Sternenfahrten: Dieter ist sterbenskrank. Sein letzter Wunsch: Noch einmal den Fischmarkt sehen

Written By: Rune Weichert - Sep• 14•19

Es ist früher Sonntagmorgen in Hamburg, die Sonne ist gerade aufgegangen. Noch ist es frisch, aber nicht so, dass man friert. Direkt an Elbe sind trotz der frühen Stunden schon Menschenmassen unterwegs, denn es ist Fischmarkt. Vor einem der Lkw, aus dem Pflanzen verkauft werden, steht ein älterer, dünner Mann mit grauen Haaren, der das bunte Treiben still verfolgt. Um ihn herum preisen Händler ihre Waren an, Touristen bummeln zwischen den Ständen und Feierwütige suchen nach einer durchzechten Nacht etwas zu essen. Aus der Fischauktionshalle schallt Rockmusik.  

Dieser Mann ist Dieter. Noch einmal den Fischmarkt in Hamburg sehen, das ist einer der letzten Wünsche des 57-Jährigen. Denn Dieter ist todkrank. Er hat Krebs, drei Tumore wuchern in seinen Körper, erzählt der wortkarge Mann. Seit ungefähr einem Jahr weiß er von seiner Krankheit. Bemerkt hat er sie, weil er "nicht mehr auf Toilette gehen konnte, weil der Krebs meinen Darm eingedrückt hat", sagt er. Dieter ist von seiner Krankheit gezeichnet,  seine schmalen Schultern hängen, er hat Male im Gesicht und auf den Händen.

Dieter wird von Melanie Meyer im Rollstuhl geschoben. Mit dabei ist Frank Lindenthal (l.)
Dieter wird von Melanie Meyer im Rollstuhl geschoben. Mit dabei ist Frank Lindenthal (r.)
© Rune Weichert

Ambulance-Service-Nord ermöglicht letzte Wünsche 

Angekommen ist Dieter im Rollstuhl. Geschoben wird er von Melanie Meyer, auch Mel genannt. Die 50-Jährige wird von Frank "Lindi" Lindenthal, 49, begleitet. Beiden machen solche Ausfahrt neben ihrem Beruf. Frank arbeitet eigentlich als Fahrer für eine Bäckerei, heute fährt er Dieter. Geld bekommt er dafür nicht, "Lindi" und Mel tun das ehrenamtlich. 

Dieter ist alleinstehend, lebt in Nienburg in einer Wohnung. Doch er hat jemanden, der ihn bei diesem Ausflug begleitet, seinen "Kumpel" Siegfried. Der 58-Jährige sagt, "einer muss ja auf ihn aufpassen". Gekommen sind die vier in einem umgebauten Krankenwagen des Ambulance-Service-Nord e.V.; "'Sternenfahrten' – wir erfüllen letzte Wünsche" steht darauf.

Auf dem Krankenwagen des ASN steht: "Sternenfahrten – wir erfüllen letzte Wünsche"
Auf dem Krankenwagen des ASN steht: "Sternenfahrten – wir erfüllen letzte Wünsche"
© Rune Weichert

Den Verein aus Niedersachsen gibt es seit 20 Jahren, er bietet seine Dienste im Raum Verden und Diepholz sowie Umgebung an. Die Mission: Sterbenden einen letzten Wünsch erfüllen und ihn dorthin bringen. Es gibt Kontakte zu Piloten, die Flüge anbieten, zu Bauunternehmern, falls einer der Fahrgäste noch mal Lust hat, mit schwerem Gerät zu baggern. Man hat spezielle Tragen angeschafft, wenn die Fahrgäste noch mal ans Meer oder ins Watt an der Nordsee oder in den Wald wollen, um sich einen Baum auszusuchen.

Mel und Lindi sind schon seit Jahren dabei, haben diverse Sternenfahrten begleitet. "Ich fühl mich sehr wohl dabei. Denn ich sag mir, ich hab eine sinnvolle Sache gemacht. Es gibt diese Dankbarkeit, das ist einfach so", sagt Frank Lindenthal. "Das zu wissen, ist schon eine richtige Motivation. Heute ist es Dieter, den die beiden begleiten. Zum Fischmarkt wollte er, weil er die Hamburger Attraktion noch nie gesehen hat. "Ich wollte einfach mal wissen, was auf dem Fischmarkt so los ist", erzählt er. Wie es sich für ihn anfühlt, jetzt hier sein zu können? "Gut, gut", antwortet er knapp, er freue sich, hier zu sein. "Ist mal wieder was, was man nicht kennt." 

Fremder fährt Pärchen 200 Meilen 9.14 UhrAuf einem der Fischmarkt-LKW wuchern üppige Palmen und Orchideen auf den Ladeflächen. Es sieht aus, wie in ein Dschungel im Kleinformat. Ein älterer Herr steht mitten in dem Grün und brüllt seine Preise in die Menschentraube, die sich vor ihm gebildet hat, die das ganze staunend und lachend verfolgt. Der Schriftzug auf dem Lastwagen verrät, dass es sich um den "holländischen Blumenkönig" handelt. Der Verkauf läuft, der Absatz ist gut.

Viele genießen die Sternenfahrten

Mel schiebt Dieter etwas näher heran. Er sieht sich um, er möchte zum Blumenkönig. Seine Begleiter helfen ihm langsam aus dem Rollstuhl hoch. Zuerst steht Dieter etwas unsicher auf dem Pflaster, geht dann aber mit wackeligen Schritten nach vorn,  an den Menschen vorbei und steht schließlich vor dem Dschungel-Lkw. Der Verkäufer über ihm brüllt weiter in die Menge, schreit die Menschen regelrecht an. Dieter schaut ein paar Minuten interessiert zu, neben ihn werden die Pflanzen, Stauden und Blumen im Minutentakt an die Männer und Frauen gebracht. Er selbst kauft nicht. Noch nicht.

