Wolfgang Ischinger: „China wird das zentrale Thema für den Zusammenhalt des Westens werden“

Written By: Stefan Schmitz - Jul• 15•21

Der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz sieht die Welt vor einem "Epochenbruch" – und das deutsch-amerikanische Verhältnisse dauerhaft erschüttert.

Der ehemalige Spitzendiplomat Wolfgang Ischinger warnte im Interview mit dem Magazin "Stern", dass ein künftiger US-Präsident den verlässlichen Schutz für die Verbündeten wieder infrage stellen könne. "Das erschüttert Grundelemente deutscher Außenpolitik", betonte der frühere deutsche Botschafter in den USA und Großbritannien, der nun die Münchner Sicherheitskonferenz leitet. Viele alte Gewissheiten würden sich dramatisch verändern. Der 75-Jährige sprach von einem "Epochenbruch" und einer "Zeitenwende". 

Ischinger sagte, anders als früher könne uns das US-Wahlergebnis nicht mehr egal sein. "Zum ersten Mal seit 70 Jahren müssen wir uns in Bezug auf die USA eine strategische Frage stellen: Was können wir tun, um eine Wiederwahl von Trump oder eines Trumpisten zu verhindern?" Dies sei "ein eklatanter Unterschied".

STERN PAID Interview Ischinger Sicherheitspolitik

Der Ex-Staatssekretär im Auswärtigen Amt kritisierte den Zustand der Europäischen Union. Das Ziel einer immer engeren Gemeinschaft sei durch den Brexit ebenso beschädigt worden wie durch Konflikte mit Ungarn und Polen. "Wir müssen inzwischen froh sein, wenn das europäische Projekt überhaupt aufrecht erhalten wir." Dringend rief er die Europäer auf, gegenüber China mit einer Stimme zu sprechen. 

Ischinger sagte voraus: "Das Thema China wird das große zentrale Thema für den Zusammenhalt des Westens werden." Viele Amerikaner sähen nur zwei Optionen: "Entweder, Amerika gewinnt, technologisch, politisch, ökonomisch, vielleicht auch militärisch – oder China gewinnt." Die Europäer glaubten dagegen, "dass es den Versuch wert ist, mit den Chinesen faire Bedingungen auszuhandeln". Sie suchten zwar den Austausch über Meinungsunterschiede beim Thema Menschenrechte, wollten dafür aber nicht die Handelsbeziehungen infrage stellen. Bald werde sich zeigen, ob "diese neue westliche Geschlossenheit nur etwas für Sonntagsreden ist oder wir gemeinsam China entgegentreten".

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