Herzfrequenz: Puls messen per Hand – worauf Sie achten sollten und was die Werte bedeuten

Written By: Jan Sägert - Apr• 07•20

Regelmäßig den eigenen Puls zu messen, ist wichtig und sinnvoll. Das sagen auch Experten. Anstelle einer teuren Pulsuhr reicht dafür auch etwas Fingerspitzengefühl. Lesen Sie hier, wie Sie Ihren Puls schnell ertasten und richtig bestimmen – und welche Schlüsse sich aus den Werten ziehen lassen.

Jedes Mal wenn sich unser Herzmuskel zusammenzieht und dabei Blut durch die Arterien des Körpers pumpt, erzeugt er eine spür- und fühlbare Druckwelle, die sich durch den gesamten Blutkreislauf bis in die Kapillargefäße fortsetzt. Das ist der Puls. Der arterielle Puls lässt sich an verschiedenen Stellen im Körper gut ertasten. Am besten dort, wo eine große Schlagader – möglichst dicht unter der Haut – verläuft. Regelmäßig und richtig gemessen – und von einem Mediziner interpretiert, ist er ein verlässlicher Parameter für unsere physische Verfassung. Wichtig: Puls messen muss keine Wissenschaft sein.

Lesen Sie hier, wie Sie ihren Puls zuverlässig selbst bestimmen können und was die Werte bedeuten. 

Manuelles Puls messen – wo klappt es am besten?

Wie bereits erwähnt, eignen sich verschiedene Körperstellen, um den Puls ohne technische Hilfsmittel wie Pulsuhren oder EKG zu ermitteln. "In der Regel misst man den Puls an der Arteria radialis (Anm. d. Red.: an der Innenseite des Handgelenks unterhalb des Daumens)", rät Professor Dr. Martin Scherer, Direktor Institut für Allgemeinmedizin am Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf. Weitere Punkte, an denen der arterielle Puls gut gefühlt werden kann, sind:

  • Halsschlagader (Arteria carotis)
  • Achselhöhle (Arteria axillaris)
  • Leiste (Arteria femoralis)
  • Kniekehle (Arteria poplitea)
  • hinter dem Innenknöchel des Fußes (Arteria tibialis posterior)
  • am mittleren Fußrücken (Arteria dorsalis pedis)

FAQ Functional Training_8.40Uhr

Puls messen am Handgelenk – genau so geht das

Um den Puls am Handgelenk zu messen, benötigen Sie Ihre Finger und wahlweise eine Uhr mit Sekundenanzeige oder ein Smartphone. Tasten Sie zunächst mit den Fingerkuppen von zwei oder drei Fingern – ideal: Zeige- und Mittelfinger ggf. zusätzlich Ringfinger – bis Sie die pumpende Ader gut fühlen können. Je nach Veranlagung kann das mehr oder weniger Druck erfordern. Spielen Sie ein wenig herum, um herauszufinden, bei welchem Druckpunkt Sie die Druckwelle am deutlichsten spüren. Wichtig: Ein zu fester Griff kann die Ader abdrücken, sodass Sie den Puls gar nicht mehr spüren. 

Auch der Daumen bringt Sie beim Messen des arteriellen Pulses nicht weiter. Der hat selbst einen kräftigen Puls, der den am Handgelenk überlagert und kein belastbares Ergebnis zulässt. Gleiches gilt für das Puls messen an der Halsschlagader. Auch hier spürt man die Blutdruckwelle am besten und zuverlässigsten mittels Zeige- und Mittelfinger. Wer den Puls über einen längeren Zeitraum dokumentieren möchten, sollte immer an der gleichen Arterie messen.

Wie lange Puls messen?

Im Idealfall starten Sie die Stoppuhr und zählen eine Minute lang jeden Impuls. Wem das zu anstrengend ist, der verkürzt das Ganze auf 30 Sekunden und verdoppelt den ermittelten Wert. Etwas ungenauer wird es, wenn Sie die Messzeit weiter verkürzen. Bei einem Zehn-Sekunden-Intervall kann ein gefühlter und gezählter Impuls mehr oder weniger im Ergebnis sechs Schläge ausmachen. Wer es ganz genau wissen will, sollte die Messung drei Mal wiederholen und aus den Ergebnissen den Mittelwert bilden. 

Wann Puls messen?

