Russland-Affäre: Das lange Schweigen des US-Sonderermittlers oder: Trump und seine Leute erwarten das Schlimmste

Written By: Niels Kruse - Nov• 16•18

Dieser Rauswurf der Vize-Sicherheitschefin? Nebensache! Macrons Idee einer Europa-Armee? Papperlapapp! Die Wahlpannen in Florida? Nette Ablenkung, aber: egal. Hinter Donald Trump liegt eine turbulente Woche und vor ihm vermutlich die ersten Konsequenzen der Russland-Ermittlungen. Auf Twitter ließ sich verfolgen, wie sehr die Angelegenheit an ihm nagt: Zum ersten Mal nach vielen Wochen waren dort wieder die üblichen Beschimpfungen gegen den US-Sonderermittlers und dessen Arbeit zu lesen: "abgekartet" und "Hexenjagd". Warum ausgerechnet jetzt - nach den nicht ganz rund gelaufenen Zwischenwahlen? Vermutlich weil er wenige Tage zuvor Robert Muellers umfangreiche Fragen beantwortet hatte.

"Die Leute bereiten sich auf das Schlimmste vor"

Am Montag und Dienstag soll Trump mit seinen Anwälten 20 Stunden lang über den Fragenkatalog gebrütet haben, berichten amerikanische Medien. Eigentlich wollte der US-Sonderermittler persönlich mit dem US-Präsidenten sprechen, doch Trumps Berater konnten Mueller auf ein schriftliches Interview herunterhandeln. Irgendwann in diesen Tagen werden die Antworten auf Muellers Tisch landen und dann könnte es ernst werden. "Die Leute bereiten sich auf das Schlimmste vor", zitiert das Magazin "Politico" einen hochrangigen Parteifreund Trumps. "Man konnte es die ganze Woche an seiner Körpersprache erkennen, dass ihn etwas besorgt. Ich glaube, sie merken, dass etwas bevorsteht."

Personalkarussell Weißes Haus_16.20Uhr

Was genau das sein wird, ist zwar unklar, und doch fallen im Zusammenhang mit den Untersuchungen über eine mögliche russische Einmischung immer wieder die gleichen zwei Namen: Roger Stone, ehemaliger Trump-Berater, und Donald Trump Jr., Sohn des US-Präsidenten. Beide stehen im Zentrum des Interesses der Ermittler, beiden drohen Anklagen. Stone wegen seiner ungeklärten Verbindung zwischen Wikileaks, Hackerangriffen, Russland und Trumps Wahlkampfteam. Donald Jr., weil der ein umstrittenes Treffen mit einer russischen Anwältin im Trump-Tower organisiert hatte.

Mehrere Personen bereits angeklagt

US-Geheimdienste vermuten, dass Russland die Internet-Enthüllungsplattform Wikileaks genutzt hatte, um gestohlene E-Mails der US-Demokraten zu veröffentlichen. Absicht sei gewesen, Trumps Gegenkandidatin Hillary Clinton zu schaden. Wikileaks-Gründer Julian Assange hatte jedoch eine Beteiligung russischer Regierungsstellen an der Veröffentlichung dementiert. Im Zuge der Untersuchungen hat Mueller bereits mehrere Personen aus Russland und aus dem Umfeld Trumps angeklagt - darunter Trumps früheren Wahlkampfchef Paul Manafort.

Trump of The Week, Folge 8_17.30UhrUnd dann sind da noch die Entlassung von Justizminister Jeff Sessions und die Aussagen dessen Übergangsnachfolgers Matthew Whitaker. Der neue Mann an der Spitze des Ministeriums, das die Russland-Ermittlungen überwacht, hat mehrfach erklärt, dass er Muellers Untersuchungen für überzogen oder sogar illegal hält. Kraft seines Amtes könnte er den Sonderermittler von seiner Aufgabe entbinden - was politisch aber schwer verkäuflich wäre. Noch als Kommentator hatte Whitaker vor einem Jahr auf CNN deshalb vorgeschlagen, dass ein "amtierender Justizminister" stattdessen Mueller die Mittel kürzen könnte, um dessen Arbeit de facto zu beenden. Nun ist ausgerechnet dieser Whitaker amtierender Justizminister.

"Es sind illegale Ermittlungen"

Auf den Mann angesprochen, der als ausgewiesener Anhänger Trumps gilt, sagte der Präsident jüngst in einem Interview: "Sehen Sie, soweit es mich betrifft, ist dies eine Untersuchung, die niemals hätte begonnen werden dürfen. Es sollte sie nicht geben. Es sind illegale Ermittlungen." Im Grunde sind das die gleichen Worte, mit denen auch Matthew Whitaker über die Ermittlungen spricht. Und die ähnlichen Worte, mit denen Trump im Frühjahr vergangenen Jahres die Entlassung des damaligen FBI-Direktor James Comey begründete. Comey, der die Russland-Ermittlungen angestoßen hatte, sei wenigstens durch einen unparteiischen Nachfolger ersetzt worden, schreibt die "Washington Post", das sei bei Sessions nicht der Fall. "Wieder einmal räumt der Präsident de facto ein, dass er die Arbeit der Justiz behindert", so das Blatt.

Rufmordkampagne gegen Trump-Ermittler Mueller 18.40Vieles deutet also daraufhin, dass für den Präsidenten und seine Mitarbeiter die Wochen der Wahrheit anstehen. Laut der New Yorker Zeitung "Observer" sei Mueller bereits dabei, Dutzende "wasserdichte Anklagen" zu erheben. Die Demokraten, die bei dem Midterms die Mehrheit im Repräsentantenhaus erobert haben, wollen mögliche Verfehlungen des Präsidenten und seines Umfelds offiziell untersuchen lassen. Mehr als 100 Punkte umfasse die entsprechende Liste, heißt es. Donald Trump hat offenbar Gründe, angespannt zu sein.

Quellen: "Politico", "Washington Post", "The New Yorker", "Handelsblatt", "Observer", Axios

Brexit-Deal: Raunen. Rücktritte. Regierungkrise – der Tag, an dem in Westminster das Kabinett zerbröselte

Written By: Michael Streck - Nov• 15•18

Politik ist ein verdammt schnelllebiges Geschäft. Am Mittwoch herrschte noch große Erleichterung in London über einen mutmaßlichen Deal mit der EU. Und dann, nicht einmal zwölf Stunden später: Raunen, Rücktritte, Regierungskrise. Während sich die Briten am Morgen auf den Weg zur Arbeit machten, zerbröselte das Kabinett in London. Eilmeldung auf Eilmeldung, sechs binnen Stunden. Es war wie beim Domino. Mehrere Staatssekretäre und zwei Minister. Darunter Arbeitsministerin Esther McVey - was nicht richtig überraschte. Beim Kabinettstreffen am Vortag, heißt es, sei sie von Kollegen niedergebrüllt und hernach in Tränen ausgebrochen.Brexit: Ministerin im Kabinett niedergebrüllt 12.36

Als Prominentester aber ausgerechnet Brexit-Minister Dominic Raab. Jener Mann, der theoretisch jedenfalls, den Deal in Brüssel mit ausgetüftelt hatte, am Vorabend sogar noch in der belgischen Hauptstadt erwartet worden war für einen gemeinsamen Auftritt mit EU-Verhandlungsführer Michel Barnier. Nun aber das Dokument als "terrible" verdammte und später noch einen draufsetzte: Die EU erpresse Großbritannien.

"Äh, wie viele Rücktritte? Ich habe den Überblick verloren"

Das Personal rotierte an diesem denkwürdigen Donnerstagmorgen jedenfalls derart schnell, dass selbst altgediente Experten ins Schleudern gerieten. Lord Norman Tebbit, ein Urgestein der Konservativen, erkundigte sich bei einem Radiomoderator: "Entschuldigen Sie, wie viele Rücktritte? Drei, vier, fünf? Ich habe den Überblick verloren."

So ging das vielen.

