CSU-Parteitag: „Mein Werk ist getan“: Seehofer übergibt an Söder – während die Macht der CSU zerrinnt

Written By: Tilman Gerwien - Jan• 19•19

Um kurz vor 11 Uhr ist alles vorbei. "Es war eine große Zeit", sagt Horst Seehofer. "Mein Werk ist getan." Applaus brandet auf in der kleinen Olympiahalle zu München, die rund 900 Delegierten erheben sich. Und oben auf der Bühne macht Horst Seehofer eine tiefe Verbeugung vor seiner Partei, die er zehn Jahre geführt hat, in lichte Höhen und auch ganz nah an tiefe Abgründe, eine Partei, die auch sein Leben ist. Reglos steht Seehofer dort oben, statuengleich, fast schon ein Denkmal seiner selbst.

Ein Zeitalter wird besichtigt, zum letzten Mal. Und alle spüren es. Hinten hält einer ein Schild hoch: "Danke Horst!" Kann es sein, dass die Augen des Horst Seehofer sich jetzt mit Wasser füllen? Ein bisschen sieht es so aus, ganz genau ist es nicht zu erkennen.

Interview zu Seehofer_12.15UhrDie CSU hält sich nicht allzu lange mit der Vergangenheit auf

Die CSU ist eine merkwürdige, eine einzigartige Partei. Sie ist zu Momenten größter Sentimentalität fähig – und kann dann, Minuten später wechseln in den Modus staubtrockenen Machtbewusstseins. So macht sie es auch heute.

Nach Seehofers Abgang tragen dralle Frauen im Dirndl für die Parteiprominenz in den ersten Reihen Weißwürste, Brezeln, Leberkäse und Käsespätzle auf. Es wird kräftig zugelangt, so mancher lässt sich ein großes Weißbier an seinen Platz bringen. In aller Seelenruhe zutzelt auch Horst Seehofer an seiner Weißwurst herum, während sein Nachfolger, der ewige Rivale Markus Söder, in seiner Bewerbungsrede um den Parteivorsitz um Aufmerksamkeit und ein gutes Ergebnis kämpft.

Auf fast schon rührende Weise will die CSU an diesem Tag sie selbst bleiben, aber sich auch neu erfinden. Gibt es ein spannenderes, aufregenderes Experiment in der deutschen Parteienlandschaft?

In der Olympiahalle von München hält sich die Partei nicht allzu lange mit der Vergangenheit auf. Seehofer wird, nach warmem, aber nicht zu allzu langem Applaus, in den Ehrenvorsitz verabschiedet und erhält noch ein maßstabgetreues Modell der Münchner CSU-Zentrale für seine heimische Modelleisenbahn als Abschiedsgeschenk.

Markus Söder weiß, dass die Macht der CSU zerrinnt

Dann erklärt sich die Partei kurzerhand zur Zukunftswerkstatt. Markus Söder übernimmt den CSU-Vorsitz, gewählt mit gut 87 Prozent, was kein richtig schlechtes, aber auch kein richtig gutes Ergebnis ist und daher von Politikern auch gern als "ehrlich" bezeichnet wird.

Toni Garrn und Gerd Müller Interview Norbert 14.23Söder ist, wie die ganze CSU, ein Phänomen. Einst als bulliger, rechtskonservativer Haudrauf geradezu prototypischer Vertreter der ganz alten CSU-Schule, schlägt er nun nachdenkliche Töne an. Und das Erstaunlichste dabei: Er macht das gar nicht mal so schlecht. "Wir müssen den Charakter der Volkspartei neu erfinden", ruft er in die Halle. Er predigt "nachhaltiges Wachstum", beschwört eine CSU, die auch für Migranten "einladend, nicht ausgrenzend" sein soll, er teilt heftig aus gegen die AfD, die "auf dem Weg in die Unsittlichkeit" sei. Klar, es gibt auch die üblichen rhetorischen Keile für die Grünen und deren angebliche "Doppelmoral" und natürlich beschwört Söder die gute alte "Leberkäsetage" denn, so Söder: "Die CSU war nie die Partei der Prosecco-Trinker!".

Söder ist ein Machttier – aber eben auch: ein sehr kluges Machttier. Sein Instinkt ist hoch entwickelt – er spürt, dass die Macht der CSU zerrinnt, dass diese Partei anders werden muss: nachdenklicher, emphatischer, dialogbereiter. Zum Schluss seiner Rede nochmal großes Gefühl. Söder erzählt, wie er 1983 als junger Kerl in die CSU eintrat, schwer beeindruckt von einer Rede von Franz Josef Strauß auf dem Nürnberger Hauptmarkt. Er hält oben auf der Bühne seinen Mitgliedsausweis in die Höhe: "Meine Mitgliedsnummer ist 324761. Ich habe diesen Ausweis all die Jahre immer bei mit getragen. Er war mir eine Ehre."

Nicht nur die CSU, auch Markus Söder, will sich ganz neu erfinden. Welch’ ein Abenteuer.

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Rudy Giuliani zur Russland-Affäre: Moderator kann es kaum glauben: Trump-Anwalt behauptet, „habe nie gesagt, dass es keine geheimen Absprachen gab“

Written By: Marc Drewello - Jan• 17•19

Der Anwalt von Donald Trump und ehemalige Bürgermeister von New York, Rudy Giuliani, will geheime Absprachen zwischen dem Wahlkampfteam des US-Präsidenten und Russland nie ausgeschlossen haben. "Ich habe nie gesagt, dass es keine Absprachen zwischen der Kampagne oder Leuten in der Kampagne [und Russland] gab", behauptete Giuliani am Mittwoch im US-Nachrichtensender CNN. Er habe lediglich gesagt, dass Trump selbst nicht involviert gewesen sei. Und auch der Präsident selber habe nicht behauptet, niemand aus seinem Wahlkampfteam habe sich heimlich mit den Russen abgesprochen, sondern nur dass er selbst dies nicht getan habe.

Donald Trump schrieb Dutzende Male: "keine Absprachen"

CNN-Moderator Chris Cuomo war sichtlich verblüfft, schien kaum glauben zu können, was Guiliani da in dem hitzigen Interview gesagt hatte und widersprach diesem vehement: Sowohl der Anwalt als auch Trump hätten jegliche geheimen Absprachen mit den Russen dementiert, sagte Cuomo.

Tatsächlich hat Trump Dutzende Male via Twitter behauptet, es habe "keine geheimen Absprachen" gegeben und die Vorwürfe als einen "totalen Schwindel" und eine "Hexenjagd" bezeichnet:Donald Trump no collusion 1

"[...] Die Trump-Kampagne hat nichts Falsches getan. Keine geheimen Absprachen!"

Donald Trump no collusion 2

"Russische Absprache mit der Trump-Kampagne, einer der erfolgreichsten in der Geschichte, ist ein TOTALER SCHWINDEL. [...] Hexenjagd. Schändlich!" 

Donald Trump no collusion 3

"Demokraten können keinen schlagenden Beweis finden, der die Trump-Kampagne mit Russland verbindet [...]. Kein schlagender Beweis ... Keine Absprachen." @FoxNews Das liegt daran, dass es KEINE ABSPRACHEN gab."

Und im Dezember 2017 sagte Trump zu Reportern vor dem Weißen Haus, dass es "absolut keine geheimen Absprachen gab, das ist bewiesen worden".

Auch Guiliani selbst hatte diese Position bislang vertreten. Noch vergangenen Juli war er von Fox-News-Redakteur Guy Benson gefragt worden: "Unabhängig davon, ob geheime Absprachen ein Verbrechen wären, ist es immer noch Ihre Position und die Ihres Mandanten, dass es keine geheimen Absprachen irgendwelcher Art mit den Russen im Namen der Trump-Kampagne gab?"

"Korrekt", antwortete Giuliani damals.

Nach dem Interview brach auf Twitter ein Sturm los, wie die "Washington Post" berichtet. "Hat Giuliani gerade zugegeben, dass Trumps Kampagne geheime Absprachen getroffen hat? [...] War dies ein weiterer Versuch der Trump-Administration, ihre Absprachen-Dementis abzuschwächen?"Unfreiwillig und unfähig: Giuliani wettert gegen Trump auf Twitter 16.51

Einige Twitter-Kommentatoren beschuldigten den Anwalt dem Bericht zufolge, wieder einmal "Torpfosten-Verschiebung" zu betreiben, beschrieben vom "Washington Post"-Journalisten Aaron Blake als "ständige Verwässerung früherer Dementis und Anhebung des Standards für das, was ein tatsächliches Fehlverhalten darstellen würde".