Um vergleichbare Werte zu erhalten, sollten Sie Ihren Puls , wenn möglich, immer etwa zur gleichen Tageszeit messen. Empfohlen wird die Zeit am Morgen – unmittelbar nach dem Aufwachen, aber vor dem Aufstehen bzw. Frühstück – und am besten in liegender Position. Nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit und atmen Sie ein paar Mal tief durch. Der Wert, den Sie morgens im Bett ermitteln, wird in der Medizin auch als Ruhepuls oder auch Ruhe-Herzfrequenz bezeichnet. Er hängt von verschiedenen biometrischen und physiologischen Faktoren ab.

Als durchschnittliche Werte gelten für:

  • Leistungssportler: ca. 40 Schläge/Minute
  • Freizeitsportler: 60-70 Schläge/Minute
  • Teenager: ca. 80 Schläge/Minute
  • Untrainierte Erwachsene: ca. 80 Schläge/Minute
  • Grundschüler: ca. 85 Schläge/Minute
  • Kinder (4-5 Jahre): ca. 100 Schläge/Minute
  • Säugling: ca. 130 Schläge/Minute.

Welcher Puls ist normal?

Zunächst sollte man wissen, dass selbst ein gesundes Herz nicht konstant wie ein Uhrwerk schlägt. Für eine "normale" Pulsfrequenz geben Mediziner einen Korridor von 60 bis 90 Schlägen pro Minute an. Auf das bereits erwähnte Zehn-Sekunden-Intervall herunter gebrochen, entspricht das zwischen zehn und 15 Schlägen pro zehn Sekunden. Diese Werte entsprechen dem Puls im Ruhezustand – landläufig – wie bereits beschrieben – auch als Ruhepuls bekannt. Dieser Wert hängt von verschiedenen Faktoren ab – unter anderem von Lebensalter, Geschlecht, Körpergröße, Gewicht und dem Trainingszustand. So haben beispielsweise Menschen, die regelmäßig Sport (bevorzugt Ausdauersport) betreiben, in der Regel einen messbar niedrigeren Ruhepuls als die sogenannten Couch-Potatoes. Der Grund ist simpel. Ein trainierter Herzmuskel ist deutlich leistungsfähiger, was sich insbesondere in der besseren Sauerstoffaufnahme bemerkbar macht. Das Herz pumpt also mit weniger Kontraktionen die gleiche Menge Blut durch den Körper. 

Manuelles Puls messen: Warum eigentlich?

Vorhofflimmern ist auch in Deutschland eine der häufigsten Herzrhythmusstörungen. Manche Betroffene merken allerdings lange gar nicht, dass ihr Herz unregelmäßig schlägt. Das ist gefährlich, denn Vorhofflimmern ist eine häufige Ursache für Schlaganfälle. Und genau hier liegt die Chance, des manuellen Pulsmessens. "Für Patienten mit unentdecktem Vorhofflimmern [...] kann dies eine Methode sein, den unregelmäßigen Herzschlag zu entdecken und eine Behandlung zu beginnen", sagt Professor Dr. Scherer. Auch bei sich anbahnenden Infekten kann das Überprüfen der Herzfrequenz hilfreich sein. Als Faustregel für Erwachsene formuliert der Mediziner: "In Ruhe sollte die Herzfrequenz nicht über 100 Schlägen pro Minute betragen", sagt Scherer. Zudem sei es ein gutes Werkzeug, um den allgemeinen Gesundheitszustand einschätzen zu können. 

Herzinfarkt: Hoher Puls in Ruhe, höheres Risiko 

Dass der (Ruhe)-Puls bei Menschen mittleren Alters (und ohne bekannte Herz-Kreislauf-Krankheit) einen unabhängigen Risikomarker für Herzinfarkte und die Gesamtsterblichkeit darstellt, legte bereits 2015 eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) nahe. Demnach lag das Risiko eines Herzinfarkts bei Probanden mit einem Ruhepuls von mehr als 70 Schlägen pro Minuten um fast 90 Prozent höher als bei Probanden, deren Herz in Ruhe weniger als 70 Mal pro Minute schlug. Es kann also durchaus sinnvoll sein, den eigenen Puls regelmäßig zu überprüfen und sich im Zweifel bei seinem Hausarzt vorzustellen.

