Kanzlerin in Quarantäne: Kupfergraben statt Kanzleramt: So regiert Angela Merkel von zu Hause

Written By: Andreas Hoidn-Borchers - Mrz• 23•20

Die Kanzlerin ist im Homeoffice. Eine Vorsichtsmaßnahme in Corona-Zeiten. Wenn sie sich nichts eingefangen haben sollte, dann ist das nicht dramatisch. Aber wie funktioniert das, ein Land zu führen vom Küchentisch?

Sie geht mit gutem Beispiel voran – in die Isolation. Angela Merkel ist dann mal weg, nicht völlig verschwunden, natürlich nicht, aber die Bundeskanzlerin macht in den nächsten Tagen Homeoffice, wie Millionen andere derzeit auch. Sie regiert aus den eigenen vier Wänden, vorsichtshalber wie gezwungenermaßen. Kupfergraben 6, Berlin-Mitte, vierter Stock. Das ist fürs nächste ihr Kanzleramt. Statt freier Sicht auf den Reichstag Blick auf das Pergamonmuseum. Nur ohne den üblichen Rummel vor der Tür. Die Leute sollen ja zu Hause bleiben.

Am späten Sonntagnachmittag hatte Merkel die Nation noch auf eine Zeit des völlig heruntergedimmten sozialen Lebens eingestimmt: „Bitte ziehen Sie alle mit. Zeigen Sie Vernunft und Herz.“ Eine Stunde später trat sie den Weg in die häusliche Quarantäne an. Der Arzt, der sie zwei Tage zuvor gegen Pneumokokken geimpft hatte, war positiv auf das Corona-Virus getestet worden.PAID FAQ Kurzarbeit - 16.05

Ihr Mann als einzige Bezugsperson

Die Kanzlerin befindet sich damit in ständig wachsender Gesellschaft. Allerdings weiß Merkel noch nicht, ob sie sich selbst infiziert hat wie Friedrich Merz, Cem Özdemir oder Jutta Ditfurth. Der erste Test war negativ. So kurze Zeit nach einer möglichen Ansteckung zeigen Tests noch kein sicheres Ergebnis. Bis sie sicher sein kann, dass sie nicht infiziert ist, meidet sie es, mit Menschen in Kontakt zu kommen. Ihre einzige direkte Bezugsperson ist jetzt ihr Mann, Joachim Sauer. Auch da geht es ihr jetzt ähnlich wie Millionen anderen.

Dabei ändert sich für sie im Grunde erst mal gar nicht soviel, nicht mehr. Ihr Leben hatte sich, wie sie selbst sagt, in den vergangenen Tagen ohnehin schon „grundsätzlich verändert“; es „besteht im Wesentlichen aus Telefon- und Videokonferenzen“. Auf Händeschütteln hatte Merkel bereits seit längerem verzichtet, Abstand zu ihren Mitarbeitern hielt sie auch vorher schon so gut wie möglich. So ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie, falls selbst infiziert, das Virus breiter gestreut haben könnte. Steffen Seibert, der Mensch, der mit Abstand am meisten um sie herumwuselt, verrichtet seinen Regierungssprecherjob jedenfalls weiter in freier Wildbahn. 

Boten bringen nun die nötigen Akten zu Merkel in den Kupfergraben, der Weg ist ja nicht weit. Und telefonieren und skypen kann sie auch vom Küchentisch aus. Für die Kanzlerin ist das nichts Ungewöhnliches. Sie ist seit jeher 24 Stunden im Dienst, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr, selbst wenn sie in Urlaub ist oder am Wochenende in ihrem Haus in der Uckermark. Merkel regiert dann eben per SMS oder Anruf. Dass andere – durchaus mit politischer Absicht – in Krisenzeiten auch schon mal ihr Handy abschalten, wie es 2015 auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer getan hat, das passiert Merkel nicht. Im Gegenteil: Gesprächspartner wurden in der Vergangenheit schon mal lapidar von der Kanzlerin begrüßt: „Ich stecke gerade in Gummistiefeln im Gemüsegarten und jäte ein bisschen Unkraut.“

Kupfergraben 6, die Wohnung der Kanzlerin
Kupfergraben 6, Berlin-Mitte. Von hier aus regiert Angela Merkel nun im Homeoffice
© Abdulhamid Hosbas
Am Montag ließ sie sich von zu Hause aus zur Kabinettssitzung zuschalten, auf der das historische Hilfspaket für Mieter, Familien, Krankenhäuser, Selbstständige, kleine und große Unternehmer verabschiedet wurde. Merkel dankte erst mal allen für ihren Einsatz und leitete dann die Runde. Die Sitzung war doppelt historisch. Zum einen, weil die Chefin sie übers Telefon leitete, vor allem aber, weil das Kabinett für das gigantische Maßnahmenbündel mal eben die Schuldenbremse aushebelte.