Guiliani hatte früher bereits wiederholt erklärt, geheime Absprachen seien kein Verbrechen.

CNN-Moderator Don Lemon kommentierte die Aussagen des früheren New Yorker Bürgermeisters in seiner direkt an das Interview anschließenden Sendung mit den Worten:

"Mann, Rudy Giuliani hat sich heute Abend selbst über-Giulianied."

Quellen: "Washington Post", CNN, "The Hill"

Für Trumps Anwalt ist Wahrheit nicht Wahrheit_8.40

Erste Rede im Repräsentantenhaus: Jüngste Kongressabgeordnete Ocasio-Cortez zerpflückt Trump wegen „Shutdown“

Written By: Marc Drewello - Jan• 17•19

"Trump weiß nicht, wie er mit einem Mädchen aus der Bronx fertig wird", hatte Alexandria Ocasio-Cortez im Juni letzen Jahres in der Late-Night-Show von Stephen Colbert behauptet. Jetzt hat die jüngste Kongressabgeordnete in der Geschichte der USA dem Präsidenten erstmals vom Rednerpult des Repräsentantenhauses aus gezeigt, was hinter ihrer Kampfansage steckt: In ihrer ersten Ansprache als Abgeordnete der Parlamentskammer las die Demokratin Donald Trump wegen des mittlerweile fast vier Wochen dauernden "Shutdowns" kräftig die Leviten:.

Ocasio-Cortez beklagt Erosion der US-Demokratie

Die Wahrheit sei, dass es bei dem Haushaltsstreit zwischen dem Präsidenten und der demokratischen Partei, aufgrund dessen 800.000 Bundesbedienstete entweder unentgeltlich arbeiten müssen oder in unbezahlten Zwangsurlaub geschickt wurden, nicht um eine Mauer an der Grenze zu Mexiko gehe und ganz sicher nicht um das Wohlergehen der Durchschnittsamerikaner, sagte Ocasio-Cortez. "Die Wahrheit ist, dass es bei diesem 'Shutdown' um die Erosion der amerikanischen Demokratie und die Unterwanderung unserer grundlegendsten staatlichen Normen geht."

Die besondere Geschichte der jüngsten US-Abgeordneten aller Zeiten 13.28Es sei nicht normal, die Gehaltsschecks von 800.000 Arbeitern als Druckmittel zu benutzen, erklärte die 29-Jährige. "Es ist nicht normal, die Regierung zu schließen, wenn wir nicht bekommen, was wir wollen. [...] Und es ist sicherlich nicht normal, die Menschen, denen wir dienen, hungern zu lassen, wegen eines Vorhabens, das beim amerikanischen Volk extrem unbeliebt ist."

Ocasio-Cortez erzählte, sie habe vor ihrer Rede mit einem ihrer Wähler telefoniert, der als leitender Fluglotse am John-F.-Kennedy-Airport in New York beschäftigt sei. Seine Arbeit sei extrem stressig und erfordere höchste Konzentration, weil die Leben von tausenden Menschen davon abhingen. Der Mann habe zwei Kinder und eine Hypothek abzubezahlen. Wie andere Fluglotsen im Land habe er in der vergangenen Woche wegen der Haushaltssperre kein Gehalt bekommen. "Es ist erschreckend, wenn man daran denkt, dass beinahe jeder einzelne Fluglotse in den Vereinigten Staaten derzeit bei der Arbeit abgelenkt ist, weil er nicht weiß, wann sein nächster Gehaltsscheck kommt", warnte Ocasio-Cortez.

10 Fakten zum „Shutdown“: Was bedeutet eigentlich ein Regierungsstillstand?

"Donald Trump trägt eine Verantwortung gegenüber meinem Wähler"

Jedes einzelne Mitglied des Kongresses trage eine Verantwortung gegenüber der Nation und gegenüber jedem US-Bürger, unabhängig davon, ob dieser für einen gestimmt habe oder nicht, erklärte die Abgeordnete. "Und auch dieser Präsident hat diese Verantwortung, das bedeutet, er trägt eine Verantwortung gegenüber meinem Wähler."17-Pelosi erhöht Druck auf Trump-5990438642001

"Präsident Trump hat eine Verantwortung für alle Fluglotsen, Inspektoren der Lebensmittelüberwachungsbehörde und Mitarbeiter der Transportsicherheitsbehörde", schloss Ocasio-Cortez ihre Redepremiere im Repräsentantenhaus ab. "Und er hat die Verantwortung, das grundlegende Funktionieren der Regierung der Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten."Shutdown Donald Trump Jobs_17.00

„Herzenswunsch-Krankenwagen“: Malteser erfüllen letzten Wunsch von todkranken Menschen – auch wenn’s ein BVB-Spiel ist

Written By: Susanne Baller - Jan• 16•19

Manchmal können weder die eigenen Kinder noch Freunde oder andere Verwandte helfen, den letzten Wunsch einer Person zu erfüllen. Zum Beispiel dann, wenn ihnen die Mittel fehlen, die dafür benötigt werden. Bei todkranken Menschen ist das neben einer soliden Ausrüstung auch die Erfahrung, was zu tun ist, wenn es plötzlich lebensbedrohlich ernst wird. In Gütersloh soll es nun trotzdem möglich werden, dass ein letzter Wunsch erfüllt wird. Wie "Die Glocke" berichtet, wollen die örtlichen Malteser ihren Dienst für solche Zwecke ehrenamtlich zur Verfügung stellen. Mit dem "Herzenswunsch-Krankenwagen", der mit einem Rettungssanitäter und einem Rettungshelfer besetzt wird, soll es für die Helfer nach Ostern losgehen.

Derzeit fehlt noch die Einrichtung für den Rettungswagen, der bislang als Ersatzwagen bei den örtlichen Maltesern eingesetzt worden ist. Für "die letzte Reise" fehlen noch eine Trage sowie Defibrillator, Sauerstoffgerät und medizinischer Materialien. Dafür werden 12.000 Euro aus Spenden eingesetzt. Das Angebot gilt für Menschen, die im Liegen oder mit dem Rollstuhl transportiert werden müssen und deren Lebenserwartung weniger als sechs Monate beträgt. Auch die Reisen werden durch Spenden finanziert und von den Ehrenamtlichen ermöglicht.

Der Einsatz erfordert besondere Voraussetzungen

Nicht jeder Malteser eignet sich für den Einsatz im "Herzenswunsch-Krankenwagen". Während intensivmedizinische Betreuung weniger gefordert wird als bei den sonstigen Einsätzen, kann es hier durchaus passieren, dass die beförderte Person bei der Erfüllung ihres Wunsches verstirbt. Nicht jeder Patient möchte dann aktiv ins Leben zurückgeholt werden und das ist für die Ehrenamtliches des Hilfsdienstes eine ungewohnte Belastung. "Die Glocke" zitiert den Stadtbeauftragten der Malteser, Thorsten Heß, dass dies nicht immer leicht auszuhalten sei.

Für die Herzenswünsche stehen die Ehrenamtlichen etwa zweimal im Monat zur Verfügung, wie hoch der Bedarf sein wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Doch die Menschen vom Hilfsdienst sind sich sicher, dass es gut angenommen werden wird.

Quelle:"Die Glocke"

Fotograf nimmt kranke Kinder als Superhelden auf_14.40

Fitness: Mythos Beckenboden: Für was wir ihn brauchen – und wie wir ihn stärken

Written By: Burkhard Maria Zimmermann - Jan• 16•19

Klar, am Beckenboden allein wird’s nicht gelegen haben, aber auch. Als Deutschland im Jahr 2014 Fußballweltmeister wurde, da sprachen plötzlich alle vom Core Training, das Fitnesstrainer Mark Verstegen einige Jahre zuvor bei der Nationalelf eingeführt hatte. Denn es schien tatsächlich etwas zu bringen. Der Name leitet sich ab vom englischen "core", zu Deutsch "Kern". Es geht um das Training der Körpermitte, also der Schulter- Rücken- und Bauchmuskulatur – und des Beckenbodens, der den Bauchraum von unten stützt. Das Core Training stärkt und harmonisiert Muskelgruppen, die sich durch den ganzen Körper ziehen, dadurch bewegen Sportler sich effizienter und kraftvoller. Frauen sind mit dem Beckenbodentraining oft vertraut, sei es vom Yoga, vom Pilates oder von der Rückbildungsgymnastik nach einer Schwangerschaft. Seit der Ankunft des Core Trainings im Fußball fragen sich auch viele Männer, wie sie vom Training dieser Region profitieren können.

