Endes scheint der vehemente Kampf gegen die Critical Race Theory aber genau die Thesen zu belegen, die die Wissenschaft erhebt: Ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft leugnet die Existenz von struktureller Ungleichheit oder fördert sogar ihr Weiterleben. Ob die Diskussion in Deutschland auch weite Teile der Gesellschaft spalten oder ausschließlich in politischen Blasen stattfinden wird, dürfte sich indes noch zeigen.

In den USA könnte sich unterdessen eine andere Entwicklung abzeichnen: Aufgrund der massiven Medienpräsenz werden sich nun wohl viel mehr junge Menschen mit den Lehren der Critical Race Theory auseinandersetzen als zuvor. Damit wären die Strategien der Rechten zumindest in Teilen gescheitert. 

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