Dieter (l.) schaut sich den Blumenverkaufsstand an
Dieter (l.) schaut sich den Blumenverkaufsstand an
© Rune Weichert

Es geht nicht immer zum Fischmarkt. Die Sternenfahrten führen Melanie und Frank, ihre Kollegen und die Fahrgäste, man möchte bei diesen Ausflügen nicht von Patienten sprechen, an die verschiedensten Orte zu unterschiedlichsten Anlässen. Mal ist es eine Familie, die man in den Freizeitpark fährt, mal eine alte Dame, die noch einmal den Hof sehen will, auf dem sie früher gelebt hat. Auch wenn die Schicksale der Fahrgäste traurig und bewegend sind, verlaufen die Fahrten meist fröhlich, erzählt Frank. Fast alle genießen den Tag, auch die Helfer: "Weil man genau weiß, die leben nicht mehr lange, das ist ja nun mal Fakt. Dass man den Menschen einfach noch mal etwas Gutes tun kann, erfüllt mich mit Freude. Dadurch bin ich relativ entspannt bei solchen Sachen", berichtet Melanie.

Frank Wenzlow initiierte die Sternenfahrten

Dass es die Sternenfahrten gibt, ist Frank Wenzlow, 58, zu verdanken. "Das kam eigentlich durch die Geschichte mit meiner sterbenden Frau", sagt er. Er gründete mit ehrenamtlichen Helfern den Ambulance-Service-Nord. Zu Beginn waren sie acht Leute, nun ist es ein Stamm von 26 Ehrenamtlichen. Die Sternenfahrten kamen 2015 hinzu.

Frank Wenzlow
Frank Wenzlow
© Ambulance-Service-Nord e.V.
 "Das Verfluchte war, sie war eigentlich kerngesund. Sie hat nie geraucht, selten Alkohol getrunken, ist jeden Tag Rad gefahren", erzählt Wenzlow über seine Frau. Nach einer Routineuntersuchung erhielt sie die Diagnose, dass sie einen hochaggressiven Gebärmutterhalskrebs hatte. "Dieser Krebs ist dann bekämpft worden. Das Ganze war eine zweijährige Geschichte, in der sie vier Mal operiert werden musste. Die Milz musste entfernt werden und Teile des Darms, weil dieses Mistding dermaßen gestreut hat." Nach der letzten Operation dann die traurige Nachricht: Es hatten sich inoperable Metastasen an den Blutgefäßen gebildet. "So musste sie letztendlich im Alter von 38 Jahren sterben", erzählt Wenzlow. Ein Foto von ihr an der Seite des ASN-Wagens erinnert an sie.

Ein Bild erinnert an Katrin Lisbeth Wenzlow, Frank Wenzlows verstorbene Frau
Ein Bild erinnert an Katrin Lisbeth Wenzlow, Frank Wenzlows verstorbene Frau
© Rune Weichert

"Als sie im Sterben lag, haben wir gesagt, wir wollen diesem Tod anders begegnen, weil wir auch anders gelebt haben als viele andere. Wir haben beschlossen, einen Abschiedsbrunch auf der Nordsee zu machen." Doch so einfach war das nicht, denn das Gesundheitssystem zahlt solche Ausflüge nicht. "Das hat mich damals richtig wütend gemacht", sagt Wenzlow. Und er rief die Sternenfahrten ins Leben. 

Buch-Infobox"Fast 80 Prozent der Fahrten finden gar nicht mehr statt"

"In der Rettungsmedizin lernt man das Retten auf Teufel komm raus, egal was es kostet, egal was dahintersteckt. Aber in der Palliativmedizin muss man sich darüber im Klaren sein: Das sind Menschen, die sterben, die sind austherapiert", erzählt Wenzlow. Die Fahrten würden den Sterbenden in ihren letzten Tagen nochmal schöne Gefühle geben. "Die allermeisten reagieren sehr, sehr positiv. Es ist extrem selten, dass jemand hinterher sagt 'Ach, hätte ich mir das mal geschenkt und lieber doch nicht gemacht'. Das haben wir in der ganzen Zeit bisher nur einmal erlebt." 

Medizinisch notwendig sind diese Fahrten sicherlich nicht. Sie sind viel mehr. "Es ist nicht der Rettungsdienst, bei dem man dafür sorgen muss, dass die Gesundheit zurückkommt. Wir wissen einfach, dass diese Menschen... ", so Frank Lindenthal und setzt neu an: "Sie haben nur ihre letzten Tage, ihre letzten Monate, wenn's gut geht."

Was sterbende Kinder am Leben lieben 19.35Dabei spiele es keine Rolle, ob man arm oder reich sei, man hinterfrage weder finanzielles noch Lebensläufe, sagt Wenzlow: "Der Kranke steht in Kürze vor seinem Schöpfer und hat sich da zu verantworten. Nicht vor mir. Ich glaube, es ist gerade für diese Menschen wichtig zu merken, dass es da keine Unterschiede gibt. Man bekommt einfach das, was einem zusteht." Genauso hat man bei Dieter solche Fragen nicht gestellt, der früher Wohnungslos war.

Dieter nimmt einen Schluck von seiner Limonade
Dieter nimmt einen Schluck von seiner Limonade
© Rune Weichert

Dieter friert. "Das ist die Chemo"

Dieter ist inzwischen mit den anderen drei Sternenfahrern bei einem alten Citroën-Lkw angekommen, der zu einer mobilen Kaffeebar umgebaut wurde. Hier machen sie eine kleine Pause. Mel stellt sich in die Schlange, die sich vor dem Verkaufsfenster gebildet hat. Sie holt Kaffee, Cola und Limo. Dieter steht neben dem Citroën, sitzt nicht mehr im Rollstuhl. Er steckt sich eine selbstgedrehte Zigarette an, auf die es in seiner Situation auch nicht mehr ankommt. Doch richtig fit ist Dieter nicht, er hustet und friert. "Das ist die Chemo", sagt er. Dieter wird bei sich zu Hause ambulant betreut, von Pflegedienst, Palliativmedizinern und Hospizmitarbeitern. Nach ein paar Minuten Pause geht es weiter. Wortwörtlich. Denn Dieter geht selbst. Er bewegt sich durch die Menschenströme, läuft vorbei an Ständen mit typischen Hamburg-Souvenirs. 