Hirschhausen TeaserDie Bezeichnung als "Boden" klingt recht statisch, in Wirklichkeit ist der Beckenboden ein kraftvolles, dabei dynamisches Geflecht aus Muskelplatten, das rundum am Becken befestigt ist. Dort trägt es das Gewicht der Organe des Bauchraums und unterstützt den Verschluss von Blase und After. Gert Naumann ist Chefarzt der Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Helios Klinikum in Erfurt, und wenn er vom weiblichen Beckenboden spricht, dann ist ihm das professionelle Staunen deutlich anzumerken. "Unser Beckenboden stammt aus einer Zeit, als unsere Vorfahren auf allen vieren gingen und einen Schwanz hatten, mit dem sie greifen und ihr Gleichgewicht balancieren konnten", sagt er. "Für den aufrechten Gang war er gar nicht angelegt, und schon gar nicht dafür, 4000 Gramm schwere Babys zu gebären." 

Aber der Beckenboden hat sich gut angepasst: Er hat die Kraft entwickelt, das Gewicht des Bauchinhalts zu halten, und auch nach einer Schwangerschaft wird er schnell wieder stabil. "Einige Muskeln im Beckenboden dehnen sich während einer Entbindung auf das zweieinhalbfache ihrer ursprünglichen Größe", sagt Naumann. "Vieles davon bildet sich zurück, aber im Alter kann es zu Beschwerden kommen." Die Gebärmutter ist durch Bänder aus Bindegewebe im Bauchraum befestigt, sie können bei einer Schwangerschaft beschädigt werden, sodass die Gebärmutter sich absenkt. "In einer Operation heben wir sie mit Bändern aus Kunststoff oder körpereigenem Bindegewebe wieder an", sagt Naumann. "Ein starker Beckenboden kann die Gebärmutter zusätzlich stabilisieren." Mit zunehmendem Alter ermüdet mitunter der Schließmuskel unter der Blase, dann hilft eine starke Muskulatur aus der Umgebung, die Blase zu schließen und den Harn zu halten.

Ist Beckenbodentraining nur etwas für Frauen in der zweiten Lebenshälfte?

Auf keinen Fall, findet Naumann: "In Skandinavien lernen Mädchen schon in der Schule, was ein Beckenboden ist. Wenn eine Frau schon früh den Beckenboden trainiert, fällt ihr die Rückbildung nach einer Schwangerschaft viel leichter. Es trägt auch zur Freude am Sex bei, in jedem Alter, denn mit den Muskeln ihrer Umgebung kann die Scheide den Penis fester umschließen. Beim Orgasmus ziehen sich diese Muskelplatten zusammen, darum fühlt sich ein Orgasmus mit einem trainierten Beckenboden oft intensiver und schöner an."

Die Freude am Sex macht das Training des Beckenbodens auch für Männer interessant. Auch ihr Beckenboden spannt sich beim Orgasmus an, und sie empfinden ihn stärker, wenn er trainiert und gut durchblutet ist. Männer haben zwei Muskeln,  die für die Sexualfunktion besonders wichtig sind, den Musculus ischiocavernosus und den Musculus bulbospongiosus – sie tragen viel zur Festigkeit einer Erektion bei. "Etwa ein Drittel des Penis liegen innerhalb des Körpers, damit er stabil verankert ist", sagt Frank Sommer, er ist Urologe und Professor für Männergesundheit am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf in Hamburg. "Die beiden Muskeln umschließen das hintere Ende des Penis und drücken ihn bei der Erektion fest zu, sodass sich das Blut im Penis staut und er härter wird."

Beckenbodentraining - Step für Step

Bei vielen Männern lässt mit zunehmendem Alter die Erektion nach. Kann ein Beckenbodentraining sie zurückgewinnen? "Eine Erektionsstörung hängt auch vom Zustand der Muskelzellen, Nerven und Blutgefäße im Penis ab", sagt Sommer. "Wenn die in Ordnung sind oder mitbehandelt werden, bringt ein Beckenbodentraining bei vielen Männern die Steifigkeit zurück." Männer können grundsätzlich ihren Harn gut zurückhalten, denn die Prostata liegt wie eine zusätzliche Barriere unter der Blase. Manchmal muss die Prostata wegen eines Tumors entfernt werden oder sie wird wegen einer Vergrößerung ausgehöhlt, dann kann es zu einer Beschädigung des Blasenschließmuskels kommen. In beiden Fällen wird es schwierig, den Harn zu kontrollieren – dann kann eine kräftige Muskulatur im Becken helfen, den Urin zu halten. Aber auch eine gesunde Blase profitiert vom Training des Beckenbodens. "Man lernt nicht nur, den Beckenboden anzuspannen, sondern auch, ihn zu lockern", sagt Sommer. "Man pinkelt einfach entspannter."

Was passiert beim Beckenbodentraining?

Am Anfang stehen oft einfache Übungen zur Anspannung der Muskeln, später werden sie verbunden mit Bewegungen des ganzen Körpers, die durch Druck oder Zug aus verschiedenen Richtungen auf das Becken einwirken. Viele wirken gleich vertraut, denn sie ähneln der Brücke aus dem Yoga, den Sit-ups aus dem Fitnesstraining oder Dehnübungen aus dem Stretching.

Aber wo liegt der Beckenboden genau? Natürlich unten im Becken, wo sonst. Aber wie spannt man ihn an? Pragmatische Yogalehrer sagen in ihren Kursen gern: "Macht einfach alle Löcher zu", das klappt auch, aber besonders präzise ist diese Angabe nicht. "Das ist ein guter Anfang, dann weiß man schon mal, wo der Beckenboden ist", sagt Christiane Rothe, Referentin für Gynäkologie, Urologie und Proktologie im Deutschen Verband für Physiotherapie. Sie arbeitet seit zwanzig Jahren ausschließlich mit Beckenbodenpatienten. "Als nächstes geht es darum, einzelne Bereiche anzusprechen: Ein Mann übt, die Peniswurzel nach oben zu ziehen, eine Frau hebt die Scheide an oder zieht sie etwas enger." Oft hilft es, dabei mit zwei Fingern sanft auf den Damm zu drücken, dann spürt man recht deutlich, wie die Muskeln sich dort bewegen. Was ist von rundlichen Gerätschaften zu halten, die in der Scheide von der Beckenbodenmuskulatur gehalten werden? "Die sind eher ungünstig, denn sie sind oft zu glatt", sagt Rothe. "Dadurch geben sie der Scheide wenig haptische Informationen, die sie braucht, um den Widerstand zu spüren und zu halten. Sie sind auch manchmal zu schwer, dadurch muss der Beckenboden plötzlich stark arbeiten, das kann die Muskeln überfordern."

Wer das Beckenbodentraining mit System erlernen will, findet bei vielen Volkshochschulen passende Kurse. Ist das Core Training auch für Breitensportler nützlich? "Ja, denn die Muskeln von Beckenboden, Bauch und Rücken haben für die Statik eine große Bedeutung", sagt Rothe. "Wenn Rückenschmerzen von einer instabilen Wirbelsäule herrühren, dann kann es helfen, diese Muskelgruppen zu stärken. Die Beckenbodenmuskulatur scheint über Reflexnerven auf den Rücken zu wirken, andererseits stabilisiert sie das Iliosakralgelenk zwischen Beckenschaufeln und Wirbelsäule. Wenn dieses Gelenk in einer günstigen Position steht, dann entlastet das den Rücken."

Selbst wenn man mal keine Zeit oder Lust zum Training hat, lässt sich etwas für den Beckenboden tun: Man kann nett sein zu ihm. Pressen beim Stuhlgang belastet ihn, genau wie Luft anhalten, wenn man beim Fitnesstraining oder beim Entrümpeln des Kellers schwere Gewichte stemmt. An Übergewicht im Bauchraum hat er bei jedem Schritt ordentlich zu tragen, und manchmal trägt er auch mit, wenn uns etwas auf der Seele liegt. "Die Psyche spielt für das Verhältnis zum Beckenboden eine große Rolle", sagt Rothe. "Beschwerden von Anus, Blase und Fortpflanzungsorganen können auch psychosomatisch bedingt sein. Wenn wir den Themen Sex und Ausscheidungen ohne Zwang oder Ängsten gegenüberstehen, dann sind das gute Voraussetzungen, um für unseren Beckenboden ein gesundes Bewusstsein zu entwickeln." Das hat er doch verdient, schließlich unterstützt er uns jeden Tag.