Die Situation erinnert ein wenig an die tumultartige Zeit unmittelbar nach dem Referendum im Juni 2016, als der damalige Premier David Cameron seinen Posten räumte, worauf ein bizarrer und an ein Shakespeare-Drama erinnernder Streit um die Parteiführung ausbrach – an dessen Ende Theresa May auch deshalb als Premierministerin aus dem Ringstaub kletterte, weil sich ihre Kontrahenten Michael Gove und Boris Johnson gegenseitig gemeuchelt hatten.

Nun könnte sich die Geschichte unter anderen Vorzeichen wiederholen.Brexit Strecki 21.30

Als auf dem Kontinent noch die vermeintliche Zustimmung im Kabinett begrüßt wurde als Zeichen der Hoffnung für einen geordneten EU-Abschied, flog May daheim erst ihr Kabinett und später im Unterhaus auch der Deal um die Ohren. Den Anfang machte Oppositionsführer Jeremy Corbyn, der das 585 Seiten starke Dokument eine "halbgare Vereinbarung" nannte, das weder die Zustimmung des Kabinetts noch der Abgeordneten noch des "Landes als Ganzes" habe. Es erfülle nicht die Anforderungen der Labour-Partei. Corbyn sagte auch, die Menschen seien heute ängstlich aufgewacht und müssten sich um die Zukunft fürchten. Das war vermutlich seine klügste Einlassung. 

Vertreten die Volksvertreter tatsächlich ihr Volk beim Brexit?

Denn wer von den britischen Bürgern die Zeit (und Lust) hatte, die Debatte im Radio oder Fernsehen zu verfolgen, konnte sich in der Tat fürchten. Darüber, in welchem Zustand sich die politische Klasse des Landes befindet. Man konnte sich zuweilen fragen: Vertreten diese Volksvertreter tatsächlich ihr Volk?

Mit erstaunlicher Stamina und der ihr eigenen und in diesem Fall gesunden Sturheit stand May stundenlang im Unterhaus – und sah sich einem Hagel an Fragen, Vorwürfen und auch Beleidigungen ausgesetzt. Gerade mal eine Handvoll Parlamentarier begrüßten das Papier, die überwältigende Mehrheit zerriss es. Was schon logistisch etwas verwundert. Schließlich, 585 Seiten voller technischer Details schlabbern sich nicht so locker weg wie Strandlektüre.Pressestimmen zum Brexit Deal_11Uhr

Eines aber ist nach dem Frage-und-Antwort-Marathon klar: May wird den Deal mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht durch das Parlament bekommen. Auch wenn das, wie sie immer wieder versicherte, ihr erklärtes Ziel bleibt.

Es ist ja so: Die 650 Abgeordneten sind jenseits der Parteigrenzen zersplittert in solche, denen der Ausstieg gar nicht hart genug sein; in solche, denen der Brexit gar nicht weich genug sein kann; in solche, die gar keinen Deal wollen; in solche, die May am liebsten stürzen wollen; in solche, die gern Neuwahlen hätten. Und solche, die ein zweites Referendum fordern. Aus diesen Fraktionen muss May nun irgendwie 320 Abgeordnete generieren, die den Pakt im Dezember durchwinken sollen. Das ist nicht mehr oder weniger als die Quadratur des Kreises.

Obendrein macht das Wort vom Misstrauensvotum aus den eigenen Reihen nunmehr ganz offen die Runde. Dazu müssten sich 15 Prozent der konservativen Abgeordneten schriftlich bekennen, was übersetzt auf 48 Briefe hinausläuft.

Das Wort vom Misstrauensvotum macht die Runde

Seit Monaten geistern diese Zahlen durch den Äther, passiert ist nichts. Noch nicht. Die Stimmen aber werden lauter. Und gewannen Donnerstag erheblich an Kraft, weil unter großem Getöse der prominente Tory-Abgeordnete und Ober-Brexiter Jacob Rees-Mogg seinen Brief einreichte, May zur Demission aufforderte und gleich eine ganze Reihe von geeigneten Nachfolgern nannte. Natürlich den unvermeidlichen Boris Johnson. Aber eben auch Dominic Raab, bis zum Morgen noch Brexit-Minister.

Der saß kurz zuvor in einem Fernsehstudio und wurde gefragt, ob er aus dem sinkenden Schiff in ein Rettungsboot geflüchtet sei und, einmal gerettet, Theresa May beerben wolle. Er verneinte das natürlich. Nichts liege ihm ferner. Er stehe hinter May. Und er hoffe immer noch auf eine Einigung mit Brüssel.

Raab ist ein Polit-Profi. Er wurde nicht mal rot.

03-Theresa May als "Dancing Queen" 17.53h


Ex-First-Lady: Das echte Leben der Michelle Obama

Written By: Cornelia Fuchs - Nov• 12•18

Nein, Donald Trump steht nicht im Mittelpunkt von Michelle Obamas Buch "Becoming: Meine Geschichte". Auch, wenn man dies meinen könnte, wenn man die erste Berichterstattung darüber liest. Was auch gilt: Kaum einer hat das Buch bisher lesen können, doch alle reden schon darüber, bewerten und kritisieren. Das zeigt auf der einen Seite die unglaubliche Prominenz dieser Frau, die acht Jahre an der Seite von Präsident Barack Obama stand.

Und auf der anderen Seite, wie wenig es braucht, um die Welt in Wallung zu bringen. Michelle Obama hat im stern-Interview in New York – wie schon oft in ihren Auftritten zuvor – wiederholt, dass sie nicht in die Politik gehen will. Unter anderem auch genau wegen dieser Kurzatmigkeit, dem Denken allein in Für oder Gegen, dem Gruppenzwang.

Es gibt nicht wenige, die sie auch dafür kritisieren, dass sie sich nicht diesem Theater in Washington aussetzen will.

Und auch die Autobiografie der früheren First Lady wird sich Dienstag nach ihrem Erscheinen dieser Kritik stellen müssen: Denn sie ist keine politische Bilanz ihrer Zeit im Weißen Haus oder gar ein politischer Zustandsbericht über die USA oder die Präsidentschaft.

Es ist ein Buch über das Leben und die Gedanken einer Frau, Michelle Obama. Die sich nicht als Politikerin sieht und schon gar nicht als zukünftige Präsidentschaftskandidatin. Die aber glaubt, dass sie trotzdem die Gesellschaft, vielleicht sogar die Welt wesentlich beeinflussen kann.

Und die genau dies auch schon längst getan hat.

Michelle Obama weiß um die Macht der Bilder

Michelle Obama Lesereise Becoming 17.07Michelle Obama ist als erste schwarze First Lady und Ehefrau des ersten schwarzen Präsidenten der USA eine Person der Zeitgeschichte geworden. Dafür hat sie gar nicht viel tun müssen, natürlich. Aber sie hat verstanden, wie einschneidend diese Bilder ihrer Familie im Weißen Haus sind. Dass sie mehr als Bilder sind, dass sie eine Zeitenwende einleiten und ihr für den Rest ihres Leben die Möglichkeit geben, gehört zu werden. Ihr Portrait hängt mit dem ihres Mannes in Washington in der National Portrait Gallery zwischen allen anderen 43 Präsidenten der Vereinigten Staaten.

Der Einfluss dieses Bildes lässt sich zum Beispiel bei der dreijährigen Parker sehen, ein kleines schwarzes Mädchen, das sich zu Halloween anzog wie Michelle Obama auf dem Portraitbild. Parker wächst auf mit dem Vorbild Michelle Obama. Es ist nicht mehr nur ein Traum, wie es Jahrzehnte hieß, für dieses kleine Mädchen ist das die Realität.

Michelle Obama erzählt ihre Geschichte vom Weg aus der kleinen Mietwohnung in der Southside in Chicago ins Weiße Haus, mit allen Umwegen, Ängsten, Sorgen und Problemen. Und wenn sie es schaffen kann, das ist auch ihre Botschaft, dann kann es jede schaffen.

Das sind die Ideen und Gedanken, über die Michelle Obama schreibt. Und über die sie diskutieren will. Die Frage ist, ob die Welt ihr folgen wird. Oder bei Trump stehen bleibt.