Quellen:"Stiftung Gesundheitswissen"; "ndr.de"; "Deutsche Gesellschaft für Kardiologie""visomat.de"

Boris Johnson kämpft um sein Leben: Die Briten erleben den größten Härtetest seit dem Zweiten Weltkrieg

Written By: Michael Streck - Apr• 07•20

Der am Corona-Virus erkrankte Premierminister Boris Johnson kämpft auf der Intensivstation um sein Leben, der blasse Dominic Raab soll ihn vertreten – ausgerechnet in der schwersten Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein Bericht zu Lage der Nation.

Am Dienstag wachten die Briten bei strahlender Sonne aus einem nun schon zwei Wochen währenden Alptraum auf, der in den Stunden zuvor – sofern überhaupt möglich – noch alptraumhafter geworden war. Ihr Premier Boris Johnson kämpft auf der Intensivstation des St Thomas Hospital um sein Leben, das Bild des von der Krankheit gezeichneten Premierministers auf allen Zeitungstiteln, die Haare noch strubbeliger als sonst, die Augen rot und in tiefen Höhlen. Anteilnahme und Genesungswünsche aus aller Welt und quer durch das politische Spektrum.

Das alles fühlte sich an wie ein verfrühter Nachruf. Und also meldete sich früh morgens der Kabinetts-Minister Michael Gove im Radio zu Wort, um die tief verunsicherte Nation ein ganz klein wenig zu beruhigen. Johnson bekomme zwar Sauerstoff, werde aber nicht künstlich beatmet. Immerhin das. Kaum hatte Gove gesprochen, begab auch er sich in Selbst-Isolation. Ein Familienmitglied war erkrankt.

Ein Schild weist auf das St Thomas Hospital in London hin
Das St Thomas Hospital in London: In dieser Klinik kämpft Premierminister Boris Johnson auf der Intensivstation um sein Leben
© Daniel Leal-Olivas

Die Lage der Briten erinnert an den Aphorismus "Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen. Und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer".

Am späten Montagabend, nach der Eilmeldung von Johnsons rapide verschlechtertem Zustand, sahen Millionen in den BBC-Nachrichten einen Beitrag aus einer Intensivstation in London. Er zeigte Ärzte am Rande der körperlichen Erschöpfung, Patienten im künstlichen Koma, alles beengt. Es waren bedrückende und verstörende Bilder und ein weiterer Beweis dafür, dass der schon in normalen Zeiten am Limit operierende National Health Service (NHS) jetzt über dieses Limit hinweg ist.

Dominic Raab muss Boris Johnson nun vertreten

Einer der vielen Patienten, die auf solchen Stationen überall im Land ums Überleben kämpfen, ist nunmehr der Premierminister. Der hatte schon zu Beginn seiner Isolation Außenminister Dominic Raab damit beauftragt, die Kabinettsgeschäfte in seinem Namen vorerst weiter zu führen, falls das notwendig werden sollte. Vermutlich auch in dem Glauben, es würde nicht notwendig. Wurde es dann doch.PAID Wie wird man immun 11.32

Bei allen Unwägbarkeiten, die diese Krankheit und die Krise birgt, steht eines mit Sicherheit fest: Auf den Interims-Verantwortlichen Raab kommt der größte Härtetest der Nation nach dem Zweiten Weltkrieg zu. Die Zahlen der Covid-Erkrankten steigen nach wie vor rasant, die der Toten ebenso. Und ähnlich wie in Deutschland beginnt auch auf der Insel, wenn auch nicht ganz so scharf, die Diskussion nach einer Exit-Strategie und der Öffnung der Schulen – obschon der Höhepunkt der Infektionswelle längst noch nicht erreicht ist.

Damit nicht genug. Leicht vergessen in dieser immensen globalen Krise, dass auch der Brexit noch immer auf dem Zettel steht und Johnson fest entschlossen war, am engen Zeitplan festzuhalten und die Übergangsperiode tatsächlich im Dezember zu beenden. Ob das unter den neuen Prämissen haltbar ist, wird sich in den kommenden Wochen weisen.

Der neue Labour-Boss signalisiert Kooperation

Raab, auch das ist klar, wird nun Unterstützung brauchen, im eigenen Kabinett, aber auch von der Opposition unter dem neuen Labour-Boss Keir Starmer, der Kooperation signalisierte. Gerade jetzt. 

