Jonas Schmidt-Chanasit: Virologe über Corona-Regeln: „Ein Lockdown steht meines Erachtens vollkommen außer Frage“

Written By: Ilona Kriesl - Okt• 15•20

Bund und Länder haben neue Corona-Regeln beschlossen. Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit erklärt, welche Maßnahme den größten Effekt haben dürfte, was er von Beherbergungsverboten hält und für wie realistisch er einen zeitnahen zweiten Lockdown einschätzt.

Prof. Schmidt-Chanasit, Bund und Länder haben neue Maßnahmen beschlossen, um das Infektionsgeschehen in Deutschland einzudämmen – darunter neue Obergrenzen für private Feiern und eine strengere Maskenpflicht. Was ist Ihre Einschätzung: Werden die Maßnahmen ausreichen, um das Infektionsgeschehen in Deutschland zu entschleunigen?

Das ist schwer vorherzusagen. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass wir – würden wir die bereits seit längerem bestehenden Maßnahmen konsequent umsetzen – nicht diese Anstiege haben würden, die wir jetzt sehen. Das Stichwort ist AHA-L – also Abstand halten, Hygienemaßnahmen, Alltagsmaske und Lüften. Natürlich hätte man schon früher eingreifen können und mit Maßnahmen dort ansetzen können, wo die Infektionen stattfinden. In den vergangenen Monaten haben wir gesehen, dass es bei Feiern im privaten Rahmen zu vielen Infektionen gekommen ist. Die neuen Obergrenzen bei Familienfeiern oder im privaten Raum finde ich deshalb zielgerichtet und verhältnismäßig.

Ist das auch die Maßnahme, von der Sie den größten Effekt erwarten?

Ja, neben den Maßnahmen, die wir bereits haben.

Keine Einigung gab es bei den Beherbergungsverboten für innerdeutsche Reisende aus Risikogebieten. Wie sinnvoll sind die aus Ihrer Sicht?

Beherbergungsverbote machen überhaupt keinen Sinn. Das Reisen an sich ist ja nicht gefährlich, sondern das, was an den Reiseorten passiert. Es ist realitätsfern zu glauben, man könnte mit diesen Beherbergungsverboten irgendetwas verhindern. Es geht vielmehr darum, das Verhalten so zu gestalten, dass kein Risiko entsteht – ob das nun in Greifswald ist oder in Neukölln. Außerdem ist die Entwicklung so dynamisch, dass man überhaupt nicht mit der Umsetzung hinterherkäme.Corona-Regeln

Sollten die neuen Regelungen fruchten: Wann könnte sich ein erster Effekt zeigen, beispielsweise bei der Zahl der Neuinfektionen?

Bei den Neuinfektionen haben wir immer einen gewissen zeitlichen Verzug. Die Menschen, die heute in die Statistik einfließen, haben sich schon vor zehn bis vierzehn Tagen infiziert. Grundsätzlich ist das schwer vorherzusagen, weil es auch sehr von dem Verhalten der Bevölkerung abhängt – also, wie schnell solche Änderungen umgesetzt und wie konsequent sie eingehalten werden. Die Zahlen sind schon vor dem aktuellen Beschluss angestiegen, und ich denke, dass viele Bürgerinnen und Bürger bereits darauf reagiert haben und beispielsweise ihr Verhalten angepasst haben. Es ist, wie es auch der Modellierer Dirk Brockmann so schön beschrieben hat: Unser Verhalten verändert die Pandemie, und die Pandemie verändert unser Verhalten. Insofern kann es sein, dass wir bereits in wenigen Tagen eine Abflachung sehen werden, weil Teile der Bevölkerung bereits vor zwei Wochen ihr Verhalten geändert haben.

Haben wir uns wegen der niedrigen Zahlen über den Sommer in falscher Sicherheit gewogen?

Das müsste man jeden Einzelnen fragen. Aber natürlich haben wir gesehen, dass sich einige Bürgerinnen und Bürger weniger an die AHA-L-Regeln gehalten haben. Es gab ja Feste auf den Straßen oder illegale Partys, und das ist mit Blick auf das Infektionsgeschehen natürlich sehr kritisch. Nun konnten sich die Infektionen wieder ausbreiten. Zum Glück sind Risikogruppen noch recht gut geschützt, sodass wir aktuell noch keinen massiven Anstieg bei der Sterblichkeit sehen.PAID Antikörper Corona Therapie 14.23

Das Robert Koch-Institut hat heute mit 6638 Neuinfektionen einen neuen Rekordwert gemeldet. Überrascht Sie dieser Anstieg?

Die Entwicklung ist schon dynamisch, aber man muss sie auch im Kontext sehen. Zuletzt hatten wir Ende März, Anfang April derart hohe Zahlen, aber das lässt sich nicht vergleichen. Damals wurde viel weniger getestet. Das heißt, die reellen Zahlen waren natürlich wesentlich höher als die Anzahl der positiven Testergebnisse, die wir heute sehen. Aktuell ist die Situation noch nicht so dramatisch wie damals.

Markus Söder sagte, wir seien dem zweiten Lockdown viel näher, als wir das wahrhaben wollten. Hat er Recht?

Das ist regional sehr unterschiedlich. Wenn ich mir beispielsweise die Situation in Berlin-Neukölln ansehe, ist das durchaus eine schwierige Lage, wo sehr viel sehr schnell außer Kontrolle geraten kann. Aber das trifft nicht auf viele Regionen Deutschlands zu. Insofern ist eine verallgemeinernde Aussage sicher falsch. Das heißt aber nicht, dass wir nun alle untätig rumsitzen sollten! Die Basismaßnahmen müssen konsequent umgesetzt werden. Die Maßnahmen müssen aber auch verhältnismäßig sein und nachvollziehbar bleiben, sonst erweist man sich da einen Bärendienst und es kommt zu Unverständnis in der Bevölkerung.

Haben Sie ein Beispiel?

Warum sollte ein Restaurant im Zuge eines möglichen Lockdowns geschlossen werden, in dem die Hygieneregeln umgesetzt werden und wo keine Infektionen entstehen? Das müsste erst einmal erklärt werden. Ein Lockdown steht meines Erachtens nach erstmal vollkommen außer Frage.

Was wird mit Blick auf die kommenden Tage und Wochen wichtig?

Das Wichtigste ist jetzt das konsequente Einhalten der Basisregeln AHA-L. Keine der zusätzlichen Regeln wird dieselbe Wirksamkeit entfalten, als wenn sich große Teile der Bevölkerung daran halten. Diese Regeln werden uns durch die Pandemie tragen, ohne dass wir weitere Maßnahmen ergreifen müssen, die viele Nebenwirkungen und viele schädliche Effekte hervorrufen. AHA-L ist die Basis und quasi auch die Lösung. Zusätzlich kommen weitere Bausteine, die jetzt entwickelt werden. Die neuen Antigen-Schnelltests und bessere Behandlungsmöglichkeiten sind ein wichtiges Hilfsmittel, aber auch die Impfstoffe, die sicherlich kommen werden. In der Summe wird uns das viele neue Möglichkeiten eröffnen, wieder zurück in unser altes Leben zu finden.

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