Dann kommt die Gruppe zu "Fisch Jahnke". Ein rundlicher Mann mit blau gestreifter Schürze steht oben auf dem Verkaufswagen und brüllt – wie so viele Händler auf dem Fischmarkt – seine Preise und Angebote mit ein paar flotten Sprüchen in die Menschentraube vor seinem Wagen. In seiner Theke liegen geräucherte Aale und weitere Fische. Dieter stellt sich direkt vor den Wagen und blickt zu ihm hoch. "Was kosten vier Aale?", möchte er wissen. "Zwanzig Euro", erwidert der Verkäufer. Nach einer kurzen Verhandlung willigt Dieter ein. Während der Fischhändler die Aale in eine Plastiktüte packt, kramt Dieter langsam sein Portemonnaie hervor, auf dem das Bayern-München-Logo zu sehen ist. Er zieht einen 50-Euro-Schein heraus und bezahlt. Der Fischverkäufer reicht ihm die Tüte – und legt dann noch einen Fisch dazu.

Dieter kauft sich Aale – und den Fisch gibt's oben drauf!
Dieter kauft sich Aale – und den Fisch gibt's oben drauf!
© Rune Weichert

Dieter trägt seine Tüte zu seinem Rollstuhl und legt sie auf den Sitz: Von nun an werden die Fische von Mel geschoben. Dieter läuft weiter, immer selbstständiger und mit festerem Schritt.

Später kommt zu den Aalen und dem Fisch noch eine Tüte Pasta hinzu. Spaghetti, Bandnudeln und weitere Sorten liegen jetzt ebenfalls auf dem Rollstuhl und werden von Melanie transportiert, die scherzhaft fragt, ob Dieter Nudeln mit Aal kochen wolle. 

Bier zum Frühstück

Es ist mittlerweile nach sieben Uhr. Dieter möchte in eine kleine Eckkneipe, etwas trinken. Von der Decke baumeln Metalllampen, an den Wänden hängen Bilder von Schiffen. Ein Mann spielt in einer Ecke auf einem Keyboard typisch hamburgische Songs: "La Paloma", "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" und "Hamburg, meine Perle". Die kleine Reisegruppe setzt sich an einen Ecktisch und bestellt: Cola für Melanie und Frank, Siegfried und Dieter finden, dass sie schon ein Bier vertragen können. Aber die beiden sind nicht die Einzigen, die zu dieser Uhrzeit Promillehaltiges zu sich nehmen. So ist das eben, früh morgens auf dem Fischmarkt.

Melanie, Siegfried, Dieter und Frank (v.l.n.r.) sitzen gemeinsam in der Kneipe und unterhalten sich
Melanie, Siegfried, Dieter und Frank (v.l.n.r.) sitzen gemeinsam in der Kneipe und unterhalten sich
© Rune Weichert


 Nach dem dritten Bier erinnert Melanie daran, dass Dieter noch eine Blume kaufen wollte. Er müssen sich beeilen, sonst sei der Stand zu. "Davon sterb ich auch nicht mehr", antwortet Dieter. Also geht es zurück zum "holländischen Blumenkönig". Dieter geht nach vorne und kauft nicht nur eine Blume. Er kauft einen ganzen Karton mit Pflanzen. Eine Blume, Stauden und Palmen - alles für sein Zuhause, um Leben in die Bude zu bringen. Hinter dem ganzen Grünzeug verschwindet Frank, der den Karton auf den Sitz des Rollstuhls wuchtet. Zu viert, mit Topfpflanzen im Rolli, gehen sie zurück zum Krankenwagen, mit dem sie hergekommen sind. "Es gibt keine typische Sternenfahrt. Jede entwickelt sich anders", erzählt Frank.

Dieter hat sich einen Karton Pflanzen gekauft. Frank trägt sie für ihn
Dieter hat sich einen Karton Pflanzen gekauft. Frank trägt sie für ihn
© Rune Weichert

Gelöst und locker, ja fröhlich wegen dieses gelungenen Ausfluges, kommen die vier am Wagen an. Frank und Melanie packen die Aale, Nudeln und Pflanzen in den Wagen. Und wie war es für Dieter? "Gut. Schön", zieht er Bilanz. Was ihm am besten gefallen hat? "Die Kneipe." Er sagt, dass er jetzt mit einem guten Gefühl nach Hause fährt und positiver nach vorne sieht: "Ich nehm das alles nicht so ernst mit meinen Tumoren." Vielleicht keine so schlechte Einstellung.

Mehr über den Ambulance-Service-Nord e.V. erfahren Sie auf ihrer Internetseite: www.asnev.net

Essen mit Nebenwirkung: Tödlicher Gemüseauflauf: Warum bittere Zucchini unbedingt in den Müll gehören

Written By: Nicole Heißmann - Sep• 13•19

Als der 79-Jährige und seine Frau mit starken Bauchschmerzen ins Krankenhaus kamen, dachten die Ärzte zunächst an einen Magen-Darm-Infekt. Der Mann aus Baden-Württemberg konnte den Ärzten noch berichten, was beide gegessen hatten: einen Auflauf mit Zucchini aus Nachbars Garten, der sehr bitter geschmeckt habe. Kurz darauf starb der Rentner, seine Frau überlebte. Wegen des widerlichen Geschmacks hatte sie weniger gegessen als ihr Mann.

Am Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart wurden im Spätsommer die Reste der Mahlzeit analysiert. Die Experten fanden darin ein fast vergessenes Gift: Cucurbitacin, das Toxin der Kürbisgewächse, zu denen Zucchini, Gurken und Melonen zählen.