"Standing in", sagen die Briten, wenn jemand zeitweise die Rolle eines anderen übernimmt. Es ist auch ein Ausdruck aus der Filmindustrie und beschreibt die Rolle von Stuntleuten – und Komparsen. "Standing in for Boris", sagen die Kommentatoren jetzt über Raab. Ein Ersatz für den zwar populistischen, aber charismatischen Johnson kann dieser Raab nicht sein. Dazu fehlt es ihm an politischer Statur.

Der Sohn eines jüdischen Einwanderers aus der Tschechoslowakei ist ein politischer Spätstarter. Er hatte in Oxford Jura studiert, zeitweise für die auf Menschenrechte spezialisierte NGO Liberty gearbeitet, zeitweise in Palästina und Brüssel gelebt und Ende der 90-er Jahre bei den Osloer Friedensverhandlungen zwischen PLO und Israel eine Beraterrolle eingenommen. Im Jahr 2000 wechselte er ins Foreign Office, das Außenministerium, weitere zehn Jahre später schaffte er den Sprung als Tory-Abgeordneter nach Westminster.

Der Öffentlichkeit bekannt wurde er aber erst als Brexit-Minister unter Theresa May, und man kann nicht eben behaupten, dass er einen bleibenden Eindruck hinterließ. Bestenfalls mit mittelschwer verunglückten Auftritten wie jenem, als er sich coram publico darüber wunderte, welch große Rolle die Verbindung von Dover nach Calais hatte, "das volle Ausmaß war mir gar nicht klar".

Raab ist nicht gerade ein Liebling der Medien

Damals, vor der gefühlten Ewigkeit von nicht einmal eineinhalb Jahren, geriet Raab zum Gespött der Medien. Was ihn aber nicht davon abhielt, nach Theresa Mays Rücktritt und in grober Verkennung der Realitäten um den Parteivorsitz zu kandidieren. Auch das: keine gute Idee. In den Fernsehdebatten vor der Kür wurde er von den übrigen Kandidaten regelrecht vorgeführt. Und doch, Johnson beförderte den überzeugten Brexiteer auf den Posten des Außenministers. Das sorgte für leichte Verwunderung, versendete sich aber insofern, weil jeder zugleich wusste, dass der Chef höchst selbst den außenpolitischen Kurs bestimmt. Zu der Zeit war das: erstens Brexit, zweitens Brexit und drittens Brexit.

Das Top-Thema der vergangenen Jahre ist jetzt merkwürdig fern und fade.

Am Montagabend stand nun Raab in neuer Funktion erstmals vor den Kameras. Er erklärte, dass das Kabinett voll handlungsfähig sei. Er wirkte auf eine sehr menschliche und sympathische Art erschüttert. Wer ihn sah und hörte, wusste spätestens in diesem Moment, dass der Zustand von Johnson deutlich ernster ist als die offiziellen Mitteilungen aus der Downing Street. Noch am Nachmittag gegen fünf habe Johnson im St Thomas-Krankenhaus Regierungsgeschäfte erledigt, kaum zwei Stunden später wurde er auf die Intensivstation verlegt, aus – wie es zunächst hieß – reiner Vorsichtsmaßnahme. Und nun ist alles offen. 

Raab, das Kabinett und Großbritannien stehen vor stürmischen Tagen. Bereits während Johnsons Quarantäne in Downing Street hatte sich die Stimmung massiv gedreht, und selbst die den Tories üblicherweise wohlgesonnene konservative Presse drosch mit nie erlebter Vehemenz auf die Regierung ein. Inkompetent, spät, chaotisch, unkoordiniert – das Gesamturteil von links bis rechts vernichtend. Der liberale "New Statesman" fragte stellvertretend: Warum sind wir nicht vorbereitet? Und in allen, wirklich allen Blättern und auf allen Kanälen wurde das deutsche Modell als Referenzgröße bemüht. Es sind in der Tat außergewöhnliche Zeiten.

Carrie Symonds geht es wieder besser

Johnson, schon erkennbar zermürbt von der Krankheit, erlebte diesen Shitstorm in seinem Appartement mit seiner hochschwangeren Freundin Carrie Symonds, die – fast 24 Jahre jünger als ihr prominenter Partner – auch erkrankte, allerdings mit milderen Symptomen und mittlerweile wohlauf ist.

Die Fernsehansprache der Queen am Sonntag war auch deshalb ein PR-Stunt. Die alte Dame schwor die Briten mit milder Blitzkriegsrhetorik auf Zusammenhalt ein. Das wäre an sich Johnsons Job gewesen. Aber während sie noch sprach, wurde der Premier aus der Downing Street ins Krankenhaus gebracht.