Schwarze Null? Eine physisch präsente Regierungschefin? Die ganzen alten Regeln? Gelten alle nicht mehr. Nur im Bundestag muss am Mittwoch Vizekanzler Olaf Scholz an Merkels Stelle reden – ins Parlament kann sich die Kanzlerin nicht einfach streamen lassen. Dass der Sozialdemokrat dann Eins-zu-Eins Merkel-Linie vertreten wird, das ist in Zeiten des Ausnahmezustands eine Selbstverständlichkeit. Die Zeiten des parteipolitischen Zwistes in der Groko sind fürs erste gestrichen. Das gilt unisono auch für das Kapitel Genesungswünsche. Nur ein paar Wirrköpfe von der AfD haben sich im Ton vergriffen. Nichts zum Veröffentlichen. Ein Fliegenschiss.

Keine Extrawurst für niemanden

Die von Merkel sofort selbst gewählte Isolation ist eine Frage der Solidarität und der Vernunft. Es ist überdies auch eine persönliche Botschaft an das Volk. Keine Extrawurst. Für niemanden. Und wenn Merkel eines hunderteinprozentig ist, dann: vernünftig. Sicher ist sicher. Sie ist zwar robust und in ihren 15 Jahren im Kanzleramt nie ernsthaft krank gewesen, abgesehen davon, dass sie ein Sturz beim Langlauf in der Schweiz um die Jahreswende 2014/2015 für einige Zeit lahmlegte. Merkel musste mit einem „unvollständigen Bruch im hinteren linken Beckenring“ ein paar Tage zu Hause bleiben, bevor sie dann wieder auf Krücken ins Kanzleramt humpelte.

Diesmal ist es aber anders: Mit mittlerweile 65 Jahren gehört sie automatisch zu den Menschen mit erhöhtem Risiko. Deutschlands weitestgehender Shutdown wird ja gerade damit begründet, dass exakt jene Risikogruppe in den nächsten Wochen auch noch von einem aufs Äußerste strapaziertem Gesundheitssystem versorgt werden kann. Da wäre es ein fatales Zeichen, wenn Merkel nun so täte, als wäre nix gewesen.

So wird sich die wirklich spannende – und dann auch beunruhigende - Frage ohnehin nur für den Fall stellen, dass ein valider Covid-19-Test bei Merkel positiv ausfallen und die Kanzlerin schwerer erkranken würde.

Was passiert bei einem zweiten, dann positiven Test?

Was dann?

Dann übernähme laut Geschäftsordnung der Regierung vorübergehend ein Mann Merkels Dienstgeschäfte, der sowieso gerne auf ihrem Stuhl säße: Olaf Scholz. Der Vizekanzler leitet auch das Kabinett, wenn die Chefin in Urlaub ist, aber das war bislang eher ein formaler Akt.

Die wichtigen Dinge erledigt Merkel auch aus der Ferne selbst, notfalls von den Wandertour auf dem Berg aus. Es wäre eine noch nie dagewesene Situation, dass ein Kanzler oder eine Kanzlerin über einen längeren Zeitraum komplett ausfallen würde, auch wenn frühere Kanzler wie Brandt, Schmidt und Kohl immer mal wieder mit ihren Malaisen zu tun hatten, diese aber oft genug vor der Öffentlichkeit verheimlichen konnten. Diesmal ginge das nicht. Es wäre ein Novum in einer historischen Krise. Zumal da die Verfassung eine kanzlerlose Zeit nicht vorsieht.

Vorerst ist es nur ein Worst-Case-Szenario. Mehr nicht.

Die Kanzlerin ist nun also im Homeoffice. Viel Zeit zur Muße wird sie mit Sicherheit nicht haben. Mag aber sein, sie findet von zu Hause aus trotz aller Krisenkommunikation und –koordination sogar die Zeit, mal wieder einen Kuchen zu backen. Sie hat das drauf, berichten die, die schon mal in kleiner Runde davon kosten durften. Nur beim Streuselkuchen ist das so eine Sache. Das hat Merkel selber mal erzählt. Da beschwere sich der Gatte regelmäßig, dass sie zu sparsam mit den Streuseln sei.  

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