Teaser Gesund lebenAuch in Schleswig- Holstein und Niedersachsen mussten in den letzten Jahren zwei Frauen mit Magen-Darm- Symptomen zum Arzt. Beide hatten Zucchini gegessen. Und ein paar Jahre zuvor war in Leipzig eine Achtjährige nach heftigem Erbrechen in die Uniklinik gekommen. Hier war die Ursache wohl eine Kürbiscremesuppe, die die Familie als "leicht bitter" beschrieb. Alle erholten sich wieder. Schwere oder gar tödliche Vergiftungen durch Kürbisgewächse sind zum Glück selten. Allerdings melden sich immer wieder Menschen bei Giftnotrufzentralen, denen es nach Genuss von Zucchini oder Kürbissen schlecht geht.

Rund 40 Cucurbitacine kennt man bisher. Sie sind starke Zellgifte und zerstören die Magenschleimhaut, was zu schweren Brechanfällen führt. Zum Glück für uns Verbraucher wurde den heute erhältlichen Gemüsen die Giftigkeit weitgehend weggezüchtet. Betrachtet man die Welt dagegen aus Sicht einer Pflanze, sind Toxine eine feine Sache: Wer Wurzeln hat, kann nicht weglaufen und muss sich chemisch gegen Insekten und sonstige Fressfeinde wehren. Fairerweise hat die Evolution dafür gesorgt, dass viele Gifte so bitter schmecken, dass Mensch und Tier darauf mit Ekel reagieren.

Die Landwirtschaft hat sich darauf eingestellt und in den letzten Jahrzehnten Zucchini, Grapefruits, Äpfel oder Salate mit immer weniger Bitterstoffen herangezogen. Vielleicht schüttet man dabei allerdings das Kind mit dem Bade aus, denn viele dieser Substanzen scheinen im Körper wichtige Funktionen zu erfüllen: Lactucopikrin aus Chicoree oder Cynarin aus Artischocken regen den Fluss von Speichel und Magensäure an und erleichtern die Verdauung von Fett. Bitterstoffe wie Saponine sind wohl für die cholesterinsenkende Wirkung von Hülsenfrüchten verantwortlich.

Vorsicht bei Gemüse aus dem eigenen Garten

Extremen Bittergeschmack sollte man aber immer als Warnung betrachten und gerade von selbst gezogenem Gemüse vor dem Kochen ein Stück probieren. Schmecken Zucchini, Gurke oder Kürbis auffällig: weg damit. Das Gift zerfällt beim Kochen nicht. Es lohnt sich, Saatgut zu kaufen statt nachzuziehen. Denn in Samen aus eigener Produktion kann sich das Erbgut wieder in giftige und ungiftige Pflanzenlinien aufspalten. Und da Kürbisgewächse gern miteinander anbandeln, raten Experten davon ab, Speisesorten neben Zierkürbisse zu pflanzen. Letztere produzieren viel Cucurbitacin, und das kreuzt sich bei der Bestäubung ins Gemüse ein.

Im Garten sollte man Kürbisgewächse gut wässern, denn bei Stress durch Trockenheit bilden sie mehr Gift. Das könnte dem Rentner aus Baden- Württemberg zum Verhängnis geworden sein – der Sommer 2015 war warm und sonnig.

Ärzte-Appell im stern: Fünf wichtige Fragen und Antworten: Das müssen Sie über das Fallpauschalen-System wissen

Written By: Bernhard Albrecht - Sep• 13•19

Was ist das Fallpauschalen-System?

Im Fallpauschalen-System werden Diagnosen in "Fallgruppen" gruppiert und pauschal vergütet – nach der Faustregel: Je höher der Aufwand, desto mehr Geld. Der Fallpauschalen-Katalog umfasst mehr als 1200 solche Fallgruppen. Neben der "Hauptdiagnose" fließen in die Berechnung der Vergütung Faktoren wie Begleiterkrankungen oder demographische Daten ein, außerdem die "Prozeduren" – alle medizinischen Eingriffe von der Spritze über eine Magenspiegelung bis hin zu Operationen. In Deutschland gebräuchlich ist auch die englische Bezeichnung für Fallpauschalen: "DRGs" (Diagnosis Related Groups).

Woher kommt das Fallpauschalen-System?

Australien lieferte das Vorbild für das Fallpauschalen-System. Allerdings wird es dort anders angewendet. Zwar ist in Australien gesetzlich vorgeschrieben, für alle Krankenhauspatienten bei Entlassung eine Diagnose zu kodieren. Doch läuft nur ein Teil der Finanzierung über Fallpauschalen, daneben erhält jedes Krankenhaus ein festes Budget.

Wann und warum wurde es eingeführt?

Liste der Unterzeichner (Einzelpersonen)_15.08In den 90er Jahren fürchteten Politiker und Krankenkassen eine "Kostenexplosion" im Gesundheitswesen. Krankenhäuser betrieben Misswirtschaft auf Kosten der Versicherten. Sie erhielten Festbeträge für jeden Tag, den die Patienten dort verbrachten, egal wie schwer sie erkrankt waren. Man behielt sie gerne länger da als nötig, besonders übers Wochende. Das deutsche Fallpauschalen-System ("G-DRG"), eingeführt im Jahr 2003, sollte Patienten davor schützen: Eine "Hauptdiagnose", eine Bezahlung per Fallpauschale – das sollte für Transparenz sorgen, die Kassenbeiträge stabil halten, vor allem aber die Krankenhäuser in einen Wettbewerb gegeneinander zwingen.

Was kritisieren Ärztinnen und Ärzte am Fallpauschalen-System?