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Gesche Gottfried: „Es ist wohl mehr Trieb als Absicht“: Wie der „Engel von Bremen“ zur Giftmörderin wurde

Written By: Katharina Grimm - Jan• 16•19

Gesche Gottfried schien vom Pech verfolgt. Um sie herum erkrankten und starben ihre Lieben. Eltern, Ehemänner, Kinder, Freunde, der Zwillingsbruder - alle wurden von rätselhaften Erkrankungen dahingerafft. Und Gesche kümmerte sich, pflegte Familie und Freunde vom Bett bis zur Bahre. Zum"Engel von Bremen" wurde sie gemacht, die gläubige Frau, die 1785 in ärmliche Verhältnisse hineingeboren wurde. Und der das Schicksal so übel mitspielte. 

Im Jahr 1828 wurde sie wegen mehrfachen Mordes verhaftet. Der Engel war eine Giftmischerin, die 15 Menschen umgebracht und mindestens 19 weitere krank gemacht haben soll. Bis heute wird über die Motive der Frau gerätselt. Auch sie selbst konnte nur wenig zur Aufklärung beitragen. Drei Jahre saß sie in Haft, bevor das Todesurteil vollstreckt wurde. In dieser Zeit wurde sie verhört, ihre Aussagen sind als Protokoll dokumentiert und offenbaren vor allem eine Ignoranz gegenüber den eigenen Taten. "Einen Grund, weshalb ich dem Kind etwas gab, hatte ich nicht. [...] Allein ich habe so manchem gegeben, der mir nichts getan hat", soll Gottfried gesagt haben.

Die erzwungene Heirat 

Magarethe Gottfried, geborene Timm und genannt Gesche, kommt 1785 als Tochter eines Damenschneiders und einer Wollnäherin in ärmlichen Verhältnissen zu Welt. Sie wird als schön beschrieben, auch als etwas eitel. Sie will Schauspielerin werden, nimmt heimlich Tanz- und Französischunterricht. Vom Heiraten will sie nichts wissen. Als sie 21 Jahre alt ist, macht ihr Vater damit Schluss und verheiratet sie mit dem Sattlermeister Johann Gerhard Miltenberg. Dadurch steigt die Familie gesellschaftlich und finanziell auf. 

Glücklich wird Gesche nicht, denn ihr Ehemann, ein "verantwortungsloser Säufer", wie Peer Meter in "Gesche Gottfried: Eine Bremer Tragödie" schreibt, verpulvert das elterliche Erbe im Bordell und am Tresen. Sein körperlicher Verfall beschleunigte sich, er wurde zum Pflegefall. Und zu Gesche Gottfrieds erstem Opfer. "Sie litt unter dem Zusammenleben mit dem ungeliebten Gatten, dessen Pflegerin zu werden ihr jetzt bevorstand. Es war nicht Hass, was sie gegen ihn empfand, sondern Überdruss bis zum Ekel", schrieb Ludwig Scholz über die möglichen Motive in seiner "kriminalpsychologischen Studie" 1913. Nach sieben Jahren Ehe und drei Kindern machte Gesche Schluss. Um ihren Mann zu töten, wurde sie kreativ: Ihre Mutter hatte Brot mit Mäusebutter - einer Mischung aus Arsenik und Schmalz - beschmiert und auf dem Dachboden ausgelegt. Gesche kratzte Das Gift herunter und gab es in das Frühstück das ungeliebten Ehemanns. Er litt unter Erbrechen, Durchfall und Durst - und erholte sich. Daher gab sie eine weitere Dosis in seine Hafersuppe. Vier Tage später starb er, offiziell an "hitzigem Gallenfieber", so sein Arzt Dr. Olbers.

Wie die Familie ermordet wurde

Zwei Jahre später brachte Gesche Gottfried ihre Mutter um, die krank bei ihrer Tochter eingezogen war, um sich pflegen zu lassen. Gottfried mischte Arsenik unter die Limonade. "Während ich das Gift einmache, gibt mit der liebe Gott ein herzliches lautes Lachen, dass ich mich erst selbst davor erschrak. Aber gleich besann ich mich, dies gäbe mir der liebe Gott ein, zum Beweis, dass so meine Mutter nun bald im Himmel lachen werde", schreibt Gottfried in Haft über den Mord. Zwei Tage später stirbt ihre Mutter unter Qualen.

"Wie in einem Rausch folgt nun die Ermordung ihrer Familie", schreibt Peer Meter. Ihre jüngste Tochter bekommt das Gift auf Butterkuchen, der von der Trauerfeier der Oma übrig war. Eine Woche später vergiftet sie ihre älteste Tochter, die siebenjährige Adeline. Nach vier Tagen Todeskampf verstirbt das Kind. Sechs Wochen später mischt sie ihrem Vater Gift in die Suppe, er stirbt nach einem Tag. Danach folgte ihr Sohn Heinrich, allerdings erst nach elf Wochen. "Warum ich diesen Knaben länger leben ließ als die anderen, weiß ich nicht", zitiert Meter aus dem Gottfried-Protokoll. Ein Jahr später verstarb auch ihr Bruder, der als verschollen gegolten hatte und plötzlich wieder aufgetaucht war. Die ganze Familie war bis 1816 ausgelöscht - nur Gesche überlebte.

Über die Gründe der Morde äußert sich Gottfried widersprüchlich. Sie erklärt in der Haft, dass sie fürchtete, dass der Weinhändler Michael Christoph Gottfried sie mit den Kindern nicht hätte heiraten wollen. Außerdem wären ihre Eltern auch gegen die Verbindung gewesen. Beide Gründe widerruft sie später. Und: Nur einen Tag vor der Eheschließung mit Gottfried, dessen Namen sie annahm, mischt sie auch ihm Arsenik ins Essen. Er starb weniger Tage später.

Finanzielle Unsicherheit für Gesche Gottfried

Ähnlich wie nach der ersten Ehe stand Gesche vor finanziellen Problemen. Miltenberg hatte ihr eine verschuldete Sattelei hinterlassen, Gottfried einen Berg Schulden. Nach der ersten Ehe musste ihr Vater es richten, nach Ehe Nummer 2 machte es Gesche selbst - die Taktik blieb freilich gleich: Beide logen. Sie vertrösteten die Gläubiger, Gesche nahm sogar einen Kredit auf, obwohl sie selbst über Vermögen verfügte, um ihre Lebenslage nach außen besser zu verkaufen. "Wer hatte nicht Sympathie für die Schwergeprüfte! Dazu verdoppelte sie die Beweise ihrer schon seit Jahren anerkannten Wohltätigkeit. Als Trösterin und Engel erschien sie bei den Armen, Kranken und Wöchnerinnen und ward gesegnet überall", schreibt Scholz etwas hämisch.

Sechs Jahre später trat - zumindest offiziell - ein neuer Mann ins Leben von Gesche. Den Modehändler Paul Thomas Zimmermann segnete 1823 zwar auch das Zeitliche (welch Überraschung), doch verheiratet waren die beiden nicht. Gesche erbte trotzdem. 

Danach vergiftete sie wahllos Menschen. 1825 starb ihre Freundin Anna Lucia Meyerholz, eine Musiklehrerin, der sie die Mäusebutter auf Zwieback geschmiert hatte. Ihren Nachbarn Johann Mosees quälte sie fast ein Jahr mir Arsen, bis er 1825 nach langem Leiden verstarb. Finanziell stand sie am Abrund, ihr Haus musste sie an das Ehepaar Rumpff verkaufen. Allerdings stellten sie Gesche als Haushälterin ein gegen Kost und Logi. Als "Tante" lebte sie in deren Haushalt und kümmerte sich um die Familie. Bis auch Wilhelmine Rumpff, nur kurz nach einer Geburt, zwei Tage vorm Heiligabend 1826 starb. Auch die Amme des Säuglings wurde vergiftet.

Mehr Mäusebutter

Im Mai darauf brachte sie die Magd Freundin Beta Schmidt und deren dreijährige Tochter um. Dieser Mord ist fast zynisch. Anfangs hatte sie die Mäusebutter von ihrer Mutter erhalten. Als diese verbraucht war, mordete Gesche auch nicht mehr. Sechs Jahre blieb es ruhig um die Giftmörderin. Bis sie ihre Freundin Beta Schmidt darum bat, in einer Apotheke neue Mäusebutter zu kaufen. Mit dem Arsen mordete sie weiter. Im Herbst 1827 musste ihr alter Freund Friedrich Kleine sterben.

Erst der Mordversuch an Johann Rumpff sollte zu ihrem Verhängnis werden. Auch ihm hatte sie Arsen in Speisen gemischt, er erkrankte, starb aber nicht. Ein Stück Schweinefleisch, das er gut vertragen hat, brachte ihn auf Gesches Spur. Denn vom dem Stück schnitt er sich immer nur kleinere Ecken ab - der Rest wanderte in den Vorratsschrank. Als er es am Tag später hervor holte, fielen ihm kleine weiße Körner darauf. Als er Gesche ansprach, meinte diese, dass es Fett sei. Doch sein Misstrauen war geweckt. Er ließ die Körner untersuchen und Arsen wurde nachgewiesen.