Premier auf Intensivstation: „Schadenfreude ist das Allerletzte“ – Twitter-User verurteilen Häme gegen Boris Johnson

Written By: Wyn Matthiesen - Apr• 07•20

Auf Twitter kursieren aktuell viele Witze über Boris Johnsons Gesundheitszustand – auch Satiriker Martin Sonneborn mischt mit. Viele User kritisieren Witze und Häme über den britischen Premier scharf.

Auf Twitter kursieren aktuell viele Witze über Boris Johnsons Gesundheitszustand – auch Satiriker Martin Sonneborn mischt mit. Viele User kritisieren Witze und Häme über den britischen Premier scharf.

Coronavirus-Epizentrum: Massengräber in öffentlichen Parks: „Es wird tough für New York“

Written By: Jan Christoph Wiechmann - Apr• 07•20

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann berichtet aus New York City. Die vielen Corona-Toten sollen hier vorübergehend in Massengräbern in öffentlichen Parks beerdigt werden.

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann berichtet aus New York City. Die vielen Corona-Toten sollen hier vorübergehend in Massengräbern in öffentlichen Parks beerdigt werden.

Pandemie: „Wir müssen mit dem Virus leben“: Italien prüft Ausstieg aus dem Corona-Lockdown

Written By: Miriam Khan - Apr• 05•20

Seit Wochen ist das Land heruntergefahren: Wegen des grassierenden Coronavirus gelten in Italien strenge Regeln und Ausgangsbeschränkungen. Jetzt, da die Zahlen langsam Hoffnung machen, überlegt die Regierung, wie sie aus dem Lockdown wieder aussteigen könnte.

Die Zahlen machen langsam Hoffnung, da gibt es in Italien erste Überlegungen, wie der Exit aus dem Corona-bedingten Lockdown aussehen könnte.

Gesundheitsminister Roberto Speranza hat einen Fünf-Punkte-Plan zum kontrollierten Abbau der Beschränkungen ausgearbeitet. Es sei aber unverantwortlich, ein Datum für die Rückkehr zur Normalität zu versprechen, sagte er der Zeitung "La Repubblica". PAID STERN 2020_13 Warten, dass dieser Albtraum endet - 15.25

Italien hat den Corona-Höhepunkt womöglich schon erreicht

Noch immer ist Italien mit knapp 15.400 Toten und rund 125.000 Infizierten eines der am schlimmsten von der Corona-Krise getroffene Land in Europa. Doch die Ausbreitung scheint sich zu verlangsamen. Am Samstag blieb die tägliche Zahl der Covid-19-Toten erstmals binnen neun Tagen unter 700. Auch die Zahl der Neuinfektionen liegt seit vier Tagen relativ konstant bei 4000 bis 4800. Wissenschaftler sprachen deshalb bereits vor dem Wochenende davon, dass das Land den Höhepunkt der Epidemie erreicht haben könnte. Dieser sei aber kein Gipfel, sondern ein Plateau.

Dennoch warnte Speranza: "Wir müssen die Wahrheit sagen. Die Situation bleibt dramatisch. Der Notfall ist noch nicht vorbei. Die Gefahr ist noch nicht gebannt. Wir haben noch einige schwierige Monate vor uns."Italien hat das Corona-Plateau erreicht 18.30

Speranza: "Wir müssen mit dem Virus zusammenleben"

Um für alle Fälle vorbereitet zu sein, sitzt die Regierung bereits an einem Masterplan, wie ein kontrollierter Ausstieg aus dem Ausnahmezustand aussehen könnte. Nach den Worten Speranzas sollen dafür unter anderem die Regeln für soziale Kontakte aber aufrechterhalten werden. Das bedeutet: Weiterhin soll "social distancing" das wichtigste Gebot bleiben.

Zudem werde geprüft, die Zahl der Tests massiv zu erhöhen und mehr Möglichkeiten zu schaffen, Kranke zu Hause und nicht in Krankenhäusern zu behandeln. Ferner sollen mehr Krankenhäuser bereitgestellt werden, die spezialisiert sind auf die vom Virus ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19. Und es soll eine App entwickelt werden, mit der Infizierte aus der Ferne medizinisch betreut werden können.Podcast Corona Teil 3 _

"Unsere Aufgabe ist es, die Bedingungen zu schaffen, um mit diesem Virus zu leben – oder vielmehr: zusammen zu leben. Zumindest bis wir den Impfstoff oder ein Heilmittel haben", erklärte Speranza. Dabei sei er sich sicher, so der Gesundheitsminister weiter, dass "wir es schaffen werden. Wir sind ein großes Volk."