Gefährlich wird das Fallpauschalen-System erst in der Kombination mit dem hohen ökonomischen Druck, der heute an vielen deutschen Kliniken herrscht. Die Krankenhäuser sollen möglichst schwarze Nullen oder gar Profite erwirtschaften, und das Fallpauschalen-System bietet viele Fehlanreize dafür. Denn Patienten rechnen sich – egal wie krank sie sind - vor allem, wenn an ihnen viele "Prozeduren" durchgeführt werden können. Und je mehr "Fälle" ein Krankenhaus im gleichen Zeitraum durchschleust, desto höhere Erlöse erzielt es. Belohnt wird also Aktionismus. Das oft richtige Abwarten und Nachdenken über die beste Therapie ist nach dieser Logik verlorene Zeit. Die Folgen schlagen sich in Statistiken nieder: So steigt in Deutschland die Zahl der Krankenbehandlungen stetig an, eine europaweit einzigartige Entwicklung. Und so kommt es, dass hierzulande zwar mehr Ärzte arbeiten als in den meisten vergleichbaren Ländern, trotzdem aber haben sie pro "Fall" am wenigsten Zeit. Viele Ärztinnen und Ärzte klagen darüber, dass ihnen in der effizienzgetriebenen Krankenhausmedizin keine Zeit mehr für Patientengespräche bleibt. Sie kämpfen außerdem mit einem nach Schätzungen auf das drei- bis fünffache gestiegenen Verwaltungsaufwand. Denn jede noch so kleinste Prozedur muss dokumentiert werden. Ohne Dokumentation kein Geld.

Was wäre eine Lösung? Was müsste sich ändern?

Zunächst einmal ist jeder Krankenhausarzt aufgefordert, sich wirtschaftlichen Zwängen zu widersetzen, wenn diese das Patientenwohl verletzen. So fordert es der Ärzte-Codex "Medizin vor Ökonomie", der auf Betreiben der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) entstand und hinter dem sich mehr als 30 Fachorganisationen scharen. Eine andere Möglichkeit wäre, dass Kliniken unabhängig von den Fallpauschalen Sockelbeträge für all das bekommen, was bisher schlecht im Abrechnungssystem abgebildet ist. Profitieren würden große Krankenhäuser, wenn sie viele schwere, schlecht honorierte Fälle und Patienten mit seltenen Erkrankungen versorgen, aber auch das kleine Kreiskrankenhaus, das für eine unterversorgte Region überlebenswichtig ist. Erbittert gestritten wird derzeit über die Frage, ob einfach nur Krankenhäuser geschlossen und andere dafür besser mit Personal und Technik ausgestattet werden müssten. Knapp 2000 Kliniken gibt es in Deutschland – pro Einwohner mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Etwa 800 bis 1000 seien überflüssig, so die Schätzungen. Doch eine solche Strategie erfordert einen langen Atem – und Bereitschaft zu Investitionen. Als Vorbild gilt Dänemark: Dort entwickelte man in den frühen 2000er Jahren einen Masterplan, neue Kliniken wurden gebaut, wo vorher keine waren, der Rettungsdienst wurde neu aufgestellt, die Erstversorgung anders organisiert. Ergebnis: Heute reichen den Dänen 25 große Krankenhäuser. In Deutschland gibt es keinen derartigen Plan, die Krankenhauslandschaft ist über Jahrzehnte wild gewachsen. Und was würde passieren, wenn Politiker jetzt dem lauten Ruf nach Krankenhausschließungen folgen würden, ohne sich zugleich um die Fehlanreize zu kümmern? Es gäbe sie dann weiter, nur mit weniger Kliniken. Das wäre fatal.

„Manche Leute haben etwas getan“: 9/11-Opfer prangert Demokratin Ilhan Omar bei Gedenkzeremonie an – was steckt dahinter?

Written By: Steven Montero - Sep• 12•19

Nicholas Haros Jr., der seine Mutter bei den Anschlägen vom 11. September verlor, kritisiert die Wortwahl der Kongressabgeordnete Ilhan Omar. Dabei bezieht er sich auf eine Rede der Muslima im März 2019 bei einer Versammlung der "Council on American-Islamic Relations".

Angriffe auf US-Forschung: Nicht nur eine leidige Hurrikan-Debatte: Wie die US-Wissenschaft unter Trump leidet – und sich wehrt

Written By: Dieter Hoß - Sep• 12•19

Es sind dunkle Tage für die NOAA. Die hoch angesehene Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA sieht sich derzeit einem hohen Druck ausgesetzt, das zu tun, was ihrem Sinn und Zweck zutiefst widerspricht: die Unwahrheit über das Wetter zu sagen. Genötigt wurde die NOAA durch das Weiße Haus. US-Präsident Donald Trump hat sich in die Ansicht verbissen, dass Hurrikan "Dorian" drauf und dran war, den Bundesstaat Alabama zu gefährden, wozu es nachweislich nicht kam. Seit geraumer Zeit hält die Debatte an, führte dazu, dass Trump mit einem Textmarker eine Wetterkarte verfälschen ließ und Top-Beamte der Regierung schließlich Druck auf die NOAA ausübten: Auf keinen Fall dürfe die Behörde dem Präsidenten widersprechen. Inzwischen haben die Demokraten eine Untersuchung der Einflussnahme auf die Wetterbehörde gefordert.Die endlose Geschichte um Trumps Alabama-Warnung 2010

Zu Zeiten früherer US-Präsidenten - und zwar sowohl aus dem demokratischen wie dem republikanischen Lager - wäre das Ganze, wenn überhaupt, Sache eines Halbsatzes gewesen. Schließlich gibt es bei tropischen Wirbelstürmen, die sich nördlich von Südamerika im Atlantik bilden, häufig die Möglichkeit, dass sie eine Route in den Golf von Mexiko nehmen - und dann auch ein Thema für Alabama werden. "Dorian" aber nahm den Weg entlang der US-Ostküste nach Norden in kältere Gefilde.

Die Menschen in den Hurrikan-Zonen sind auf verlässliche Daten und Vorhersagen angewiesen, um sich wappnen zu können und die Schäden so gering wie möglich zu halten. Ebenso ist es wichtig, nicht unnötig Panik zu erzeugen. Doch neben der wissenschaftlichen Reputation hat Donald Trump mit seiner "Dorian"-Alabama-Manie auch den Ruf der NOAA als verlässliche Vorhersage-Institution ramponiert - allem Anschein nach nur, um Recht zu behalten und einmal mehr den Medien angebliche "Fake News" vorwerfen zu können.