Lesen Sie ab Donnerstag im stern das exklusive Interview mit Michelle Obama über ihre Sorgen und Ängste im Weißen Haus, Fehlgeburt und künstliche Befruchtung und ihre Pläne für die Zukunft.Michelle Obamas Buch: Es geht nicht nur um Donald Trump 13.29

Felicitas Rohrer: Pillen-Prozess gegen Bayer: „Ab diesem Zeitpunkt war ich klinisch tot“

Written By: Ilona Kriesl - Nov• 08•18

Frau Rohrer, Sie klagen gegen den Pharmakonzern Bayer. Ein weltweit tätiges Unternehmen, das zuletzt einen Jahresumsatz von rund 35 Milliarden Euro erwirtschaftete. Bereitet Ihnen die Größenordnung keine Sorgen?

Natürlich belastet mich der Prozess. Aber bislang habe ich meine Klage keinen Augenblick lang bereut. Ich möchte es zumindest versuchen, und nicht zuletzt wünsche ich mir Gerechtigkeit. Bayer soll vor Gericht Rede und Antwort stehen. Das sind sie mir, aber auch anderen Frauen schuldig, die nicht mehr vor Gericht ziehen können. Sei es, weil sie aufgrund der Pilleneinnahme behindert wurden oder gestorben sind. Ein derart großer Konzern muss für seine Produkte Verantwortung tragen. Deshalb muss es einen Prozess und ein Urteil geben.

Was werfen Sie Bayer konkret vor?

Bayer hat mit den Antibabypillen der Yasmin-Familie, also Yasmin, Yasminelle und Yaz, Medikamente auf dem Markt gebracht, die aufgrund des enthaltenen Hormons Drospirenon unverhältnismäßig gefährlich sind. Mit Drospirenon besitzen die Pillen ein bis zu doppelt so hohes Thromboserisiko als Pillen der älteren Generation. Auf dieses höhere Thromboserisiko wurde aber nicht im Beipackzettel hingewiesen. Nach acht Monaten Pilleneinnahme habe ich eine Thrombose und eine doppelseitige fulminante Lungenembolie entwickelt. Ich hatte einen Atem-und Herzstillstand und konnte nur durch eine Notoperation gerettet werden.

Pillen der dritten und vierten Generation werden oft verordnet - trotz der bekannten Risiken. Wie erklären Sie sich das?

Thrombose-Artikel 1520Bayer hat die drospirenonhaltigen Antibabypillen beworben: Durch sie könne man sein Gewicht halten, außerdem würden sie Haut und Haare verbessern. Sie verschenkten Pillenschachteln mit Schminkspiegeln und versuchten so, junge Frauen unter 30 Jahren gezielt anzusprechen. Dabei sind die Pillen für Erstanwenderinnen in diesem Alter besonders gefährlich. Leider herrscht auch die Meinung vor, dass neue Präparate besser und sicherer seien. Das ist bei den Antibabypillen nicht der Fall. Sie müssen lediglich verhüten, und das machen ältere Präparate mit geringerem Thromboserisiko genauso gut. Die angeblichen Zusatznutzen der neueren Generationen bringen ein höheres Erkrankungsrisiko mit sich. Das wollen aber viele verschreibende Frauenärzte nicht sehen.

Man könnte auch argumentieren: Zahlreiche Frauen nehmen die Pille ohne Probleme ein. Nebenwirkungen sind daher die Ausnahme.

Natürlich gibt es Menschen, die sagen: 'Ihr seid ja nur Einzelfälle.' Meiner Meinung nach ist jede Erkrankung, jeder Todesfall einer zu viel. Die Pille ist kein lebenserhaltendes Medikament, für das es sich lohnt, solche Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen - im Gegenteil, sie wird von gesunden jungen Frauen genommen. Auf dem Markt gibt es Pillen der zweiten Generation, die genauso gut verhüten und deutlich weniger Thrombosen verursachen. Zumal die Dunkelziffer meines Erachtens nach recht hoch ist. Ich bekomme immer wieder Mails von Eltern, die schreiben, sie brächten den Tod ihrer Tochter erst jetzt mit der Pille in Verbindung. Überall auf der Welt gibt es Betroffene. In den USA sind es um die 9000 Frauen, die Bayer auch schon außergerichtlich mit knapp zwei Milliarden US-Dollar entschädigt hat. In vielen europäischen Ländern sind Klagen gegen Bayer anhängig. Hier von Einzelfällen zu sprechen ist falsch und perfide.

Welche Erinnerungen haben Sie an den 11. Juli 2009, den Tag, an dem Sie in das Universitätsklinikum Freiburg eingeliefert wurden?

Felicitas Rohrer Bayer Prozess 12.57Mir ging es bereits seit einigen Wochen nicht gut: Ich bekam schlecht Luft, war ständig erschöpft und wachte nachts immer wieder mit Atemnot auf. Ich war sogar im Krankenhaus und bei Ärzten, aber keiner hat die Symptome richtig gedeutet.Am Morgen des 11. Juli bin ich dennoch mit meinem Freund nach Freiburg gefahren. Dort hatte ich eine Sprachprüfung für einen deutsch-französischen Journalismus-Studiengang. In der Uni angekommen, wurde mir plötzlich schwindlig, ich kollabierte und wurde ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, hatte ich furchtbare Schmerzen im ganzen Oberkörper und glaubte zu ersticken. Der Notarzt brachte mich in das Uniklinikum, wo ich einen Atemstillstand und daraufhin einen Herzstillstand hatte. Sie haben mich defibrilliert, aber mein Herz hat dennoch nicht wieder angefangen zu schlagen. Ab diesem Zeitpunkt war ich klinisch tot.

Die Ärzte konnten Sie dennoch retten.

Ja, die Ärzte öffneten meinen Brustkorb, durchtrennten das Brustbein. So hatten sie freie Sicht auf meine Lunge. Dann holten sie mit einer Art Pinzette die Blutgerinnsel aus meinen Lungenflügeln. Währenddessen war ein Arzt ausschließlich dafür zuständig, mein Herz zu massieren und zu pumpen. So hielt er meinen Blutkreislauf aufrecht. Diese Vorstellung finde ich auch heute noch gruslig.

Die Ärzte berichteten ihren Eltern, dass sie aufgrund der Schwere der Krankheit lediglich eine Überlebenschance von unter drei Prozent hatten. Dennoch wachten Sie aus dem Koma auf, sogar ohne messbare Hirnschäden. Welche bleibenden Schäden haben Sie davongetragen?

Direkt nach der Operation wurde ich an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, da mein Körper nicht mehr eigenständig funktionieren konnte.In der ersten Zeit wurde ich also künstlich beatmet und ernährt. Als ich aus dem Koma erwachte, war mein Körper am Boden. Ich hatte nicht einmal mehr die Kraft zu sitzen, zu kauen und zu laufen. Ich musste von anderen gewaschen werden – mit 25 Jahren! Das Vertrauen in meinen Körper war weg, er fühlte sich wie eine Art Fremdkörper an. Außerdem habe ich auch heute noch eine wahnsinnige Angst vor dem Tod. Immer wieder kommt diese Panik in mir auf: Ich bin dem Tod gerade so von der Schippe gesprungen – wann kommt er wieder, um mich zu holen? Ich leide an einer Posttraumatischen Belastungsstörung, habe ein Lymphödem in einem Bein, habe zahlreiche Narben am Oberkörper und muss blutgerinnungshemmende Medikamente einnehmen.


Risiko einer venösen Thromboembolie bei Einnahme hormoneller Kontrazeptiva, kombiniert mit dem Östrogen Ethinylestradiol (Quelle: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, 2014)

Enthaltenes GestagenGeschätzte Fälle pro 10.000 Frauen und Anwendungsjahr
Zum Vergleich: Nichtschwangere, die keine Pille nehmen2
Levonorgestrel5 bis 7
Norgestimat5 bis 7
Norethisteron5 bis 7
Gestoden9 bis 12
Desogestrel9 bis 12
Drospirenon9 bis 12
Etonogestrel6 bis 12
Norelgestromin6 bis 12
ChlormadinonacetatNoch zu bestätigen/weitere Studien werden durchgeführt
DienogestNoch zu bestätigen/weitere Studien werden durchgeführt
NomegestrolacetatNoch zu bestätigen/weitere Studien werden durchgeführt

Sie machen die Pille Yasminelle mit dem Wirkstoff Drospirenon für ihre Krankheit verantwortlich. Was macht Sie so sicher, dass die Pille die Lungenembolie ausgelöst hat?

