Ausgangssperren missachtet: „Wo zur Hölle geht ihr alle hin?“ Die Wut der italienischen Bürgermeister auf ihre Landsleute

Written By: Miriam Khan - Mrz• 23•20

Seit Wochen gelten in Italien strenge Ausgangsverbote. Doch alle Maßnahmen scheinen nichts zu nützen: Die Zahl der Corona-Toten steigt weiter dramatisch – auch, weil viele sich nicht an die Regeln halten. Einigen Amtsträgern reicht es jetzt.

Die Zahlen sind dramatisch: Mehr als 5400 Italiener sind bislang an den Folgen des Coronavirus gestorben. In Sachen Todesfälle hat das Land seit ein paar Tagen China als traurigen Spitzenreiter der Corona-Statistik abgelöst.

Auch was die generellen Infektionszahlen angeht, ist Italien nicht mehr weit vom Ausbruchsherd China entfernt: Rund 60.000 Italiener haben sich bislang mit Corona angesteckt – in China rund 82.000. PAID STERN 2020_13 Warten, dass dieser Albtraum endet - 15.25

Warum steigen die Zahlen in Italien so massiv an? Wieso ist trotz Ausgangssperren und massiver staatlicher Restriktionen immer noch kein Abflachen der Kurven in Sicht? Vielleicht auch, weil viele Italiener sich einfach nicht an das halten, was die Regierung ihnen vorgibt. Mehreren Amtsträgern ist nun der Kragen geplatzt.

Appell an die Jugend Italiens

"Wir schicken die Polizei. Mit Flammenwerfern." Vincenzo De Luca, Präsident der italienischen Region Kampanien, wählt drastische Worte. Sie zielen auf seine Landsleute auf. Auf die, die immer noch "Abschlussfeiern planen", poltert De Luca. Der Präsident ist sauer, weil viele seiner Landsleute den Ernst der Lage in Sachen Corona immer noch unterschätzen. In einer Videobotschaft macht er daher klare Ansagen. Kampanien

"Natürlich können wir fröhlich so weiter machen", aber das Ergebnis sei klar, so De Luca: Wer heute unter Menschen gehe und feiere, könne zehn Tage später seine Eltern und Großeltern ins Krankenhaus bringen.

"Wo zum Teufel geht ihr alle hin?"

De Lucas Video-Statement ist nur eines von vielen: In ganz Italien machen Bürgermeister, Regionalpräsidenten und andere Amtsträger ihrer Wut Luft. Twitter-Nutzer "protecttheflames" hat einige ihrer Aussagen zusammengetragen.

Da ist zum Beispiel Cateno De Luca, Bürgermeister der sizilianischen Stadt Messina. "Ich werde euch kriegen. Morgen, nicht in einigen Jahren. Morgen", droht er Regelbrechern an. Auch Massimiliano Presciutti, Bürgermeister im zentralitalienischen Gualdo Tadino ist erbost: "Wo zum Teufel geht ihr alle hin? Mit euren Hunden? Die müssen eine entzündete Prostata haben." 

Bürgermeister von Bari: "Das ist kein Film"

Auch der Bürgermeister von Bari in Apulien ist dabei. Er sorgte bereits vor einigen Tagen mit einem emotionalen Video aus seiner Heimatstadt für Schlagzeilen. Auf seinem Weg nach Hause kontrollierte Antonio Decaro, ob sich die Restaurantbetreiber an die Verordnung hielten, um 18 Uhr ihre Läden zuzumachen. Damals gab es für Decaro nichts zu beanstanden.

Nun hat er sich wieder zu Fuß auf dem Weg durch seine Stadt gemacht – diesmal um Quarantäne-Brecher zu finden. Und der Bürgermeister muss nicht lange suchen: Am Strand wird Tischtennis gespielt, auf den Plätzen treffen sich die jungen Leute. Decaro ist wütend und stellt die Menschen zur Rede: "Das, was in Mailand oder Bergamo passiert, das ist kein Film. Das passiert wirklich. Die Leute sterben", ruft er etwa zwei Spaziergängern zu.Bari

Conte verschärft die Regeln weiter

Unterdessen hat Premierminister Giuseppe Conte noch einmal die Zügel angezogen: Ab sofort wird in allen nichtsystemrelevanten Unternehmen der Betrieb eingestellt. Nur noch in Ausnahmefällen sollen die Leute weiter zur Arbeit gehen dürfen. Podcast Corona Teil 3 _

Dazu legte Conte am Montag eine Liste mit Berufen vor, die trotz der Ausgangssperre weiterhin ausgeübt werden dürfen. Demnach zählen unter anderem Übersetzer und Mitarbeiter in Chemiefabriken zu den Berufen, die weiterhin ausgeübt werden dürfen. Auch Autoteile-Hersteller dürfen ihren Jobs weiterhin nachgehen. Stahlwerke hingegen müssen schließen. Anwälte müssen im Home Office bleiben, während etwa Journalisten weiterhin in ihre Redaktion gehen dürfen. 

Die am Montag von der Regierung veröffentlichten Dekrete enthalten zudem eine Anordnung, wonach sich die Italiener weder "mit privaten noch öffentlichen Verkehrsmitteln" außerhalb der Gemeinde bewegen dürfen, in der "sie sich derzeit aufhalten".

Bei vielen Italienern löste die Anordnung zusätzliche Unsicherheit aus – theoretisch würde sie bedeuten, dass Menschen mit zweitem Wohnsitz diesen nicht mehr aufsuchen und auch ihre außerhalb des eigenen Wohnsitzes lebenden Angehörigen nicht mehr besuchen dürften. Ausnahmen gelten laut der Anordnung für Menschen, die aus beruflichen Gründen oder in dringenden medizinischen Fällen reisen müssen.

Quellen: Twitter "protectheflames", Facebook "Antonio Decaro", Facebook "Vincenzo De Luca", Nachrichtenagentur AFP

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