Haft und Enthauptung

Am 6. März 1828 wurde Gesche Gottfried verhaftet. Sie saß drei Jahre in Haft und wurde vom Senator Franz Friedrich Droste verhört. Sie gestand dort 15 Morde und viele weitere Vergiftungen. Bei einigen konnte sie sich kaum erinnern, ob sie das Gift nun auf Brot oder Kuchen geschmiert hatte. Sie erzählte davon, dass sie gegen viele Vergiftungsopfer auch gar nichts hatte. Trotzdem mussten sie sterben. Fast unbedacht und ohne große Reue schildert sie Droste ihr Vorgehen. 

Drei Jahre Untersuchungshaft für ein Kapitalverbrechen sind unüblich in den 1830er Jahren. Doch das geschah nicht ohne Grund: Die Justiz wollte dem Rätsel der Gesche Gottfried auf den Grund gehen, die Hintergründe der Morde verstehen - aus wissenschaftlichen und humanitären Motiven. Ihr Fall soll einer der ersten sein, in dem die Verteidigung auf Unzurechnungsfähigkeit plädiert. Ihr Anwalt Friedrich Leopold Voget schilderte laut Meter "eine kalt berechnende, aus niederen, gewinnsüchtigen Motiven mordende Gesche Gottfried". Meter übt Kritik an der Darstellung der Frau - und dem Bremer Bürgertum. Vielmehr habe es schon Jahre vor der Verhaftung Anzeichen dafür gegeben, dass Gesche Gottfried nicht als "Engel von Bremen" angesehen wurde, sondern dass es Warnungen geben habe, dass sie mit Gift hantiere. Und dass diese Warnungen ignoriert wurden. Der Nervenarzt Ludwig Scholz kommt 1913 zu dem Schluss, dass Gesche Gottfried keine durchtriebene, böse Kreatur gewesen sei, sondern "eine Frau, die ganz von Selbstbetrug durchdrungen" sei, so dass "die Schauspielerin Gottfried mit der echten Gottfried letzen Endes in einer Person zusammenfloß".  Am 21. April 1831 wird Magarethe "Gesche" Gottfried vor rund 35.000 Zuschauern auf dem Bremer Domplatz enthauptet. Es sollte die letzte öffentliche Hinrichtung in Bremen sein.

Extrem Frühgeborene: Frieda war das jüngste Frühchen Europas und hatte eigentlich keine Chance. Heute ist sie acht Jahre alt

Written By: Bernhard Albrecht - Jan• 12•19

Die Angst, dass Frieda plötzlich sterben könnte, ist immer noch da. Manchmal überfällt das Gefühl Yvonne M. unvermittelt, so wie an diesem kalten Dezembertag vor der Schule. Auf dem Fußballplatz steht ein Rettungshubschrauber. Ihre Stimme wird tonlos: "Was ist da passiert?" Doch schon kommt Frieda durch die Glastür, eingehakt bei einer Freundin. Als die Mädchen kurz stehen bleiben und flüstern, plumpst Frieda rücklings zu Boden. Sie überspielt es mit einem Lachen. Gleichgewichtsstörungen? Entwicklungsrückstand? Wer ihre Geschichte kennt, fragt sich das. Doch vielleicht war es auch nur der schwere Ranzen, der sie zur Erde riss. Friedas Gesicht ist schmal, unter der Mütze quellen lockige blonde Haare hervor. "Wer ist das?", fragt sie und heftet ihre blaugrünen Augen auf den Reporter. "Weißt du doch, wir haben Besuch heute", sagt Yvonne. "Onkel Repp kommt auch." Wer das ist? Frieda: "Das ist der Mann, der mich gesund gemacht hat."

Im Wohnzimmer zu Hause hängt eine Strickleiter, die Frieda sofort erklimmt. Auf Regalen stehen Fotos aus den ersten Lebenstagen von Frieda – und von ihrem Bruder Kilian, der sieben Stunden vor ihr zur Welt kam.

Weiß Frieda, dass sie das jüngste Frühchen Europas ist?

Yvonne: Nein. Aber sie weiß, dass sie etwas Besonderes ist. Neulich hat sie ein Foto von sich in der Lokalzeitung entdeckt. Wir haben ihr erklärt, dass der Artikel nicht über sie, sondern über ihren Arzt Reinald Repp geht. Natürlich weiß sie, dass sie zu früh zur Welt gekommen ist.h19060953_1081297671

Und versteht sie, was das bedeutet?

Wir verheimlichen ihr nichts, waren auch schon öfter mit ihr auf der Frühchenstation. Dort sah sie Babys mit durchschimmernder Haut und Beatmungsschlauch im Gesicht. Wir haben ihr erklärt, dass sich auch bei ihr damals die Lunge noch nicht entfaltet hatte und sie künstlich beatmet werden musste.

Wie findet sie das?

Frieda ist sehr abgeklärt, das erstaunt uns immer wieder. Auch wenn sie Fotos von sich damals sieht. Als eine Freundin zu ihr sagte, du bist in einem Glaskasten gelegen, sagte sie, nein, ich war in einem Inkubator. Aber natürlich hat sie jetzt immer mehr Fragen.

Welche Fragen?

Ob sie oft gepikst wurde, ob sie viel geweint hat. Und sie fragt nach Kilian. Einmal, an seinem Grab, wollte sie wissen, ob er immer noch so klein ist wie damals. Ich habe ihr erklärt, dass da nur noch seine Knochen sind, er selbst aber lebt in unserer Seele und im Himmel weiter. Manchmal ist sie sauer auf ihn, dann fragt sie, warum der Kilian so früh rauswollte, sie wollte doch noch drinbleiben.

Als am 7. November 2010 der Anruf kam, war der Chefarzt der Kinderklinik Fulda, Reinald Repp, gerade auf dem Rückweg von einem Wochenendbesuch. 33-Jährige mit Zwillingen, Schwangerschaft seit 21 Wochen und 5 Tagen, frühzeitige Wehen. "Die Eltern wollen Maximaltherapie!", sagte der Oberarzt. "Die Zwillinge können unmöglich überleben. Hast du ihnen das gesagt?", fragte Repp. "Natürlich! Dass kein Fall bekannt ist …" "Ich komme. Sag den anderen Bescheid."

Herr Repp, was empfehlen die Leitlinien zur Therapie von extrem Frühgeborenen wie Frieda und Kilian?

Wenn Babys in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, sollen wir nur auf ausdrücklichen Wunsch der Eltern lebenserhaltende Maßnahmen einleiten. Über noch früher Geborene heißt es, man werde in der Regel auf eine initiale Reanimation verzichten.

Das hat ja gute Gründe. Nur sechs Prozent der Frühgeborenen in der 23. Woche überleben, und das oft mit bleibender Behinderung.

Moment! Ihre Zahlen beziehen sich auf Babys, die vor vielen Jahren in den USA geboren wurden. In Deutschland liegen diese Überlebensraten aktuell schon bei 16 Prozent, wenn auf eine lebenserhaltende Behandlung nicht von vornherein verzichtet wurde.

Aber Frieda und Kilian kamen ja noch früher. War es da nicht ein großes Wagnis, sie zu intubieren?

Repp: Wir hatten keine Alternative. Im Auto hatte ich mir zwar vorgenommen, noch mal mit den Eltern zu sprechen, aber die Geburt war schon in vollem Gange.h19060952_1081297673

Yvonne: Und wir wussten nicht, worauf wir uns da einlassen würden. Wir hätten die Woche drauf einen Gesprächstermin dazu mit einem Oberarzt gehabt. Ich weiß nicht, wie wir uns dann entschieden hätten. Vielleicht gegen das Leben.

Repp: Für mich war das ein klarer Auftrag. Meine erste Chance, mit den beiden zu sprechen, hatte ich nach Kilians Geburt.

Und was haben Sie ihnen gesagt?

Repp: Dass die Entscheidung, die sie heute getroffen haben, nicht unumkehrbar ist und wir jetzt von Tag zu Tag sehen müssen, wie die Babys sich entwickeln. Dass wir alle dafür offen bleiben müssen, die Entscheidung später zu revidieren und Sterben manchmal die bessere Option ist.

Yvonne: Und du hast uns von Jonas* erzählt, der im Klinikum Fulda ein Jahr zuvor nur zwei Schwangerschaftstage älter zur Welt gekommen ist und sich gut entwickelt hat. Das hat uns Mut gemacht.