Ich hatte zum Zeitpunkt der Einnahme keine bekannten Risikofaktoren. Ich bin Nichtraucherin, nicht übergewichtig, sportlich und hatte keine vorhergehende Operation. Ich war auch davor 25 Jahre lang gesund, hatte nie Beschwerden oder Krankheiten. Ich habe also damals zu keiner Risikogruppe gehört.

Warum haben Sie sich zu der Klage entschlossen?

FAQ Risikoreiche PillenIch denke in kleinen Schritten: Die Aufmerksamkeit soll zunächst auf das Thema gelenkt werden. Irgendwann, so hoffe ich, ist der öffentliche Druck so groß, dass Bayer die Pille vom Markt nehmen muss. Und natürlich hoffe ich auch juristisch auf einen Erfolg. Ich wünsche mir ein Gerichtsurteil und damit Gerechtigkeit. Auch wenn dies nicht mehr das mildern kann, was mir oder anderen widerfahren ist.

Ein medizinischer Gutachter konnte vor Gericht die Ursache der Gesundheitsprobleme nicht eindeutig klären. Das zuständige Landgericht Waldshut-Tiengen in Baden-Württemberg hat eine Empfehlung abgegeben: Ein Vergleich oder eine außergerichtliche Einigung seien die beste Lösung, der Prozess könnte sonst noch Jahre dauern. Wie stehen Sie zu dem Vorschlag?

Mein Anwalt und ich verschließen uns diesem Vorschlag nicht. Der Anwalt von Bayer hat sich aber klar dagegen ausgesprochen, da er keine Grundlage dafür sieht. Was meiner Meinung nach natürlich lächerlich ist, denn gäbe es keine Grundlage für meine Forderungen, wäre meine Klage gar nicht angenommen worden. Es gäbe keinen noch immer laufenden Prozess und es wäre nicht jetzt schon zum zweiten mündlichen Verhandlungstag gekommen. Ende des Jahres wird das Gericht nun entscheiden, wie es weitergeht.


Anmerkung der Redaktion:

Der stern hat den Chemie- und Arzneimittelkonzern Bayer gebeten, zu den wesentlichen Aussagen des Interviews Stellung zu beziehen. Bayer hat schriftlich geantwortet und bestätigt, dass am 18. Oktober 2018 vor dem Landgericht Waldshut-Tiengen eine Verhandlung im Verfahren Rohrer gegen die Bayer Vital GmbH stattgefunden hat. In dem Verfahren gehe es um Schadenersatz- und Schmerzensgeldforderungen, schreibt das Unternehmen. "Grundlage ist die Behauptung der Klägerin, sie habe durch die Einnahme des kombinierten oralen Kontrazeptivums Yasminelle mit dem Gestagen Drospirenon eine Lungenembolie erlitten." Bayer verweist in der Stellungnahme auf das positive Nutzen-Risiko-Profil von oralen Kontrazeptiva wie Yasminelle bei bestimmungsgemäßer Einnahme. Man sei davon überzeugt, dass in der Produktinformation "angemessen über die Risiken von Yasminelle informiert wurde".

Weiter heißt es: "In der Verhandlung ging es um die Frage, ob die Lungenembolie durch die Einnahme von Yasminelle verursacht worden ist. Der vom Gericht bestellte Sachverständige hat dazu das von ihm erstellte Gutachten erläutert und ist dabei auch auf Fragen des Gerichts und der Parteien eingegangen. Eine abschließende Bewertung der Frage eines Ursachenzusammenhangs durch das Gericht unter Würdigung des Ergebnisses der Beweisaufnahme steht aus. Diese gilt es jetzt abzuwarten. Insofern bitten wir um Verständnis, dass wir der abschließenden Bewertung durch das Gericht nicht vorgreifen und uns zu den weiteren Schritten vorerst nicht äußern möchten.

Bayer hat großes Mitgefühl mit dem Schicksal von Frau Rohrer und mit Patienten, die unsere Produkte anwenden und von ernsten gesundheitlichen Beschwerden berichten - unabhängig von deren Ursachen."

US-Midterms 2018: In zehn Thesen: Was Donald Trump kann – und was nicht

Written By: Jens König - Nov• 07•18

Der Wahlkampf war heftig, die Wahlnacht spannend. Es gab viele enge Rennen - und vor allem den Wechsel der Mehrheit im Repräsentantenhaus. Dort haben jetzt die Demokraten das Sagen und könnten Donald Trump das Leben schwer machen. Wie sind die Aussichten für den US-Präsidenten für die kommenden zwei Jahre? Zehn schnelle Thesen dazu:

1. Donald Trump kann verlieren.

Das klingt banaler als es tatsächlich ist. "Ich liebe es zu gewinnen", sagt Trump oft – und genau darauf baut sein Mythos, ewig erfolgreich zu sein: als Immobilien-Tycoon, TV-Reality-Star und US-Präsident. Die Niederlage der Republikaner im Repräsentantenhaus ist Trumps Niederlage. Er hat die Midterm Elections zu einem Referendum über seine Person gemacht. "Tun Sie einfach so, als stünde ich auf dem Wahlzettel" hat er seinen Anhängern immer und immer wieder zugerufen. Damit ist sein Mythos, der ohnehin eine falsche Vorstellung war, endgültig zerstört. Etwas mehr als die Hälfte der Amerikaner will diesen Präsidenten nicht, nicht seine Politik, nicht seinen Hass, nicht sein aggressives Verhalten. Das wird vor allem die Demokraten weiter elektrisieren. Trump erstmals besiegt zu haben, ist der größte Motivationsschub für die Partei mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2020. Die Demokraten wissen jetzt: Wir können es 2020 auch schaffen. Sie wissen aber auch: Trump ist noch lange nicht besiegt.

2. Trump kann den Mund nicht halten.

Liveblog Midterm-Wahlen USA Trump 13.27Das war ja eine kleine Sensation an diesem Wahlabend. Sieben Stunden lang kein einziges Wort des Präsidenten auf Twitter. Mancher dachte schon, Trump denke noch darüber nach, wie er sein Verhalten und seinen Ton nach der Niederlage im Repräsentantenhaus mäßigen könnte. Dann doch der erste Tweet: "Gigantischer Erfolg heute Nacht. Danke an alle." Der Tweet bekam in den Stunden danach über 230.000 Likes. In diesem Sound ging es auch am Tag nach der Wahl weiter. "Großer Tag", "unglaublicher Tag", "historischer Sieg". Am Mittwoch auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus feierte Trump ausschließlich den Erfolg der Republikaner im Senat, wo sie ihren Vorsprung sogar noch auf ein paar Sitze ausbauen konnten. Das sei seit John F. Kennedy in den sechziger Jahren keinem amerikanischen Präsidenten mehr bei seinen ersten Zwischenwahlen gelungen. Obama habe bei seinen ersten Midterms sechs Sitze im Senat verloren. Und die Niederlage im Repräsentantenhaus? Welche Niederlage?

3. Trump kann Taktik.

Das war überraschend und infam bei seinem Auftritt im Weißen Haus: Ausgerechnet Trump rief das Land zu überparteilicher Zusammenarbeit auf. "Ich liebe Einigkeit", sagte er. Es sei an der Zeit für beide Parteien, sich zusammenzuschließen und die Parteilichkeit abzulegen. Warum? "Um das amerikanische Wirtschaftswunder aufrecht zu erhalten." Für das er, Trump, gesorgt habe, betonte er hinterher. "Amerika boomt wie nie zuvor." Der Präsident nannte die Themen, wo er sich eine Zusammenarbeit mit den Demokraten vorstellen kann: Infrastrukturvorhaben, Umweltprojekte, Senkung der Medikamentenpreise, die Mauer zu Mexiko.