Bevölkerung kämpft mit Ausnahmezustand

In der Wirtschaft und der Bevölkerung gibt es Anzeichen von Ungeduld und Verdruss wegen der seit dem 10. März geltenden Beschränkungen. Diese laufen am 13. April aus. Medienberichten zufolge könnte danach eine begrenzte Zahl von Industriezweigen möglicherweise wieder die Arbeit aufnehmen.

Ein Paar schützt sich mit einem Regenschirmen vor dem Regen, während sie über den Markusplatz spazieren
Ein Paar schützt sich mit einem Regenschirmen vor dem Regen, während sie über den Markusplatz in Venedig spazieren. Auch die Touristen-Metropole in Norditalien ist wegen des Corona-Lockdowns fast gänzlich verwaist.
© Francisco Seco / AP

Szenarien zum Ausstieg aus dem Ausnahmezustand werden auch in Deutschland bereits diskutiert – führende Wissenschaftler warnen jedoch davor, dies verfrüht einzuleiten. Zu groß sei die Gefahr einer zweiten großen Infektionswelle.

Quellen: "La Repubblica", Italienisches Datencenter, Nachrichtenagenturen DPA, ANSA

Kampf gegen Coronavirus: „Was habt ihr zu verlieren?“: Trump empfiehlt ungetestetes Medikament statt Beatmungsgeräten

Written By: Malte Mansholt - Apr• 05•20

Seit Tagen schlägt sich die Trump-Regierung mit Kritik zu ihrem Umgang mit Notvorräten herum, vor allem Beatmungsgeräte werden von den US-Bundesstaaten verzweifelt gebraucht. Doch der Präsident hat eine ganz andere Idee – und will auf Medikamente setzen.

Die Kritik reißt nicht ab. Weil die Anzahl der benötigten Beamtmungsgeräte in den hart vom Coronavirus getroffenen USA immer weiter steigt, bitten die Bundesstaaten verzweifelt Donald Trumps Regierung, die Geräte aus den Notreserven freizugeben. Doch der will die eben noch von seinem Schwiegersohn als "unsere" bezeichneten Geräte lieber zurückhalten. Und stattdessen auf eine ungeprüfte Behandlung setzen.

"Die Frage, die nie jemand stellt – und zu der ich die Antwort hasse –, ist: Was passiert, wenn man an einem Beatmungsgerät hängt? Wie gut sind deine Chancen?", fragte Trump rhetorisch bei einer Pressekonferenz am Samstag. Die Antwort gab er zwar nicht, spielte damit aber klar auf die Tatsache an, dass viele der Patienten, die die Geräte benötigen, danach trotzdem ihrer Erkrankung erliegen. "Ich will sie also gar nicht erst an den Maschinen haben."PAID STERN 2020_15 Die unvorbereiteten Staaten von Amerika_7.10Uhr

Trump will Medikamente statt Beamtung

Seine Alternative: Eine Kombination aus dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin und dem Antibiotikum Azithromycin, die bereits seit Wochen als mögliche Behandlungsmethode erwogen wird. "Was haben sie zu verlieren?" fragt sich der Präsident. "Nehmt es. Ich würde sagen, nehmt es einfach." Es sei letztlich die Entscheidung der Patienten und der Ärzte. Man habe bereits Millionen Dosen als Vorrat angehäuft. "Probiert es aus, wenn ihr wollt."

Ärzte dürften sich angesichts dieses Ratschlags die Hände über den Köpfen zusammenschlagen. Die Kombination ist bisher nicht ausreichend auf Wirksamkeit und Nebenwirkungen geprüft, warnte selbst Trumps Top-Virologe Anthony Fauci noch am Freitag. "Wir brauchen immer noch zahlreiche Studien um herauszufinden, ob die Ansätze – nicht nur dieser – tatsächlich sicher und wirksam sind", sagte er in Trumps Lieblingssendung "Fox and Friends". Die Moderatoren drängten derweil geradezu darauf, die Medikamente für sicher zu erklären. Bis es zu einem Einsatz kommt, werden laut Einschätzungen der Experten Monate vergehen. Ärzte könnten die Medikamente jetzt schon verschreiben, betont Fauci etwas genervt. Sinnvoll findet er das aber offensichtlich nicht. Dass Vorpreschen des Präsidenten beruht also sicher nicht auf Expertenmeinungen. 