Repp: Ich wollte auch von den Chancen sprechen. Jonas war ein Schlüsselerlebnis für mich, und nicht das erste. Man kann keine eindeutigen Grenzen ziehen, man darf die Entscheidung über Leben und Tod eines Frühgeborenen nicht nur an der Schwangerschaftswoche festmachen.

Woran dann?

Repp: Die Kinder sind von Anfang an unterschiedlich. Eine wichtige Rolle spielt zum Beispiel, ob eine Infektion vorliegt oder nicht. Für die Prognose ist auch mitentscheidend, wo die extrem Frühgeborenen zur Welt kommen. Alle Perinatalzentren der höchsten Versorgungsstufe schicken ihre Behandlungsergebnisse jedes Jahr an ein Institut, das sie auswertet und auf perinatalzentren.org veröffentlicht, da ist für ungewöhnlich hohe Transparenz gesorgt.

Wo liegt da Ihre Klinik?

Wir gehören seit vielen Jahren zu den Zentren mit den höchsten Überlebensraten und wenigsten Komplikationen – dabei sind Fälle wie Frieda gar nicht erfasst, nur Frühgeborene ab der abgeschlossenen 24. Woche fließen in die Statistik ein.

Machen Sie etwas anders als Andere?

Jedes Zentrum hat so seine Besonderheiten. Bei uns werden zum Beispiel die jüngsten Frühchen mit einem Hochfrequenzbeatmungsgerät beatmet, das machen nicht viele. Die Maschine pumpt nur kleine Mengen Luft in die Lunge, dafür 900 Mal pro Minute. Es gibt Hinweise, dass die minimalen Druckdifferenzen die unreifen Lungen schonen.

Hielten Sie es denn für möglich, dass Frieda oder Kilian überleben, nachdem Sie beide gesehen haben?

Mein erster Eindruck war besser als erwartet. Beide haben sich bis zum Tag ihrer Geburt gut entwickelt.h19060957_1081297685

Hatten sie gleiche Chancen?

Das ist schwer zu sagen, in den ersten drei Monaten kann so viel Unvorhersehbares passieren. Günstig war, dass wir beide erfolgreich im ersten Versuch intubieren konnten, das war die erste große Hürde. Ihr Gehirn wurde also von Anfang an ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Ansonsten waren Kilians Anfangsbedingungen vielleicht etwas schlechter. Er kam sieben Stunden früher als Frieda zur Welt, und in der 22. Schwangerschaftswoche zählt jede zusätzliche Stunde im Mutterleib. Außerdem hatte er eine ungünstige Geburtslage, er kam mit den Füßen voran. Frieda Kopf voran in einer "Glückshaube" …

Glückshaube?

Sie war umgeben von den Eihäuten. Im Mittelalter galt das als gutes Omen. Tatsächlich wirkt die Glückshaube wie ein Airbag, sie hat Frieda beim Durchtreten des Geburtskanals geschützt. Kilian war nach der Geburt übersät von Blutergüssen, Frieda nicht.

Als Frieda 20 Tage alt war, begann ihre Haut aufzuquellen, und sie nahm rasant zu. Repp diagnostizierte das lebensgefährliche Kapillarleck-Syndrom. In Friedas Körper waren kleinste Adern porös geworden. Keine Therapie schlug an. Repp schlug schließlich ein Medikament vor, das sich bei Frühchen eigentlich verbietet – wegen Thrombosegefahr. Die Eltern waren einverstanden. Das Medikament wirkte fast sofort. Frieda war gerettet.

Yvonne, haben Sie den Ärzten blind vertraut?

Welche Alternative hätten wir denn gehabt? Ja, mein Mann Johannes hat einmal "Frühgeburt 21 Wochen" in Google eingegeben und nichts dazu gefunden, dass jemals ein Kind überlebt hätte. Danach haben wir nie wieder ins Internet geschaut. Und du, Reinald, hast uns von Anfang an das Gefühl gegeben, dass du alle Entscheidungen mit uns zusammen treffen wirst, wir fühlten uns auf Augenhöhe mit dir, das war sehr wichtig für uns.

Repp: Und für mich war euer Vertrauen wichtig. Nur so habe ich mich frei in meinen Entscheidungen gefühlt.

Die aber manchmal schon experimentell waren …

Repp: Für die Therapie von extrem Frühgeborenen gibt es nur wenige Studien, die uns den Weg weisen würden, was richtig ist und was falsch. Oft stehen wir vor der Wahl, etwas zu versuchen oder nichts zu tun, was den wahrscheinlichen Tod bedeuten würde. Wir müssen uns dann auf unsere klinische Erfahrung verlassen.

Wann merken Sie, dass alle Mühe sinnlos ist?

Wenn wir sehen, dass wir den Tod nur noch hinauszögern oder das Kind vorhersehbar schwerstbehindert bleiben wird, taub, blind und lebenslang beatmet. Wenn wir zum Beispiel den Kreislauf trotz hoher Adrenalin-Dosen und 100-Prozent-Sauerstoff-Beatmung nur noch gerade so stabil halten können.

Wie war das bei Kilian?

Als er 22 Tage alt war, hatte er eine der gefürchteten Frühgeborenen-Komplikationen: Teile seines Dickdarms waren nach einer bakteriellen Infektion abgestorben, Stuhl trat in die Bauchhöhle aus, die entzündete sich, sein Blut übersäuerte.h19060956_1081297693

Am späten Nachmittag des 18. Dezembers 2010 brach Yvonne weinend vor einer Krankenschwester zusammen: "Wann hat es unser Kilian denn endlich geschafft?" Es war das Signal, auf das sie seit Tagen gewartet hatten. Reinald Repp kam. Der Pater kam. Sie besprachen das Nötige. Dann stellte Repp die Zufuhr des Säurepuffers ab. Yvonne durfte Kilian in den Arm nehmen. Die Krankenschwester knipste die Lichtschalter im großen Raum der Intensivstation aus, wo neben Kilian noch fünf andere Frühchen in ihrem Inkubator lagen. Frieda schlief. Nur noch Monitore und Warnleuchten spendeten spärliches Licht. Normalerweise piepte immer irgendwo ein Alarm, doch jetzt war es lange still. Yvonne hatte das Gefühl, dass sich all die kleinen Seelen von Kilian verabschiedeten.

Warum hat Frieda überlebt?

Yvonne: Frieda ist eine Kämpfernatur. Heute erleben wir täglich, was für einen starken Willen sie hat. Sie beschließt, ob sie etwas will oder nicht, und es ist fast unmöglich, sie dann noch umzustimmen. Und noch was: Kilian hatte fast immer die Augen offen, Frieda hat fast immer geschlafen …

Repp: ... das war jedenfalls ein Zeichen, dass sie nicht so stark unter Stress stand, wie zu vermuten gewesen wäre. Sie verfügte über eine gute Grundstabilität, trotz der unreifen Organe.

Lag es nicht doch daran, dass Sie einiges anders machen in Fulda?

Repp: Nein. Entscheidend war, dass unsere Teamarbeit gut war – und ist. Es sind die Krankenschwestern, die zuerst merken, wenn es Probleme gibt, die geben es an uns weiter, und wir überlegen, was zu tun ist. Die Kommunikation funktioniert bei uns einfach.

Müsste sich die Leitlinie für Frühgeborene an der Grenze zur Lebensfähigkeit ändern?

Eigentlich ist sie schon ganz gut, denn sie lässt uns viel Spielraum. In den Niederlanden oder der Schweiz werden sogar Frühgeborene in der 25. Schwangerschaftswoche oft nicht am Leben gehalten, dabei könnte mehr als jedes zweite dieser Kinder ohne Behinderung groß werden. Doch unsere Leitlinie basiert teilweise auf längst überholten US-Studien, in Deutschland haben wir heute viel bessere Langzeitergebnisse. Als Frieda zur Welt kam, gab es bundesweit kaum überlebende Frühgeborene aus der 23. Schwangerschaftswoche, im Jahr 2017 gab es 30. Die Grenzen werden unschärfer, dem sollten die Empfehlungen Rechnung tragen.

Hat Frieda Behinderungen davongetragen?

Yvonne: Sie hat geringe motorische Defizite, das sehen wir, wenn sie tanzt, und sie tanzt sehr gern. Sie ist sehr klein, unterhalb des Normalbereichs.

Repp: So wie viele Frühgeborene. Bald sollte man entscheiden, ob ihr die Gabe von Wachstumshormon helfen könnte.

Und geistig?