Nach Midterms: Donald Trump Skandalliste 22.12h

4. Trump kann säuseln.

Um sein Angebot an die Demokraten zu untermauern, lobte er ausgerechnet die Demokratin Nancy Pelosi gleich mehrfach: Die mutmaßlich neue Sprecherin des Repräsentantenhauses sein eine "kluge Frau", sie habe den Posten "verdient", sie arbeite "schon lang und hart" für das Land. Er habe ihr in der Nacht zum Sieg gratuliert. Ausgerechnet Pelosi. Auf seinen Wahlkampfveranstaltungen hat Trump sie ausgiebig beschimpft. Sie ist die Lieblingsgegnerin der Republikaner. Trump will zeigen: An mir hat's nicht gelegen, wenn es mit der Zusammenarbeit nicht klappt.

5. Trump kann Drohung.

Und wie. Darin ist er eine Art Experte. Der Präsident machte unmissverständlich klar: Wenn die Demokraten gegen ihn ermitteln werden, die Russland-Ermittlungen weiter verschärfen, Untersuchungsausschüsse einsetzen, Zeugen vorladen, die Offenlegung seiner bislang verschlossenen Steuerunterlagen fordern, die Verquickung seiner wirtschaftlichen und politischen Interessen im Amt untersuchen ­– dann ist Schluss mit lustig. Und mit der Zusammenarbeit. Wenn sie das täten, so Trump, sei das eine "kriegsähnliche Haltung". "Sie können dieses Spiel spielen, aber wir können es besser."

Fünf Fragen an Andreas Petzold: Die US-Midterm-Wahlen 12.56

6. Trump kann Demagogie.

"Die Leute verstehen Steuererklärungen nicht", sagt Trump. Er tut so, als wäre das, was alle Präsidenten vor ihm getan – die Offenlegung ihrer finanziellen Verhältnisse, um ihre politische Unabhängigkeit zu demonstrieren – unnützer, lebensfremder Kram, mit dem nur Steuergelder verprasst würden. Er weiß, dass die Demokraten mit ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus darauf drängen werden. Sie haben sogar die Möglichkeit, ein Amtsenthebungsverfahren einzuleiten, wenn Trump schwere Vergehen nachzuweisen sind. (Auch wenn ein solches Impeachment-Verfahren kaum Erfolg haben wird. Dazu bräuchte es eine Zwei-Drittel-Mehrheit im republikanisch dominierten Senat.) Trump macht sich darüber schon lustig. Die Demokraten wollten ihn "impeachen", also stürzen – wegen nichts. Sie wollten seinen Vizepräsident stürzen – wegen nichts. Sie wollten den konservativen Obersten Richter Brad Kavanaugh stürzen ­– wegen nichts. Er sagt seinen Anhängern: Ich will Amerika wieder groß machen – und die Demokraten wollen mich daran hindern. Dieser politische Krieg wird zwei Jahre lang anhalten. Die Demokraten wollen deswegen Vorhaben in den Mittelpunkt rücken, die das Leben der Menschen unmittelbar verbessern: bessere Gesundheitsversorgung, Erleichterungen für Immigranten, mehr Wählerrechte.

7. Trump kann Größenwahn.

News Ticker 7.11. 9.24"Ich kann jeden feuern, sofort", sagte er im Weißen Haus. Er war gefragt worden, wie er jetzt mit den Russland-Untersuchungen des Sonderermittlers Robert Mueller umgehen wolle. "Ich könnte es sofort unterbinden", sagte er. "Aber ich werde es einfach weiterlaufen lassen. Obwohl es viel Steuergeld verschwendet." Mueller zu entlassen, könnte den Verdacht befeuern, er, Trump, habe doch etwas zu verbergen, was die Einmischung Putins in den Wahlkampf 2016 und Verbindungen seines Wahlkampfteams zu Russland betrifft. Aber dass er diese Untersuchungen hasst und fürchtet, demonstrierte Trump kurz nach seiner Pressekonferenz. Da wurde bekannt, dass Justizminister Jeff Sessions aufgibt, auf Wunsch Trumps, wie es hieß – und dass der zunächst amtierende Justizminister Matthew Whitacker die Aufsicht über die Russland-Ermittlungen des FBI übernimmt. Eine klare Kampfansage an Robert Mueller. Trump wird versuchen, dessen Ermittlungsmöglichkeiten stark zu begrenzen.

8. Trump kann nicht anders.

Er lebt von der Konfrontation, vom Hass, von der Spaltung des Landes. Er will nicht, dass die geteilte Macht in Washington zu irgendetwas Sinnvollem für dieses Land führt. Er kann sein Land nur immer weiter in den moralischen Abgrund treiben, anders kann er 2020 seine Präsidentschaft gar nicht verteidigen. Dafür braucht er nicht das ganze Land, sondern nur das halbe. Denn das haben die Kongresswahlen gezeigt: Das Land ist mehr denn je gespalten. Hier die Jungen, die Minderheiten, die Großstädter, die gebildeten Frauen – dort die weißen Männer, die einfachen Arbeiter, die Evangelikalen, das ländliche Amerika. Das ist Trumps politische Überlebensgarantie. Was Trump allerdings Sorgen machen muss: Mit den gut gebildeten weißen Frauen in den Vorstädten hat er eine verlässliche republikanische Wählerbasis offenbar dauerhaft verloren. Solche kleinen Verschiebungen können schon reichen, Trumps Wiederwahl 2020 zu gefährden.

9. Trump kann alles.

Wenn Donald Trump auf CNN-Mann Jim Acosta trifft 21.30hKlar, Größenwahn und Selbstlob sind Teil seines Geschäfts. "Ich bin ein großer moralischer Anführer", sagte Trump im Weißen Haus. Und lieferte sich im gleichen Atemzug selbst für seine Verhältnisse selten gesehene verbale Prügeleien mit den anwesenden Journalisten. Er fiel  ihnen ins Wort, kanzelte ihre Fragen als "rassistisch" oder "falsch" ab, zeigte mit dem Finger auf sie. Mit CNN-Reporter Jim Acosta zettelte er einen aggressiven Streit an. Acosta hatte eine Frage zu den Russland-Ermittlungen gestellt. "Sie sind eine furchtbare, unverschämte Person", rief Trump und forderte eine White House-Mitarbeiterin auf, ihm das Mikrofon zu entziehen. Acosta blieb hartnäckig. Trump keilte weiter. "Wenn Sie Fake News in die Welt setzen, was CNN tut, das sind Sie der  Feind des Volkes." Diese Aggressivität, dieser Hass, dieses Aufpeitschen werden die kommenden zwei Jahre prägen, mehr denn je. Trump kann nicht verlieren. Die Niederlage wird ihn darin bestärken: Jetzt erst recht.

10. Trump kann gewinnen.

Ja, Amerika hat ihm eine Niederlage zugefügt. Viele der gewählten Frauen, Jungen, Schwulen, Lesben, Muslime werden das Land auf lange Sicht verändern. Aber mit der Begrenzung seiner Macht wird Trump die kommenden zwei Jahre leben können. Sein Amt gibt ihm genug Spielraum. Für die Demokraten wird es bis 2020 ein schwerer Weg. Und noch ist niemand in Sicht, der die Autorität und Fähigkeit hat, die Partei erfolgreich in den nächsten Präsidentschaftswahlkampf zu führen. Trump kann 2020 gewinnen. Immer noch.

Trump lobt und droht den Demokraten 18.36

Midterms in den USA: Geheime Liste mit Skandalen: Nach Verlust der Kongressmehrheit droht Trump die Hölle

Written By: Marc Drewello - Nov• 07•18

Den US-Republikanern droht nach dem Verlust ihrer Mehrheit im Repräsentantenhaus die Hölle. Wie die genau aussehen könnte, steht auf einer Liste, die laut der US-Nachrichtenseite "Axios" in der Partei von Präsident Donald Trump kursierte. Über das Papier haben wir bereits im August berichtet. Es ist eine sorgfältige Aufstellung von Untersuchungsverfahren, deren Einleitung die Republikaner befürchteten, sollten die Demokraten die Mehrheit im Repräsentantenhaus erobern. Das ist nun geschehen und aus der Befürchtung der Grand Old Party könnte schon bald bittere Realität werden. Deshalb zeigen wir Ihnen hier noch einmal, worum es bei dieser Liste geht. 