Genervt von Nachfragen

Vermutlich dürfte es Trump vor allem darum gegangen sein, vom Umgang seiner Regierung mit dem Notvorrat an Beatmungsgeräten abzulenken. An einem früheren Punkt der Konferenz war er von einem CNN-Reporter gefragt worden, ob es Zeit sei, den US-Bürgern klar zu machen, dass die Geräte nicht reichen werden. Das hörte Trump gar nicht gerne.

Unter mehreren Andeutungen, was für gemeine Fragen CNN immer stelle, versuchte er die Schuld auf die Bundesstaaten abzuwälzen. "Wir haben genug Geräte, die wie eine Armee sofort dorthin können, wo sie gebraucht werden", erklärte er. Noch wüssten die Staaten aber gar nicht, wie viele Geräte sie wirklich bräuchten, wiederholte er die Ausrede seines Schwiegersohns Jared Kushners. "Und dann wird es Staaten geben, die mehr brauchen und solche, die weniger brauchen." Erst dann könne man entscheiden, wohin die Geräte gehen.

Zwischendurch gab Trump sogar zu, dass die Folgen der Krankheit noch dramatisch sein werden – und schaffte es, trotzdem Eigenlob einzubauen. "Die nächste Woche wird vermutlich die härteste werden. Es wird viele Tote geben, leider. Aber viel weniger Tote, als wenn wir nicht gehandelt hätten."

Quellen: CNN, New York Times, Fox

Von handgeschrieben bis durchgestylt: Zettel der Kreativität und Hilfsbereitschaft – gelebte Solidarität am Laternenmast

Written By: Till Bartels - Apr• 05•20

Not macht bekanntlich erfinderisch: Wer seinen Laden schließen muss oder Hilfe anbietet, gibt ein Zeichen - mit einem improvisierten Zettel. Andere basteln professionelle Schilder oder sagen einfach Mal: Danke!

Not macht bekanntlich erfinderisch: Wer seinen Laden schließen muss oder Hilfe anbietet, gibt ein Zeichen - mit einem improvisierten Zettel. Andere basteln professionelle Schilder oder sagen einfach Mal: Danke!

Coronavirus-Epizentrum: „Rührende Szenen in der Tragödie“: Das ergreifende Ritual der Pfleger und Feuerwehr in New York

Written By: Jan Christoph Wiechmann - Apr• 05•20

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann ist vor Ort während eines täglichen Rituals der New Yorker Feuerwehr: Sie fährt vor ein Krankenhaus und jubelt den Ärzten und Pflegern zu. Wohl 700 Tote pro Tag sind in der Metropole erwartet.

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann ist vor Ort während eines täglichen Rituals der New Yorker Feuerwehr: Sie fährt vor ein Krankenhaus und jubelt den Ärzten und Pflegern zu. Wohl 700 Tote pro Tag sind in der Metropole erwartet.

Coronavirus-Epizentrum: „Rührende Szenen in der Tragödie“: Das mutmachende Ritual der New Yorker Pfleger und Feuerwehr

Written By: Jan Christoph Wiechmann - Apr• 05•20

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann ist vor Ort während eines täglichen Rituals der New Yorker Feuerwehr: Sie fährt vor ein Krankenhaus und jubelt den Ärzten und Pflegern zu. Wohl 700 Tote pro Tag sind in der Metropole erwartet.

stern-Korrespondent Jan-Christoph Wiechmann ist vor Ort während eines täglichen Rituals der New Yorker Feuerwehr: Sie fährt vor ein Krankenhaus und jubelt den Ärzten und Pflegern zu. Wohl 700 Tote pro Tag sind in der Metropole erwartet.

Corona-Krise: „Er versteht die Situation nicht“: Die Brandrede eines US-Gouverneurs gegen Trumps Krisenteam

Written By: Malte Mansholt - Apr• 04•20

Die US-Bundesstaaten konkurrieren um die wenigen Beatmungsgeräte, Trumps Krisenteam unter Schwiegersohn Jared Kushner gießt Öl ins Feuer. Darauf angesprochen platzte Illinois' Gouverneur nun der Kragen.