NOAA-Grafik - Route von Hurrikan Dorian
die tatsächliche Route von Hurrikan "Dorian"
© NOAA

"Eindeutiger Machtmissbrauch" durch Donald Trump

"Es handelt sich um einen eindeutigen Machtmissbrauch, bei dem Wissenschaftler angewiesen werden, ihre Kommunikation mit der Öffentlichkeit auf die Launen des Präsidenten und nicht auf Beweise zu stützen", macht Jacob Carter in einer Kolumne für die Polit-Webseite "The Hill" deutlich, dass die Hurrikan-Posse in Wahrheit ein ernster Vorfall ist - und zudem nur die Spitze des Eisbergs. Carter ist Forscher beim Zentrum für Wissenschaft und Demokratie bei der Vereinigung besorgter US-Wissenschaftler (UCSUSA). Die Organisation, die Verstöße der US-Regierung gegen die wissenschaftliche Integrität dokumentiert, macht keinen Hehl daraus, dass es noch mit jeder Regierung im Weißen Haus Probleme gegeben hat - auch unter Trumps Vorgängern George W. Bush und Barack Obama. Doch so schlimm wie zur Zeit sei es noch nie gewesen.

Carter hält den "Missbrauch der Wissenschaft" unter Trump für "beispiellos". "Jeder kann sehen, wie lächerlich es ist, wenn die Kritzeleien des Präsidenten auf einer Wetterkarte mit einem Filzstift zur offiziellen Position der Regierung werden", schreibt er, um gleich darauf zu betonen: "aber die gleiche Dynamik wirkt sich auf subtilere Weise auf Bundesbehörden aus, die direkt aus dem Weißen Haus oder von Beauftragten Weisungen erhalten." Seit Beginn der Präsidentschaft Donald Trumps hat die Vereinigung besorgter Wissenschaftler nach eigenen Angaben 120 Übergriffe auf die Wissenschaft dokumentiert - das sei mehr als unter jeder anderen Regierung.Trump Klimawandel freie Wissenschaft 1838

Daten verschwunden, Forscher zum Schweigen gebracht

Wirklich überraschen kann das nicht. Donald Trump hat es mit der Wahrheit seit jeher nicht so genau genommen und prägte von Anfang an den Begriff "alternative Fakten". Unvergessen, wie die Sprecher des neuen Präsidenten die Amtseinführung des heute 73-Jährigen im Januar 2017 als bestbesuchte Amtseinführung aller Zeiten verkaufen wollten und die Fotos, die das Gegenteil belegten, manipulieren ließen. Als eine der ersten Maßnahmen der Trump-Regierung wurde die Umweltbehörde EPA praktisch mundtot gemacht, indem verfügt wurde, dass jede Veröffentlichung zunächst "politischem Personal" vorzulegen sei. Die Befürchtungen, die mit dieser Maßnahme verbunden waren, haben sich längst bestätigt: Trump will vom Klimawandel nichts wissen; auf keinen Fall sollen Umweltfragen die Wirtschaft belasten oder ausbremsen.

Laut Carter und der UCSUSA verschwinden Forschungsdaten, werden unliebsame Wissenschaftler zum Schweigen gebracht und die wissenschaftliche Integrität namhafter Einrichtungen untergraben - die NOAA ist da nur ein Beispiel. Darüber hinaus schadeten Maßnahmen wie der Muslim-Bann der Personalfindung; es habe sich ein Arbeitsklima der Verunsicherung breit gemacht. "Was tun Sie, wenn Sie eine Anordnung erhalten, ihrem Chef nicht zu widersprechen, und Ihnen mit Kündigung gedroht wird?", fragt Jacob Carter. "Sprechen Sie es aus, dass Ihr Chef falsch liegt, und zwar falsch in einer Art und Weise, die schwerwiegende Folgen für das Leben anderer Menschen haben kann." Oder denke man eher daran, weiterhin die Familie zu versorgen und den eigenen Job nicht zu riskieren?

NOAA-Ehemalige springen für Kollegen in die Bresche

Die Wissenschaftler in den USA versuchen sich gegen die Trump-Regierung auf ihre Weise zu wehren: Sie sammeln und dokumentieren Wissen über die Übergriffe aus der Politik. Und sie erheben Einspruch gegen die Attacken. Bezeichnend dabei: Der Protest gegen die Verfälschung der Hurrikan-Route wird von Ehemaligen der Behörde getragen: "Als ehemalige NOAA-Führer fordern wir eine umfassende Untersuchung aller potenzieller Verstöße gegen die Grundsätze der wissenschaftlichen Integrität der NOAA im Zusammenhang mit der Kommunikation rund um den Hurrikan 'Dorian'. Die jüngsten Maßnahmen, NWS-Wissenschaftler zu zensieren, was die öffentliche Sicherheit gefährdet, stehen im Widerspruch zu den wissenschaftlichen Prinzipien der NOAA, verletzen das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Unabhängigkeit und Zuverlässigkeit des Nationalen Wetterdienstes (NWS)." Worte und Forderungen, die sich aktuelle Bedienstete der NOAA offensichtlich nicht mehr zu äußern wagen.

Quellen: Union of Concerned Scientists, "The Hill", "NOAA National Hurricane Center"

Alabama: Die unendliche (und vielleicht skandalöse) Geschichte um Trumps Hurrikan-Warnung

Written By: Niels Kruse - Sep• 10•19

Aus einer verunfallten Hurrikan-Prognose, die gefolgt wurde von einer skurrilen Wetterkarte, könnte sich ein Politikum, vielleicht sogar ein handfester Skandal entwickeln. Neuester Stand dieser bizarren wie mittlerweile unübersichtlichen Posse: US-Handelsminister Wilbur Ross, in seiner Funktion auch Chef der "Nationalen Ozean und Atmosphären-Behörde" (NOAA) also des wichtigsten Wetterinstituts des Landes, soll Wissenschaftlern mit Entlassung gedroht haben, wenn sie nicht ihren Widerspruch gegen eine halbwahre Sturmwarnung des US-Präsidenten zurückziehen sollten. Das schreibt die "New York Times".