In den meisten Fällen geht es um Korruption

Die Liste enthalte die Arten von Regeln, deren Einhaltung ein normal funktionierender Kongress überprüfen würde, berichtete das "New York Magazine". Sie beträfen Bereiche wie "Wahlsicherheit und Hackerangriffe", "Sicherheitsfreigaben für das Weiße Haus" und "Reaktion auf den Hurrikan in Puerto Rico". Bei den meisten Themen gehe es aber um Korruption.

Donald Trump die Firma 14.20Trump habe die Kontrolle über ein privates Geschäftsimperium behalten, sich geweigert Details darüber öffentlich zu machen und seine privaten und amtlichen Interessen miteinander verwoben, schrieb das Magazin. Und die republikanischen Kongressabgeordneten verweigerten jegliche Schritte, die Möglichkeiten für Korruption und Erpressung zu begrenzen. "Es ist ist für sie sogar zu viel verlangt, Trump zur Offenlegung seiner Steuererklärung zu zwingen, damit die Amerikaner sehen können, wer ihn möglicherweise besticht."

Republikaner konnten Donald Trump bislang schützen

"Axios" veröffentlichte einige der Themen, bei denen die Republikaner laut der Liste Untersuchungsverfahren befürchten:


Midterms: Was demokratisches Rep.-Haus für Trump bedeutetInsgesamt dokumentiere die Liste mehr als 100 formelle Anträge auf Anhörungen, die demokratische Abgeordnete bereits gestellt hätten, und die von den Republikanern größtenteils blockiert worden seien, berichtete "Axios". Darunter seien Anträge, Regierungsmitarbeiter vor Ausschüssen zu "grillen", Anträge auf Anhörungen, um eidesstattliche Zeugenaussagen zu erhalten, Bestrebungen, den Nachrichtenaustausch über umstrittene politische Vorhaben und Personalentscheidungen beschlagnahmen zu lassen und Androhungen von Vorladungen. Die Forderungen würden aus dem Weißen Haus einen Rund-um-die-Uhr-Verteidigungsbetrieb machen.

Mithilfe ihrer Kontrolle über den Kongress konnten die Republikaner die Abgeordneten mit ihren Ermittlungssanträgen bislang abblitzen lassen und öffentliche Untersuchungen der Fälle verhindern. Da sich nun aber das Mehrheitsverhältnis im Repräsentantenhaus geändert hat, kann die Grand Old Party die Demokraten nicht länger kaltstellen. Auf den Ermittlungsansturm, der sie womöglich erwartet, sei die Trump-Regierung nicht annähernd vorbereitet, schrieb "Axios" im August unter Berufung auf Anwälte mit engen Kontakten zum Weißen Haus. Und das sei in den Augen dieser Anwälte eine der größten Bedrohungen für die Präsidentschaft von Donald Trump.Fünf Fragen an Andreas Petzold: Die US-Midterm-Wahlen 12.56

Verfassungsschutzschef: Maaßen hat überhaupt nichts begriffen – sein Abgang ist unumgänglich

Written By: Thomas Krause - Nov• 05•18

Nun also doch nicht. Hans-Georg Maaßen wird seinen neuen Posten im Bundesinnenministerium wohl nicht antreten. Schuld daran ist eine Abschiedsrede, die Maaßen vor Kollegen europäischer Inlandsgeheimdienste gehalten und sie anschließend ins Intranet des Bundesamtes für Verfassungsschutz gestellt haben soll. Tenor: Linksradikale GroKo-Gegner innerhalb der SPD hätten ihn benutzt, um eine Koalitionskrise heraufzubeschwören. Weil er Kritiker einer naiven und linken Ausländer- und Sicherheitspolitik in Deutschland sei, wollte man ihn aus dem Amt drängen. So zumindest gibt die Deutsche Presse-Agentur den Inhalt der Rede wieder.

Maaßen 15.52Maaßen stellt sich hier als Opfer dar. Dabei war er es, der nach der tödlichen Messerattacke von Chemnitz diejenigen in Schutz nahm, die das Verbrechen für ihre politische Agenda instrumentalisiert haben. Rechtsextreme haben es in Chemnitz geschafft, dass auch "normale" Bürger den Schulterschluss mit ihnen übten. Dabei hat es auch Gewalt gegen Menschen gegeben, die anders aussahen. Maaßen jedoch hat angedeutet, dass ein Video mit entsprechenden Szenen von Linken inszeniert worden sein könnte - obwohl das Video mit hoher Wahrscheinlichkeit echt ist.

Hans-Georg Maaßen hat sich disqualifiziert

Ein Verfassungsschutzchef muss Extremisten an beiden Rändern des politischen Spektrums im Blick behalten. Wenn Maaßen aber angesichts rechter Ausschreitungen vor einer Verschwörung von Links warnt, dann verhält er sich wie ein Feuerwehr-Kommandant, der seinen Löschtrupp vom lodernden Brand weg dirigiert. Er disqualifiziert sich für seinen Beruf. Nichts anderes hat Maaßen in der Causa Chemnitz getan.

Maaßen hat rechten Verschwörungsgläubigen und Verfassungsfeinden den Rücken gestärkt. Wenn er tatsächlich in seiner Abschiedsrede Vorwürfe erneuert hat, er sei Opfer einer Verschwörung (!) von Linksradikalen (!!) in der SPD (!!!), dann heißt das

  1. Er hat nicht begriffen, warum er als Verfassungsschutzchef nicht länger tragbar ist und
  2. Maaßen hält offenbar SPD-Abgeordnete der aktuellen Regierungskoalition für linksradikal.

Als Beamter untragbar

Maaßens politischer Kompass scheint im Laufe der Jahre mächtig gelitten zu haben. Wer das Vertrauen in die eigene Regierung verloren hat, kann ihr nicht als Chef eines Bundesamtes dienen. Insofern wäre ein Ende von Maaßens Beamtenlaufbahn - auf welchem Wege auch immer - die ehrlichste Lösung. Um seine Zukunft muss Maaßen sich sicherlich keine Sorgen machen. Abgesehen von seinen Altersbezügen rollt die AfD einem wie ihm sicherlich liebend gern den roten Teppich aus. Wie man sich als rechter Märtyrer inszeniert, muss Maaßen nicht einmal mehr lernen.05-Maaßen wird vermutlich doch nicht Sonderbeauftragter-5857654409001

Grippe 2018: Vierfache Vorsorge: Warum 2018 ein anderer Impfstoff gegen die Grippe gespritzt wird

Written By: Frank Ochmann - Nov• 04•18

Es ist ruhig bislang. Nur 32 durch Laboruntersuchungen bestätigte Grippefälle wurden bundesweit im aktuellen, wöchentlich veröffentlichten Lagebericht der laufenden Saison verzeichnet. Die beginnt offiziell immer mit der 40. Kalenderwoche, auch wenn die Zahl der Influenza-Erkrankungen erfahrungsgemäß erst ein paar Wochen später deutlich über das niedrige Normalniveau ansteigt.

Zu den Instrumenten der bei uns mit der Influenza-Vorsorge beauftragten Behörden unter Federführung des Berliner Robert Koch Instituts (RKI) gehören landesweite Stichproben aus bestimmten, über das Land verteilten Arztpraxen, in denen Menschen mit akuten Atemwegserkrankungen vorstellig werden. Denn die "echte" Grippe ist vor allem ein fiebertreibender Angriff der Viren auf die Lunge. In keiner der Proben, die im Rahmen des Frühwarnsystems untersucht wurden, konnten jedoch schon Influenza-Erreger nachgewiesen werden.

Grippe oder Erkältung_07.40Die Grippe geht somit noch nicht um. Auch die Zahl der aus den Praxen gemeldeten akuten Atemwegserkrankungen liegt mit nicht einmal 100 pro Woche im unauffälligen Bereich. Alles gut also? Und warum dann trotzdem die Aufrufe zur Impfung, zumal die gegen die durchaus schon verbreiteten Erkältungskrankheiten mit Halsschmerzen, Schnupfen und Husten nicht hilft? Diese Malaisen gehen schließlich auf ganz andere Viren zurück als die Grippe.