In den USA nimmt die Corona-Krise ein immer bedrohlicheres Ausmaß an. Fast 300.000 Menschen sind mittlerweile an Covid-19 erkrankt, die Zahl steigt immer schneller. Jetzt geriet der von seinem Schwiegervater Donald Trump mit der Bekämpfung der Krise beauftragte Jared Kushner in die Kritik.

Kushner hatte sich am Freitag verärgert gezeigt, dass die Bundesstaaten die für Notreserven der Regierung zuständige Behörde SNS angefragt hatten, um notwendige Beatmungsgeräte geliefert zu bekommen. Die Staaten verlangten zuviel, sie sollten lieber erst einmal die eigenen Vorräte prüfen, erklärte Kushner. Und bekam prompt eine hochemotionale Antwort vom Gouverneur von Illinois, Jay Robert Pritzker.PAID STERN 2020_15 Die unvorbereiteten Staaten von Amerika_7.10Uhr

Pressekonferenz wird zur Brandrede

Ein sehr erschöpft wirkender Pritzker hatte sich in einer Pressekonferenz den Fragen zu seinem Krisenmanagement gestellt, hatte versucht die Bevölkerung trotz der Krise zu beruhigen und seine Entscheidungen zu erklären. Als eine Reporterin ihn nach über einer halben Stunde auf Kushners Aussage anspricht, platzt dem eben noch weitgehend gelassenen Mann der Kragen.

"Ich weiß nicht, ob das Jared Kushner bewusst ist. Aber es heißt: die Vereinigten Staaten von Amerika", platzt es geradezu aus ihm heraus. "Und die Bundesregierung soll uns Staaten mit ihren Vorräten unterstützen. Das weiß er offenbar nicht." Natürlich habe man auf Staats- und Städteebene auch Vorräte. Und würde die auch benutzen.

"Niemand hat eine Pandemie der Atemwege erwartet, die sämtliche Vorräte an Beatmungsgeräten erschöpfen würde. Oder das die Bundesregierung einfach von ihrer Rolle abtreten würde und 50 Staaten und fünf zusätzliche Gebiete miteinander und gegen die Regierung konkurrieren lassen würde, um alle Geräte zu bekommen, die gebraucht werden", gibt er sich fassungslos. "Jared Kushner scheint diese Situation nicht zu verstehen. Und er versteht auch nicht die Rolle der Bundesregierung in einem nationalen Notfall."

Beifall von Chicagos Bürgermeisterin

Als er sich frustriert abwendet, springt ihm noch die ebenfalls anwesende Bürgermeisterin von Chicago, Lori Lightfoot bei. "Ich finde, der Gouverneur hat sich gerade unglaublich zurückgehalten", betont sie. "Aber er hat zu 100 Prozent recht. Wir sollten nicht bei der Regierung betteln müssen, dass sie sich endlich der Herausforderung stellt und Verantwortung übernimmt", ärgert sie sich. "Wir bekommen gesagt, dass die Gesundheitsbehörde nur 10.000 Ventilatoren zur Verfügung hätte. Was zur Hölle hat die Trump-Regierung dann die letzten drei Jahre getan?" Pritzker steht währenddessen kräftig nickend im Hintergrund.

Die Regierung hätte ihre Planung versaut, schließt die Bürgermeisterin. "Wir warten nicht auf Sie. Wir tun, was nötig ist." Dass Kushner nun die harte Arbeit der Gouverneure angreife, die so hart für ihre Staaten arbeiten, kann sie nicht verstehen. "Das sagt eine Menge über seinen Charakter aus", schließt sie ihre Wutrede ab.

Mittlerweile hat Kushner auf die Kritik zu seiner Aussage reagiert - aber anders als man das erwarten würde. Immer wieder wiesen Kritiker darauf hin, dass selbst die Webseite der SNS die Herausgabe von Vorräten an die Staaten betont. Irgendwann schien Kushner genug davon gehabt zu haben: Der entsprechende Text auf der Webseite wurde mittlerweile geändert, wie ein Twitternutzer bemerkte. Von seinem Schwiegervater scheint Kushner ohnehin keinen Ärger erwarten zu müssen. Als eine Reporterin den Präsidenten auf den Vorgang ansprach, zeigte der sich unbeeindruckt - und erklärte ihr schlicht, dass sie sich schämen sollte.
Quelle:Illionois Channel TV, Twitter, MSNBC