Yvonne: Da hat sie uns immer überrascht. In der Schule hat sie keine Probleme mit den Leistungen, in den letzten drei Schulaufgaben in Deutsch und Rechnen hatte sie zusammengenommen einen halben Fehler. Aber sie lenkt andere Kinder vom Unterricht ab und muss zur Strafe allein in der ersten Bank sitzen.h19060958_1081297664

Hat sie ADHS, das Zappelphilipp-Syndrom?

Repp: Ich glaube nicht. Zwar kommt das bei Frühgeborenen häufiger vor, aber Frieda kann sich sehr lange auf eine Aufgabe konzentrieren …

Yvonne: Zum Beispiel, wenn sie malt, eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen … (Yvonne bringt einen dicken Ordner mit abgehefteten farbenfrohen Bildern.)

Sonnen, Blumen, Tiere, Herzchen, lachende Gesichter. Wenn man das deuten wollte, scheint es so, als habe sie kein psychisches Trauma zurückbehalten.

Yvonne: Dafür gibt es keine Anzeichen und gab es noch nie. Sie ist immer fröhlich, sie weint selten, sie hat viele Freundinnen. Wir haben wirklich großes Glück und freuen uns jeden Tag an ihr.

Begleiten Sie Frieda noch ärztlich, Herr Repp?

Repp: Eigentlich nicht, außer es gibt mal eine dringende Frage. Ich kann meinen ärztlichen Blick ganz wunderbar ausschalten, wenn ich hier unter Freunden sitze, ich kann mich genauso an ihr freuen und staunen wie ihre Eltern.

*Name von der Redaktion geändertTochter erkennt Vater nicht_9.15

Schmerzhafte Erinnerung: „Mein erstes Tattoo“: Wieso hunderte Menschen mit abgebrochenen Bleistiftspitzen in der Haut leben

Written By: Wiebke Tomescheit - Jan• 10•19

Kinder können grausam sein. Meistens mit Absicht, manchmal aus Versehen. Und einige Auserwählte unter uns tragen den Beweis noch heute mit sich herum, als mehr oder weniger deutliche Markierung einer wilden Kindheit. Wir sprechen von in die Haut eingewachsenen Bleistiftspitzen. Passiert ist es schneller, als man denkt: eine lustig gemeinte Attacke auf den Sitznachbar in der Grundschule, eine ungeschickte Bewegung – zack, spitzer Bleistift piekst die Haut, die Mine bricht ab.

Twitter-Nutzer @Los_Writer, der selbst seit Grundschulzeiten mit einem dunklen Fleck in der Handfläche herumläuft, startete nun einen Aufruf auf der Kurznachrichten-Plattform: Wer, außer ihm, lebt tatsächlich seit Kindertagen mit einer sichtbaren Bleistiftspitze in der Haut? Er postete:
TWEET

Die Reaktionen waren überwältigend. Unzählige Menschen schickten @Los_Writer ihre Bleistift-Unfall-Geschichten samt Beweisfotos. "Mein erstes Tattoo", scherzt etwa Nutzerin @isabelisabel102 und zeigt ein Bild ihrer Zeigefingerkuppe. Andere wurden an den Knien, Knöcheln, Füßen, im Gesicht oder gar am Bauch erwischt. Viele schreiben, dass sie die Bleistift-Markierungen seit mehr als 30 Jahren mit sich herumtragen.

Die Twitter-Nutzerin @rxdaughter postete ein Foto ihres Ringfingers, an dem die dunkle Markierung zu sehen ist. "21 Jahre, nachdem meine Freundin aus der siebten Klasse mich gestochen hat", schreibt sie.

Susan Kirkness steuerte ein besonders erschreckendes Foto bei – eins von ihrem Augenlid. "Hier ist meins! Linkes Augenlid! Keine Ahnung, wie ich es geschafft habe, noch das Auge zu besitzen! Passiert ist es in der Grundschule", schreibt sie.

"Ich habe mich selbst ins Knie gestochen ... in der achten Klasse, keine Ahnung, wie das passiert ist", schreibt Allan Guthrie.

So normal der dunkelgraue Fleck für diejenigen ist, die seit vielen Jahren mit ihm herumlaufen, so abschreckend und faszinierend klingt das Phänomen der eingewachsenen Bleistiftspitzen für alle, die nicht betroffen sind und nie Zeuge eines entsprechenden Unfalls wurden. Wie geht das überhaupt? Wir haben diese Frage dem Dermatologen Dr. Peter Mohr gestellt.

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"Wenn eine Bleistiftspitze in den Körper eindringt und dort abbricht, versucht der Körper in der Regel, diesen Fremdkörper zu beseitigen. Dieses kann passieren, indem der Fremdkörper aus der Eintrittsstelle herauseitert", so der Mediziner, der als Chefarzt an den Elbe Kliniken in Buxtehude tätig ist. "Passiert dies nicht, verbleibt der Fremdkörper unter oder in der Haut im Körper und wird von Abwehrzellen ,angegriffen'. Diese können jedoch eine Bleistiftspitze nicht ,auflösen', so dass es zum Verbleib des Fremdkörpers kommt, gegebenenfalls mit einem Granulom – Abwehrzellen und Bindegewebe um den Fremdkörper herum."

Die steckengebliebene Spitze einfach in der Haut zu lassen, ist allerdings nicht die optimale Vorgehensweise. "In der Regel sollte man versuchen, die Bleistiftspitze zu entfernen. Macht man dies nicht selbst, kann es durch einen Arzt erfolgen", so Dr. Mohr. "Es ist allerdings keine Notfallindikation." Man kann eine Bleistiftverletzung auch recht einfach selbst versorgen, "dazu sollte die Wunde desinfiziert und das Pflaster regelmäßig gewechselt werden. Sollte es zu einer Rötung in der Umgebung und zu einer Vereiterung kommen, ist jedoch unbedingt ein Mediziner aufzusuchen", rät der Dermatologe.

Wer sich sorgt, dass aus der Bleistiftmine giftiges Blei in den Körper gelangt, kann übrigens aufatmen: "Die Inhaltsstoffe einer Bleistiftspitze bestehen nicht aus Blei, sondern aus Grafit", erklärt Dr. Peter Mohr. "In der Regel ist es eine Verkohlung von Braun- oder Steinkohle. Von einer Schädlichkeit dieses Grafits, welches in Form einer Bleistiftspitze im Körper sein kann, ist bis jetzt nicht berichtet worden."

Neues Tattoo So pflegt man es richtig_11.00

Ernährung: Gesund und schlank mithilfe der Darmflora: „Wir sollten essen wie ein Gärtner“

Written By: Alexandra Kraft - Jan• 10•19

Warum sind heute so viele übergewichtig?

Gene sind, wie man lange dachte, sicher nicht an der derzeitigen weltweiten Epidemie schuld. Die haben sich in den letzten 40 Jahren nicht verändert. So schnell geht Evolution nicht. Mit ihnen lassen sich die steigenden Zahlen nicht erklären.

Was ist es dann?

Für mich ist der derzeit überzeugendste Schluss, dass unser Hauptproblem der schlechte Zustand unserer Bakterien im Magen- und Darm-Bereich ist. Das sogenannte Mikrobiom.

Wie kommen Sie darauf?

Tim Spector TeaserIch habe über die letzten Jahrzehnte viel mit eineiigen Zwillingen geforscht und festgestellt: Wenn diese sich identisch ernähren und verhalten, entwickelt sich ihr Gewicht trotzdem sehr unterschiedlich.

Warum sollen daran Bakterien schuld sein?

Wir verstehen sie heute in der Wissenschaft als ein eigenes Superorgan. Sie helfen dabei, Essen zu verdauen, sie haben Einfluss auf unseren Appetit, sie produzieren wichtige Mineralstoffe und Vitamine und beeinflussen viele andere Dinge, die in unserem Körper ablaufen. Ihre Macht über unseren Organismus wurde viel zu lange übersehen.

Was ist heute in unseren Körpern anders als früher?

Viele wichtige Bakterienstämme sind verloren gegangen. Die Vielfalt ist geringer geworden. Diese beiden Faktoren stehen klar im Zusammenhang mit Übergewicht und der Entstehung von Diabetes sowie Allergien.

Welche Faktoren sind schuld an diesem veränderten Bakterien-Haushalt?

Wir nutzen viel mehr Antibiotika, leider auch, wenn es eigentlich völlig überflüssig ist. Über alle Altersgruppen hinweg. Antibiotika finden sich auch immer mehr im Fleisch, das wir konsumieren. Zwar in kleinen Dosen, aber regelmäßig. Außerdem haben wir die Vielfalt der Pflanzen, die wir zu uns nehmen, reduziert.