Sollte sich der Bericht bestätigen, wäre das ein ungeheuerlicher Vorgang. Um das ganze Ausmaß zu verstehen, die Geschichte von vorne:

Ende August warnte das US-Hurrikan-Warnzentrum NHC vor dem Wirbelsturm "Dorian", der zu dem Zeitpunkt Kurs auf die Südostküste der USA genommen hatte. Die genaue Richtung war noch unklar, aber Florida würde auf dem Weg legen, wie Donald Trump mitteilte. "Es sieht jetzt so aus, dass er nach South Carolina und North Carolina ziehen wird. Georgia und Alabama werden auch betroffen sein", schrieb er auf Twitter.

Damit begann die ganze Angelegenheit, denn die gefährdeten Gebiete begannen den Notstand auszurufen. Außer Alabama.

Hurrikan-Experten vs. Donald Trump

Denn keine Stunde nach Trumps Tweet korrigierte ihn das NHC: Alabama werde nicht betroffen sein, kein Grund zur Sorge. Später wurde bekannt, dass der Bundesstaat harmlose Ausläufer von "Dorian" zu spüren bekommen könnte. Eventuell, die Chance lag bei fünf Prozent. Ungeachtet dieses Hinweises beharrte der US-Präsident darauf, dass der Hurrikan auch Alabama treffen könne und twitterte, die Bewohner sollten auf sich aufpassen.

Wie so oft bei dieser Art von Trumpscher Rechthaberei begannen Medien und Social-Media-Nutzer, den Präsidenten zu verspotten – doch anstatt die Sache der Vergessenheit anheim zugeben, legte der Gescholtene nach.

Sharpie Gate soll untersucht werden 1855Auf Twitter und vor Journalisten dann bezeichnete er die Berichte über seine angebliche Falschaussage als künstlich aufgeregt und unwahr. Bei einem Hurrikan-Briefing in seinem Büro im Weißen Haus präsentierte er am Mittwoch eine offizielle Karte des Hurrikan-Verlaufs - irgendjemand hatte offenbar mit einem schwarzen Filzstift das Gebiet der möglichen Sturm-Ausbreitung vergrößert, damit auch noch Alabama berührt wurde.

Weil danach Gerüchte die Runde machten, Trump habe die Karte selbst ausgebessert, fragten Reporter noch einmal nach, wie es zu der veränderten Karte gekommen sei. "Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Ich weiß nicht", sagte der Präsident und blieb bei seiner Aussage: Eine frühe Hurrikan-Prognose hätte mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit gezeigt, dass Alabama auch betroffen sein würde. So sei es dann aber nicht gekommen, räumte Trump ein. "Alabama hätte schwer getroffen werden sollen", behauptete er.

Als wenn dieses Schauspiel nicht schon würdelos genug gewesen wäre, nahm es danach noch weitere Wendungen: Um zu beweisen, dass er Recht gehabt habe, lud Trump einen Reporter des ihm wohlgesinnten TV-Senders "Fox News" ein. Der hatte danach in einer Mail an seine Redaktion geschrieben, der Präsident wollte nur anerkannt haben, "dass er nicht falsch lag, als er sagte, dass Alabama zu einem bestimmten Zeitpunkt bedroht gewesen sei - selbst als sich die Situation bis zu dem Zeitpunkt, als er den Tweet veröffentlichte, geändert hatte". Daneben soll sich das Staatsoberhaupt auch bei dem Journalisten über die kritische Alabama-Prognosen-Berichterstattung bei "Fox News" beschwert haben.

Hat die NOAA ihren Leuten einen Maulkorb verpasst?

Doch auch damit nicht genug. Einige Tage später berichtete die "Washington Post", dass bei der obersten Wetterbehörde NOAA am 1. September eine Direktive kursiert sei, die den Mitarbeitern - vereinfacht gesagt – nahegelegt haben soll, dem Präsidenten nicht öffentlich zu widersprechen. Ein anonymer Wissenschaftler sagte dem Blatt: "Es ist das erste Mal, dass ich Druck von oben gespürt habe, die echten Vorhersagen zu verschweigen."

Donald Trump Dorian Alabama Fox_13.50UhrWie es zu dieser angeblichen Ansage kommen konnte, will nun der amtierende Chef-Forscher der NOAA untersuchen. In einer E-Mail verteidigte er die ursprüngliche Vorhersage (die Alabama nicht in Gefahr sah) und verurteilte den "nicht korrekten Widerspruch" als "politische" Reaktion. "Nach meinem Verständnis ist das eine Einmischung, die nicht auf Wissenschaft beruht, sondern auf externen Faktoren, inklusive Ruf und Auftreten, vereinfacht gesagt: die politisch sind.

Und nun also der Bericht über mutmaßliche Kündigungsdrohungen durch Wilbury Ross, dem De-facto-Chef der Wetterbehörde. Konkret: Der "New York Times" zufolge soll Ross am Montag NOAA-Chef Neil Jacobs aufgefordert haben, sich um den Widerspruch des Wetterservice "zu kümmern", was der aber abgelehnt habe. Daraufhin soll Ross mit dem Rauswurf wichtiger Mitarbeiter gedroht haben - darunter auch von Beschäftigten der Unterabteilung vom Nationalen Wetterservice in Birmingham, die die Vorhersage erstellt und letztlich Donald Trump widersprochen hatten. Ein Sprecher von Ross' Handelsministerium wies die Darstellung der "New York Times" zurück.

Ob die Angelegenheit damit nun wirklich erledigt ist?

Quellen: "New York Times", "Vanity Fair", CNN, DPA, AFP, "Washington Post", Donald Trump auf Twitter

Wetterau-Gemeinde Altenstadt: „Unfassbar und untragbar“: SPD, CDU und FDP wollen NPD-Ortsvorsteher wieder abwählen

Written By: Florian Schillat - Sep• 09•19

Altenstadt ist eine kleine Gemeinde in Hessen mit rund 12.000 Einwohnern – und bundesweit in die Schlagzeilen geraten. In der Wetterau-Gemeinde wurde mit Stefan Jagsch ein NPD-Politiker zum Ortsvorsteher gewählt (der stern berichtete). Die Wahl erfolgte einstimmig. Auch Stimmen von SPD, CDU und FDP machten die Personalie möglich.