Ähnlich ruhig wie jetzt war es auch vor einem Jahr, obwohl bereits in der 40. Kalenderwoche drei Proben positiv auf Influenza-B-Viren getestet worden waren. Ein deutliches Warnsignal, wie wir heute wissen, damals aber noch zu schwach, um gehört zu werden. Das hätte auch nicht viel geholfen, denn die Impfstoffe waren da schon in den Apotheken.

Grippesaison 2017/2018 forderte Hunderte Todesfälle

Um den Jahreswechsel folgte dann eine Grippewelle, so heftig, wie sie hierzulande lange nicht beobachtet worden war. Wegen Beschwerden, die auf eine Influenza zurückgingen, kam es in Deutschland zu geschätzt neun Millionen Arztbesuchen, zwei Millionen mehr als bei früheren schweren Epidemien. In etwa 45.000 Fällen führte der Gang zum Arzt direkt weiter ins Krankenhaus. Für 1287 Patienten endete eine auch im Labor bestätigte Grippe-Infektion tödlich. Die tatsächliche Zahl der Opfer aber, so schätzen etwa Experten der Ständigen Impfkommission des RKI, dürfte zehnfach höher sein, weil die meisten Fälle gar nicht zentral erfasst werden.

Hausmittel-Fotostrecke 11.47

Ungewöhnlich war auch die Länge der vergangenen Saison. Erst nach 15 Wochen - Anfang April - war diese Grippewelle abgeebbt. Und es kam eine Besonderheit dazu: Etwa 70 Prozent der in dieser Zeit nachgewiesenen Viren gehörten zum Influenza-Typ B, nicht zum Typ A, gegen den in der Saison normalerweise angekämpft wird. Influenza-A-Viren gelten wegen ihrer verglichen mit der B-Variante ausgeprägteren Wandlungsfähigkeit und der daraus resultierenden Vielzahl von Erreger-Stämmen als besonders gefährlich. Alle verheerenden Seuchenzüge, die wie die "Spanische Grippe"-Pandemie vor genau hundert Jahren Millionen Leben gekostet haben, gingen auf Erreger der Influenza-A zurück. In der vergangenen Saison jedoch dominierte plötzlich ein B-Virus-Stamm das Geschehen. Zwar war er bei Weitem nicht so rabiat wie das Virus 1918/19. Doch es traf eine unvorbereitete Bevölkerung. Die jährlich neu zusammengesetzten und bis zur Saison 2012/13 allein verfügbaren Impfstoffe mit drei Komponenten neben zwei A-Stämmen enthalten immer auch einen B-Stamm. Im vergangenen Jahr aber war das der falsche: ein Vertreter der Victoria- statt der Yamagata-Linie. Seit den 1970er Jahren gibt es diese beiden genetisch deutlich unterscheidbaren Familien der B-Viren, nachdem diese zuvor nur wenig Wandlungspotenzial gezeigt hatten und daher weitgehend homogen blieben.

Als sich dann im Herbst und Winter vergangenen Jahres ein Stamm der Yamagata-Linie verbreitete und die Grippe-Epidemie rasch dominierte, waren hierzulande selbst die meisten Geimpften schutzlos. Nur wer das Glück hatte, einen der da noch wenig genutzten und zudem teureren Vierfach-Impfstoffe zu bekommen, entwickelte in seinem Immunsystem auch den Schutzschild gegen Grippeviren der Yamagata-Linie. Sie in das Impfprogramm aufzunehmen, hatte die Weltgesundheitsorganisation zwar nach entsprechenden Entwicklungen auf der Südhalbkugel bereits empfohlen. Doch da die Massenproduktion der Impfstoffe in Hühnereiern Monate dauert und noch einmal Monate vergehen, bis alle Dosen ausgeliefert sind, konnten nicht in ausreichender Menge wirkungsvolle Präparate hergestellt werden.

Grippe 2018 - die Kassen zahlen die Kosten für den Vierfach-Impfstoff

ToT Honig gegen Husten 9.48Das ist in diesem Jahr anders. Der zunehmenden Gefahr durch Influenza-B-Viren wurde rechtzeitig dadurch begegnet, dass weltweit Vierfach-Impfstoffe mit beiden B-Linien empfohlen und nun auch in weitaus größeren Mengen als zuvor produziert wurden. In Deutschland riet die Ständige Impfkommission am RKI im November 2017 allgemein zu den Vierern. Dieser Haltung haben sich inzwischen auch die gesetzlichen Krankenkassen angeschlossen. Sie übernehmen ab der jetzt anlaufenden Saison erstmals die Kosten für den umfassenderen Schutz. Abhängig von der jeweiligen Kasse gilt das zumindest für die vom RKI ausgewiesenen Risikogruppen. Dies sind vor allem Menschen ab dem 60. Lebensjahr, Schwangere ab dem zweiten Trimester, Menschen mit einem "Grundleiden" wie Asthma oder anderen chronischen Erkrankungen sowie die Bewohner von Alten- und Pflegeheimen. Etliche Kassen übernehmen die Impfung aber auch für alle anderen.

Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, stellt Infektionsmediziner allerdings noch lange nicht zufrieden, nicht einmal die der eigenen Zunft. Zwar sind etwa zwei Drittel der Ärzte gegen Grippe geimpft. Beim Pflegepersonal und in therapeutischen Berufen jedoch ist es nur ein Drittel. Ähnlich dürftig ist die Quote bei den Älteren über 60. Auch von ihnen schützt sich nur etwa jeder Dritte gegen Influenza. Immerhin scheint die schwere Infektionswelle des vergangenen Winters bei manchem ein Umdenken befördert zu haben. Denn plötzlich war Influenza nicht nur eine theoretische Möglichkeit, sondern traf auch einen selbst, dazu Familienangehörige oder auch Arbeitskollegen.

So sind nach einer kürzlich veröffentlichten repräsentativen Onlinebefragung in diesem Jahr immerhin 43 Prozent der Gesamtbevölkerung bereit, sich impfen zu lassen. Bei den Menschen ab dem 60. Lebensjahr liegt die Quote sogar bei 58 Prozent. Allerdings werden erst die Statistiken des kommenden Jahres zeigen, was aus diesen guten Vorsätzen schließlich geworden ist - und auch, ob die Impfstoffe für die jetzt anlaufende Saison richtig gemixt wurden.

Unnützes Wissen Viren Grippe Erkältung 15.44


CDU-Spitze: Merz, Merkel und die Geschichte einer Beziehung, in der „der eitle Mann eine uneitle Frau unterschätzte“

Written By: Dieter Hoß - Nov• 02•18

Als Friedrich Merz in seiner Euphorie über eine große politische Karriere jäh gestoppt wurde, war der Euro gerade einmal ein Jahr alt. Er, Merz, der Fraktionsvorsitzende der Union, wähnte sich 2002 als Kanzlerkandidat, vielleicht hat er sich den Weg zum Schröder-Besieger sogar schon ausgemalt. Doch dann kam alles ganz anders. Merz wurde eines von vielen parteiinternen Opfern Angela Merkels. Nun will er auf die politische Bühne zurückkehren. Und das ist durchaus von Brisanz. Denn ihn und Merkel, sie verbindet schon eine besondere Geschichte.

Will der Sauerländer, der in wenigen Tagen 63 Jahre alt wird, nun alles nachholen, hat er all die Jahre ausgeharrt, auf seine Chance gewartet? Nach Informationen des "Spiegel" hat Merz einflussreiche Unterstützer in der CDU - allen voran Ex-Parteichef und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, der die Kandidatur vorangetrieben haben soll. Merkel wiederum soll laut dem Bericht der Nachrichtenmagazins frühzeitig über die Absichten Merz' informiert gewesen sein - und zwar angeblich noch ehe die Kanzlerin ihre Vertraute, die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer, über ihren Teilrückzug unterrichtet habe. 

Friedrich Merz - wieder Tandem mit Ex-Rivalin Merkel?