Wie kann das sein? Am Obst- und Gemüse-Stand ist das Angebot so groß wie nie?

Ja, aber wir sind Gewohnheitstiere. Ein durchschnittlicher Supermarkt in Großbritannien hat 30.000 Produkte in den Regalen stehen. Aber wir greifen im Grunde immer wieder zu denselben Nahrungsmitteln. Wir verlassen uns so auf nur ein paar wenige Komponenten. Das ist zu wenig. Wir essen auch nicht mehr saisonal. In Großbritannien ist das am weitesten verbreitete Mittagessen überhaupt das Sandwich - und die Leute essen fünf Mal pro Woche das gleiche Sandwich.

Welche Gründe gibt es noch?

Wir essen heute viel zu viele stark verarbeitete Lebensmittel.

Was meinen Sie damit?

Fertiggerichte, die vollgepumpt sind mit Chemikalien zum Beispiel. Wenn Sie da auf die Liste der Zutaten schauen, wird Ihnen schlecht. Viele Dinge, die wir heute konsumieren, enthalten 20 Chemikalien von denen wir nicht sicher wissen, was sie langfristig im menschlichen Organismus auslösen. Aber auch Dinge wie Raffinade-Zucker schädigen das Mikrobiom. Künstliche Süßstoffe sind besonders schlimm. Ebenso wie Konservierungsstoffe. 

Warum dauerte es so lange, bis die Wichtigkeit der Bakterien bei der Entstehung von Übergewicht erkannt wurde?

Hirschhausen TeaserWeil wir nicht die Mittel hatten, sie zu untersuchen. Wir hatten nur ein Ahnung. Außerdem hat sich die Forschung lange nur mit den Bakterien beschäftigt, die uns krank gemacht haben. Wir hatten bis vor einigen Jahren überhaupt keine Ahnung, wie wunderbar vielfältig Bakterien sind. Bei Übergewichtigen konnten wir inzwischen belegen, dass die Zusammensetzung ihrer Bakterien viel schlechter und deutlich weniger vielfältig ist, als bei Normalgewichtigen.

Ist das auch einer der Gründe, warum so viele Diäten scheitern?

Ja, wir haben dieses extra Organ bisher nicht beachtet und nicht überlegt, was ihm guttun könnte. Wir haben stattdessen Kalorien und Nährstoffe gezählt. Das ist ein komplett falscher Weg, wenn man einen langfristigen Erfolg haben will. Klar, damit verliert man erst mal Gewicht. Es ist aber nicht nachhaltig. Die schlechten Bakterien werden schon dafür sorgen, dass wir wieder zunehmen. Sie steuern zum Beispiel unseren Appetit auf Zucker. Denn den brauchen sie zum Überleben.

Wir werden quasi ferngesteuert?

In einem gewissen Sinne ja.

Wie nimmt man mit diesem Wissen besser ab?

Erst einmal: Verbote helfen nichts. Die machen die Sache bloß anstrengend. Auf Fette oder Kohlenhydrate zu verzichten sorgt nur dafür, dass noch mehr Mikroben absterben. Also genau das Gegenteil von dem was wir wollen. 

Was also tun?

Wir haben dazu eine große Studie gemacht. Mit 11.000 Leute und der Frage, was unsere Darmbakterien gesund hält. Das Resultat war eindeutig: Mehr Früchte und Gemüse zu essen, hält sie gesund. Nicht immer nur Ihren Lieblingsspinat, sondern eben viele verschiedene Sachen. Sie sollten 20 bis 30 verschiedene Pflanzen pro Woche essen.

Wow, das ist nicht zu schaffen.

Doch. Jede Nuss-Art ist eine andere Pflanze. Jedes Korn ist pflanzlich. Jedes Gewürz - außer Salz - ist eine weitere Pflanze. Wenn Sie so denken, geht das schnell. Sie essen dann nicht mehr um Energie zu bekommen, sondern wie ein Gärtner, der seinen Verdauungs-Garten schön düngen möchte.

Was sollte ich sonst noch essen?

Nehmen Sie täglich etwas mit einer lebenden Mikrobe zu sich.

Was meinen Sie damit?

Das einfachste ist ein Joghurt. Ungesüßt, Vollfett ohne Chemikalien. Wenn Sie wollen, können Sie problemlos Früchte oder was Sie mögen dazu geben. Käse sind auch wunderbar, aber aus Rohmilch. Kombucha tut uns gut. Kefir ist ebenfalls ein tolles Lebensmittel. Ein kleiner Schluck davon jeden Tag ist besser als ein große Portion einmal in der Woche.

Aber bisher haben wir gelernt, Fette sind ungesund...

Das ist Mist. Die letzten Studien zeigen, dass es einfach nicht stimmt. Fett ist überall drin. Lachs zum Beispiel hat viel davon, aber das heißt nicht, dass Lachs ungesund ist. Die Idee, dass etwas schlecht ist, nur weil es Fett enthält, ist überholt. Es gibt keinen Beweis irgendwo auf dieser Welt, dass eine Diät mit wenig Fett irgendjemanden hat länger leben lassen. Das ist ein alter Mythos.

ZuckerDas klingt nach einer radikalen Abkehr von Grundsätzen, die lange galten.

Es geht darum, dass wir Nahrungsmittel mit hoher Qualität zu uns nehmen. Das ist das wichtigste und das gesündeste. Hier will ich noch das Olivenöl nennen. Bitte nur extra virgin und in hoher Qualität. Das billige Zeug ist verdünnt, da ist fast nichts mehr von der Pflanze drin und es hat damit kaum mehr Wirkung.

Was kann man noch tun, um seine Bakterien gesund zu halten?

Sie sollten den täglichen Konsum von faserigen Lebensmitteln mindestens verdoppeln.

Warum sind die so wichtig?

Weil Mikroben sie lieben. Und je mehr man hat, umso mehr gute Stoffe können sie produzieren, die den menschlichen Körper gesund halten.

Welche Lebensmittel empfehlen Sie dafür?

Sauerkraut. Machen Sie am besten Ihr eigenes, nicht dieses furchtbare mit Essig eingelegte aus dem Glas. Kimchi wird auch gerade populär und hilft den Bakterien sehr. Alle fermentierten Lebensmittel sind geeignet. Sie sind Benzin für die Mikroben.

Viele schwören derzeit auf sogenanntes Intervallfasten. Funktioniert das wirklich?

Absolut. Weil die zuckerhungrigen Bakterien so klein gehalten werden. In der Zeit ohne Nahrungszufuhr können sich die guten Mikroben erholen und vermehren. Die anderen haben kein Futter und werden zurückgedrängt. 

Superfood 22.00

Wenn jemand Bluthochdruck, hohes Cholesterin und Diabetes hat, hilft dann eine gesunde Bakterien-Flora auch noch?

Ja, denn wir wissen, dass diese Patienten eine schlechte Besiedlung mit Bakterien haben. Deswegen ist es in diesen Fällen sogar noch wichtiger, sich gesund zu essen. Bisher wurden diese Leute mit allerlei Verboten belegt. Diese eingeschränkte Diät kann es im schlimmsten Fall noch schlimmer machen.

Wie weiß ich, dass ich mit meinem neuen Essverhalten auf dem richtigen Weg bin?

Sie werden mehr auf die Toilette müssen. Eigentlich wird einmal am Tag Stuhlgang als normal betrachtet, mit dieser Art der Ernährung werden Sie sicher zwei, vielleicht drei Mal müssen. Das ist ein gutes Zeichen. Wer es genau wissen will, kann es auch testen lassen. Dafür gibt es inzwischen Firmen, die das im Angebot haben. Und vermutlich wird bald ein japanischer Toilettenhersteller eine Toilette entwickeln, die das automatisch anzeigt. (lacht)

Und wenn alles nicht hilft? Wenn die Bakterien einfach nicht so gedeihen, wie sie sollen?

Dann kann man Bakterien aus dem Magen-Darm-Trakt einer gesunden Person per Stuhl-Transplantation übertragen. Keine Sorge, das klingt eklig, passiert aber inzwischen in Form von einfachen Tabletten. Ganz sauber und hygienisch.

Weißes Haus: „Das war ein Stunt, keine Pressekonferenz“: Trump wirbt für Mauerbau und vergrätzt Journalisten

Written By: Florian Saul - Jan• 04•19

Die erste Pressekonferenz 2019 im Weißen Haus beginnt mit einer Premiere. Nach zwei Jahren im Amt steht er das erste Mal am Podium des Presseraumes im Weißen Haus. Doch der Auftritt stößt die anwesenden Journalisten vor den Kopf.