Der Fall hat für scharfe Kritik gesorgt, auch aus den Bundesparteien. SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil nannte die Wahl "unfassbar und absolut nicht akzeptabel", sie müsse "rückgängig gemacht werden". CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak sei "schockiert" und forderte, dass "diese Entscheidung korrigiert wird". FDP-Generalsekretärin Linda Teureberg nannte die Wahl "unfassbar und untragbar", wies aber auch wie der Kreisverband Wetterau in einer Stellungnahme darauf hin, dass "die beiden bisher über die FDP-Liste gewählten Ortsbeiräte nicht Mitglieder der FDP" seien.

Wie der stern erfuhr, ebnen SPD, CDU und die FDP-Ortsbeiräte nun den Weg für die Abwahl von NPD-Ortsvorsteher Jagsch. Die Kreisverbände haben sich auf einen entsprechenden Antrag geeinigt.

CDU und SPD wollen NPD-Politiker abwählen

"Sieben Mitglieder des Ortsbeirats haben einen Abwahlantrag unterzeichnet", sagt Lucia Puttrich, Kreisvorsitzende der CDU Wetterau, dem stern. Ein achter Unterzeichnet fehle noch, habe aber Bereitschaft signalisiert. Der Ortsbeirat hat neun Sitze, acht davon entfallen auf CDU, SPD und die FDP. Bei der Wahl von Jagsch waren sieben Vertreter anwesend.

Der Vorsitzende des Ortsbeirats in Hessen kann nach offiziellen Angaben des Landesinnenministeriums mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit der Gremiumsmitglieder abberufen werden. Das sehe die Hessische Gemeindeordnung vor. Da sich der Ortsbeirat der Wetterau-Gemeinde in Altenstadt aus neun Mitgliedern zusammensetzt, werden für einen entsprechenden Antrag sechs Stimmen benötigt (bei der Wahl von Jagsch waren sieben Vertreter anwesend). Sowohl SPD als auch CDU stellen jeweils drei Ortsbeiratsmitglieder. Gemeinsam kommen die Parteien damit auf die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit. Der Vorsitzende des Ortsbeirats wäre verpflichtet, die Abberufung auf die Tagesordnung der nächsten Sitzung zu setzen.

"Für uns hat es oberste Priorität, dass Stefan Jagsch als NPD-Ortsvorsteher schnellstmöglich wieder abgewählt wird", bekräftigte Lisa Gnadl gegenüber dem stern. Gnadl ist die Vorsitzende der SPD Wetterau und Mitglied des Wetterauer Kreistages. "Wir bereiten die Abwahl unter Hochdruck vor. Ein Abwahlantrag gegen Herrn Jagsch soll nach unserer Vorstellung noch diese Woche eingereicht werden, möglicherweise bereits am heutigen Tag. "Die drei Ortsbeiratsmitglieder der SPD werden einen Abwahlantrag gegen NPD-Ortsvorsteher Stefan Jagsch unterstützen", hielt Gnadl im stern fest.

Personelle Konsequenzen weiter offen

Über mögliche personelle Konsequenzen werde man bei der SPD Wetterau später beraten. "Die Ortsbeiratsmitglieder der SPD haben angeboten, ihre Mandate niederzulegen.", so Gnadl. "Aber wir müssen jetzt alles dafür tun, damit der NPD-Funktionär nicht weiter diesen Ort repräsentiert. Dafür brauchen wir alle drei Stimmen der SPD im Ortsbeirat.“   

Auch in der CDU haben mögliche personelle Konsequenzen zunächst keine Priorität. "Die Mitglieder des Ortsbeirats der CDU haben ihre Fehler erkannt und wollen diese korrigieren. Natürlich werden wir zu einem späteren Zeitpunkt darüber beraten, wie das passieren konnte und wie wir damit umgehen", so Puttrich zum stern.

Jo Johnson: Er ist der kleine Bruder von Boris Johnson – und macht große Probleme

Written By: Steven Montero - Sep• 06•19

Der britische Premierminister Boris Johnson bekommt sogar aus der eigenen Familie Kontra für seinen harten Brexit-Kurs. Sein jüngerer Bruder Jo Johnson geht auf Distanz zu Boris. Wer ist dieser Spross aus dem Johnson-Clan.

Landtagswahlen: Wahllokale in Sachsen und Brandenburg haben geöffnet – Kretschmer hat schon gewählt

Written By: Moritz Dickentmann - Sep• 01•19

Nach jüngsten Umfragen kündigen sich bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg knappe Entscheidungen an. In Sachsen liegt dem neuesten ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen zufolge die CDU von Ministerpräsident Michael Kretschmer vor der AfD - ob die bisherige schwarz-rote Landesregierung ihre Arbeit aber fortsetzen kann, ist fraglich. In Brandenburg, wo bisher die SPD mit der Linken regiert, liegen Erhebungen zufolge gleich fünf Parteien recht dicht beieinander. An der Spitze liefern sich laut Politbarometer die Sozialdemokraten von Regierungschef Dietmar Woidke ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der AfD.

Landtagswahlen: Wahllokale in Sachsen und Brandenburg haben geöffnet – Kretschmer hat schon gewählt

Written By: Moritz Dickentmann - Sep• 01•19

Nach jüngsten Umfragen kündigen sich bei den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg knappe Entscheidungen an. In Sachsen liegt dem neuesten ZDF-Politbarometer der Forschungsgruppe Wahlen zufolge die CDU von Ministerpräsident Michael Kretschmer vor der AfD - ob die bisherige schwarz-rote Landesregierung ihre Arbeit aber fortsetzen kann, ist fraglich. In Brandenburg, wo bisher die SPD mit der Linken regiert, liegen Erhebungen zufolge gleich fünf Parteien recht dicht beieinander. An der Spitze liefern sich laut Politbarometer die Sozialdemokraten von Regierungschef Dietmar Woidke ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der AfD.