Schäuble Merz Spiegel_13.20UhrLiegt darin der eigentliche Grund für den vergleichsweise versöhnlichen Auftritt von Friedrich Merz am vergangenen Mittwoch in der Berliner Bundespressekonferenz? Und nicht darin, dass über die Rivalität früherer Jahre mit der Zeit Gras gewachsen ist? "Zu versöhnen gibt es zwischen Angela Merkel und mir nichts", behauptete Merz. Außerdem: "Angela Merkel verdient wirklich großen Respekt und Anerkennung für ihre Leistungen in den vergangenen 18 Jahren." Eine Äußerung Merkels zu den Ambitionen ihres früheren Widersachers ist nicht bekannt.

Mit Merz als CDU-Chef und Merkel als Kanzlerin würde sich für beide sozusagen ein Kreis schließen. Auch im Jahr 2000 befanden sich beide an maßgeblicher Position in der CDU, und auch damals spielte Wolfgang Schäuble eine entscheidende Rolle. Der war damals als Folge der Parteispendenaffäre vom Partei- und Fraktionvorsitz zurückgetreten. Angela Merkel wurde daraufhin Parteichefin, Friedrich Merz übernahm den Fraktionsvorsitz und war somit Oppositionsführer im Bundestag.

Merz soll sich für CDU-Vorsitz interessen - Netz kommentiert 15.20

"Angela - was machst du dann?"

Für die Bundestagswahl 2002 meldeten beide Ambitionen für die Kanzlerkandidatur an. Die Union favorisierte jedoch den damaligen CSU-Chef Edmund Stoiber. Im berühmt gewordenen "Wolfratshauser Frühstück" übermittelte Merkel Stoiber in dessen Zuhause ihren Verzicht zugunsten der Kandidatur des Bayern. Was damals noch nicht absehbar war: Merkels Entscheidung diente ihrem Machterhalt als Vorsitzende, sicherte ihr den Zugriff auf den Fraktionsvorsitz und damit mittelfristig auf eine eigene Kanzlerkandidatur.

Stoibers Wahlkampfberater Michael Spreng berichtete Jahre später, was sich vor der Wahl 2002, die der CSU-Chef knapp gegen Gerhard Schröder verlor, in der CDU abspielte - und zwar vor allem zwischen Merkel und Merz. Dieser stellte sich nach seiner Wahl als neuer Fraktionsführer damals auch bei Stoiber vor. In bester Stimmung soll Merz von seinem Besuch beim CSU-Chef zurückgekehrt sein. "Stoiber will nicht Kanzlerkandidat werden", soll Merz damals gesagt haben. Und in seiner Euphorie gleich weiter: Dann werde er das selbst übernehmen. "Aber Angela - was machst du dann?", soll Merz gefragt haben. "Mach Dir da mal keine Sorgen", habe Merkel, so berichtete es Spreng, gesagt.

Ausgebootet durch Merkels Absprache mit Stoiber

Wiesendahl-Interview zu Merkel 1855Merz machte sich offenbar tatsächlich keine Sorgen. Kanzlerkandidat wurde aber Stoiber - auch dank des Verzichts von Merkel. Nach dessen Niederlage beanspruchte Merkel als Partei-Vorsitzende auch den Fraktionsvorsitz. Merz wehrte sich, auf der entscheidenden Präsidiumssitzung der Union gab Stoibers Votum den Ausschlag - zugunsten von Merkel.

Friedrich Merz wurde zum Fraktions-Vize degradiert, verlor damit auch den Status als Oppositionsführer und musste mit ansehen, wie Angela Merkel zur Kanzlerin aufstieg. Mit seinem Konzept einer "Steuererklärung auf dem Bierdeckel" und der Betonung der "deutschen Leitkultur" ist der Wirtschaftsexperte in politischer Hinsicht in Erinnerung geblieben. 2004 verabschiedete er sich vom Amt des Fraktions-Vize, 2009 dann ganz aus dem Bundestag, um sich beruflichen Plänen zu widmen.

Ende der "Polit-Pause"

Im Sommer 2009 sprach Friedrich Merz von einer "Polit-Pause". Diese ist nun offenbar beendet. Um nachzuholen, was ihm Merkel vor 16 Jahren verbaute? Für eine zweite Runde im Tandem Merz/Merkel - diesmal mit dem besseren Ende für den erfolgreichen Wirtschaftsmanager? Oder gibt es ein zweites Kapitel in der, wie Michael Spreng es beschrieb, "exemplarischen Geschichte eines talentierten, aber überheblichen und eitlen Mannes, der eine listige, zielstrebige und uneitle Frau unterschätzte." Die kommenden Wochen werden es zeigen.

Jens Spahns neues Werbevideo ist wenig gehaltvoll - die Reaktionen darauf haben

Dieter Haller: Deutscher Ex-Botschafter in Saudi-Arabien wechselt zu einer PR-Agentur der Saudis

Written By: Hans-Martin Tillack - Okt• 30•18

Der ehemalige deutsche Botschafter in Saudi-Arabien, Dieter Haller, arbeitet ab November für eine Berliner PR- und Lobbyagentur, die einen Vertrag mit der Regierung von Saudi-Arabien unterhält. Das berichtet der stern in seiner diese Woche bereits am Mittwoch erscheinenden Ausgabe. Die saudische Botschaft in Berlin bestätigte jetzt auf Anfrage des stern, dass die Agentur WMP Eurocom für das Informationsministerium in Riad tätig sei. WMP Eurocom hatte Mitte Oktober verbreiten lassen, dass Haller für sie als Senior Advisor arbeiten werde. Fragen nach Saudi-Arabien als möglichem Auftraggeber der Agentur ließ die Firma aber bisher unbeantwortet. Dem stern und dem ARD-Magazin "Report München" liegt eine Mail von Mitte September vor, in der ein WMP-Mitarbeiter das Vertragsverhältnis ebenfalls bestätigt: "Wir arbeiten im Auftrag des saudischen Informationsministeriums." Die saudische Botschaft teilte jetzt ihrerseits mit, dass Haller die Botschaft über seine künftige Tätigkeit für WMP informiert habe.

Haller hatte seinen Dienst als Botschafter in Saudi-Arabien im Sommer vorzeitig quittiert. Ihm wird eine wohlwollende Sicht auf Reformbemühungen des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman zugeschrieben. Der Kronprinz steht gegenwärtig weltweit in der Kritik, sowohl wegen der möglichen Rolle von Mitarbeitern bei der Tötung des Journalisten Jamal Khashoggi wie auch wegen seiner Verantwortung als Verteidigungsminister für die Beteiligung am Krieg im Jemen.

Grüne kritisieren Vorgang als nur "schwer erträglich"

Fregatten für Saudi-Arabien_11.00Offenbar hatte der ehemalige Botschafter Haller dem Auswärtigen Amt gegenüber versichert, dass er bei WMP nicht zum Thema Saudi-Arabien tätig werde. Es werde keine Verquickung mit seiner früheren Funktion geben. Laut Bundesbeamtengesetz müssen Ruheständler der Regierung eine neue Tätigkeit anzeigen, wenn diese "mit ihrer dienstlichen Tätigkeit in den letzten fünf Jahren" vor Dienstende "im Zusammenhang steht" und durch sie "dienstliche Interessen beeinträchtigt werden können". Der bisherige Arbeitgeber kann den Wechsel untersagen. Eine Ausnahme gilt, wenn der Ruhestandsbeamte auf seine Pensionsansprüche verzichtet hat. Auf Anfrage bestätigte WMP, dass Haller die hier geltenden gesetzlichen Regelungen "befolgt" habe.

Das Außenministerium wollte Fragen zu dem Fall nicht beantworten. Der Obmann der Grünen im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages, Omid Nouripour, kritisierte den Vorgang als nur "schwer erträglich". Entweder habe Haller das Ministerium "nicht ausreichend über die Verquickung seines neuen Jobs mit dem alten informiert", sagte Nouripour dem stern: "Oder dem Auswärtigen Amt war diese Verquickung schlicht egal." Im ersten Fall müsste nach Nouripours Ansicht die Erlaubnis zurückgezogen werden. Im zweiten Fall, so die Meinung von Nouripour, habe das Außenministerium "seine eigenen Regeln verletzt".

Lesen Sie mehr über den Fall im aktuellen stern, der an diesem Mittwoch erscheint.

Merkel für Stopp von Waffenlieferungen an Saudi-Arabien

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